{"id":978,"date":"2020-12-18T15:11:14","date_gmt":"2020-12-18T15:11:14","guid":{"rendered":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/?page_id=978"},"modified":"2020-12-18T15:23:38","modified_gmt":"2020-12-18T15:23:38","slug":"das-streiflicht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/lesenwertes\/das-streiflicht","title":{"rendered":"Das Streiflicht"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Das Streiflicht<\/h1>\n\n\n\n<p>Streiflichter aus der langen Geschichte des WG, zusammengetragen aus Archiven, Zeitschriften, Dokumenten usw.; absichtlich nicht immer chronologisch; &#8211; dazwischen gelegentlich auch andere Texte, die mit uns und unserem Anliegen zusammenh\u00e4ngen.<br>&nbsp;<br>neu (April 2005): Unsere Festschrift von 1981: 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium.<br><a href=\"#einladung\">Einladung zur Subskription f\u00fcr die Neuauflage.<\/a><br>&nbsp;<br>&nbsp;<br>bisher:<br>Nr. 1: <a href=\"#1\">Der betende Knabe.<\/a><br>Nr. 2: <a href=\"#2\">Noch einmal: Der betende Knabe.<\/a><br>Nr. 3: <a href=\"#3\">Ansprache bei der Enth\u00fcllung des betenden Knaben, 1906.<\/a><br>Nr. 4: <a href=\"#4\">Das Jubil\u00e4um 1906.<\/a><br>Nr. 5: <a href=\"#5\">Der Festkommers 1906.<\/a><br>Nr. 6: <a href=\"#6\">Aus der S\u00fcddeutschen Zeitung: Winston Churchill und die Kopfnu\u00df. Von Gustav Seibt.<\/a><br>Nr. 7: <a href=\"#7\">Von den Anf\u00e4ngen: November 1879.<\/a><br>Nr. 8: <a href=\"#8\">Der Name &#8222;Wilhelm-Gymnasium&#8220;; &#8211; oder doch lieber &#8222;Lessing-Gymnasium&#8220;?<\/a><br>Nr. 9: <a href=\"#9\">Abschiedsrede Gabriele Kr\u00fcger, 2. Juli 2003.<\/a><br>Nr. 10: <a href=\"#10\">Abituransprache Gabriele Kr\u00fcger, Juni 1999.<\/a><br>Nr. 11: <a href=\"#11\">James Franck (Abit. WG 1902), Nobelpreis Physik 1925<\/a><br>Nr. 12: <a href=\"#12\">Friedrich-Wilhelm Zinke: Ansprache an die Abiturienten, 12. M\u00e4rz 1954<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"einladung\"><br><br>Einladung zur Subskription f\u00fcr die Neuauflage unserer Festschrift von 1981. &#8211; Den Text erhielten wir von einem Sch\u00fclervater:<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Festschrift von 1981: Zum 100-j\u00e4hrigen Bestehen des WG<br>&nbsp;<br>Aus Anla\u00df des hundertj\u00e4hrigen Bestehens der Schule wurde 1981 im Auftrage der Schulkonferenz, des Schulvereins und der Vereinigung der Ehemaligen eine umfangreiche Dokumentation zur Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums herausgegeben. &#8211; Zusammengestellt, redigiert und herausgegeben wurde dieses 320 Seiten umfassende Buch von Peter-Rudolf Schulz (Lehrer am Wilhelm-Gymnasium bis Juli 2000, &#8211; und noch heute f\u00fcr das Archiv, die &#8222;Ehemaligen&#8220; und die B\u00fcchereiverwaltung der Schule t\u00e4tig). &#8211; Bereits an dieser Stelle soll gesagt sein: Dieses Buch ist nicht nur ein wundervoll zusammengestellter Schatz kenntnisreicher und einf\u00fchlsamer Berichte \u00fcber vergangene Zeiten, sondern es erhellt vielerlei Zusammenh\u00e4nge, &#8211; auch des heutigen Schulbetriebes.<br>&nbsp;<br>Schon wenn der Leser das Buch in H\u00e4nden h\u00e4lt, lenkt die Abbildung einer handschriftlichen &#8222;Eingabe&#8220; auf dem Umschlag den Betrachter auf die Geschichte der Namensgebung. &#8211; Denn noch vor der feierlichen Er\u00f6ffnung der Schule reichten sieben Hamburger B\u00fcrger, unter ihnen der Kaufmann Richard M\u00f6hring, an den B\u00fcrgermeister Kirchenpauer, damals zugleich Pr\u00e4ses der Oberschulbeh\u00f6rde, den Antrag ein, das bislang provisorisch als &#8222;Neue Gelehrtenschule&#8220; bezeichnete Gymnasium doch bitte &#8222;Lessing-Gymnasium&#8220; zu nennen. &#8211; Warum es dazu in der Folge nicht gekommen ist und weshalb die Oberschulbeh\u00f6rde sich f\u00fcr &#8222;Wilhelm-Gymnasium&#8220; entschied, ist von Renate Hauschild-Thiessen eigens f\u00fcr dieses Buch recherchiert und dort wunderbar dargestellt.<br>&nbsp;<br>Umfangreich wird die Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums von der Kaiserzeit \u00fcber die Weimarer Zeit bis in die 70er Jahre ausgebreitet. Zahlreiche Bilder und Dokumente beschreiben unter anderem den Bau des gro\u00dfen Schulgeb\u00e4udes an der Ecke Moorweidenstra\u00dfe\/Grindelallee (in dem heute, seit 1945, die Staatsbibliothek ihr Zuhause gefunden hat). &#8211; Klassen- und Kollegiumsbilder spiegeln die damalige Zeit wider. &#8211; Schilderungsreich und lebendig sind die zahllosen Beitr\u00e4ge und Erinnerungsberichte ehemaliger Sch\u00fcler und Lehrer.<br>&nbsp;<br>Da wird z.B. &#8222;Praktische P\u00e4dagogik um 1895&#8220; erl\u00e4utert, es wird \u00fcber die &#8222;Sch\u00fclerverbindung Ingaevonia&#8220; berichtet &#8211; und erz\u00e4hlt,<br>wie es einem als (einem von zwei) M\u00e4dchen auf dem WG um 1915 erging. &#8211; Stundentafeln werden ausgebreitet, aus denen sich z.B. das w\u00f6chentliche (!) &#8222;Extemporale&#8220; zur Tempus- und Moduslehre des Lateinunterrichts in der Obertertia entnehmen l\u00e4\u00dft. &#8211; Der Leser erf\u00e4hrt auch etwas \u00fcber das gerundivum inversum in der Inschrift zum Betenden Knaben, der anl\u00e4\u00dflich der 25-Jahr-Feier &#8211; ad quinque lustra celebranda &#8211; von ehemaligen Sch\u00fclern \u00fcberreicht wurde. &#8211; Diese Kopie des Betenden Knaben stand fr\u00fcher im Lichthof des alten Geb\u00e4udes und steht heute in der Pausenhalle am Klosterstieg. &#8211; Das bedeutende Original aus der Schule des Lysipp (330 v. Chr.), welches einst aus Rhodos \u00fcber Venedig zu Foucquet, dem Finanzminister Ludwigs XIV., dann \u00fcber Prinz Eugen zu Friedrich dem Gro\u00dfen und nach Sanssouci gelangte, steht \u00fcbrigens heute in der Rotunde des wiederer\u00f6ffneten &#8222;Alten Museums&#8220; auf der Museumsinsel in Berlin.<br>&nbsp;<br>Der von Sch\u00fclern und Eltern geliebte und verehrte Mathematiklehrer Richard Uetzmann berichtet \u00fcber den zum Teil qualvollen Unterricht in den &#8222;Tertien&#8220; (8. Klassen) um 1910, da zwei &#8222;Philologen&#8220;, die dort unterrichteten, &#8222;in ganz Hamburg gef\u00fcrchtet&#8220; gewesen seien, &#8211; aber auch: wie Lehrer in den Ferien zu Studienzwecken, mit Stipendien ausgestattet, nach Griechenland,<br>Kleinasien und \u00c4gypten reisen konnten. &#8211; Aus der Weimarer Zeit berichtet Axel von Ambesser \u00fcber eben diesen seinen Klassenlehrer Uetzmann, der bei der Einweihung der Heldengedenktafel nach dem ersten Weltkrieg dazu aufrief, dass es nie wieder Krieg geben d\u00fcrfe. Emp\u00f6rung habe sich bei einigen Zuh\u00f6rern ausgebreitet, aber dennoch habe niemand gewagt, ihm offen zu widersprechen. &#8211; Geradezu popul\u00e4r in Hamburg soll Uetzmanns Formulierung gewesen sein: &#8222;P\u00e4dagogik ist die Kunst, jemandem gegen seinen Willen etwas beizubringen&#8220;.<br>&nbsp;<br>Manch anderes Interessante ist zu erfahren: Da die Schulbeh\u00f6rde kein Geld bewilligte, wurden f\u00fcr den Unterricht erste Werkst\u00e4tten<br>(samt einer Schmiede !) aus Spendengeldern der Elternschaft eingerichtet. &#8211; Dann wurden im Jahre 1920 die ersten Schritte in eine demokratische Selbstverwaltung unternommen: Die Sonderstellung des &#8222;Klassenprimus&#8220; fiel weg, und statt dessen wurde eine Klassenvertretung und der Sch\u00fclerrat gew\u00e4hlt; auch wurden Eltern- und Lehrerrat eingef\u00fchrt. &#8211; Und: Ende der zwanziger Jahre war das allj\u00e4hrliche Sommerfest zumeist mit einem Dampferausflug nach &#8222;Finkenw\u00e4rder&#8220; verbunden, zu dem dann &#8222;auch die Eltern in gro\u00dfer Zahl erschienen&#8220;.<br>&nbsp;<br>Verschiedene Dokumentationen berichten ausf\u00fchrlich \u00fcber die Zeit nach 1933. Ein von Dr. Volker Ullrich (fr\u00fcher Lehrer am WG, jetzt Redaktionsleiter bei der ZEIT) arrangiertes Rundgespr\u00e4ch \u00fcber den Nationalsozialismus gibt Zeugnis von der damaligen Situation. &#8211; Ein ehemaliger j\u00fcdischer Sch\u00fcler aus den 30er Jahren schreibt aus Amerika \u00fcber sein ungebrochenes Verh\u00e4ltnis zum Wilhelm-Gymnasium. &#8211; Aus weiteren einzelnen Beitr\u00e4gen wird ersichtlich, dass das Wilhelm-Gymnasium offenbar eine Schulleitung hatte, die die schwierige Gratwanderung unter der NS-Diktatur zu bew\u00e4ltigen verstand. &#8211; \u00dcber Fahrten nach Weimar ist etwas zu erfahren, \u00fcber Lehrer mit Parteiabzeichen und \u00fcber die vielen anderen, die sich dem zu entziehen wu\u00dften, \u00fcber Bombenangriffe und \u00fcber Kinderlandverschickung. Nicht erw\u00e4hnt ist allerdings, dass einige der ehemaligen Sch\u00fcler des Wilhelm-Gymnasiums in dem Hamburger Zweig der &#8222;Wei\u00dfen Rose&#8220; um Reinhold Meyer (der 1944 im KZ Fuhlsb\u00fcttel starb) engagiert waren.<br>&nbsp;<br>Dann folgen Berichte \u00fcber die Nachkriegszeit, mit den unterschiedlichen &#8222;Notunterk\u00fcnften&#8220; der Schule, bis endlich mit dem Wechsel der Schule an den Klosterstieg eine neue Zeit anbricht. &#8211; Auch \u00fcber die etwa in der Mitte der 70er Jahre begonnene &#8222;Reformierte Oberstufe&#8220; wird ausf\u00fchrlich berichtet. &#8211; In dieser Zeit wurde &#8211; von M\u00fcttern initiiert und von vielen M\u00fcttern unterst\u00fctzt &#8211; das &#8222;Kapheneion&#8220; geschaffen, Frau Dr. Helga Urbach wurde Protektorin des GRV&#8220;H&#8220; (des \u00e4ltesten Hamburger Sch\u00fclerrudervereins, gegr\u00fcndet 1906), Herr Marquardt gr\u00fcndete die erfolgreiche Schach-AG, und am Wilhelm-Gymnasium wurde das erste Betriebspraktikum durchgef\u00fchrt.<br>&nbsp;<br>Dieses Buch ist fast eine Art Geschichtsunterricht \u00fcber die Historie dieses Landes, die hier am Exempel einer Schule lebendig wird, &#8211; wie nirgendwo. &#8211; Der Schulalltag gibt das Bem\u00fchen wider um ein kulturelles und geistiges Verst\u00e4ndnis f\u00fcr eine aufgeschlossene Bildungsbasis. &#8211; Auch in einer neu ge\u00f6ffneten Informationsgesellschaft und in einer globalisierten Wirtschaftswelt sollten wir uns dieser Wurzeln immer wieder bewu\u00dft werden.<br>&nbsp;<br>Hier konnten nur ganz wenige Zeugnisse aus dieser Dokumentation angesprochen werden. Es bleibt zu w\u00fcnschen, dass die in den Schilderungen zum Ausdruck gebrachte Grundhaltung, die sich wie ein roter Faden durch alle einzelnen Beitr\u00e4ge zieht, der Schule auch in Zukunft erhalten bleibt. Leider ist dieser Band, den ich schweren Herzens seinem Besitzer wieder zur\u00fcckgeben<br>mu\u00df, zur Zeit vergriffen. Die Ehemaligen und der Schulverein haben jedoch vor, das Buch zum 125. Jahr des Bestehens der Schule neu aufzulegen. &#8211; Dieses Vorhaben verschlingt viel Geld in der Herstellungsphase. Wer mithelfen kann, insbesondere die Druckkosten zu sichern, m\u00f6ge sich bitte an Dr. Schulz wenden (direkt oder \u00fcber das Schulsekretariat).<br>&nbsp;<br><em>Diese Rezension hat uns aus dem Kreis der jetzigen WG-Eltern Markus E. Wegner zugeschickt. Er ist Vater zweier Kinder am WG, Klasseneltervertreter in Klasse 5a und geh\u00f6rt dem Vorstand des Schulvereins an. &#8211; Er hatte die Festschrift, von der er lange nichts wu\u00dfte, zuf\u00e4llig in die Hand bekommen, hatte sich dann darin festgelesen und anschlie\u00dfend seine Begeisterung spontan zu Papier gebracht.<\/em><br><br><br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"nachtrag\"><br>&nbsp;<br>Nachtrag von den Ehemaligen und vom Schulverein WG<\/h2>\n\n\n\n<p>Es liegt auf der Hand, dass wir, die Ehemaligen und der Schulverein, rechtzeitig zu unserem Schuljubil\u00e4um im kommenden Jahr (2006: 125 Jahre Wilhelm-Gymnasium) versuchen wollen, das vorgestellte Buch, das f\u00fcr die Schule fast unentbehrlich ist, neu aufzulegen. Wir k\u00f6nnen das allerdings nur, wenn wir sicher sind, dass gen\u00fcgend viele Exemplare verkauft werden. Nur dann sind wir sicher, dass wir die Herstellungskosten decken k\u00f6nnen. Nur dann k\u00f6nnen wir den Druck in Auftrag geben. Wir: Das sind der Schulverein und die Vereinigung der Ehemaligen. Diese beiden Vereine haben das Copyright f\u00fcr das Buch und sind auch bereit, im Rahmen eines Darlehens eine vorl\u00e4ufige Finanzierung zu gew\u00e4hrleisten. Die endg\u00fcltige Finanzierung mu\u00df allerdings durch den Verkauf und vielleicht durch zus\u00e4tzliche Spenden garantiert sein. Es bleibt uns daher nur der Weg \u00fcber eine Art Subskription, mit der wir uns heute an die Mitglieder unserer beiden Vereine wenden und nat\u00fcrlich an alle, die an einer Neuauflage dieser Dokumentation interessiert sind. Der Preis wird (je nach Umfang eventueller Erg\u00e4nzungen) ca. EUR 20,&#8211; betragen; f\u00fcr alle, die jetzt subskribieren, auf keinen Fall dar\u00fcber.<br>&nbsp;<br>Daher heute unsere Bitte: Wenn Sie bereit sind, nach Erscheinen der Neuauflage ein Exemplar zum Subskriptionspreis zu kaufen, dann teilen Sie uns das m\u00f6glichst bald mit:<br>&nbsp;<br>entweder: telefonisch (415 20 20; 47 88 29; 0177\/251 98 59)<br>&nbsp;<br>oder: per Fax (415 20 218)<br>&nbsp;<br>oder: per e-mail (ehemalige@wilhelm-gymnasium.de)<br>&nbsp;<br>Wir werden die Vorbestellungen dann sichten und Ihnen Nachricht geben.<br>&nbsp;<br>\u00dcberweisen Sie aber bitte jetzt noch nichts f\u00fcr das bestellte Buch.<br>&nbsp;<br>Wenn Sie allerdings schon jetzt durch eine Sonderspende helfen wollen, dass die Neuauflage der Festschrift erm\u00f6glicht wird, dann \u00fcberweisen Sie Ihre Spende auf folgendes Konto:<br>&nbsp;<br>Ehemalige WG Sonderkonto Festschrift<br>&nbsp;<br>HypoVereinsbank Hamburg (200 300 00): 252 30 251<br>&nbsp;<br>F\u00fcr jede Spende erhalten Sie automatisch von uns eine Spendenbescheinigung.<br>&nbsp;<br>Wir hoffen sehr, dass das Projekt gelingt. \u00f6 Daneben plant die Schule f\u00fcr das Jubil\u00e4um im n\u00e4chsten Jahr (125 Jahre WG) nat\u00fcrlich die Herausgabe einer zweiten, vermutlich sehr viel schmaleren Festschrift, deren Thema die Entwicklung in den letzten 25 Jahren und vor allem das Bild des Wilhelm-Gymnasiums im Jahre 2006 sein wird.<br>&nbsp;<br>Hamburg, im April 2005<br>&nbsp;<br>im Auftrag der beiden Vereine: Schulz<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"1\"><br><br>Streiflicht Nr. 1.<\/h2>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich: Unser &#8222;Betender Knabe&#8220;: seit Generationen so bezeichnet, Generationen von WG-Sch\u00fclern und -Sch\u00fclerinnen vertraut, allseits bekannt aus allen Kunstgeschichten der griechischen Antike &#8230; &#8211; Der &#8222;Betende Knabe&#8220; also, griechische Bronzeplastik aus der legend\u00e4ren Bildhauerschule des hochber\u00fchmten Lysippos (Apoxyomenos, Ruhender Hermes aus Neapel, usw.); Rhodos, ca. 350 v.Chr. (dazu weiter unten). Fast ein halbes Jahrhundert lang stand er in unserem alten Geb\u00e4ude an der Moorweidenstra\u00dfe, wohl\u00fcberlegt in einer Ecke des wundervollen Lichthofes aufgestellt; &#8211; danach, nach 1945, nach Krieg, Ausbombung und Umzug, hat er uns auf allen Stationen begleitet: zun\u00e4chst ins Geb\u00e4ude der damaligen Albrecht-Thaer-Schule (dort ebenfalls im Lichthof aufgestellt, sehr sch\u00f6n, schr\u00e4g links neben dem Eingang), &#8211; danach zum Kaiser-Friedrich-Ufer (wo er, eher bescheiden, irgendwo auf dem Flur Platz finden mu\u00dfte), &#8211; bis er endlich, 1964, in unserem jetzigen Domizil am Klosterstieg wieder eine Aufstellung erhielt, f\u00fcr die er eigentlich gedacht war: unter freiem Himmel, auf dem Rasenplatz rechts neben dem Eingang zur Schule.<br>Leider fand man ihn eines Morgens neben seinem Marmorsockel auf dem Rasen liegend, zerkratzt, zerschunden und mit verbogenen und verrenkten Gliedma\u00dfen&#8230; &#8211; Also verschwand er f\u00fcr lange Zeit (f\u00fcr mehrere Jahre) in den Werkst\u00e4tten des Denkmalschutzamtes: F\u00fcr die notwendige Reparatur und Restaurierung fehlte zun\u00e4chst nicht nur das Geld (weit \u00fcber 20.000 Mark), sondern auch das fachkundige Konzept. &#8211; Als er dann endlich wieder der Schule \u00fcbergeben wurde &#8211; restauriert, geputzt, poliert -, traute sich keiner, ihn wieder an den alten Platz zu stellen. So steht er denn seitdem in der Pausenhalle, ein wenig tr\u00fcbselig, beengt und verloren unter dem f\u00fcr ihn viel zu niedrigen Pausenhallendach, aber immerhin: wir haben ihn heil wieder und sind froh dar\u00fcber.<br>&nbsp;<br>PS. Da\u00df unser Betender Knabe &#8211; leider &#8211; nicht das weltber\u00fchmte Original, sondern eine (\u00fcbrigens hervorragende) Kopie ist, mu\u00df wohl nicht gesagt werden. &#8211; \u00dcber die wechselvolle Geschichte der Originalstatue, die in Berlin im Alten Museum steht, hat eine unserer ehemaligen Sch\u00fclerinnen vor einigen Jahren einen Bericht geschrieben: Anne-Kathrin Harms (Abit. WG 1990), in unserer Zeitschrift Wilhelm-Gymnasium (61, 1996, 63ff.: Der &#8222;betende Knabe&#8220; und das Geheimnis um seine Identit\u00e4t). &#8211; Zu ihrer und unserer Freude wurde sie nachtr\u00e4glich in allen ihren Thesen und Ergebnissen gl\u00e4nzend best\u00e4tigt durch vielfache Untersuchungen,<br>Projekte, Publikationen, Ausstellungen, die &#8211; pl\u00f6tzlich &#8211; ebenfalls diesem &#8222;Geheimnis&#8220; auf die Spur kommen wollten (und dabei viele Millionen Mark verbrauchten). &#8211; Bleibt die Frage, wie, wann, warum unser Betender Knabe ans WG kam. &#8211; Dar\u00fcber bald.<br>&nbsp;<br>17.12.2001<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"2\"><br><br>Streiflicht Nr. 2.<\/h2>\n\n\n\n<p>Noch einmal: Der Betende Knabe. &#8211; Diesmal: Wer waren eigentlich diejenigen, die anno 1906, als das &#8218;WG seinen 25. Geburtstag feierte, spontan (oder auch nach langem Hin und Her??) den Entschlu\u00df fa\u00dften, das Geburtsgeschenk in Berlin einzukaufen, dort n\u00e4mlich, im Alten Museum, eine lebensgro\u00dfe Kopie des damals weltber\u00fchmten Betenden Knaben in Auftrag zu geben? Bei wem genau? In welcher Werkstatt? Mit welchem organisatorischen Aufwand?<br>&nbsp;<br>Und (auch dies): Wie schafften sie es, die riesige Summe daf\u00fcr zusammenzubringen (nach heutiger Rechnung viele hunderttausend Mark)? &#8211; Wir wissen es nicht. Unser Schularchiv, sonst trotz aller Kriegssch\u00e4den stets eine ergiebige Quelle, schweigt. &#8211; Vermutlich liegt es daran, dass die Aktion eine g\u00e4nzlich private Initiative war: kein &#8222;Gremium&#8220;, das Protokoll f\u00fchrte, kein Elternrat, kein Verein der Ehemaligen (dies alles entstand erst sp\u00e4ter), sondern schlicht ein paar ehemalige Sch\u00fcler, die die Initiative ergriffen, sich zusammentaten, m\u00f6glichst viele andere zu gewinnen suchten, um der alten Schule aus Dankbarkeit ein Geburtsgeschenk zu machen. &#8211; Irgendjemand aus diesem Kreise mu\u00df \u00fcbrigens ziemlich gut Latein gekonnt haben, denn die Formulierung auf der Sockelinschrift: &#8222;ad quinque lustra celebranda&#8220; (&#8222;zur Feier des 25. Geburtstages&#8220;, gekonnt konstruiert, mit gerundivum inversum) ist sicher nicht allen sofort zur Hand, die auf dem WG Latein gehabt haben.<br>&nbsp;<br>Der n\u00e4chste Akt: die Enth\u00fcllung des Betenden Knaben im Rahmen der gro\u00dfen Jubil\u00e4umsfeier im Lichthof des alten WG samt den dazugeh\u00f6rigen Ansprachen ist dann allerdings \u00fcberreich dokumentiert: Alle Hamburger Zeitungen (von denen es damals, anders als heute, eine stattliche Anzahl gab) haben in ihren Morgen- und Abendausgaben ausf\u00fchrlich dar\u00fcber berichtet. &#8211; So ist denn auch fast der genaue Zeitpunkt \u00fcberliefert, an dem unser Betender Knabe das Licht des WG erblickte: Mittwoch, 25. April 1906, etwa 11.45 Uhr. &#8211; Die Spender werden nat\u00fcrlich nicht genannt: Alles, was dazu auf der Sockelinschrift steht, ist dies: &#8222;qui fuerunt gymnasii discipuli&#8220;, weiter nichts. &#8211; F\u00fcr alle, die wissen wollen, was man damals so sagte (und wer die Ansprache zur Enth\u00fcllung der Statue hielt): Staatsarchiv, WG-Archiv, Festschrift WG,<br>&nbsp;<br>&#8211; oder: Streiflicht Nr. 3.<br>&nbsp;<br>18.12.2001<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"3\"><br><br>Streiflicht Nr. 3.<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Eine halbe Stunde St\u00f6bern im WG-Archiv hat es an den Tag gebracht: Der Redner: Hermann Otto Fick, geb. 12.11.1866 in Hamburg, Abit. WG Herbst 1887. &#8211; Wer die Festschrift WG zur Hand hat und dort nachlesen will: beinahe der erste Abiturient des WG (vor ihm, Ostern 1887, nur zwei andere, er also die Nummer 3 in unserem Abiturientenverzeichnis). &#8211; Dabei war er keineswegs einer der ersten Sch\u00fcler des WG: Seine Nummer im &#8222;Album des Wilhelm-Gymnasiums&#8220;, das unversehrt erhalten ist: 423; Aufnahme: &#8222;Neujahr 1885&#8220;, in die damalige Obersekunda. &#8211; Er war vorher Sch\u00fcler des Johanneums gewesen. &#8211; Was ihn bewegt hat, zwei Jahre vor dem Abitur unbedingt aufs WG \u00fcberzuwechseln, wissen wir nicht. &#8211; Er hat dann Theologie studiert und ist als Pastor in Hamburg t\u00e4tig geworden.<br>&nbsp;<br>Seine Ansprache bei der Enth\u00fcllung des Betenden Knaben ist nicht im Manuskript \u00fcberliefert; es gibt aber in fast allen damaligen Hamburger Zeitungen ziemlich genaue Berichte dar\u00fcber, au\u00dferdem ein Referat des damaligen Direktors Prof. Wilhelm Wegehaupt im Jahresbericht 1906\/1907 (S. 9): &#8222;Endlich nahm Herr Pastor Fick (Eimsb\u00fcttel) das Wort im Namen der fr\u00fcheren Sch\u00fcler, die noch in Liebe und Dankbarkeit ihrer Bildungsst\u00e4tte ged\u00e4chten und treu an ihr hingen. Als sichtbares Zeichen dieser Liebe und Anh\u00e4nglichkeit stifteten diese Sch\u00fcler eine bronzene Nachbildung des sogenannten betenden Knaben, dessen Original sich in der Nationalgalerie in Berlin befindet. (Bei diesen Worten wurde die Statue, die auf einem vorl\u00e4ufigen Holzpostament im Lichthofe aufgestellt war, enth\u00fcllt.) &#8211; Sie soll, so fuhr der Redner fort, zum Ausdruck bringen, was das Gymnasium wolle. Sie entstamme der antiken Welt, auf deren Schultern unsere gesamte Bildung, Kunst und Wissenschaft stehe. Die antiken Sprachen mit ihrer Sch\u00f6nheit, ihrem Wohllaut und ihrem streng logischen Aufbau seien unsere Lehrmeisterinnen gewesen. Eine h\u00f6here Macht aus einer h\u00f6heren Welt rage hinein in unser Leben, tr\u00f6ste und kr\u00e4ftige uns, das sei die Religion. Auch sie wolle das Gymnasium pflegen und wolle<br>das Wort des Psalmisten bezeugen: Wenn ich Dich nur habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. In diesem betenden Knaben schaue die klassische Zeit her\u00fcber in unsere christliche Welt. Darum habe man diese Statue als Geschenk gew\u00e4hlt. Die fr\u00fcheren Sch\u00fcler \u00fcberreichten sie mit dem Wunsche im Herzen: Gott erhalte diese Anstalt.&#8220;<br>&nbsp;<br>Nach dem Dankeswort auf diese Rede wendete sich der Unterzeichnete (also: Prof. Wegehaupt) zum Schlu\u00df an die jetzigen Sch\u00fcler: Sie sollten diesen Tag im Ged\u00e4chtnis behalten, an dem so viele hervorragende Personen, so viele fr\u00fchere Sch\u00fcler der Anstalt so freundlich gedacht h\u00e4tten. Wenn sie einst M\u00e4nner geworden und ihrer Schule, dem Wilhelm-Gymnasium, gleiche Gesinnung bewahrten, dann w\u00fcrde es jederzeit gut stehen mit dem Wilhelm-Gymnasium.<br>&nbsp;<br>Soweit das Referat im damaligen Jahresbericht des WG. &#8211; Wer noch einmal unsere Festschrift von 1981 aufschlagen will: Dort ist (S. 57) der Bericht aus der Abendausgabe des Hamburgischen Correspondenten vom Tag des Jubil\u00e4ums (25.04.06) abgedruckt: Wort f\u00fcr Wort fast derselbe Text. Hatten beide dasselbe Original vorliegen? Oder hat Prof. Wegehaupt, der ja fast ein Jahr sp\u00e4ter schrieb, es sich leicht gemacht und einfach den Zeitungsbericht mit kleinen \u00c4nderungen \u00fcbernommen? &#8211; Wir wissen es nicht, aber<br>was damals wirklich gesagt wurde, d\u00fcrfte nach den \u00fcberlieferten Zeugnissen doch im wesentlichen feststehen.<br>&nbsp;<br>20.12.2001<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"4\"><br><br>Streiflicht Nr. 4.<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Das Jubil\u00e4um 1906: immer noch: ein ergiebiges Thema. &#8211; Jetzt allerdings nicht mehr der Betende Knabe, sondern &#8211; zur Abwechslung &#8211; die \u00fcbrigen Gaben, die den damaligen Gabentisch schm\u00fcckten. Aus der F\u00fclle der \u00fcberlieferten Geschenke drei Kostproben:<br>&nbsp;<br>Nr. 1: besonders liebevoll gebastelt: ein Gl\u00fcckwunschschreiben vom Kollegium des Christianeums in Altona, &#8222;mit dem das Wilhelm-Gymnasium in freundschaftlich-nachbarlichem Verh\u00e4ltnis stehe&#8220;, &#8211; lateinisch verfa\u00dft, pr\u00e4zise den Stil lateinischer Urkunden aufgreifend (wer selbst einmal einen solchen Text gebastelt hat, wei\u00df, wieviel M\u00fche dahinter steckt, den richtigen Ton und die richtige Formulierung&nbsp; zu finden), &#8211; kurzum: das Christianeum hat sich damals viel M\u00fche gegeben. &#8211; Ab jetzt w\u00f6rtliches Zitat aus dem damaligen Jahresbericht (allerdings ohne die kunstvolle Typographie):<br>&nbsp;<br>In geschmackvoller Mappe liegt folgende, pr\u00e4chtig gedruckte Adresse:<br>&nbsp;<br>&#8222;Q.B.F.F.F.Q.S. (quod bonum, faustum, felix fortunatumque siet): Gymnasio Hamburgensi imperatoris Guilelmo Magni illustrissimo nomine ornato, liberalitate et munificentia senatus civitatisque Hamburgensis condito et splendidissime instructo, in quo humanitatis studia omnesque artes liberales maxime florent et diligentissime coluntur, die XXV mensis Aprilis anni MDCCCCVI prima quinque lustra feliciter peracta sollemniter et rite celebranti pia vota nuncupantes ex animi sententia congratulantur Christianei Regii Altonensis rector et praeceptores, vicinitate et studiorum communione coniuncti: Arnoldt Eichler Vollbrecht etc. etc. &#8230;&#8220;.<br>&nbsp;<br>Wie man sieht (und wie es zum Stil dieser Urkunden geh\u00f6rt): ein langer Satz, im Original ohne Punkt und Komma. &#8211; Wenn gew\u00fcnscht (f\u00fcr den Fall, dass jemand den Text nicht auf Anhieb versteht): demn\u00e4chst eine kommentierende \u00dcbersetzung. &#8211; \u00dcbrigens wurden auch am WG gelegentlich solche Texte gebastelt: einmal zur Grundsteinlegung am Klosterstieg (Festschrift 244), sp\u00e4ter dann noch einmal zur Einweihung und \u00dcbergabe der Aula.<br>&nbsp;<br>Geschenk Nr. 2, schon wieder mit lateinischem Text, f\u00fcr viele vermutlich ein wenig skurril wirkend, aber mit ernstem und eher traurigem Anla\u00df: Hans Hubert H\u00fcnlinghof, Ostern 1898 in die Sexta des WG eigetreten, war am 1. Juli 1905, im Alter von 16 Jahren, beim Baden in der Alster ertrunken. &#8211; Sein Vater schenkte der Schule aus diesem Anla\u00df zum Jubil\u00e4um 1906: &#8222;die bronzene Nachbildung des Kaiserdenkmals am Deutschen Eck bei Koblenz, vom K\u00fcnstler Hundrieser, dem Verfertiger des Denkmals, selbst<br>hergestellt, auf einem kostbaren eichenen Sockel &#8230; zum Andenken an seinen beim Baden verungl\u00fcckten Sohn. In der Aula aufgestellt mit folgender Inschrift: &#8230; Dum fuit in terra, timuit gravis esse cuiquam; &#8211; Sis huic, quem condis, sis, pia terra, levis.&#8220; &#8211; (Auch dies, wenn gew\u00fcnscht, demn\u00e4chst in \u00dcbersetzung).<br>&nbsp;<br>Geschenk Nr. 3: die Gabe der Eltern: &#8222;ein Scheck \u00fcber 7444 Mark f\u00fcr die Witwen- und Waisenkasse der Anstalt&#8220; (d.h.: f\u00fcr die Versorgung der Hinterbliebenen beim Tode eines Lehrers &#8230;). &#8211; Offenbar durch Sammlung aufgebracht, daher die krumme Summe. &#8211; Insgesamt ein stattlicher Betrag: Ein Luxusmenu mit allen Getr\u00e4nken und allem, was dazu geh\u00f6rte, kostete damals pro Person gerade 4 Mark: Glaubhaft \u00fcberliefert durch die Aufstellung der Speisefolge und der Preisberechnung beim Festessen am Nachmittag des Jubil\u00e4umstages anno 1906 (im Gro\u00dfen Saal des damaligen Zoologischen Gartens am Dammtor). &#8211; Sollte sich jemand f\u00fcr die damalige Speisefolge interessieren: Steiflicht Nr. 5.<br>&nbsp;<br>21.12.01<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"5\"><br><br>Streiflicht Nr. 5.<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; (das letzte in dieser kleinen Serie zum Jubil\u00e4um 1906 und zum Betenden Knaben). &#8211; Sie haben l\u00e4ngst bemerkt, dass die Sequenz beinahe dem gewohnten Verlauf eines Weihnachtsabends folgt: zun\u00e4chst das Wort des Pastors: &#8222;Das Licht scheint in der Finsternis &#8230;&#8220;, &#8211; die &#8222;h\u00f6here Macht aus einer h\u00f6heren Welt&#8220; (Streiflicht Nr.3), &#8211; dann: der reiche Gabentisch, das Auswickeln und Auspacken (&#8222;Enth\u00fcllen&#8220;) der Geschenke, &#8211; schlie\u00dflich, danach: das festliche Mahl. &#8211; Wir zitieren aus dem \u00fcberlieferten Protokoll (Das Festessen): &#8230; &#8222;Das Menu lautete: Ochsenschwanzsuppe &#8211; Seezungenschnitten auf amerikanische Art &#8211; Hammelr\u00fccken garniert &#8211; Berner Sauce (?) &#8211; Englischer Sellerie mit Mark &#8211; B\u00f6hmischer Goldfasan &#8211; Salat &#8211; Fr\u00fcchte &#8211; Waldmeister-Eisbombe &#8211; K\u00e4seplatte. &#8211; Als Weine waren ausgesucht: 1893er Brauneberger, 1896er Beychevelle (was auch immer das gewesen sein mag; auf jeden Fall keine jungen Weine, fast 10 und 15 Jahre alt), dazu: Henckell trocken.&#8220; &#8211; Preis pro Person: 4 Mark. &#8211; &#8222;Die Stimmung war von vorneherein \u00e4u\u00dferst herzlich und gehoben; ihr gab zun\u00e4chst Herr Direktor Wegehaupt beredten Ausdruck, indem er sich der fast einm\u00fctigen Beteiligung freute und sein Glas den drei Jubilaren brachte. Dankend erwiderte Prof. Schader auf das Gymnasium und sein Collegium, das nach manchen schweren Zeiten und starken Tr\u00fcbungen jetzt in gemeinsamer Arbeit zum Wohle der Jugend<br>trotz aller Eigenart der Charaktere treu zusammenstehe. &#8230; Nachdem Prof. Dissel noch eine Sammlung f\u00fcr den vierten Jubilar, den Pedellen Russ, angeregt hatte, wurde um 8 Uhr die Tafel aufgehoben und in den Nebenr\u00e4umen der Kaffee eingenommen. &#8211; Das ganze Festmahl verlief in k\u00f6stlicher Stimmung aufs sch\u00f6nste und war ein \u00e4u\u00dferst erfreulicher Ausdruck gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung und treuer Kollegialit\u00e4t.&#8220;<br>&nbsp;<br>Im Anschlu\u00df an das Essen fand am sp\u00e4ten Abend des Jubil\u00e4umstages ein Festkommers im Wei\u00dfen Saal bei Sagebiel statt: viele hundert Teilnehmer. Das Programm mit den Texten der gemeinsam gesungenen Lieder ist erhalten. Sie sollen hier nicht zitiert werden (obwohl sie f\u00fcr jeden Historiker eine wahre Fundgrube sind: &#8222;Sind wir vereint zur guten Stunde&#8220;, &#8230; &#8222;Kommt, Br\u00fcder, trinket froh mit mir&#8220; usw.). &#8211; Auch dies: &#8222;Doctor Kelter wies auf einen fr\u00fcheren Ehrentag des Gymnasiums hin, den 17. Juni 1893, wo wir vor Bismarck gestanden&#8220;, &#8211; und &#8222;brachte den Manen des Gewaltigen ein stilles Glas&#8220;.<br>&nbsp;<br>Und nat\u00fcrlich brachte Prof. Wegehaupt &#8222;das Hoch auf den Kaiser aus&#8220;. &#8211; Und: &#8222;Wacker und anst\u00e4ndig hielt sich auch die Prima. &#8211; Besondere Begeisterung weckte es bei dieser, als Herr Prof. Wegehaupt sein Pr\u00e4sidium mit der Verk\u00fcndigung niederlegte, dass sie am n\u00e4chsten Tage erst um 10 Uhr zu erscheinen brauche.&#8220; &#8211; Schlu\u00df des Kommerses: um halb zwei.<br>&nbsp;<br>N\u00e4chstes Streiflicht im n\u00e4chsten Jahr. &#8211; Bis dahin: Alle guten W\u00fcnsche. &#8211; Schulz, 22.12.01<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"6\"><br><br>Streiflicht Nr. 6.<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Nun also doch noch ein letzter Text in diesem Jahr. Anla\u00df: die S\u00fcddeutsche Zeitung. &#8211; In der Ausgabe vom 28. Dezember 2001 wird im Feuilleton auf einer gro\u00df aufgemachten Doppelseite das Ph\u00e4nomen &#8222;Europa&#8220; beschworen: &#8222;Zw\u00f6lf Dinge, die Europa gemacht hat. &#8211; Zw\u00f6lf Dinge, die Europa gemacht haben.&#8220;<br>&nbsp;<br>Nr. 1: &#8222;die S\u00e4ule: einfach vollendet&#8220; (leider, wie man wei\u00df, nicht ohne bedauerliche Gegenbeispiele: die S\u00e4ulen in der Halle der Freiburger Universit\u00e4t &#8230;);<br>&nbsp;<br>dann Nr. 6: &#8222;Das Lateinbuch: die Kopfnu\u00df&#8220;. Dieser Passus (Autor: Gustav Seibt) ist so wunderbar, dass wir ihn allen denen nicht vorenthalten wollen, die aus irgendeinem Grunde die S\u00fcddeutsche vom 28. Dezember 2001 nicht gelesen haben: Winston Churchill war erstaunt. Er absolvierte seine erste Lateinstunde; der Lehrer \u00fcbte die Deklination von mensa, der Tisch. Beim Vokativ &#8211; &#8222;O mensa&#8220; &#8211; erk\u00e4rte er: &#8222;Du verwendest ihn, wenn du einen Tisch anredest.&#8220; &#8211; &#8222;Aber das tue ich doch nie&#8220;, entfuhr es Winston, worauf er sich eine Kopfnu\u00df einfing. &#8211; Das Beispiel in <em>unserem<\/em> Lateinbuch (M\u00fcnchen 1970) war nicht viel sinnvoller: &#8222;O rosa&#8220;, &#8211; lange bevor wir im Deutschunterricht den Vers &#8222;Rose, oh reiner Widerspruch&#8220; kennenlernten. &#8211; Doch unser <em>Deutschlesebuch <\/em>enthielt schon in der Unterstufe die Geschichte des wegen seines aufs\u00e4ssigen Erstaunens bestraften Churchill.<br>&nbsp;<br>Das allererste Lateinbuch trug auf dem Umschlag ein r\u00f6misches Relief, das Sch\u00fcler mit ihrem Lehrer zeigte. &#8211; Hatten die R\u00f6mer &#8230; auch schon Latein gelernt? Da\u00df sie diese Sprache von sich aus gesprochen haben sollten, schien schwer vorstellbar. &#8211; Churchill, das Relief auf dem Buch &#8211; alles im Lateinunterricht vermittelte ein sonderbares Gef\u00fchl: Wir taten da etwas, was in allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern seit vielen Generationen Sch\u00fcler wie wir auch schon getan hatten. Wir paukten genau dasselbe ziemlich sinnlose, ziemlich ehrw\u00fcrdige Zeug. Diese Ahnung einer raum- und zeit\u00fcbergreifenden Schicksalsgemeinschaft in der sanften Absurdit\u00e4t der ersten Lateinklasse ist der letzte Nachhall weit gr\u00f6\u00dferer, m\u00e4chtigerer Gemeinsamkeiten, die weit mehr als ein Jahrtausend \u00fcberspannen und dazu beitrugen, aus einer geographisch, ethnisch und sprachlich zerkl\u00fcfteten L\u00e4ndermasse einen zusammenh\u00e4ngenden<br>Kulturraum zu machen. Das Lateinbuch ist das Schulbuch Europas. Ein anderes gab es zun\u00e4chst gar nicht. &#8230;<br>&nbsp;<br>Latein ist die Sprache Europas, der Rest sind jene rasch erlernbaren &#8222;Dialekte&#8220;, von denen Ernst Robert Curtius sprach, und die, wie das Franz\u00f6sische, f\u00fcr kurze Perioden das Lateinische als Gemeinsprache erg\u00e4nzten. Wer als Kind erst einmal akzeptiert hatte, seinen Dialekt abzustreifen und mit einem Tisch zu reden, der durfte schon wenige Jahre sp\u00e4ter mit ganz anderen Geistern Umgang pflegen.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"7\"><br><br>Streiflicht Nr. 7.<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Von den Anf\u00e4ngen &#8230; &#8211; Hamburg, November 1879: Die Lage war dringend; der Hamburger Senat und die erst k\u00fcrzlich gegr\u00fcndete &#8222;Oberschulbeh\u00f6rde&#8220; mu\u00dften handeln: Die Einwohnerzahl Hamburgs steuerte auf eine halbe Million zu, aber immer noch gab es &#8211; neben einer Realschule (einem Ableger des Johanneums) und einer lateinlosen H\u00f6heren B\u00fcrgerschule (der sp\u00e4teren Albrecht-Thaer-Schule) nur die alte &#8222;Gelehrtenschule&#8220;, die anno 1529 in den R\u00e4umen des Klosters St. Johannis ihren Lehrbetrieb aufgenommen hatte (am Alsterfleet, etwa in der Mitte des heutigen Rathausmarktes). &#8211; Es liegt auf der Hand, dass diese<br>eine Gelehrtenschule (das heutige Johanneum also) f\u00fcr die riesige und rasch wachsende Stadt l\u00e4ngst nicht mehr ausreichte.<br>So ging denn unter der \u00dcberschrift &#8222;Vermehrung der H\u00f6heren Staatsschulen&#8220; unter dem 24. November 1879 der Antrag des Senates an die B\u00fcrgerschaft, eine zweite, vom Johanneum g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngige Gelehrtenschule zu errichten. &#8211; Bereits Januar 1880 wurde der Antrag von der B\u00fcrgerschaft genehmigt. &#8211; Dies war \u00fcbrigens die allererste Gr\u00fcndung eines staatlichen &#8222;Gymnasiums&#8220; (wie man eine Schule dieser Art bereits zwei Jahre danach nannte) durch den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg (die alte Gelehrtenschule war ja noch eine kirchliche Gr\u00fcndung gewesen). &#8211; Erster B\u00fcrgermeister und Pr\u00e4ses der Oberschulbeh\u00f6rde zu der Zeit: Gustav Heinrich Kirchenpauer.<br>&nbsp;<br>Zum \u00c4rger vieler ging die Sache dann doch nicht so schnell: Das neue Kind hatte noch keinen Namen und keine Herberge. Auf den Namen mu\u00dfte es noch drei Jahre warten, aber das st\u00f6rte kaum einen (man sagte schlicht: &#8222;Neue Gelehrtenschule&#8220;), &#8211; ohne ein Geb\u00e4ude aber konnte der Unterricht schwerlich beginnen; zum Gl\u00fcck traf es sich, dass vor dem Holstentor, an der NO-Ecke<br>des Heiligengeistfeldes, ein geeigneter Bauplatz zur Verf\u00fcgung stand, und dort wurde dann in gro\u00dfer Eile ein eher winziges Fachwerkhaus errichtet, das f\u00fcrs erste als provisorische Unterkunft ausreichen sollte, zun\u00e4chst nur f\u00fcr die Unterklassen. Das Haus steht merkw\u00fcrdigerweise noch heute, zu F\u00fc\u00dfen der (sp\u00e4teren) Gnadenkirche, gegen\u00fcber der ehemaligen Albrecht-Thaer-Schule; wer es sich ansieht, mag sich wohl dar\u00fcber wundern, dass hier die Geschichte des WG ihren Anfang nahm.<br>&nbsp;<br>Genauer &#8222;Geburtstag&#8220;: Montag, 25. April 1881, 10 Uhr vormittags.<br>&nbsp;<br>&#8211; F\u00fcr die Er\u00f6ffnungsfeier war nat\u00fcrlich in dem genannten Neubau kein Platz; so wich man &#8211; wie nach dem Kriege immer wieder &#8211; in die Aula einer Nachbarschule aus, diesmal in die Aula des Johanneums, das inzwischen die gotischen R\u00e4ume des Johannisklosters l\u00e4ngst verlassen hatte und am Speersort, neben der Petrikirche, auf dem Platz der ehemaligen Hamburger Domkirche, ein neues Haus bekommen hatte (heute zerst\u00f6rt und abgerissen). &#8211; Dort also wurde die Neue Gelehrtenschule feierlich er\u00f6ffnet. &#8211; Es sang der Sch\u00fclerchor des Johanneums. &#8211; Zum Schlu\u00df, gegen 12 Uhr, wurde &#8222;unter Orgelbegleitung von der gesamten Versammlung der Choral &#8218;Nun danket alle Gott&#8216; angestimmt&#8220; (zitiert aus der damaligen Schulchronik).<br>&nbsp;<br>Vorher, Sonnabend, 23. April, hatte, &#8222;so gut es in den eben erst von den Bauhandwerkern verlassenen R\u00e4umen ging&#8220;, die vorl\u00e4ufige Aufnahmepr\u00fcfung der angemeldeten Sch\u00fcler stattgefunden, und am Tag nach der Er\u00f6ffnung, am 26. April also, begann der Unterricht, &#8222;wenn auch noch mit nassen W\u00e4nden&#8220; (Schulchronik). &#8211; Anwesend: 99 Sch\u00fcler, der Direktor, f\u00fcnf ordentliche Lehrer,<br>ein technischer Lehrer &#8211; und zur Ausbildung der Kandidat Laemmerhirt. Ein Curiosum am Rande: Prof. Hermann Genthe, Director der Neuen Gelehrtenschule, hatte offenbar im Eifer des Gefechtes vergessen, f\u00fcr die Er\u00f6ffnungsfeier am Montag die entsprechenden Einladungen zu verschicken. &#8211; \u00dcberliefert (und in der Festschrift im Faksimile abgebildet) ist ein besorgter und geradezu v\u00e4terlicher<br>Brief des B\u00fcrgermeisters, man m\u00fcsse solche Einladungen fr\u00fchzeitig verschicken, sonst werde keiner kommen. &#8211; Der Brief ist datiert: 22. April, also Freitag&#8230;: &#8222;Es w\u00e4re heute, Freitag, die h\u00f6chste Zeit, die Karten ausbringen zu lassen; ich f\u00fcrchte, es ist schon zu sp\u00e4t.&#8220; &#8211; Es scheint dann aber doch noch geklappt zu haben, denn erhalten ist ausgerechnet die Einladungskarte &#8222;f\u00fcr Herrn B\u00fcrgermeister Dr. Kirchenpauer, Magnifizenz&#8220; &#8211; vermutlich am Sonnabend oder Sonntag mit Reitendem Boten &#8222;ausgebracht&#8220;.<br>&nbsp;<br>7.1.2002<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"8\"><br><br>Streiflicht Nr. 8<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Der Name &#8222;Wilhelm-Gymnasium&#8220;. &#8211; Von heute her schwer vorstellbar: Kaum jemand hatte 1881 ein Interesse daran, wie die neue Schule denn nun hei\u00dfen sollte. Man sagte schlicht: &#8222;Neue Gelehrtenschule&#8220;, und so stand es auch auf dem Kopf des Briefpapiers, das die Schule t\u00e4glich benutzte. &#8211; Ein einsamer Vorschlag des damaligen &#8222;Directors&#8220;, Prof. Genthe, der Schule nach ihrem damaligen Domizil den Namen &#8222;St.-Pauli-Gelehrtenschule&#8220; oder (in Anlehnung an das Johanneum) &#8222;Paulinum&#8220; zu geben, fand &#8211; verst\u00e4ndlicherweise &#8211; wenig Widerhall und noch weniger Unterst\u00fctzung. &#8211; So blieb es zun\u00e4chst bei der &#8222;Neuen Gelehrtenschule&#8220;.<br>Bewegung kam in die Sache schlie\u00dflich: &#8211; nicht durch die Schule, nicht durch die Beh\u00f6rde, nicht durch die Eltern, sondern durch eine Art B\u00fcrgerinitiative: Eine Reihe von Hamburgern, Kaufleuten, Juristen, \u00c4rzten, Literaten &#8230; (die allesamt mit der Schule direkt nichts zu tun hatten, dort auch keine Kinder hatten, denen aber gerade diese Schule wichtig war, weil sie f\u00fcr Hamburg eine unvergleichliche Institution sein w\u00fcrde) hatten bereits vor der offiziellen Er\u00f6ffnung eine Eingabe an die Oberschulbeh\u00f6rde<br>und den Senat verfa\u00dft. &#8211; Ihr Vorschlag: &#8222;Lessing-Gymnasium&#8220;. Sie hatten argumentiert, dass ausgerechnet das Jahr 1881, Gr\u00fcndungsjahr der neuen Schule, \u00fcberall in Deutschland als Lessingjahr gefeiert werde (Lessing, gest. 15. Febr. 1781), und hatten dabei insbesondere auch an die Grundsteinlegung f\u00fcr das Hamburger Lessingdenkmal erinnert.<br>&nbsp;<br>Der Text der Eingabe und die Begr\u00fcndung sind allen, die unsere Festschrift kennen, bekannt: Die erste Seite steht, liebevoll reproduziert, als Hintergrund auf dem Umschlag der Festschrift und noch einmal auf den Seiten 16ff.; die entscheidenden Stichworte: &#8222;Geistesklarheit, Geistesfreiheit, hohe ideale Richtung und ernstes wissenschaftliches Streben&#8220;. &#8211; F\u00fcr diese Werte solle die neue Schule einstehen.<br>&nbsp;<br>So also h\u00e4tte unsere Schule hei\u00dfen k\u00f6nnen, wenn nicht &#8230; &#8211; Wer Genaueres \u00fcber die lange Geschichte der Namensgebung wissen m\u00f6chte, lese in unserer Festschrift den gl\u00e4nzenden Beitrag von Renate Hauschild-Thiessen (S. 15 ff.). &#8211; Hier nur soviel: Der Senat, offenbar mit der Sache \u00fcberfordert, \u00fcbergab die Angelegenheit zun\u00e4chst dem Archivar Otto Beneke. &#8211; Seine ablehnende Stellungnahme ist \u00fcberliefert (Reproduktion des handschriftlichen Entwurfs: Festschrift, S. 21) und gipfelt in dem inzwischen immer wieder zitierten Dictum, mit Lessings Namen sei leider &#8222;die Vorstellung eines gewissen Freidenkerthums oder der Freigeistigkeit, sowie eines stark prononcierten kritisch-polemischen Charakters&#8220; verbunden, &#8222;Geistesrichtungen, deren Pflege unm\u00f6glich in den Lehrplan eines Gymnasiums&#8220; passe. &#8230; Benekes eigener Vorschlag (&#8222;Harvestehuder&#8220; oder besser noch: &#8222;Herwardeshuder Gymnasium&#8220;) fand wenig Gegenliebe, &#8211; seinen Bedenken gegen den &#8222;Freidenker Lessing&#8220; mochte man sich allerdings auch nicht widersetzen (einziger F\u00fcrsprecher im Senat damals: Rechtsanwalt John Israel), so dass nach wie vor alles offen war.<br>&nbsp;<br>Es war schlie\u00dflich das Votum von Johann Georg M\u00f6nckeberg (auch einen Namen wie &#8222;Wilhelms-Gymnasium&#8220; k\u00f6nne man in Erinnerung an den ersten Kaiser des neuen Deutschen Reiches &#8222;wohl rechtfertigen&#8220;), an das sich offenbar einige erinnerten, als es am 21. Februar 1883 im Senat zur Abstimmung kam. &#8211; Ergebnis: &#8222;Wilhelm-Gymnasium&#8220; (ohne s, aber mt Bindestrich) solle hinfort der Name der neuen Schule sein. Dazu Renate Hauschild-Thiessen: &#8222;Warum &#8230; l\u00e4\u00dft sich nicht beantworten. &#8230; Da\u00df es eine<br>Verlegenheitsl\u00f6sung war, durfte sicher sein; &#8230; man war der Sache allm\u00e4hlich \u00fcberdr\u00fcssig, man wollte sie endlich vom Tisch haben. Und da allerorten im Deutschen Reich Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, Schulen und anderes mehr nach Wilhelm I. benannt wurden, &#8230; so mochte<br>die neue Anstalt eben seinen Namen tragen.&#8220; &#8222;Da\u00df der Archivar Otto Beneke au\u00dfer sich war, versteht sich. &#8230; An jenem 21. Februar 1883 schrieb er in sein Tagebuch: Senatus best\u00e4tigte leider den Beschlu\u00df der Oberschulbeh\u00f6rde, das neue Gymnasium &#8222;Wilhelm-Gymnasium&#8220; zu benennen. &#8211; Speichelleckerei! &#8211; Was hat der Kaiser damit zu schaffen? &#8211; Dann lieber gleich &#8218;Preu\u00dfen-&#8218; oder &#8218;Verpreu\u00dfungs-Gymnasium&#8216;.&#8220;<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"9\"><br><br>Streiflicht Nr. 9<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Abschiedsrede Gabriele Kr\u00fcger.<br>&nbsp;<br>&#8211; Vielleicht eher unter &#8222;Varia Variorum&#8220; einzureihen. &#8211; Es hat aber seinen Grund, dass dieser Text gerade hier erscheint. &#8211; Gabriele Kr\u00fcger, seit August 2003 im Ruhestand lebend, wurde am letzten Schultag vor den Ferien (2. Juli 2003) in einer Feier in unserer Aula verabschiedet; zum Abschlu\u00df hat sie &#8211; reich beschenkt und reich gelobt &#8211; selbst noch einmal das Wort ergriffen: &#8222;Vielleicht w\u00e4re es eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr viele, wenn ich hier kein Gedicht aufsagen w\u00fcrde. &#8211; Nun denn:<br>&nbsp;<br>Nun fortzugehn von alledem Verworrnen,<br>&nbsp;<br>das unser ist und uns doch nicht geh\u00f6rt,<br>&nbsp;<br>das, wie das Wasser in den alten Bornen,<br>&nbsp;<br>uns zitternd spiegelt und das Bild zerst\u00f6rt;<br>&nbsp;<br>von allem diesen, das sich wie mit Dornen<br>&nbsp;<br>noch einmal an uns anh\u00e4ngt &#8211; fortzugehn<br>&nbsp;<br>und das und den,<br>&nbsp;<br>die man schon nicht mehr sah<br>&nbsp;<br>(so t\u00e4glich waren sie und so gew\u00f6hnlich),<br>&nbsp;<br>auf einmal anzuschauen: sanft, vers\u00f6hnlich<br>&nbsp;<br>und wie an einem Anfang und von nah, &#8211;<br>&nbsp;<br>und ahnend einzusehn, wie unpers\u00f6nlich<br>&nbsp;<br>wie \u00fcber alle hin das Leid geschah, &#8230; usw. usw.<br>&nbsp;<br>Passen diese Verse nicht vortrefflich zu meinem Abschied? &#8211; Geschrieben sind sie aber auf den Abschied eines jungen Mannes, der sich sein Erbe greift und sein Elternhaus verl\u00e4\u00dft, um ein Leben als W\u00fcstling zu f\u00fchren, &#8211; eine ganz andere Situation also als die meine (es ist: &#8222;Der Auszug des verlorenen Sohnes&#8220;, von R. M. Rilke). &#8211; Was lernen wir daraus? Da\u00df alle tiefergehenden Abschiede im Grunde gleich sind. Und dieser Abschied ist f\u00fcr mich wahrhaftig ein einschneidender,&nbsp; &#8211; vergleichbar wird nur meine Beerdigung sein, die aber f\u00fcr mich den Nachteil hat, dass ich wahrscheinlich nichts von der Feier mitbekomme.<br>Deswegen genie\u00dfe ich diese hier ganz besonders. Wann werde ich je wieder einen solchen An- und Ausblick geboten bekommen?! Nie! &#8211; Das ist f\u00fcr mich das Traurige an diesem Abschied: nie wieder die Menge der Sch\u00fcler zu sehen. Am sch\u00f6nsten<br>und r\u00fchrendsten sind sie, wenn sie eine Arbeit schreiben, mit ernsten, eifrigen Gesichtern, ihrer Aufgabe hingegeben. Dieser Anblick allein schon lohnt es, Lehrer zu werden.<br>&nbsp;<br>Der Lehrerberuf ist einer der urt\u00fcmlichsten, ebenso wie der des Bauern, des Soldaten und der Hure, und er hat mit diesen gemein, dass er in der Bewertung zwischen den Extremen Verherrlichung und Verachtung schwankt. Nur dem Lehrer jedoch ist es eigen, dass man ihn steigern kann &#8211; und mehr noch: dass er durch diese Steigerung an Wert und W\u00fcrde <em>verliert.<\/em> Das hat er mit seinem Gegenst\u00fcck, dem Sch\u00fcler, gemeinsam: Der Oberlehrer ist, wie der Mustersch\u00fcler, bestenfalls l\u00e4cherlich, immer aber<br>unerfreulich und eine Plage seiner Mitmenschen. Aus dieser Tatsache lie\u00dfe sich eine ganze Fortschrittskritik ableiten, worauf ich hier jedoch verzichten will, einstweilen jedenfalls &#8211; implizit wird sie weiter mitschwingen.<br>&nbsp;<br>Warum bin ich Lehrerin geworden?<br>&nbsp;<br>Es ist nicht falsch, wenn ich sage: aus Begeisterung. Den Lebenserfahrenen wird das mi\u00dftrauisch stimmen hinsichtlich dessen, wie ich meinen Beruf ausge\u00fcbt habe. Wer einmal auf Schallplatte geh\u00f6rt hat, wie die Million\u00e4rsgattin Florence Foster-Jenkins die Arie der K\u00f6nigin der Nacht aus der &#8222;Zauberfl\u00f6te&#8220; singt, wei\u00df, was dabei herauskommt, wenn man eine schwierige Aufgabe ausschlie\u00dflich mit Begeisterung zu bezwingen hofft. Begeisterung war f\u00fcr mich die Ausrede, wenn ich vor P\u00e4dagogik und Didaktik gedr\u00fcckt habe, die ich immer langweilig fand. So ist mir auch immer etwas Dilettantisches in meiner Arbeit geblieben, etwas, was die Sch\u00fcler teils erfreute, teils verwirrte, und manche haben wohl auch darunter gelitten und mir das mit Recht vorgeworfen. Begeisterung &#8211; aber wof\u00fcr? F\u00fcr die Kinder und f\u00fcr die F\u00e4cher. Beides, so hoffte ich, w\u00fcrden mir ein Leben lang Neues bieten und mich gl\u00fccklich machen, und diese Hoffnung hat nicht getrogen. Die Wechsel der Zeiten habe ich um so besser wahrnehmen k\u00f6nnen, als ich \u00fcber drei\u00dfig Jahre am selben Ort geblieben bin. Allm\u00e4hlich f\u00fchle ich, die ich nun schon die Kinder meiner ehemaligen Sch\u00fcler zu Sch\u00fclern habe, mich wie ein Leitfossil. Ein alter Sch\u00fcler nannte mich einmal einen Dinosaurier &#8211; durchaus liebevoll und ein bi\u00dfchen wehm\u00fctig ob des Aussterbens dieser Rasse. Ganz anders als die f\u00fcr mich zust\u00e4ndige Oberschulr\u00e4tin, die mir neulich verk\u00fcndete, so was wie ich sei jetzt \u00fcberholt; &#8211; dies sagte sie mit der Zufriedenheit eines Nutzviehz\u00fcchters, der einem Dinosaurier sein Aussterben ank\u00fcndigt. Was nun zweifellos stirbt, ist das Nutzvieh, &#8211; aber wer hat das Ungeheuer von Loch Ness sterben sehen?!<br>&nbsp;<br>N\u00fctzlichkeit und Verwertbarkeit habe ich, unw\u00fcrdige Erbin des deutschen Idealismus und der Romantik, immer ein wenig mit hochm\u00fctiger Verachtung betrachtet, gem\u00e4\u00df dem Satz: Lieber aus den Wolken als aus dem dritten Stock gefallen. (Ehrlicherweise<br>mu\u00df ich sagen, dass einem der Beamtenstatus diese Haltung erleichtert.) Und von dem, was ich denn doch an P\u00e4dagogik zu mir genommen habe, hat mir am besten die These gefallen: die Schule habe jeweils eine Alternative zum Zeitgeist darzustellen, wie auch immer dieser sich gerade kost\u00fcmiere. Wenn ich an die geradezu ersch\u00fctternde Harmlosigkeit denke, mit der unsere Abiturienten der letzten Jahre sich in den Kreislauf der Konsumwelt einreihten: Geld verdienen, mit dem man sich dann den konventionellen Glanz einer Abschiedsfeier kauft, so tr\u00e4ume ich von neuen Generationen, die antreten unter der Parole: &#8222;Wir <em>haben<\/em> nichts, wir <em>k\u00f6nnen<\/em> etwas, und deshalb <em>sind<\/em> wir auch etwas, unverwechselbar und nicht auszutauschen!&#8220; Und sie schm\u00fccken die Aula mit niegekannter Phantasie zum Festsaal, sie machen ihre Musik selbst, sie spielen Theater und Kabarett und machen sich ein bi\u00dfchen \u00fcber die Lehrer lustig &#8211; wie wir es hier schon einmal hatten.<br>&nbsp;<br>Mich verdrie\u00dft eine Schule, die nur noch ein Zulieferbetrieb f\u00fcr die Welt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ist, mit geschultem Oberlehrer-Personal statt gebildeten Lehrern, ges\u00e4ubert und von allem \u00dcberfl\u00fcssigen befreit. &#8222;Das \u00dcberfl\u00fcssige, h\u00fcte es. Viel n\u00e4mlich bleibt nicht von dir, wenn du es fortwirfst.&#8220; Das stammt von H. M. Enzensberger, und damit bin ich beim Thema Bibliothek. Denn wenig hat mich in meiner Zeit hier so geschmerzt wie die Zerst\u00f6rung und Verst\u00fcmmelung unserer gewachsenen Bibliotheken, die einem stumpfen<br>N\u00fctzlichkeitsdenken zum Opfer gefallen sind. &#8211; Nun soll hier eine Bibliothek mit Arbeitsraum f\u00fcr die Sch\u00fcler entstehen, und meine<br>Freude ist gro\u00df. Ehrt, sch\u00e4tzt, nutzt und vermehrt sie! Und ich will, wie das erw\u00e4hnte Ungeheuer von Loch Ness, ab und zu auftauchen und eine Sitzwache \u00fcbernehmen, denn Sch\u00e4tze m\u00fcssen leider geh\u00fctet werden. Das war schon immer die Aufgabe der Dinosaurier und Drachen.<br>&nbsp;<br>Ich habe zu Anfang geschildert, wie einschneidend dieser Abschied f\u00fcr mich ist. Was aber bedeutet er f\u00fcrs WG? Viel! &#8211; Mit meinem Weggang, d.h. hier und jetzt, verj\u00fcngt sich das Kollegium schlagartig. &#8211; M\u00f6ge damit eine gl\u00fcckliche Zeit anbrechen!&#8220;<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"10\"><br><br>Streiflicht Nr. 10<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8211; Abituransprache Gabriele Kr\u00fcger, Juni 1999.<br>&nbsp;<br>Noch einmal Gabriele Kr\u00fcger:<br>&nbsp;<br><em>Den folgenden Text mag wohl mancher eher f\u00fcr eine Satire halten und nicht f\u00fcr eine &#8217;seri\u00f6se&#8216; Abituransprache. Wie jede<br>gelungene Satire enth\u00e4lt er allerdings eine geh\u00f6rige Portion Wahrheit; er hatte seinerzeit nat\u00fcrlich die Lacher auf seiner Seite,<br>obwohl die Wahrheit nicht zuletzt die Lacher selbst betraf. &#8211; Offenbleiben mu\u00dfte damals, wie weit alle Beteiligten nach den munteren Eskapaden des Mittelteils den Schlu\u00df, der nun ganz ernst gemeint war, \u00fcberhaupt noch wahrgenommen haben.<\/em><br>&nbsp;<br>Das Ideal und das Leben,<br>&nbsp;<br>&#8211; so \u00fcberschreibt Schiller eins seiner philosophischen Gedichte, worin er mit der k\u00fchnen Geb\u00e4rde des Klassikers die Totalit\u00e4t<br>des Daseins umfa\u00dft. Wenn es dann beginnt mit den wohlgeformten Versen<br>&nbsp;<br>Ewigklar und spiegelrein und eben<br>&nbsp;<br>flie\u00dft das zephyrleichte Leben &#8230;,<br>&nbsp;<br>so merken wir schnell, dass es sich hier um das Ideal handeln mu\u00df, &#8211; das Leben ist nicht so, schon gar nicht das Schulleben, das ich hier mal einfach mit dem Leben schlechthin gleichsetzen will (aus guten Gr\u00fcnden, die zu nennen aber hier zu weit f\u00fchrte; sie werden schon evident werden).<br>&nbsp;<br>Da\u00df das Ideal und das Leben aber nicht immer Gegens\u00e4tze waren, jedenfalls nicht in der Schule, lassen die Eingangsworte Jean Pauls in einer seiner fiktiven Lehrerbiographien vermuten: &#8222;Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meeresstille, du vergn\u00fcgtes Schulmeisterlein Wuz! &#8211; Der stille, laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gew\u00f6lk, sondern mit Duft um dein Leben herum: Deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Bl\u00e4tter auf stehende Blumen flattern, &#8211; und schon au\u00dfer dem Grabe schliefest du sanft!&#8220;<br>&nbsp;<br>Wieviel hat sich seitdem ge\u00e4ndert! &#8211; Bisweilen wird noch in Abiturreden darauf hingewiesen, dass das Wort &#8218;Schule&#8216; sich vom altgriechischen Ausdruck f\u00fcr &#8218;Mu\u00dfe&#8216; herleitet, &#8211; es wird dabei nichts weiter deutlich, als dass dieses Wort einen weiten Weg hinter sich hat &#8211; und ganz woanders angekommen ist, n\u00e4mlich in einem Assoziationsfeld, das bestimmt wird von unaufh\u00f6rlichem Get\u00fcmmel, wobei der Grad von Gewaltsamkeit bestimmt, ob es eher das Get\u00fcmmel eines Jahrmarkts oder einer Schlacht ist.<br>&nbsp;<br>Hier schon wird evident: Schule ist Leben! &#8211; Denn: &#8222;Das Leben besteht in Bewegung&#8220;, zitiert Schopenhauer den Aristoteles, und f\u00fcgt hinzu, er sage es mit offenbarem Recht, denn: &#8222;Unser Leben ist n\u00e4mlich ein wesentlich rastloses&#8220;, &#8211; wobei er interessanterweise das Lernen zu den Manifestationen der Rastlosigkeit z\u00e4hlt. Der Augenschein mag uns zwar manchmal zu der Ansicht verf\u00fchren, der Sch\u00fcler sei zwar rastlos, aber er lerne nicht. Dieser Schein tr\u00fcgt meines Erachtens und verfl\u00fcchtigt sich, sobald man die Ma\u00dfst\u00e4be<br>\u00e4ndert, sobald man nicht mehr fragt, was er lernen <em>sollte,<\/em> sondern was er tats\u00e4chlich lernt.<br>&nbsp;<br>\u00dcberhaupt ist es hilfreich und tr\u00f6stlich, wenn man seine Wahrnehmungen in einen anderen Kontext stellt: Von der konventionellen Vorstellung von Schule her betrachtet, ist die Oberstufe eine Verfallserscheinung. Alles wirkt ungesichert, vorl\u00e4ufig, zuf\u00e4llig. Die Naturwissenschaftler und K\u00fcnstler m\u00f6gen sich noch in Fachr\u00e4umen verwurzeln &#8211; obwohl auch diese periodisch von wandernden<br>Horden heimgesucht werden -, die Geisteswissenschaftler suchen aufgrund fragw\u00fcrdiger Pl\u00e4ne wechselnde R\u00e4ume auf, in denen sie Sch\u00fcleransammlungen zu finden hoffen, die ausweislich gewisser Listen &#8222;Kurse&#8220; sein sollen. Den Sch\u00fclern geht es entsprechend: Je nach F\u00e4chern und Lehrern trifft der Oberstufensch\u00fcler dieselben Jahrgangsgenossen in wechselnden Kurszusammensetzungen in wechselnden R\u00e4umen an.<br>&nbsp;<br>Im Laufe der vier Semester bewirkt die Gew\u00f6hnung eine gewissen Stabilit\u00e4t, jedoch nie soviel, um den Eindruck von Durchreise, ja Nomadentum ganz zu verwischen. Viele Sch\u00fcler erscheinen mit Gep\u00e4ck und Proviant: Sie schmettern pralle Rucks\u00e4cke auf die schmalen Tische und postieren die Colaflasche in Reichweite; die Reisekleidung legen sie, schon aus Mangel an Garderobenhaken<br>und wegen der Unzuverl\u00e4ssigkeit der Heizung im Winter, aber auch aus Gewohnheit, nicht mehr ab: in bauschigen Allwetterjacken und der unentbehrlichen Baseballkappe hocken sie da, jederzeit zum Aufbruch ger\u00fcstet. Manche erscheinen auch, oft etwas versp\u00e4tet, mit g\u00e4nzlich leeren H\u00e4nden, aber sie machen energisch auf ihre Anwesenheit aufmerksam, damit man sie notiere, und passen den Augenblick ab, wo sie kurz auf den fahrenden Zug des Unterrichtsgespr\u00e4chs springen k\u00f6nnen, damit sie Mitarbeit<br>gezeigt haben. Solche Beitr\u00e4ge mag der G\u00f6ttinger Professor Lichtenberg vor \u00fcber 200 Jahren gemeint haben, als er vom &#8222;k\u00fchnsten Flug des faselnden Menschen&#8220; sprach. &#8211; Andere Sch\u00fcler dagegen suchen im Unterricht nur ein Dach \u00fcber dem Kopf, Stuhl und Tisch, um individuelle Schreibarbeiten zu erledigen. Dem um Aufmerksamkeit heischenden Lehrer wird beschieden: &#8222;Aber ich mache doch keinen L\u00e4rm, also was st\u00f6rt Sie denn?&#8220;. &#8211; Partnergespr\u00e4che gelten aus Sch\u00fclersicht gleichfalls nicht als L\u00e4rm, und den gl\u00fccklichen Umstand, das Semester einmal gro\u00dfenteils und sitzend versammelt zu finden, nutzen Funktionstr\u00e4ger des Abi-Komitees, um auszuf\u00fcllende Listen herumzugeben. &#8211; Mit der Anwesenheit hapert&#8217;s allerdings oft, und man sollte vielleicht einen Wahrsager<br>daf\u00fcr besch\u00e4ftigen, ob der Lehrer \u00fcberhaupt Sch\u00fcler vorfinden wird: drei Viertel der Teilnehmer versickern nach Vollversammlungen<br>irgendwo, sieben sind mit dem Leistungskurs in Berlin, drei haben Orchesterprobe, f\u00fcnfzehn schreiben Klausur etc. etc.<br>&nbsp;<br>Beim Aufbruch erweist sich der Sch\u00fcler wiederum als Nomade: er ergreift das Marschgep\u00e4ck und l\u00e4\u00dft ansonsten, um mit Schiller zu sprechen, &#8222;die Triften w\u00fcste liegen, wo er strich&#8220;. &#8211; Ein oder zwei Sch\u00fcler, die &#8222;vor dem Aufwachen aufgestanden sind&#8220;, wie Ortwin Runde sagte, schrecken aus dem Schlaf hoch und verschwinden fluchtartig. Eine Colaflasche f\u00e4llt um.<br>&nbsp;<br>Sie sehen: Schule ist Leben: stets im Flu\u00df, von Verg\u00e4nglichkeit bedroht. Und diese Verg\u00e4nglichkeit, dieses uralte Leid der Menschheit, empfinden die Sch\u00fcler, vor allem im vierten Semester. Und sie kommen ganz von selbst darauf, &#8211; denn, um wieder Lichtenberg zu zitieren, &#8222;das Brauchbarste in unserem Leben hat uns gemeiniglich niemand gelehrt&#8220; -, dass zweierlei im rei\u00dfenden<br>Flu\u00df der Zeit ein Fixpunkt ist, indem es die Zeit einfach aufhebt: das Fest und das Denkmal.<br>&nbsp;<br>Beginnen wir mit dem Denkmal. Musil irrte, als er behauptete, Denkm\u00e4ler w\u00fcrden nicht wahrgenommen: Jeder Jahrgang der letzten Dekade hinterlie\u00df irgendein Monument, das f\u00fcr sich dem Betrachter wenig Reiz bot; aber bemerkenswert schien mir, wie sehr die Sch\u00fcler an ihnen hingen. Das ging so weit, dass ein Kandidatenteam f\u00fcr die Schulsprecherwahl folgenden Punkt in ihr<br>Programm aufnahm: &#8222;Pflege der Abidenkm\u00e4ler&#8220;. Bedenken Sie, was das hei\u00dft: Denkmalpflege als Ziel der Sch\u00fcler! &#8211; Nebenbei: Es hat nichts gen\u00fctzt; die Denkm\u00e4ler haben das Schicksal eines Kunstwerks von Joseph Beuys erlitten, das von einer Putzfrau wegges\u00e4ubert wurde: Leben und Verg\u00e4nglichkeit (in Gestalt der Schulleitung) schritten \u00fcber sie hin.<br>&nbsp;<br>Warum das <em>Fest<\/em> ein Damm im Flu\u00df der Zeit, eine Leugnung der Verg\u00e4nglichkeit ist, will ich hier nicht weiter ausf\u00fchren. Die Sch\u00fcler wissen es (auch wenn es ihnen vielleicht nicht bewu\u00dft ist), und so feiern sie im vierten Semester, jedes Jahr mehr. Der \u00fcberraschte Lehrer hat also immer wieder Gestalten in dem ohnehin schon, wie oben geschildert, an ein Nomadenlager gemahnenden Kurs, die einem fremden Stamm zugeh\u00f6rig zu sein scheinen: Extraterrestrische, Hippies oder Gottwei\u00dfwas. Leider hebt sich das Fest in seiner Wirkung selber auf, wenn es zu h\u00e4ufig wird: Ist es keine Ausnahme mehr, so verf\u00e4llt es gleichfalls dem Gesetz der Verg\u00e4nglichkeit. Das Kippen einer Erscheinung in einen anderen Zustand, ihr dialektischer Umschlag, wird uns sogleich noch einmal begegnen.<br>&nbsp;<br>Sie irren \u00fcbrigens, wenn Sie meine Beschreibung des Kursalltags f\u00fcr ein Lamento halten. Menschen von eher grimmiger Natur lamentieren selten. Beispiel: Thomas Bernhard. Er behauptet: &#8222;Wenn Sie gern leben, wie ich, dann m\u00fcssen Sie halt in einer Art st\u00e4ndiger Ha\u00dfliebe zu allen Dingen leben.&#8220; Tats\u00e4chlich: seit drei\u00dfig Jahren sehe ich mich in der Schule zwischen Begeisterung und Wut taumeln, aber dies ist eben das Leben. Suchte ich Ruhe, so strebte ich zum Ideal und folgte Schillers Aufruf:<br>&nbsp;<br>Fl\u00fcchtet in die Regionen,<br>&nbsp;<br>wo die reinen Formen wohnen!<br>&nbsp;<br>Die gibt es tats\u00e4chlich! &#8211; Es gibt Baupl\u00e4ne f\u00fcr Utopien; sie sind uns gerade wieder in reicher F\u00fclle zuteil geworden, und zwar in den Anweisungen der Schulbeh\u00f6rde, wie u.a. die ideale Pr\u00fcfung, die vollkommene Korrektur, das einwandfreie Pr\u00fcfungsprotokoll auszusehen habe. Hier waltet der Glaube der Aufkl\u00e4rung an die Macht der Vernunft ungehemmt. &#8211; Der Schlaf der Vernunft, sagt Goya, gebiert Ungeheuer.<br>&nbsp;<br>Was aber gebiert die Vernunft, wenn sie <em>wach<\/em> ist?<br>&nbsp;<br>Utopien.<br>&nbsp;<br>Die Erfahrung zeigt, dass die Utopie, sobald sie in die Wirklichkeit \u00fcbertritt, rasch zur B\u00fcrokratie gerinnt und damit viel von ihrem Charme einb\u00fc\u00dft, &#8211; oder mit den Worten Thomas Bernhards: &#8222;Das ist halt so, wenn Sie ein gutes Gebi\u00df n\u00e4her ansehen, dann sehen Sie auch, mit dem ist es nicht so weit her.&#8220; Also: Was die Schule angeht, so ziehe ich das Leben dem Ideal vor, aus \u00e4hnlichen<br>Gr\u00fcnden wie denen, mit denen Robert Walser es ablehnte, in eine bessere Abteilung seiner Irrenanstalt verlegt zu werden (man entferne sich vom normalen Leben, sagte er, ihm w\u00fcrde der Kontakt zum Volk fehlen). Die Schule mag bisweilen ein schrecklicher Ort sein, aber nur, solange man sie als Schule im klassischen Sinne nimmt. Vom alten, sich st\u00e4ndig verj\u00fcngenden Goethe stammt das Mittel, wie man sich dem Get\u00fcmmel der Gegenwart entzieht: Man versetze sich im Geiste in den Orient.<br>&nbsp;<br>Wie ganz anders n\u00e4mlich wirkt diese Schule, ja, wieviel erfreulicher und sinnvoller, wenn man sie als Karawanserei betrachtet! Die zunehmende M\u00f6blierung des Schulhofes mag ein Indiz f\u00fcr diesen Wandel sein. Emp\u00f6rung dar\u00fcber, den Ort des Geistes zur Vorstufe des Bazars erkl\u00e4rt zu sehen, mag der Befreiungstheologe Leonardo Boff d\u00e4mpfen, der da sagt: &#8222;Ich betrachte den Markt als die vielleicht gr\u00f6\u00dfte gesellschaftliche Errungenschaft der Geschichte.&#8220; (Ich m\u00f6chte aber doch betonen, dass, was immer Boff gemeint haben mag, <em>ich<\/em> den orientalischen oder mittelalterlichen Markt meine und nicht den kapitalistischen.) Die Karawanserei mag kein Ort f\u00fcr Lehrer sein, aber was ihr nicht fehlen darf, ist der Geschichtenerz\u00e4hler, &#8211; und dass ich diese Gestalt f\u00fcr den Zwilling des Lehrers halte, haben meine Sch\u00fcler ja freud- und leidvoll erfahren. Auch der Typus des Sch\u00fclers wandelt sich; ich bilde mir ein, ein Exemplar davon, eine verfr\u00fchte Schwalbe, schon gesichtet zu haben: In meinem letzten Deutschkurs sa\u00df ein Mensch, der zwar drei F\u00fcnftel der Zeit anwesend war, jedoch derartig hartn\u00e4ckig unbeteiligt blieb, dass ich ihm 0 Punkte geben mu\u00dfte. Ich vermutete, er sei nur aus Versehen gekommen, er aber behauptete, es sei aus Bildungshunger geschehen, der sich um so<br>reiner offenbare, als ihm die Teilnahme sonst nichts genutzt habe: der Kurs werde ihm nicht angerechnet. Es ist mir schon seit l\u00e4ngerem aufgefallen, dass Sch\u00fcler, die man sonst nicht unterrichtet, privat, in der Pausenhalle, ernsthafte Gespr\u00e4che suchen. Sie n\u00e4hern sich h\u00f6flich, wie ein Edler Wilder, und sind somit das Gegenbild zu dem geschniegelten Flegel, den unsere Zivillisation hervorbringt.<br>&nbsp;<br>Vielleicht geh\u00f6rt diesem Typus des Spontansch\u00fclers die Zukunft? Arno Schmidt notiert als &#8222;Haupteigenschaften des Menschen: Geselligkeit, Spieltrieb, Faulheit, Geilheit, Doofheit, Grausamkeit&#8220;. Der klassische Lehrer arbeitet sich wund daran, sie dem Sch\u00fcler auszutreiben. Der Geschichtenerz\u00e4hler in der Karawanserei versucht nichts dergleichen, er bek\u00e4mpft nicht einmal die Dummheit. Wie sollte er auch, wenn nach Doderer &#8222;Dummheit Leben&#8220; ist? &#8211; Es reicht ihm, wenn der Wandernde sich neben ihn setzt und zu fragen beginnt, &#8211; vielleicht wandert er auch selber. Die sch\u00f6nste Geschichte von einer derart p\u00e4dagogisch fruchtbaren Zufallsbegegnung scheint mir die &#8222;Legende von der Entstehung des Buches Tao-teking auf dem Weg des Lao-tse in die Emigration&#8220;. Es beginnt bekanntlich mit den Versen<br>&nbsp;<br>Als er siebzig war und war gebrechlich,<br>&nbsp;<br>dr\u00e4ngte es den Lehrer doch nach Ruh &#8230;,<br>&nbsp;<br>und kein Kundiger wird sich wundern, dass dieses Ruhebed\u00fcrfnis den Lehrer dazu f\u00fchrt, zu einer Wanderung aufzubrechen, noch weniger aber, dass eine beil\u00e4ufige Frage ihn aufh\u00e4lt, tagelang, und der Fragende sich alsbald in der Rolle des Sch\u00fclers sieht, in welcher Rolle er &#8211; nach Brecht &#8211; nicht weniger Lob und Dank verdient als der Lehrer, weil er diesem seine Weisheit &#8222;entrei\u00dft&#8220;. Ich will diese Stra\u00dfenr\u00e4ubermetaphorik nicht weiter ausspinnen, sondern hier schlie\u00dfen. &#8211; Wer von den Zuh\u00f6rern hier weiterdenken m\u00f6chte, der sei verwiesen auf das &#8222;Institut f\u00fcr angewandtes Nichtwissen e.V.&#8220;, Postfach 21 04 39 in 57028 Siegen, und die von ihm herausgegebene Zeitschrift &#8222;ungewu\u00dft&#8220;.<br>&nbsp;<br>Wer unter den Zuh\u00f6rern jetzt \u00fcberlegt, ob er oder ich oder wir beide den Faden verloren h\u00e4tten, der gedenke des Wortes von Heimito von Doderer: &#8222;Jedes Zu-Ende-Denken ohne Verlust des Fadens befriedigt. Diese Befriedigung ist eine l\u00e4cherliche, denn beim tieferen Denken geht der Faden immer verloren.&#8220; &#8211;<br>&nbsp;<br>Ich bin Lehrer, &#8211; und als solcher nur ein Medium, kein Dichter und Denker. Sollte diese Rede Gedanken enthalten haben, so stammen sie von: Friedrich Schiller, Jean Paul, Arthur Schopenhauer, Aristoteles, Georg Christoph Lichtenberg, Robert Musil, Thomas Bernhard, Francisco Jos\u00e9 de Goya, Robert Walser, Johann Wolfgang von Goethe, Leonardo Boff, Arno Schmidt, Bertolt Brecht, Heimito von Doderer.<br>&#8211;<br>Sie alle seien Ihnen zur Lekt\u00fcre empfohlen.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"11\"><br><br>Streiflicht Nr. 11:<\/h2>\n\n\n\n<p>James Franck (Abit. WG 1902), Nobelpreis Physik 1925<br>&nbsp;<br>Das folgende wegen mancher Nachfragen (s. u.a. unser Schwarzes Brett): James Franck, einer unserer Abiturienten, Abit. WG 1902, hat &#8211; \u00fcbrigens als bisher einziger aus dem Kreise unserer Sch\u00fcler &#8211; den Nobelpreis erhalten: Nobelpreis f\u00fcr Physik, 1925, zusammen mit Gustav Ludwig Hertz, &#8211; und zwar, so der Text der damaligen Urkunde, &#8222;f\u00fcr die Entdeckung der Sto\u00dfgesetze zwischen Atomen und Elektronen&#8220;. Was das bedeutet, sieht jeder, der ein modernes Physikbuch zur Hand nimmt: Dort steht, in verschiedenen B\u00fcchern verschieden, aber letzten Endes immer gleich: &#8222;&#8230; (s.o.)&#8220;, &#8211; mit dem Versuch, es auch einem Laien oder Sch\u00fcler verst\u00e4ndlich zu machen.<br>&nbsp;<br>Er, James Franck, ist also nicht vergessen, ohnehin nicht in der wissenschaftlichen Literatur, aber auch nicht bei uns: Wer unsere Festschrift von 1981 zur Hand hat, m\u00f6ge dort nachlesen, was dort von ihm und \u00fcber ihn steht: S. 43f. &#8211;<br>&nbsp;<br>F\u00fcr alle, die dieses Buch nicht besitzen (es ist inzwischen g\u00e4nzlich vergriffen), ist einer der Texte im folgenden abgeschrieben:<br>&nbsp;<br><em>James Franck, zuletzt in den USA lebend, hat mehrmals mit unserer Schule korrespondiert; einen seiner Briefe schrieb er 1956 an Herrn Zinke, der sich als Vertreter des Faches Physik &#8211; und als ehemaliger Student aus Francks G\u00f6ttinger Zeit &#8211; im Zusammenhang mit dem 75j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Schule an ihn gewandt hatte.<\/em><br>&nbsp;<br>Mir ist erst nach meiner Schulzeit klar geworden, warum ich ein schlechter Sch\u00fcler war. Da mein Ged\u00e4chtnis nie gut war, entwickelte ich eine starke Abneigung gegen das Auswendiglernen, ohne mir wirklich klar zu machen, dass die Schule ohne diese Hilfsmittel nicht auskommen kann. Selbst die Rechenregeln mu\u00df ein Kind eben ohne Begr\u00fcndung hinnehmen, da die Zahlentheorie zu schwer und zu abstrakt ist, um im Kindesalter verstanden zu werden. &#8211; So kam es, dass die Qual des Memorierens lateinischer<br>und griechischer Vokabeln und unregelm\u00e4\u00dfiger Verben etc. mir die Freude am Bekanntwerden mit der antiken Kultur verdarb.<br>&nbsp;<br>Mein wirkliches Interesse wandte sich schon fr\u00fch den Naturerscheinungen zu, und nichts freute mich mehr, als wenn es mit ab und zu gelang, ein einfaches Problem zu durchdenken und zu verstehen. &#8211; Oft genug spielte ich ganz zur Unzeit mit solchen Ideen. Ich erinnere mich zuf\u00e4llig, dass mir mitten in einer griechischen Stunde in der Untertertia klar wurde, warum ein Fettfleck, den ich auf dem Papier eines meiner Hefte beobachtete, das Papier lichtdurchl\u00e4ssiger macht. Das war eine rechte Freude, aber sie wurde schnell gest\u00f6rt durch eine Frage, die der Lehrer an mich stellte, &#8211; und seine gerechte Charakterisierung der Situation: &#8222;Der Franck hat mal wieder fest geschlafen.&#8220;<br>&nbsp;<br>Ich besa\u00df eben nicht genug geistige Disziplin, und es war mir schwer, sie zu erwerben. &#8211; Da\u00df es doch schlie\u00dflich gelang, verdanke<br>ich dem Wilhelm-Gymnasium. &#8211; Ich habe sie (diese Disziplin) bitter n\u00f6tig gehabt, auch zu der Zeit, als ich das Gl\u00fcck hatte, mich ganz dem Studium der Natur zuzuwenden. Gl\u00fcckliche Einf\u00e4lle gen\u00fcgen nicht, um Leistungen in der Naturwissenschaft zu erzielen, wenn sie nicht erg\u00e4nzt werden durch Flei\u00df, Selbstkritik und die Durchf\u00fchrung sorgf\u00e4ltiger Experimente. Die Natur ist ein harter Zuchtmeister f\u00fcr ihre J\u00fcnger; &#8211; und meine Schulzeit am Wilhelm-Gymnasium hat mich gest\u00e4hlt f\u00fcr meinen Beruf.<br>&nbsp;<br>Aber ich habe auch gute Gr\u00fcnde, dankbar zu sein f\u00fcr die <em>fachliche<\/em> Belehrung in den humanistischen F\u00e4chern; sie hat mir sehr geholfen, Einseitigkeiten meiner Interessen zu vermeiden: Kunst, sch\u00f6ne Literatur und Philosophie haben mir immer im Leben viel bedeutet. &#8230;<br>&nbsp;<br>Insgesamt glaube ich, dass es keine bessere Vorbildung f\u00fcr einen k\u00fcnftigen Naturwissenschaftler gibt als diejenige des alten humanistischen Gymnasiums. &#8211; Ich w\u00fcnschte jedoch, dass die Humanisten sich mehr des Bildungswertes der Naturwissenschaften bewu\u00dft sein w\u00fcrden. &#8211; Vielleicht sind sie es jetzt: W\u00e4hrend <em>meiner <\/em>Schulzeit betrachteten jedoch viele Humanisten die Naturwissenschaften als etwas Ungeistiges, vergleichbar mit einem etwas gehobenen Handwerk. &#8211; Als extremes Beispiel mag dienen, dass mein Lehrer der griechischen Sprache mir vor dem Abitur sagte: &#8222;Ich h\u00f6re, Franck, dass Sie &#8230; Physik studieren<br>wollen, daher habe ich nichts dagegen, Sie zum Abitur zuzulassen. Wenn Sie die Absicht gehabt h\u00e4tten, etwas Vern\u00fcnftiges zu studieren, so h\u00e4tte ich gro\u00dfe Bedenken.&#8220; &#8211; Nun, das hat mich nicht gest\u00f6rt, denn in diesem Punkte traute ich meinem Urteil mehr als dem seinen.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"12\"><br>Streiflicht Nr. 12:<\/h2>\n\n\n\n<p>Zinke: Ansprache an die Abiturienten am 12. M\u00e4rz 1954<br>&nbsp;<br>Friedrich-Wilhelm Zinke war &#8211; als Fachlehrer f\u00fcr Mathematik &#8211; Klassenlehrer der damaligen G 13, der altsprachlichen Klasse des damaligen Abiturjahrgangs, insgesamt also in dieser Kombination damals eher ungew\u00f6hnlich &#8230; &#8211; Neben unz\u00e4hligen Ansprachen der damaligen Zeit, in denen vom Bildungswert der F\u00e4cher Latein und Griechisch die Rede war, ist hier zum ersten und, soweit ich sehe, zum einzigen Mal ein Bekenntnis zum Bildungswert der Mathematik \u00fcberliefert. &#8211; Ob Zinke allerdings wu\u00dfte, dass er damit in direkter Nachfolge der platonischen Akademie sprach (&#8222;Wer die Geometrie nicht beherrscht, hat hier keinen Zugang&#8220;), ist nicht \u00fcberliefert.<br>&nbsp;<br>Meine lieben Abiturienten, hochverehrte G\u00e4ste, liebe Kollegen und Sch\u00fcler<br>&nbsp;<br>Wir sind heute zusammengekommen, um wieder einmal &#8211; wie in all den Jahren vorher &#8211; unsere Abiturienten in einer festlichen Stunde aus dem Leben und der Arbeit der Schule zu entlassen und ihnen unser Geleit und unsere guten W\u00fcnsche f\u00fcr einen neuen Lebensabschnitt mitzugeben. Wir haben au\u00dferdem die Freude, wie im vergangenen Jahre zum ersten Male, auch die hochverehrten Abiturienten des Wilhelm-Gymnasiums zu begr\u00fc\u00dfen, die vor 25 und 50 Jahren ihre Reifepr\u00fcfung ablegten. &#8211; Welch eine<br>weite Zeitspanne: 1904 &#8211; 1929 &#8211; 1954 &#8230;<br>&nbsp;<br>Im Jahre 1946, kurz nach dem Schlu\u00df des letzten Krieges, kamen die die meisten von euch heutigen Abiturienten zum Wilhelm-Gymnasium. &#8211; Nun sind acht Jahre verflossen, in denen wir miteinander gearbeitet haben.<br>&nbsp;<br>Wir, denen ihr anvertraut wart, haben versucht, eure Kr\u00e4fte zu entwickeln, euch Anregungen zu geben und euch einen Teil des R\u00fcstzeugs f\u00fcr das Leben zu geben, und sicher k\u00f6nnen wir beanspruchen, euch auch manches Sch\u00f6ne und manche Freude gegeben zu haben. Wir waren nicht nur in den engen Schulstuben zusammen, sondern, dar\u00fcberhinaus, in wochenlanger Gemeinschaft in unserem Schullandhein in Schob\u00fcll, und &#8211; in den letzten beiden Jahren &#8211; auf Fahrten in den S\u00fcden. &#8211; Wollen wir, die wir dabei waren, alle diese Erlebnisse und Erinnerungen missen?<br>&nbsp;<br>Aber unser entscheidendes Miteinanderarbeiten vollzog sich im Klassenraum, auf geistiger Ebene.<br>&nbsp;<br>Wenn nun heute mir die Aufgabe zugefallen ist, in dieser letzten gemeinsamen Stunde mit euch Abiturienten die Jahre auf der Schule r\u00fcckblickend zu \u00fcberschauen, dann deshalb, weil ich f\u00fcr eine der beiden Abschlu\u00dfklassen in den letzten Jahren der Klassenvater war. Und da <em>wir <\/em>in diesen Jahren im Unterricht im wesentlichen in der mathematischen Sprache miteinander geredet haben und mein bescheidener Beitrag f\u00fcr die Entwicklung eurer geistigen Kr\u00e4fte entscheidend durch die Besch\u00e4ftigung mit der Mathematik bedingt ist, m\u00f6chte ich in den Mittelpunkt meiner folgenden Ausf\u00fchrungen diese Mathematik stellen &#8211; und versuchen, einen Teil<br>der Werte herauszustellen, die die Arbeit mit und in dieser edlen Wissenschaft mit sich bringt &#8211; oder mit sich bringen kann. Ich werde weiter versuchen zu zeigen, dass sich f\u00fcr den, der Eingang gefunden hat in diesen hehren Bereich, das Tor ins Reich der Kunst ge\u00f6ffnet hat.<br>&nbsp;<br>Worin liegen das Wesen und der Wert der Mathematik, und was ist es eigentlich, was einen Menschen, der sich mit mathematischen Dingen abgibt, Freude und hohe Befriedigung geben kann? &#8211; Ich habe nicht die Absicht, zu versuchen, auf diese Fragen ersch\u00f6pfend und allgemeing\u00fcltig zu antworten. Ich m\u00f6chte nur einen kleinen Teil der Wesensmerkmale herausgreifen, und zwar solche, die mir besonders am Herzen liegen. Ich m\u00f6chte dabei ein ganz pers\u00f6nliches Bekenntnis zur Mathematik ablegen.<br>&nbsp;<br>Beginnen wir mit formalen Werten. &#8211; Welche formenden und gestaltenden Kr\u00e4fte f\u00fcr die geistige Entwicklung eines jungen Menschen liegen in Mathematik? &#8211; Das ist einmal die unbedingte Wahrheit, Klarheit und Exaktheit einer mathematischen Aussage. Wenn ich sage: &#8222;Integral von Null bis pi cos x dx = 0&#8220;, dann ist dies eine unumst\u00f6\u00dfliche Tatsache, die ich aus einfacheren Tatsachen folgern kann. Man kann \u00fcber die Richtigkeit dieser Aussage nicht verschiedener Ansicht sein. Jeder, der gelernt hat, folgerichtig zu denken &#8211; und durch die Besch\u00e4ftigung mit derartigen Dingen lernt man es -, mu\u00df einsehen, dass es so und nicht anders sein kann. &#8211; Und: wenn wir jemanden bitten, er solle es uns beweisen, dann gibt es f\u00fcr ihn keine M\u00f6glichkeit, darumherum zu reden und auszuweichen. Er mu\u00df Farbe bekennen: Entweder er kann uns Schritt f\u00fcr Schritt die Richtigkeit zeigen, oder er kann den Beweis nicht f\u00fchren. Ein Zwischending gibt es nicht.<br>&nbsp;<br>Die Mathematik ist unbestechlich. Wer vor eine mathematische Aufgabe gestellt ist, mu\u00df sein Denken und Handeln einer strengen Zucht unterwerfen; er wird gezwungen, etwas ganz Bestimmtes zu tun. Und: um sein Ziel zu erreichen, mu\u00df er sorgf\u00e4ltig und genau arbeiten. Dazu bedarf es einer gro\u00dfen Anstrengung und vieler Geduld. Wer gezwungen ist, sich mit mathematischen Dingen zu besch\u00e4ftigen, wird nicht nur in hohem Ma\u00dfe zur Klarheit und Straffheit erzogen, sondern auch dazu, beharrlich und geduldig zu sein.<br>&nbsp;<br>Als Newton, der gro\u00dfe englische Naturwissenschaftler und Mathematiker, eimal gefragt wurde, wie er zu seinen gro\u00dfartigen Leistungen gekommen sei, soll er geantwortet haben: &#8222;Dazu geh\u00f6rt nur Geduld.&#8220; &#8211; Wie mancher von euch Abiturienten wollte gerade <em>nicht<\/em> vor einem mathematischen Problem kapitulieren &#8211; und hat Stunden lang gedacht, umgeworfen und neu gerechnet. Oft war es ein unbez\u00e4hmbarer Drang, doch noch den Weg oder die L\u00f6sung zu suchen.<br>&nbsp;<br>Ich denke an einen von euch, der nach der schriftlichen mathematischen Reifepr\u00fcfungsarbeit zu mir kam. Er hatte sich zu Hause f\u00fcr die nur zeichnerisch zu l\u00f6sende Aufgabe die rechnerische L\u00f6sung erarbeitet und festgestellt, dass sein zeichnerisch ermittelter Wert ungenau war. Er war sich keines Fehlers in der Zeichnung bewu\u00dft. Er bedr\u00e4ngte mich nun, im doch noch einmal seine Zeichnung zu zeigen, um der Ungeneuigkeit nachzusp\u00fcren. Ich versicherte ihm, dass ich bei sorgf\u00e4ltiger Pr\u00fcfung weder einen Fehler noch eine Ungenauigkeit habe entdecken k\u00f6nnen, und dass alles in Ordnung sei; die Ungenauigkeit sei wohl bedingt durch die Vielzahl der Konstruktionselemente. Er war aber keineswegs mit dieser Antwort zufrieden. Er lie\u00df nicht locker: leise bittend kam er noch \u00f6fter in den n\u00e4chsten Tagen. Er war um die letzte Wahrheit bei der L\u00f6sung der Aufgabe, die dem Mathematiker hohe Befriedigung seines Ringens gibt, betrogen worden&#8230;<br>&nbsp;<br>Ohne Zweifel lassen sich die erw\u00e4hnten Kr\u00e4fte auch durch andere Wissenschaften und T\u00e4tigkeiten entwickeln, z.B. durch die alten Sprachen. Aber mir scheint, dass in einer Umwelt, in der manchmal Halbheit, Unwahrhaftigkeit, Schein und Oberfl\u00e4chlichkeit bestimmend sind, keine, im Kampf dagegen, der Mathematik \u00fcberlegen ist. Kaum in einem anderen Gebiet kommt es derart darauf an, das Notwendige zu sagen und das \u00dcberfl\u00fcssige fortzulassen, so dass Wesentliches vom Unwesentlichen unterschieden<br>werden kann.<br>&nbsp;<br>Meine sehr verehrten Zuh\u00f6rer: Wenn mir die eben erw\u00e4hnten formenden Kr\u00e4fte der Mathematik auch wesentlich erscheinen und ich sie in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen habe, so erscheint mir &#8211; und das ist eine pers\u00f6nliche Auffassung, wie ich ausdr\u00fccklich betone &#8211; etwas anderes das Sch\u00f6nste und Erhabenste an der Mathematik: etwas aus dem Bereich des \u00c4sthetischen. Dies erscheint vielleicht auf den ersten Blick verwunderlich, zumal ich bisher gerade die n\u00fcchterne Seite betont habe, zu der Zwang, Zucht, Straffheit und Disziplin geh\u00f6ren. Aber vielleicht liegt das an einer unklaren Vorstellung von dem, was ein Mathematiker ist.<br>&nbsp;<br>Der Mathematiker, den Sie sich bitte fortan vor Augen f\u00fchren, ist nicht jemand, der Rechenaufgaben l\u00f6sen oder mathematische Rezepte ausf\u00fchren kann, virtuos mit Zahlen umherspringen kann und in der Welt seiner Logarithmentafel lebt, sondern jemand, der mit einem Problem ringt, von ihm gepackt wird, der von der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit und der Sch\u00f6nheit der Zusammenh\u00e4nge beseelt ist und einen nicht zu stillenden Drang versp\u00fcrt, die Dinge zu gestalten. Durch dieses Ringen und Formen findet er h\u00f6chste und tiefste Befriedigung. Dieser Mathematiker ist ein K\u00fcnstler. Er steht neben dem Komponisten, dem Maler und dem Dichter. Das Rechnenk\u00f6nnen ist nur sein Handwerkszeug. &#8211; Der Kieler Mathematiker Weise hat das einmal so ausgedr\u00fcckt: &#8222;Einen Mathematiker als jemanden zu bezeichnen, der rechnet, ist \u00e4hnlich inhaltslos, wie einen Dichter als jemanden zu bezeichnen, der sich mit Orthographie besch\u00e4ftigt.&#8220;<br>&nbsp;<br>Um das ganz zu verstehen, ist es vielleicht angebracht, sich einmal die Denk- und Arbeitsweise eines Mathematikers vor Augen zun f\u00fchren: Liegt ein mathematisches Problem vor, das sich entweder klar herausgesch\u00e4lt hat oder auch noch verschwommen ist, dann gibt es f\u00fcr ihn keinen Weg, der auf k\u00fcrzeste Weise zum Ziele f\u00fchrt. Er braucht viel Phantasie und Kombinationsverm\u00f6gen. Er mu\u00df den Weg zum Ziel erst einmal erf\u00fchlen, er mu\u00df die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit aufsp\u00fcren, er mu\u00df Hilfe holen aus dem Bereich des Irrationalen. er mu\u00df etwas von einem Tr\u00e4umer haben. &#8211; Als sich der vor einigen Jahren verstorbene gr\u00f6\u00dfte Mathematiker der Gegenwart, der G\u00f6ttinger David Hilbert, mit einer Dame \u00fcber einen gemeinsamen jungen Bekannten unterhielt und die Dame ihn fragte: &#8222;Warum treibt er denn nicht mehr Mathematik?&#8220;, da antwortete Hilbert: &#8222;Er hatte zu wenig Phantasie.&#8220; &#8211; Auf die weitere<br>Frage: &#8222;Und was ist nun aus ihm geworden?&#8220; gab Hilbert zur Antwort: &#8222;Dichter&#8220;.<br>&nbsp;<br>Im allgemeinen wird die mathematische Denkweise wohl als deduktiv angesehen. &#8211; Das stimmt auch, aber nur bedingt: Wenn es sich n\u00e4mlich darum handelt, erst einmal ein Problem zu <em>erkennen,<\/em> und einen L\u00f6sungsweg zu suchen, dann ist das induktive Denken am Platze: Aus gewissen Einzeltatsachen heraus, aus Feststellungen f\u00fcr Sonderf\u00e4lle, aus seiner mathematischen<br>Erfahrung heraus gewinnt der Mathematiker oft zun\u00e4chst einmal aus all diesen kleinen Bausteinen ein verschwommenes Bild von dem Weg, der ihn zum Ziele f\u00fchren kann. Richtschnur in seinem Suchen sind dabei auch manchmal Sch\u00f6nheit und Harmonie der einzelnen Bausteine untereinander, da die einfache und die sch\u00f6ne L\u00f6sung oft identisch sind. &#8211; Er mu\u00df mit viel Flei\u00df und Geduld die Dinge miteinander verkn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Es gibt kein Rezept, nach dem er sich richten kann.<br>&nbsp;<br>Als einer der gr\u00f6\u00dften Mathematiker, der um 300 v.Chr. durch seine &#8222;Elemente&#8220; ber\u00fchmt gewordene Euklid einmal von seinem K\u00f6nig Ptolemaios Philadelphos gefragt wurde, ob es f\u00fcr den, der sich mit der Mathematik vertraut machen wolle, keinen bequemeren Weg g\u00e4be als den seiner &#8222;Elemente&#8220;, hat er stolz zur Antwort gegeben: &#8222;F\u00fcr die Mathematik gibt es keinen K\u00f6nigsweg.&#8220;<br>&nbsp;<br>Der entscheidende Gedanke kommt dem Mathematiker manchmal nicht durch scharfes Nachdenken oder logische Schl\u00fcsse, sondern urpl\u00f6tzlich, w\u00e4hrend eines Spazierganges, &#8211; oder abends, bei einem Glase Wein. Es tauchen pl\u00f6tzlich Zusammenh\u00e4nge auf, er verkn\u00fcpft neue Gedanken mit alten &#8230; Dann kann es ihn packen: Papier und Bleistift braucht er dann. &#8211; Dieser sch\u00f6pferische<br>Gedanke ist das Entscheidende; durch ihn entsteht aus all den vielen kleinen Bausteinen erst ein Geb\u00e4ude.<br>&nbsp;<br>Aber wie bei einem K\u00fcnstler \u00fcberhaupt ist damit erst der erste Schritt getan. Es fehlt noch die Ausf\u00fchrung des Baues: Er mu\u00df seine Gedanken schriftlich niederlegen. Aber der als K\u00fcnstler anzusprechende Mathematiker begn\u00fcgt sich nicht mit der blo\u00dfen Darlegung seiner Gedankeng\u00e4nge, sondern er will diese Mitteilung in eine vollendete Form bringen, sie soll elegant sein, d.h. einfach, durchsichtig, klar, pr\u00e4gnant, ohne Umwege auf das Ziel lossteuernd. Dazu bedient er sich einer eigenen Sprache: der mathematischen. Nur in dieser lassen sich seine Aussagen auf eine klare und durchsichtige Weise machen. Und: Wer ihn verstehen<br>will, der mu\u00df diese Sprache gelernt haben, sonst ist ihm der Zugang zu dieser Welt verschlossen. Sie, diese Sprache, ist das Tor zu dieser exklusiven Kunst.<br>&nbsp;<br>Dieses Ringen um die eleganteste und sch\u00f6nste Formulierung zwingt ihn auch zum letzten Durchdenken seiner Gedankeng\u00e4nge, und oftmals gewinnt er erst dadurch das Letzte an Erkenntnis. &#8211; Aber das Wesentliche bei dieser Arbeit scheint mir gar nicht immer die Notwendigkeit oder Absicht der Mitteilung seiner Gedanken an andere zu sein, sondern er f\u00fchlt oft einen bohrenden Drang in sich, seine Gedanken zu formen, zu gestalten &#8211; und in eine endg\u00fcltige Form zu bringen &#8230; Es geht ihm wie einem Bildhauer, den es packt, einem Klumpen Lehm die ihm vorschwebende Gestalt zu geben.<br>&nbsp;&nbsp;<br>Wenn dann der Beweis oder die L\u00f6sung in der konzentrierten mathematischen Sprache dastehen, nackt, ohne schm\u00fcckendes Beiwerk, dann sieht man darin nichts von dem Ma\u00df an Phantasie, Intuition und von den irrationalen Kr\u00e4ften, die daf\u00fcr n\u00f6tig waren. &#8211; Man kann sich ganz klein vorkommen (?), wenn man nur die fertige L\u00f6sung sieht und ohne viel M\u00fche auf dem gebahnten Weg zum Gipfel gef\u00fchrt wird: Von dem Ringen, der Freude und dem Gl\u00fcck des Sch\u00f6pfers sp\u00fcrt man kaum etwas.<br>&nbsp;<br>Die Gesetze der Sch\u00f6nheit sind in der Mathematik selbstverst\u00e4ndlich andere als in der Dichtkunst oder der Musik. Es ist nicht einfach, einen Fernerstehenden von dieser Sch\u00f6nheit zu \u00fcberzeugen. Aber f\u00fcr einen Mathematiker kann das Kennenlernen eines Beweises oder eines mathematischen Zusammenhanges &#8211; in eleganter Weise dargeboten &#8211; wie das Lesen einer Dichtung oder das H\u00f6ren von Musik sein. &#8211; Und wenn er tief eingedrungen ist in die wunderbare Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, Harmonie und Sch\u00f6nheit der Zahlen und Formen, dann kann ihn ein Gef\u00fchl \u00fcberstr\u00f6men, das ihn mit Bescheidenheit, Demut und Ehrfurcht erf\u00fcllt, und er f\u00fchlt sich dem H\u00f6chsten nahe und verbunden.<br>&nbsp;<br>Meine lieben Abiturienten aus der G 13, deren Klassenlehrer und Mathematiklehrer ich war: Wir wollen uns nun einmal r\u00fcckschauend unserer mathematischen Stunden erinnern. &#8211; Da sah es oft anders aus als in der Werkstatt eines sch\u00f6pferischen Mathematikers, der ihr &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; nicht wart. Wir hatten Schwierigkeiten, mit dem einfachsten Handwerkszeug umzugehen; viel Zeit brauchten wir, um \u00fcberhaupt erst die mathematische Sprache zu lernen. &#8211; Oder l\u00e4\u00dft sich vielleicht doch Gemeinsames mit<br>dem, von dem ich sprach, aufdecken?<br>&nbsp;<br>Ich habe bisher in meinen Ausf\u00fchrungen den n\u00e4chstliegenden Sinn und Zweck der Mathematik, der ihren Wert am offenkundigsten zeigt, \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt: ihre praktische Bedeutung, vor allem: ihre Unentbehrlichkeit f\u00fcr die Naturwissenschaften und f\u00fcr die Technik. Diese Bedeutung ist so augenscheinlich, dass ich sie (entsprechend meiner am Anfang bekundeten Absicht, nur einige Wesensmerkmale der Mathematik herauszugreifen) nicht weiter betonen m\u00f6chte. &#8211; Ich tue es auch deswegen nicht, weil<br>die M\u00f6glichkeit der Anwendung der Mathematik ihr Wesen nicht trifft: Die Mathematik ist f\u00fcr sich alleine, als Wissenschaft, ein formvollendetes Geb\u00e4ude, das sch\u00f6n, stolz und unangreifbar dasteht, unabh\u00e4ngig davon, ob es in der Praxis von Nutzen ist oder nicht &#8230;<br>&nbsp;<br>Dieses Bekenntnis bedeutet allerdings nicht, dass wir im Unterricht die Anwendungen vernachl\u00e4ssigt haben, ganz im Gegenteil: Eine unserer Hauptaufgaben bestand oft darin, in einer Fragestellung des t\u00e4glichen Lebens den mathematischen Kern zu erkennen und zu isolieren. Und manchmal waren es praktische Aufgaben, durch die die mathematische Stoffauswahl festgelegt wurde. Wir haben z.B. die Geometrie der Kugel nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern haben die Bestimmung von Entfernungen, Kurswinkeln und \u00e4hnlichem als Ziel hingestellt und nur das von der Theorie herangezogen,&nbsp; was zur L\u00f6sung dieser praktischen Aufgabe<br>notwendig ist.<br>&nbsp;<br>Solches Vorgehen scheint mir fruchtbar und sinnvoll zu sein: Ein Problem wird aufgeworfen, man tastet nach einer L\u00f6sung, st\u00f6\u00dft auf<br>Schwierigkeiten, die nur \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen durch das Kennenlernen eines weiteren Gebietes der Mathematik. So folgt die Notwendigkeit, sich mathematisch Neues anzueignen, aus der Anwendung heraus &#8211; und nicht so, dass man sich mathematische S\u00e4tze und Zusammenh\u00e4nge erarbeitet &#8211; und sie hinterher anwendet.<br>&nbsp;<br>Durch die Wertsch\u00e4tzung der Anwendungen wollen wir uns aber nicht davon abbringen lassen, uns des Wertes der formenden und \u00e4sthetischen Werte der Mathematik, von denen ein Teil im Vordergrund meiner Betrachtungen stand, bewu\u00dft zu bleiben. Ich habe im Unterricht immer wieder versucht, euch einen mathematischen Gedankengang nicht fix und fertig darzubieten, sondern euch die Wege zur mathematischen Erkenntnis selbst finden zu lassen &#8211; und mit euch all die Umwege und Irrwege zu gehen. Ich hoffe, dass ihr etwas von dieser tastenden und gr\u00fcbelnden Atmosph\u00e4re eingefangen habt. &#8230;<br>&nbsp;<br>Unsere hochverehrten goldenen Abiturienten von 1904 k\u00f6nnen uns vielleicht best\u00e4tigen, dass die Wege und Ziele des mathematischen Unterrichts vor einem halben Jahrhundert meistens anders geartet waren. Damals war der Unterricht, vor allem in der Geometrie, beherrscht von den Methoden und Wegen, die Euklid in seinen schon erw\u00e4hnten, ber\u00fchmten, etwas n\u00fcchternen &#8222;Elementen&#8220; eingeschlagen hatte. &#8211; In diesen 13 B\u00fcchern baute er aus Axiomen, Postulaten und Definitionen die ganze Mathematik<br>auf. Sie sind eine Lekt\u00fcre f\u00fcr gereifte Mathematiker, aber kein Leitfaden f\u00fcr solche, die erst in die Mathematik eindringen wollen.<br>Trotzdem lagen sie 2000 Jahre lang dem mathematischen Unterricht zugrunde. Auf diese Weise bekam der junge Lernende den mathematischen Stoff in einer kurzen, konzentrierten Form vorgesetzt, so dass Problem und L\u00f6sung nicht <em>erlebt<\/em> werden konnten. &#8211; So ist die beh\u00f6rdliche Stellungnahme der Preu\u00dfischen Dom\u00e4nenkammer aus dem Jahre 1804 verst\u00e4ndlich, in der es hei\u00dft: &#8222;Es ist begreiflich, dass der Unterricht in der Mathematik nicht allen J\u00fcnglingen verst\u00e4ndlich gemacht werden kann.&#8220; &#8211;<br>&nbsp;<br>Anders klingt das, was Lichtenberg, der im 18. Jahrhundert Professor der Mathematik und Physik in G\u00f6ttingen war, in seinen Aphorismen schreibt: &#8222;Da die Mathematik keiner fremden Hilfe bedarf, so ist sie nicht allein die gewisseste und zuverl\u00e4ssigste aller menschlichen Wissenschaften, sondern gewi\u00df auch die leichteste. Alles, was zu ihrer Erweiterung dienen kann, ist in dem Menschen selbst. Die Natur richtet jeden klugen Menschen mit dem vollst\u00e4ndigen Apparat aus, wir bekommen ihn als Aussteuer mit.&#8220; &#8211; (Anmerkung eines Griechischlehrers: nachzulesen bei Platon, Menon, 83 ff., dort fast in derselben Formulierung).<br>&nbsp;<br>Meine lieben jungen Freunde: Ich w\u00fcnsche, eure mathematischen Erinnerungen beschr\u00e4nkten sich nicht nur auf den Satz des Pythagoras, auf die Additionss\u00e4tze der Trigonometrie und auf das Wissen um die Gleichung der Parabel bei verschiedener Lage ihres Scheitels. Nehmt etwas von dem <em>Geist <\/em>der Mathematik mit hinaus in das Leben, etwas von der Klarheit, der Exaktheit, der Sachlichkeit, von dem Ringen und Suchen, und viel von seiner unbestechlichen Wahrheit, seiner Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, Harmonie und Sch\u00f6nheit. Denn das, was euch die Mathematik und dar\u00fcber hinaus die Schule und das Leben an <em>Wissen <\/em>um manche Dinge mitgegeben haben, ist vielleicht bald vergessen. Aber das Wesentliche ist das, was dann noch \u00fcbrig geblieben ist, wenn ihr alles dies vergessen habt.<br>&nbsp;<br>Dieses \u00dcbriggebliebene ist ein wertvolles Gut, es bleibt euch erhalten, wenn ihr vielleicht einmal all euren irdischen Besitz verloren habt und weinend auf den Tr\u00fcmmern eures Hauses sitzt. &#8211; Es hilft dem Menschen, seine W\u00fcrde zu bewahren.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Streiflicht Streiflichter aus der langen Geschichte des WG, zusammengetragen aus Archiven, Zeitschriften, Dokumenten usw.; absichtlich nicht immer chronologisch; &#8211; dazwischen gelegentlich auch andere Texte, die mit uns und unserem Anliegen zusammenh\u00e4ngen.&nbsp;neu (April 2005): Unsere Festschrift von 1981: 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium.Einladung zur Subskription f\u00fcr die Neuauflage.&nbsp;&nbsp;bisher:Nr. 1: Der betende Knabe.Nr. 2: Noch einmal: Der betende &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/lesenwertes\/das-streiflicht\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas Streiflicht\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":12,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-978","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/978","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=978"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/978\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":984,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/978\/revisions\/984"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}