{"id":960,"date":"2020-12-18T15:00:03","date_gmt":"2020-12-18T15:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/?page_id=960"},"modified":"2020-12-18T15:08:37","modified_gmt":"2020-12-18T15:08:37","slug":"varia-variorum","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/lesenwertes\/varia-variorum","title":{"rendered":"Varia Variorum"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Varia Variorum<\/h1>\n\n\n\n<p>&nbsp;<br><br>Vermischte Texte jeglicher Art von verschiedenen Autoren<br>&nbsp;<br>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#wohlenberg\">Abiturrede Dieter Wohlenberg. 24. Juni 2005<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#vanja\">Abiturrede Vanja Kovacev und Rupprecht zu Dohna. 24. Juni 2005<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#rund2005\">Rundschreiben an die Ehemaligen. April 2005<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#rodewald\">Abiturrede Wulf Rodewald, 21. Juni 2004<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#Urkunde\">Urkunde zur Grundsteinlegung des neuen Oberstufenhauses: 23. Mai 2003<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#boemer\">Nachruf auf Franz B\u00f6mer, gest.27.Januar 2004<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#rund2003\">Rundbrief an die Ehemaligen: 8.12.2003<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#glagesub\">Matthias Glage: Fragen eines subjektiven Subjektes<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#glagevor\">Der vorherige Text von Matthias Glage<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#glageabi\">Matthias Glage: Ansprache an die Abiturienten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#officina\">Varia Variorum Latina &#8211; Lateinische Sentenzen; ex officina WG<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#menso\">Menso Heyl: An die Hamburger Abiturienten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#heyl\">Abiturrede Menso Heyl,&nbsp; 24. Juni 2003<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;  <a href=\"#rueckblick\">R\u00fcckblick auf das Jubil\u00e4umstreffen am 7.September 2002, mit einem Nachtrag von Philip Marx (Abit. 1997)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#urbach\">f\u00fcr Helga Urbach zum 78. Geburtstag, 1. August 2002<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#abiull\">Abiturrede Gudrun Ullrich, 20. Juni 2002<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#beutler\">Abiturrede Johannes Beutler, 20. Juni 2002<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#harms\">Nachruf auf Hannsj\u00fcrgen Harms, Dezember 2001<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#gevatter\">Walter Gerhard: Ansprache zum Tode von Dr. Hagen Lenthe, 30. Juni 1955<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#kramer\">Als Nachtrag: Gerhart Hauptmann, Michael Kramer, Vierter Akt, Schlussszene<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#waller\">Gabriele Kr\u00fcger: Nachruf auf Susanne Waller, gest. 11. Dez. 2003<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#fuhrmannleben\">Wie es im Leben so geht: Manfred Fuhrmann<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#fuhrmannnochmal\">Noch einmal zu Manfred Fuhrmann<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; <a href=\"#fuhrmann\">Manfred Fuhrmann: Wer nicht von dreitausend Jahren &#8230;<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"wohlenberg\"><br><br>Abiturrede Dieter Wohlenberg. 24. Juni 2005<\/h2>\n\n\n\n<p>Der folgende Text ist die Ansprache, die Dieter Wohlenberg, Dr. theol., Abit. WG 1955, als Ehemaliger an die diesj\u00e4hrigen Abiturienten gerichtet hat. Seine Rede steht damit damit in einer Tradition, die seit einigen Jahren mit grossem Erfolg an unserer Schule praktiziert wird.<br>&nbsp;<br>Allen, die gelegentlich in unserer alten Festschrift bl\u00e4ttern, ist Dieter Wohlenberg bereits bestens bekannt: als Verfasser des Beitrags \u00fcber &#8222;die \u00c4ra Gustav Fock&#8220; und das Musikleben am WG um 1950 (S. 222ff.).<br>&nbsp;<br>Die Anfangsverse wurden \u00fcbrigens von ihm gesungen, mit m\u00e4chtiger und raumf\u00fcllender Bassstimme, vergleichbar den Posaunen des J\u00fcngsten Gerichts. Ein gewisses Erschrecken bei einigen Zuh\u00f6rern legte sich schnell &#8211; und machte einem befreiten Aufatmen Platz, als sie erfuhren, wie alles zusammenhing. &#8211; Und einer sagte hinterher, er habe an die Katharsis-Theorie der antiken Trag\u00f6die denken m\u00fcssen.<br>&nbsp;<br>Am Klavier, umsichtig und einf\u00fchlsam begleitend: Angela Reinhardt, eine junge Musiklehrerin am WG (die \u00fcbrigens erst ganz kurz vorher, durch einen Anruf aus Berlin, von dem Ansinnen erfahren hatte, &#8211; und dann spontan dazu bereit war).<br>&nbsp;<br>Wach auf, du verrotteter Christ!<br>&nbsp;<br>Mach dich an dein s\u00fcndiges Leben,<br>&nbsp;<br>zeig was f\u00fcr ein Schurke du bist,<br>&nbsp;<br>der Herr wird es dir dann schon geben!<br>&nbsp;<br>Verkauf deinen Bruder, du Schuft!<br>&nbsp;<br>Verschacher dein Ehweib, du Wicht!<br>&nbsp;<br>Der Herrgott, f\u00fcr dich ist er Luft?<br>&nbsp;<br>Er zeigt dirs beim J\u00fcngsten Gericht!<br>&nbsp;<br>Meine Damen und Herren: damit Guten Morgen!<br>&nbsp;<br>Ihnen allen gelten meine herzlichen Gl\u00fcckw\u00fcnsche:<br>&nbsp;<br>Vor allem Ihnen, hochrespektable Abiturientinnen und Abiturienten: Sie haben mit dem Schulabschluss die Voraussetzung f\u00fcr Weiteres erreicht.<br>&nbsp;<br>Gratulation nicht minder Ihnen, den gl\u00fccklichen Eltern: Sie k\u00f6nnen &#8211; zumindest kurzfristig &#8211; die Sorge um Ihre T\u00f6chter und S\u00f6hne beiseite lassen.<br>&nbsp;<br>Und Gl\u00fcckwunsch ebenso Ihnen, verehrte Kolleginnen und Kollegen: Sie d\u00fcrfen erleichtert sein, mal wieder einen Jahrgang \u00fcber die H\u00fcrde gehievt zu haben.<br>&nbsp;<br>Ich bin selbst einige Jahre lang Lehrer gewesen, in Hamburg und in Hessen; dann war ich in Nordrhein-Westfalen in der Lehrerausbildung und sp\u00e4ter viele Jahre in der Erwachsenenbildung t\u00e4tig; jetzt lebe ich im Ruhestand, in Deutschlands interessantester Stadt (w\u00e4hrend Sie in der sch\u00f6nsten zuhause sind). &#8211; Mit Schule habe ich nur noch als ehrenamtlicher Vorleser und Leselernhelfer in einer Kreuzberger Grundschule zu tun.<br>&nbsp;<br>Nat\u00fcrlich habe ich \u00fcberlegt: Was kann man einer solchen Festversammlung zumuten und womit sollte man sie verschonen? &#8211; Denn, mit Karl Kraus: &#8222;Es gen\u00fcgt nicht, keine Gedanken zu haben; man muss auch unf\u00e4hig sein, sie auszudr\u00fccken&#8220; &#8211; ein Motto, das wahrscheinlich \u00fcber vielen schulischen Textprodukten stehen k\u00f6nnte, von Profilentw\u00fcrfen bis zu Abituraufs\u00e4tzen.<br>&nbsp;<br>Deshalb habe ich Sie mit einem gesungenen Einstieg genervt, dem Morgenchoral des Peachum aus der &#8222;Dreigroschenoper&#8220;, Text von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill. &#8211; Beide kamen im Unterricht der 50er Jahre nicht vor. Der Autor stand in der Zeit des Kalten Krieges unter Kommunismusverdacht und wurde ignoriert. Der Komponist gen\u00fcgte nicht den Niveauanforderungen des Musikunterrichts. Ein kleines St\u00fcck Wiedergutmachung also, wenn auch ohne Interpretation (dergleichen selbst zu leisten, haben Sie ja gelernt).<br>&nbsp;<br>Dieser Auftritt war aber auch als Dankeszeichen gemeint gegen\u00fcber der Schule und unseren damaligen Lehrern. &#8211; Sie haben uns immer wieder Podiumserfahrung erm\u00f6glicht, den Mut zur Bew\u00e4hrung vor Publikum, &#8211; Texte bei Schulfeiern, Rollen in Auff\u00fchrungen, Beteiligung an musikalischen Ereignissen, dazu f\u00fcr mich immer wieder Aufgaben am Klavier. &#8211; Und so maulte Herr Dr. Drude, als ich mal wieder an einer \u0086\u00dcbersetzung scheiterte: &#8222;Wohlenberg, Sie k\u00f6nnen och bloss Klavier spielen.&#8220;<br>&nbsp;<br>Ich bleibe beim Anekdotischen und beschr\u00e4nke mich auf zwei Personen, die seit meiner Schulzeit bis heute am WG \u00fcberdauert haben. &#8211; Sie kennen sie also. &#8211; Die erste Person ist Dr. Peter-Rudolf Schulz. Er war unser best\u00e4ndiger Klassenprimus, nun auch Goldener Abiturient. &#8211; Wenn im Physikunterricht irgendetwas &#8211; und das war ziemlich regelm\u00e4ssig der Fall &#8211; nicht funktionierte, z.B. der Papinsche Topf, hiess es prompt: &#8222;Schulz, geh zum Mechaniker.&#8220; &#8211; An diesem Satz erkennt man zweierlei: (a) Schulz bedurfte des inzwischen behelfsm\u00e4ssig<br>weitergef\u00fchrten Unterrichts nicht, &#8211; und, h\u00f6chst staunenswert, (b) die naturwissenschaftliche Sammlung verf\u00fcgte \u00fcber den Arbeitsplatz einer Fachkraft, die f\u00fcr ihre Wartung zust\u00e4ndig war. &#8211; Goldene Zeiten!<br>&nbsp;<br>Trotz des fehlenden Bedarfs an Unterricht war Schulz gleichwohl dessen h\u00f6chst aufmerksamer Beobachter. Und wenn in Mathe Herr Zachariae, ein Mensch von unbestechlicher Korrektheit, die Tafel mit ellenlangen Ableitungen beschrieb, kam es zuweilen vor, dass Schulz in aller H\u00f6flichkeit sich erlaubte, auf einen Fehler hinzuweisen. &#8211; Zachariae, leicht irritiert, pr\u00fcfte den Sachverhalt, um dann zu erkl\u00e4ren. &#8222;Leider haben Sie recht&#8220;, &#8211; ein, wenn auch etwas verstecktes Lob.<br>&nbsp;<br>Mir wurde solches nicht zuteil, als ich in der Abiturarbeit bei einer Aufgabe zwar zum richtigen Ergebnis kam, &#8211; aber auf einem nicht akzeptierten L\u00f6sungsweg. Mein Ergebnis war &#8211; wie Zachariae darunterschrieb und unterstrich &#8211; &#8222;falsch&#8220;, weil nur &#8222;zuf\u00e4llig&#8220; richtig: ein Urteil von geradezu Loriotscher Qualit\u00e4t.<br>&nbsp;<br>Wieso weiss ich \u00fcberhaupt davon? Nach der damals vorgeschriebenen Sperrfrist durften wir unsere Abiturarbeiten und auch andere Materialien nicht nur einsehen, sondern mitnehmen. Ich konnte also auch meinen Deutsch-Aufsatz und meinen Bildungsbericht nachlesen. Letzterer war eine Darlegung des eigenen Bildungsganges von der Kindheit bis zum Abitur und war mit der Meldung zum Abitur einzureichen. Bei dieser Lekt\u00fcre war ich tief erschrocken \u00fcber den Grad der Anpassung, der sich da zeigte: Anpassung an damals geltende Idealmuster und vermutete Lehrermeinungen. &#8211; Erziehung zum kritischen Denken, Mut zur Abweichung und die F\u00e4higkeit, sie argumentativ zu bew\u00e4hren, hatten noch keinen Stellenwert. &#8211; Darf ich hoffen, dass sich das gr\u00fcndlich ge\u00e4ndert hat?<br>&nbsp;<br>Die N\u00f6tigung zur Anpassung kann auch folgenden Grund haben: In den Klassen 5 und 6 hatten wir einen Klassenlehrer, der uns, immerhin 42 Jungen, mit selbstverst\u00e4ndlicher Autorit\u00e4t, mit Humor und grossv\u00e4terlicher G\u00fcte durch die anfangs ungewohnten gymnasialen Gefilde leitete. &#8211; Stellte jemand eine schulorganisatorische Frage, pflegte er zu sagen: &#8222;Liebling, geh zu Tante Hoffmann!&#8220;; das war die Schulsekret\u00e4rin. &#8211; Handelte es sich um eine Sachfrage, konnte er den Fragesteller nach vorn locken: &#8222;Liebling, ich will es dir ganz genau sagen&#8220;,<br>und leise, aber h\u00f6rbar ihm ins Ohr fl\u00fcsternd: &#8222;Ich weiss es nicht.&#8220;<br>&nbsp;<br>Als wir uns nach den Ferien frohgemut&nbsp; in der Klasse 7 einfanden, erlebten wir die \u0086\u00dcberraschung eines neuen Klassenlehrers, der uns sofort in einer Weise und in einem Masse zusammenschiss &#8211; Verzeihung; aber man kann es nicht anders nennen &#8211; dass es f\u00fcr die meisten bis zum Abitur reichte, &#8211; in einem Fall bis heute ein Trauma. Dass wir ihm bis zum Abitur in drei Hauptf\u00e4chern (Deutsch, Latein und Griechisch) ausgeliefert blieben, dazu Religion und zeitweise Geschichte und Philosophie bei ihm hatten, machte die Sache nicht eben ertr\u00e4glicher. Man versuchte zu \u00fcberleben, und manchmal stand schon der Schulweg unter vorausahnenden \u00c4ngsten.<br>&nbsp;<br>Doch l\u00e4sst sich auch Positives sagen: Bei Schullandheimaufenthalten und Klassenfahrten blieb niemand, etwa aus finanziellen Gr\u00fcnden, aussen vor. Und der Ehrgeiz dieses Klassenlehrers forderte uns nat\u00fcrlich auch: So spielten wir in seiner Einstudierung die &#8222;Antigone&#8220; des Sophokles in griechischer Sprache. Ich hatte das sch\u00f6nste Kost\u00fcm und die k\u00fcrzeste Rolle, n\u00e4mlich die der K\u00f6nigin Eurydike.<br>&nbsp;<br>Mit Hilfe der Einnahmen aus drei Auff\u00fchrungen und deren Aufzeichnung beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk konnten wir in der Abschlussklasse eine Italienreise machen (damals noch etwas ganz Ungew\u00f6hnliches), die mich z.B. angesichts der Tempel von Paestum ahnen liess, weshalb ich Griechisch im Vergleich zu Latein immer als das Lebendigere und Sch\u00f6nere empfunden hatte, obwohl es mir schwerer fiel. (Die jahrzehntelange Sehnsucht, diesem Eindruck noch einmal nachzusp\u00fcren, konnte ich mir vor einigen Wochen erf\u00fcllen &#8211; meine ganz eigene 50-Jahr-Feier -, ein Gl\u00fccksmoment). &#8211; In der Erinnerung \u00fcberwiegen also auch hier Gef\u00fchle der Dankbarkeit.<br>&nbsp;<br>Zur\u00fcck zum Anekdotischen. Ich bin Ihnen die zweite Person schuldig, auf die ich erst jetzt komme, uncharmanterweise, denn es handelt sich um eine Dame. &#8211; Wir galten ja als eine gute Klasse und waren deshalb bevorzugtes Versuchsfeld f\u00fcr eine ganze Reihe von Referendaren &#8211; und einer Referendarin, in Latein: Frau Dr. Helga Urbach. &#8211; Mein Erlebnis mit ihr hat den Hintergrund, dass das WG bis 1953 eine reine Jungenschule war; auch im Lehrerkollegium gab es nur Herren. Insofern war eine Referendarin schon eine Sensation. &#8211; Im Unterricht bei Frau Dr. Urbach \u00fcbersetzten wir nun eines Tages eine Geschichte, vermutlich aus den Metamorphosen des Ovid. Es ging jedenfalls um eine weibliche Person, vielleicht Niobe, die angstvoll ihre Kinder an ihre Brust dr\u00fcckte. Ich war dran, und es war mir unm\u00f6glich, in Gegenwart einer Frau von einer weiblichen Brust zu reden. Ich \u00fcbersetzte also: &#8222;Sie dr\u00fcckte sie an sich.&#8220; Frau Dr. Urbach bestand auf korrekter \u0086\u00dcbersetzung und war auch mit meinem neuen Versuch: &#8222;dr\u00fcckte sie an ihren K\u00f6rper&#8220; hartn\u00e4ckig<br>unzufrieden. &#8211; &#8222;Er mag es nicht sagen&#8220;, rief einer dazwischen. &#8211; So war es: so verklemmt waren wir damals. &#8211; Sich bei uns durchzusetzen, fiel Frau Dr. Urbach \u00fcbrigens keineswegs schwer. Aufgrund klarer Zielsetzungen und fachlicher Kompetenz gewann sie unerzwungenen Respekt. &#8211; Und es ber\u00fchrt mich sehr (und absolut nicht mehr peinlich), Ihnen, Frau Dr. Urbach, bei dieser Gelegenheit noch einmal zu begegnen.<br>&nbsp;<br>Fast alle Mitsch\u00fcler sind das geworden, was sie beim Abitur als Berufsziel angegeben hatten. Und fast alle sind in Hamburg und seiner n\u00e4chsten Umgebung geblieben. Unsere Zukunft war noch gewiss. Ihre ist fragil, und Garantien gibt es nicht mehr. Das \u0086\u00dcberangebot von Wissen schafft paradoxerweise Ungewissheit. Alles<br>scheint m\u00f6glich, aber kaum etwas erweist sich als realisierbar. Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t sind gefragt, Risikobereitschaft. &#8211; Und die F\u00e4higkeit, Un\u00fcbersichtlichkeiten und Ambivalenzen auszuhalten, muss erst noch einge\u00fcbt werden.<br>&nbsp;<br>Das sind gewaltige Anforderungen, auch an die psychische Stabilit\u00e4t. Ich beneide Sie darum nicht.<br>&nbsp;<br>H\u00e4tte ich drei W\u00fcnsche f\u00fcr Sie frei, dann w\u00e4ren das:<br>&nbsp;<br>Erstens:<br>Ich w\u00fcnsche Ihnen Menschen, die an Sie glauben. &#8211; Einer meiner Mentoren in der Referendarzeit fragte mich einmal, ob ich mir nicht auch einen anderen Beruf vorstellen k\u00f6nnte. Ein anderer setzte Zutrauen in mich und begleitet mich als Freund bis heute. So wie auch Schulfreundschaften bis heute Bestand haben. Die Gegenerfahrung: Wir hatten ein Klassentreffen aus Anlass des 50j\u00e4hrigen Abiturs, und beim Verabschieden sagte einer zu mir: &#8222;Ich habe immer ein besonderes Faible f\u00fcr dich gehabt; aber du hast es wohl nie gemerkt.&#8220;<br>&#8211; M\u00f6gen Sie also freundschaftsf\u00e4hig sein, aufmerksam daf\u00fcr, was und wer Ihnen begegnet.<br>&nbsp;<br>Zweitens:<br>Ich w\u00fcnsche Ihnen, dass Sie Ihrer Schule dadurch dankbar bleiben, dass Sie das hier Gelernte und Erfahrene weiterentwickeln, \u00fcber Sach- und Leistungswissen hinaus. Nicht um eines Nutzens willen. Alles, was eine Funktion hat, ist ersetzlich. Unersetzlich ist nur, was zu nichts taugt &#8211; z.B. einen Roman lesen oder ein Gedicht, ohne eine Interpretation liefern zu m\u00fcssen, eine Bootstour machen, ohne einen Rekord aufstellen zu wollen, Musik h\u00f6ren, nicht um sie im Leistungskurs zu analysieren, nur so, aus und zur Freude. So entsteht Bildung, und so ersparen Sie sich lebenslang die Anstrengungen der Dummheit.<br>&nbsp;<br>Drittens:<br>Ich w\u00fcnsche Ihnen Zugang zu einer Utopie, die das Vorfindliche \u00fcberschreitet, zu einem Horizont, der auch in schwierigen Phasen sich nicht verdunkelt, Unterwegssein zu einer tragenden \u0086\u00dcberzeugung, vielleicht: Glaubenszuversicht. Ich w\u00fcnsche Ihnen die Erfahrung unverdienten Gelingens und unverhofften Bewahrtbleibens. In einer ganz alten Formel gesagt: Gnade sei mit Ihnen!<br>&nbsp;<br>Ein Symbol f\u00fcr solche Utopien kommt auch in der &#8222;Dreigroschenoper&#8220; vor: Es ist das Bild vom Schiff&nbsp; mit den acht Segeln im Song der Seer\u00e4uber-Jenny. Und jede und jeder mag dieses Bild mit der eigenen Sehnsucht f\u00fcllen und in der eigenen Lebensgestaltung konkret werden lassen:<br>&nbsp;<br>Meine Herren, heut sehn Sie mich Gl\u00e4ser auswaschen<br>&nbsp;<br>und ich mache das Bett f\u00fcr jeden.<br>&nbsp;<br>Und sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell<br>&nbsp;<br>und sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel<br>&nbsp;<br>und sie wissen nicht, mit wem sie reden!<br>&nbsp;<br>Aber eines Tages wird ein Geschrei sein am Hafen<br>&nbsp;<br>und man fragt: &#8222;Was ist das f\u00fcr ein Geschrei?&#8220;<br>&nbsp;<br>Und man wird mich l\u00e4cheln sehn bei meinen Gl\u00e4sern<br>&nbsp;<br>und man sagt: &#8222;Was l\u00e4chelt die dabei?&#8220;<br>&nbsp;<br>Und ein Schiff mit acht Segeln und mit f\u00fcnfzig Kanonen<br>&nbsp;<br>wird liegen am Kai!<br>&nbsp;<br>Meine Damen und Herren, hochrespektable Abiturientinnen und Abiturienten, verehrte Frau Dr. Urbach, lieber Peter: ich danke Ihnen f\u00fcr die Geduld des Zuh\u00f6rens; ich danke der Schule f\u00fcr die Einladung und Frau Reinhardt f\u00fcr die sensible Begleitung.<br>&nbsp;<br>Ihnen allen noch einen frohen Tag!<br>&nbsp;<br>Und das Schiff mit acht Segeln wird entschwinden mit mir<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"vanja\"><br><br>Vanja Kovacev, Rupprecht zu Dohna: Abituransprache 24. Juni 2005<\/h2>\n\n\n\n<p>Der folgende Text ist die Ansprache zweier Abiturienten aus unserem diesj\u00e4hrigen Abiturjahrgang; er ist von beiden gemeinsam verfasst und wurde in der Aula in Dialogform vorgetragen.<br>&nbsp;<br>Sehr geehrte Frau Westenhoff, &#8211; meine Damen und Herren, &#8211; liebe Eltern!<br>&nbsp;<br>Wir f\u00fchlen uns ausserordentlich geehrt, heute f\u00fcr den Abiturjahrgang 2005 die Abiturrede halten zu d\u00fcrfen.<br>&nbsp;<br>Am heutigen Tag der offiziellen Entlassung erhalten wir unser Abiturzeugnis und damit die Beglaubigung, die Reife zum Besuch einer Hochschule erlangt zu haben. &#8211; Im Gegensatz zu den Jahrg\u00e4ngen vergangener Jahrzehnte wagen wir zu behaupten, schon mehr von der Welt gesehen zu haben, mehr Eindr\u00fccke gewonnen, mehr Erfahrungen gesammelt zu haben. &#8211; Ob dies zugleich auch ein mehr an Selbst\u00e4ndigkeit und Verantwortungsbewusstsein bedeutet? &#8211; Wir w\u00fcnschen es uns.<br>&nbsp;<br>In vielen Sch\u00fclerreden findet man umfangreiche Darstellungen \u00fcber Beginn und Entwicklung der Klassen und Stufen von der 5. Klasse an. &#8211; Nun ist unser Jahrgang weniger durch den Zusammenschluss der beiden urspr\u00fcnglichen Klassen, als vielmehr durch eine ausserordentlich hohe Fluktuation w\u00e4hrend der Studienstufe gepr\u00e4gt worden: Weniger als die H\u00e4lfte derjenigen, die hier vor fast genau neun Jahren eingeschult worden sind, sitzen heute unter uns. Die andere H\u00e4lfte ist zum Teil erst seit sehr kurzer Zeit an dieser Schule. In vielerlei Hinsicht wurde unsere Stufe durch diese Zug\u00e4nge massgeblich gepr\u00e4gt. Der st\u00e4ndige Zustrom an vielf\u00e4ltigen und individuellen Pers\u00f6nlichkeiten f\u00fchrte zwar zum einen zu einer selten dagewesenen Heterogenit\u00e4t des Jahrgangs, erschwerte aber zum andern in vielen F\u00e4llen die erfolgreiche Aufnahme in die bestehende Struktur, wobei sich auch diese nicht durch eine grosse und abgeschlossene Gemeinschaft, sondern durch eine weitgehende Aufsplittung in kleine Gruppierungen definieren liesse.<br>&nbsp;<br>Das Fehlen einer Klassengemeinschaft, eines Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls und eines bisweilen nur schwach ausgepr\u00e4gten Toleranzempfindens spiegelten sich sowohl im unzul\u00e4nglichen Engagement der Sch\u00fcler in Bezug auf ausserunterrichtliche Aktivit\u00e4ten an der Schule, als auch in der Tatsache wider, dass ausserhalb der Schule ein Kontakt untereinander zumeist nur in schon ausgepr\u00e4gten Konstellationen stattfand.<br>&nbsp;<br>Ist nun aber dieses unzureichende Engagement nur symptomatisch f\u00fcr unsere Stufe &#8211; und damit ein Einzelfall, oder sind Grundz\u00fcge dieser Motivationslosigkeit auch sonst in Teilbereichen der Sch\u00fcler- und Lehrerschaft anzutreffen? &#8211; Mag auch unsere Stufe in dieser Hinsicht einen Extremfall darstellen, so ist doch das Vorhandensein derselben Symptome auf Schulebene nicht zu leugnen.<br>&nbsp;<br>Um dies besser zu veranschaulichen, sollte man an dieser Stelle einen Blick auf die Anf\u00e4nge unserer Schulzeit am Wilhelm-Gymnasium werfen. Nat\u00fcrlich sind wir uns der Tatsache bewusst, dass ein solcher R\u00fcckblick aufgrund der zeitlichen Distanz sowie aufgrund der fr\u00fchen Entwicklungsphase, in welcher wir uns befanden, leicht ins Verkl\u00e4rende oder Idealisierende abgleiten kann. Trotzdem lassen sich zwei pr\u00e4gnante Unterschiede zur heutigen Situation festhalten:<br>&nbsp;<br>So war zwar das Lehrer-Sch\u00fcler Verh\u00e4ltnis nie v\u00f6llig konfliktfrei, fusste aber auf etwas, was wir ein &#8222;inniges Verh\u00e4ltnis&#8220; nennen m\u00f6chten, welches sich in einer starken Verst\u00e4ndnisbereitschaft, in Kompromissf\u00e4higkeit und gegenseitigem Interesse zeigte. &#8211; Das zweite: Sowohl der passiven Teilnahme als auch der aktiven Gestaltung von unterrichtsexternen Veranstaltungen wie Theaterprojekten, Sport-AGs und musikalische Abenden wurde mehr Wert beigemessen. &#8211; Dabei soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass f\u00fcr begeisterungsf\u00e4hige und interessierte Sch\u00fcler am Wilhelm-Gymnasium heute keine Angebote best\u00fcnden,<br>&#8211; im Gegenteil, sie sind vorhanden; doch leiden sie zusehends unter steigendem Desinteresse weiter Teile der Sch\u00fclerschaft.<br>&nbsp;<br>Dieser Problematik liegt sicherlich nicht nur eine Ursache zugrunde, sondern sie entspringt mehreren Faktoren. Vielleicht der bedeutendste k\u00f6nnte der Zustand einer gewissen Identit\u00e4tskrise am Wilhelm-Gymnasium sein. Lassen Sie uns versuchen, im folgenden diesen Begriff der &#8222;Identit\u00e4tskrise&#8220; zu erl\u00e4utern. In den letzten Jahren haben wir Sch\u00fcler an unserer Schule in zunehmendem Masse das Gef\u00fchl von &#8222;gelebter Schule&#8220; vermisst. Immer weniger sehen sich die Sch\u00fcler als aktiven und wichtigen Teil unserer Schule; sie ziehen sich in Teilnahmslosigkeit und Desinteresse zur\u00fcck. Sie begreifen Schule nicht mehr als Ort einer Gemeinschaft, als Ort, an dem sie vor allem auch ihre menschliche Pr\u00e4gung erhalten, sondern in immer st\u00e4rkerem Umfang nur als<br>&#8222;Lernschmiede&#8220;.<br>&nbsp;<br>Hier m\u00fcsste die Schule ansetzen, um den Sch\u00fclern die Traditionen, also die Werte und Normen, f\u00fcr welche der Name &#8222;Wilhelm-Gymnasium&#8220; steht, zu vermitteln. Denn das grundlegende Problem ist nicht etwa, dass diese Werte nicht vorhanden seien, sondern dass es an der Information hapert, dass die Kommunikation und die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Sch\u00fclern optimiert werden muss.<br>&nbsp;<br>Dies zeigt sich auch am Bespiel des &#8222;Club of Rome&#8220;: Einige werden \u00fcber dieses Thema Bescheid wissen, die meisten wohl nur in rudiment\u00e4ren Umfang. Weitreichende Informationen k\u00f6nnen und wollen wir an dieser Stelle nicht geben, nur so viel: Die Kommunikationsdefizite wurden hier in so drastischer Weise deutlich, dass sogar Teile der Lehrerschaft nur unzureichend Auskunft \u00fcber das Prinzip &#8222;Club of Rome&#8220; geben konnten. Eben diese Verwirrung um &#8222;Club of Rome&#8220; ist es, die der Integrit\u00e4t unserer Schule in der momentanen Situation am meisten schadet. Oberste Priorit\u00e4t muss damit die Tilgung eben jener Unsicherheit sein, sowie die Bildung neuer Integrationsklammern, deren Entstehen von der selbstbewssten Umsetzung der Leitgedanken des &#8222;Club of Rome&#8220; abh\u00e4ngt. Erfolgversprechend k\u00f6nnte hierbei eine flexible und effiziente Kombination alter Denkstrukturen und neuer Methoden sein. Wann immer wir als nunmehr Ehemalige des Wilhelm- Gymnasiums unseren Beitrag zur \u0086\u00dcberwindung der momentanen Problematik leisten k\u00f6nnen, werden wir aus \u0086\u00dcberzeugung mit anpacken!<br>&nbsp;<br>Wir danken allen Lehrern &#8211; auch wenn sie heute bedauerlicherweise verhindert sind -, die uns angeregt haben, die unsere Neugierde und Motivation geweckt und unsere Kreativit\u00e4t gef\u00f6rdert haben und im Sinne unseres humanistischen Schulprofils dazu beigetragen haben, dass wir uns als Kosmopoliten zeigen werden.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"rund2005\"><br><br>Rundschreiben an die Ehemaligen. 6. April 2005<\/h2>\n\n\n\n<p>An die Mitglieder, Ehrenmitglieder und Freunde unserer Vereinigung, &#8211; insbesondere &#8211; wie allj\u00e4hrlich &#8211; schon jetzt an alle, die von der Schule f\u00fcr den ersten Sonnabend im September zum Abiturjubil\u00e4um eingeladen werden: die Abiturienten und Abiturientinnen von 1935, 1945, 1955, 1965, 1975, 1980, 1985, 1995 und 2000.<br>&nbsp;<br>Wie gewohnt: unser Rundschreiben zum Beginn des neuen Jahres, darin die \u00fcbliche Bitte um die \u00dcberweisung des Jahresbeitrags, die \u00fcbliche Einladung zur Hauptversammlung usw. usw., &#8211; alles diesmal ein wenig versp\u00e4tet und am Ende: fast ein wenig langweilig.<br>&nbsp;<br>Was man sich statt dessen w\u00fcnscht? Was wir uns w\u00fcnschen? &#8211; Ein &#8222;Mitteilungsblatt&#8220;, wie fr\u00fcher \u00fcblich, ein Heft, das damals drei- oder viermal im Jahr an alle Mitglieder verschickt wurde und in dem reichlich Platz und &#8211; dies am wichtigsten &#8211; auch ein entsprechender Rahmen war f\u00fcr Beitr\u00e4ge der verschiedensten Art, von verschiedensten Autoren: \u00fcber die Schule, \u00fcber die Ehemaligen, \u00fcber die Schulgeschichte, \u00fcber Schulpolitik und vieles andere mehr. Das ist zur Zeit nicht zu finanzieren: Fast unser gesamter Jahresetat w\u00fcrde &#8211; bei der inzwischen viel gr\u00f6sseren Zahl der Empf\u00e4nger &#8211; allein f\u00fcr die Portokosten draufgehen. &#8211; Dabei ist nicht einmal sicher, dass das Interesse daf\u00fcr besonders gross w\u00e4re. Die Schule produziert n\u00e4mlich seit etwa einem Jahr ein solches Heft f\u00fcr die Eltern unserer Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen, nicht sehr professionell hergestellt, aber immerhin akzeptabel und mit einigen guten und lesenswerten Beitr\u00e4gen. &#8211; Unsere Erfahrung? &#8211; Wir haben den Ehemaligen mehrmals angeboten, ein Exemplar dieses Heftes kostenfrei per Post zu erhalten. &#8211; Ergebnis:<br>fast null: eine einzige Anforderung. &#8211; \u00c4hnlich ging uns uns mit den amerikanisch aufgemachten &#8222;Jahrb\u00fcchern&#8220;, die ein paar Jahre lang an unserer Schule produziert wurden: Kein Interesse.<br>&nbsp;<br>Woran es liegt? &#8211; Unser Sohn Stephan, erfolgreicher Computerfachmann, formuliert es so: &#8222;Die jungen Leute, &#8211; alle, die heute erfolgreich sind im Beruf, wollen kein Papier mehr, sie holen sich alles aus dem Internet.&#8220; &#8211; Ich glaube ihm nicht, denn ein gut gemachtes Buch hat f\u00fcr die meisten auch heute noch einen ganz anderen Stellenwert als eine Internetseite. &#8211; In einem anderen Punkt allerdings &#8211; und daran denkt er auch &#8211; hat er gewiss<br>recht: Was die Herstellung angeht, da ist jeder Text im Internet unendlich viel bequemer, unendlich viel aktueller und: immer fast kostenlos.<br>&nbsp;<br>Wir haben uns, wie Sie wissen, darauf eingestellt und eine umfangreiche und gut funktionierende Homepage in Gang gebracht: www.ehemalige-wg.de; &#8211; die Zahl der dort publizierten Texte (darunter viele Edelsteine) ist inzwischen geradezu riesig, die Listen unserer Mitglieder und unserer Jubilare sind stets aktuell, und f\u00fcr alle, die es nutzen wollen, steht m\u00fchelos ein &#8222;Schwarzes Brett&#8220; zur Verf\u00fcgung; &#8211; dazu, zum Vergn\u00fcgen: 32 farbige Fotos von der Schule. &#8211; Unser Kummer dabei: Wir erreichen nur knapp die H\u00e4lfte unserer Mitglieder. F\u00fcr alle<br>anderen bleibt nur dieses karge Rundschreiben &#8211; und als Fernziel eben ein neues, vielleicht demn\u00e4chst wieder realisierbares &#8222;Mitteilungsblatt&#8220; (s.o.).<br>&nbsp;<br>Ein zweites: An alle, von denen wir eine e-mail-Adresse besitzen, schicken wir gelegentlich kurze aktuelle Nachrichten (nicht zu oft, um nicht l\u00e4stig zu fallen), auch Hinweise auf l\u00e4ngere Texte, die unter einer unserer Rubriken im Internet zu finden sind, aber auch hier erreichen wir wieder nur knapp die H\u00e4lfte unserer Mitglieder. &#8211; Daher unsere Bitte: Wenn Sie eine e-mail-Adresse haben, nennen Sie uns Ihre Adresse: Sie bekommen dann gelegentlich Nachrichten von uns, &#8211; und (dies ein zweiter Gesichtspunkt): Sie helfen uns damit, viel Geld und viel Arbeit zu sparen, weil wir Texte wie diesen Rundbrief Ihnen dann per e-mail schicken k\u00f6nnen: kein Porto, keine Arbeit beim Zusammenlegen, Eint\u00fcten, Sortieren usw.<br>&nbsp;<br><em>Nach diesem leichten Lamento die \u00fcblichen Punkte:<\/em><br>&nbsp;<br>(1) Jahresbeitrag 2005 (betrifft nur die ordentlichen Mitglieder). &#8211; Der Mindestbeitrag betr\u00e4gt nach wie vor EUR 15,&#8211; (f\u00fcr Mitglieder in Berufsausbildung EUR 5,&#8211;). &#8211; Ob wir Sie als &#8222;ordentliches Mitglied&#8220; f\u00fchren, sehen Sie an der Mitgliedsnummer (12 &#8230;) und auch am Ende dieses Schreibens; dort auch der Stand Ihrer Beitragszahlung. &#8211; Wir danken allen, die den Beitrag schon von sich aus \u00fcberwiesen haben, z.T. mit erheblich erh\u00f6hten Betr\u00e4gen, &#8211; und insbesondere allen, die zwar nicht Mitglied sind, aber von sich aus eine Spende geschickt haben. &#8211; Grunds\u00e4tzlich stellen wir unaufgefordert f\u00fcr derartige Spenden und ausserdem f\u00fcr jeden Eingang ab EUR 25,&#8211; eine individuelle Spendenbescheinigung aus. Sollte diese Bescheinigung irgendwo nicht richtig eingegangen sein, so bitten wir um Entschuldigung und um eine kurze Nachricht; &#8211; ebenso, wenn uns sonst bei der Verbuchung ein Fehler passiert ist.<br>&nbsp;<br>(2) Jubilare 2005. &#8211; Als Termin f\u00fcr das allj\u00e4hrliche Jubil\u00e4umstreffen hat sich seit mehreren Jahren der erste Sonnabend im September eingespielt, dieses Jahr also Sonnabend, 3. September. Seit dem vorigen Jahr ist zudem vereinbart, dass wir uns die Durchf\u00fchrung mit der Schule teilen: Wir, die Ehemaligen, \u00fcbernehmen die Korrespondenz mit den Jubilaren, das Aufsp\u00fcren fehlender Anschriften usw., &#8211; die Schule ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die offizielle Einladung an ihre ehemaligen Abiturienten und f\u00fcr die Gestaltung des Jubil\u00e4umstages (Essen, Trinken, F\u00fchrung durch die Schule usw.), &#8211; wobei auch hier ein gewisser finanzieller Zuschuss von unserer Seite m\u00f6glich sein soll (sofern die Hauptversammlung dem zustimmt).<br>&nbsp;<br>Alle, die in diesem Jahr zu unseren Jubilaren geh\u00f6ren, finden eine Liste ihres Jahrgangs im Internet (ehemalige-wg.de unter &#8222;Jubilare&#8220;, dort allerdings ohne Anschriften und nur, wenn wir zu ihnen Kontakt haben). &#8211; Alle Beteiligten erhalten ausserdem in den n\u00e4chsten Wochen von uns eine vollst\u00e4ndige Anschriftenliste ihres Jahrgangs, &#8211; mit der Bitte, uns bei Fehlern und L\u00fccken Nachricht zu geben. &#8211; Und als Kr\u00f6nung kommt dann, vermutlich im Juni, die offizielle Einladung der Schule. &#8211; Auf den ersten Blick viel Aufwand, aber wer den<br>Tag einmal erlebt hat, weiss, dass der Aufwand sich lohnt.<br>&nbsp;<br>(3) Festschrift 1981. &#8211; In dem beigef\u00fcgten Faltblatt lesen Sie, dass die Festschrift von 1981, in der damals aus Anlass unseres Schuljubil\u00e4ums die ersten hundert Jahre Wilhelm-Gymnasium dokumentiert wurden, restlos vergriffen ist. Wir haben in der Schule noch genau ein Exemplar, das reihum an Interessenten verliehen wird. Es liegt auf der Hand, dass wir versuchen wollen, das Buch nachzudrucken, eventuell mit Erg\u00e4nzungen und Korrekturen (z.B.: Abiturientenlisten bis zur Gegenwart fortgef\u00fchrt), aber im wesentlichen unver\u00e4ndert. Ein gutes Angebot der Druckerei D\u00fcrmeyer, die damals den Druck besorgt hat, liegt uns vor, aber &#8211; wir k\u00f6nnen es uns nicht leisten, ein finanzielles Abenteuer einzugehen.<br>&nbsp;<br>Wir haben daher in einer Vorstandssitzung der &#8222;Ehemaligen&#8220; beschlossen, die Neuauflage nur dann in Auftrag zu geben, wenn die Finanzierung gesichert ist. Das bedeutet: Der Herstellungspreis muss im wesentlichen durch den Verkauf gedeckt sein. Bei einer Auflage von 1.000 Exemplaren, bei 1.000 verkauften Exemplaren<br>und einem Preis von EUR 20,&#8211; je Exemplar w\u00e4re die Sache geregelt. &#8211; Bei 500 Exemplaren s\u00e4he es schon schwieriger aus.<br>&nbsp;<br>Es bleibt uns also nur der Weg \u00fcber eine Art Subskription. &#8211; Die Aussichten scheinen uns nicht schlecht: Von den rund 600 Eltern, die jetzt einen Sohn oder eine Tocher am WG haben, besitzt kaum jemand ein Exemplar. Von den rund 600 Abiturienten, die nach dem Erscheinen der Festschrift das WG verlassen haben, auch kaum jemand. Und im n\u00e4chsten Jahr, wenn das WG sich wieder in einer Festwoche pr\u00e4sentieren muss (125 Jahre Wilhelm-Gymnasium), gibt es sicher auch eine grosse Anzahl von Interessenten.<br>&nbsp;<br>Das ist aber alles nicht sicher. Daher unsere Bitte: Wenn Sie bereit sind, nach Erscheinen der Neuauflage ein Exemplar zu kaufen, dann teilen Sie uns das mit:<br>&nbsp;<br>entweder: per Post (Ehemalige WG, Klosterstieg 17, 20149 Hamburg);<br>&nbsp;<br>oder: telefonisch (415 20 20; 47 88 29; 0177\/251 98 59);<br>&nbsp;<br>oder: per Fax (415 20 218);<br>&nbsp;<br>oder: per e-mail (ehemalige@wilhelm-gymnasium.de);<br>&nbsp;<br>oder: pers\u00f6nlich.<br>&nbsp;<br>Wir werden die Vorbestellungen dann sichten und Ihnen Nachricht geben, ob die Neuauflage erscheinen wird, vermutlich schon ziemlich bald. &#8211; Sie k\u00f6nnten das Buch dann in der Schule abholen oder sich per Post zustellen lassen, wie Sie es w\u00fcnschen. &#8211; \u0086\u00dcberweisen Sie aber bitte im Moment noch kein Geld f\u00fcr die B\u00fccher, sonst m\u00fcssten wir ggf. alles zur\u00fcck\u00fcberweisen.<br>&nbsp;<br>Sollten Sie allerdings helfen wollen, die Neuauflage der Festschrift durch eine Sonderspende zu finanzieren, dann \u00fcberweisen Sie Ihre Spende auf das Sonderkonto, das wir zu diesem Zweck bei der Vereinsbank eingerichtet haben:<br>&nbsp;<br>Ehemalige WG Sonderkonto Festschrift<br>&nbsp;<br>Hypovereinsbank Hamburg (200 300 00): 252 30 251<br>&nbsp;<br>Wenn aus dem Projekt trotz aller Bem\u00fchungen nichts wird, erhalten Sie die Spende zur\u00fcck.<br>&nbsp;<br>Der Schulverein und der Verein der Ehemaligen, die gemeinsam das Copyright f\u00fcr die Festschrift haben, k\u00f6nnen aus ihrem laufenden Etat die Finanzierung nicht bestreiten. Sie sind allerdings bereit, im Rahmen eines befristeten Darlehens eine vorl\u00e4ufige Finanzierung zu gew\u00e4hrleisten. &#8211; Wir hoffen sehr, dass das Projekt<br>gelingt. Ohne die Hilfe aller Beteiligten (und das heisst hier: aller Interessierten) k\u00f6nnen wir aber nichts tun.<br>&nbsp;<br>Geplant ist nat\u00fcrlich ausserdem die Herstellung einer zweiten, vermutlich sehr viel schmaleren Festschrift, deren Thema die Entwicklung der letzten 25 Jahre und vor allem das Erscheinungsbild des Wilhelm-Gymnasiums im Jahre 2006 sein m\u00fcsste. Manche schw\u00e4rmen schon jetzt davon, wie man diese beiden<br>B\u00fccher &#8211; im h\u00fcbschen Doppelpack und mit Banderole versehen &#8211; in der Festwoche verkaufen k\u00f6nnte.<br>&nbsp;<br>Im Zusammenhang mit der Festschrift \u00fcbrigens ein sp\u00e4ter Dank an die Klasse, die damals, vor etwa 25 Jahren, sich die Sache zu eigen gemacht hatte: Es war die ehemalige 10c, sp\u00e4ter Vc, die damals mit Elan, Phantasie, Begeisterung und Ausdauer an die Arbeit gegangen ist: angefangen von der Sichtung und Sortierung des umfangreichen und bis dahin g\u00e4nzlich ungeordneten Archivmaterials (u.a. an mehreren Wochenenden in unserem alten Schullandheim in Schob\u00fcll, mit feierlicher &#8222;Archiver\u00f6ffnung&#8220;), &#8211; \u00fcber die eigentliche Herstellung der Festschrift bis hin zu der legend\u00e4ren Ausstellung des gesamten Archivmaterials w\u00e4hrend der Festwoche in der Pausenhalle (August 1981).<br>&nbsp;<br>(4) Einladung zur Hauptversammlung:<br>&nbsp;<br>Die n\u00e4chste Hauptversammlung findet statt am<br>&nbsp;<br>Donnerstag, 21. April 2005, 20.00 Uhr, im Wilhelm-Gymnasium<br>&nbsp;<br>Tagesordnung:<br>&nbsp;<br>1. Bericht des Ersten Vorsitzenden, Dr. Hans N\u00f6lting;<br>&nbsp;<br>2. Bericht des Schatzmeisters, Dr Peter-Rudolf Schulz;<br>&nbsp;<br>3. Bericht der Rechnungspr\u00fcfer;<br>&nbsp;<br>4. Entlastung des Vorstandes;<br>&nbsp;<br>5. Neuwahl des Vorstandes und der Rechnungspr\u00fcfer;<br>&nbsp;<br>6. Besprechung \u00fcber die weitere Arbeit der Vereinigung.<br>&nbsp;<br>N\u00f6lting (Erster Vorsitzender)<br>&nbsp;<br>Wie immer: herzlich gr\u00fcssend, mit Dank f\u00fcr Ihr Interesse: Schulz<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br>Bescheinigung (zur Vorlage beim Finanzamt):<br>&nbsp;<br>Der Verein &#8222;Ehemalige Wilhelm-Gymnasiasten e.V.&#8220; ist nach dem letzten Freistellungsbescheid des Finanzamtes Hamburg-Mitte-Altstadt (StNr. 17\/422\/09128; vom 8.5.2003) nach \u00a7 5 Abs.1 Nr. 9 des K\u00f6rperschaftsteuergesetzes von der K\u00f6rperschaftsteuer befreit. &#8211; Wir best\u00e4tigen, dass wir die Zuwendung<br>nur zur F\u00f6rderung der Erziehung (im Sinne der Anlage 1 &#8211; zu \u00a7 48 Abs. 2 Einkommensteuer-Durchf\u00fchrungsverordnung &#8211; Abschn. A Nr. 4) verwenden werden.<br>&nbsp;<br>N\u00f6lting (Erster Vorsitzender) &#8211; Schulz (Schatzmeister).<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"rodewald\"><br><br>Wulf Rodewald (Abit. WG 1954): Ansprache an die Abiturienten, 21. Juni 2004<\/h2>\n\n\n\n<p>M<em>it der folgenden Ansprache hat jetzt &#8211; in ununterbrochener Folge &#8211; zum vierten Mal einer unserer Ehemaligen zu den frischen Abiturienten und Abiturientinnen gesprochen. &#8211; Der erste Redner (Juni 2001) war ein Biochemiker aus Konstanz, &#8211; der zweite (Juni 2002) ein Jesuit aus Rom, zugleich Professor f\u00fcr Neues Testament, &#8211; der dritte (Juni 2003) ein Journalist aus Hamburg, Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt, &#8211; der vierte (Juni 2004) nun also: ein Versicherungsfachmann aus Hamburg.<\/em><br>&nbsp;<br><em>Wir versuchen, wie man sieht, durch die Auswahl der Redner zu dokumentieren, wie verschieden die<br>Berufswege sind, die man nach neun Jahren Wilhelm-Gymnasium einschlagen kann.<\/em><br>&nbsp;<br><em>Alle Ansprachen, mit Ausnahme der ersten, sind hier zu lesen; bei der ersten ging es leider nicht, denn der Redner hatte zwar ein Manuskript mitgebracht, hat dann aber &#8211; unter dem Eindruck der frischen Abiturienten &#8211; , sozusagen aus dem Stegreif, ganz anders geredet, als er es sich vorgenommen hatte.<\/em><br>&nbsp;<br><em>Hier jetzt also die Ansprache des Jahres 2004:<\/em><br>&nbsp;<br>Liebe Abiturienten, sehr geehrte Damen und Herren,<br>&nbsp;<br>als erstes m\u00f6chte ich Ihnen, den Abiturientinnen und Abiturienten, herzlich zum bestandenen Abitur gratulieren. Diesen Erfolg wollen Sie heute mit Ihren Eltern und Lehrern feiern, und ich freue mich, dass ich als &#8222;Goldener&#8220; Abiturient dabei sein kann, um deutlich zu machen, dass das Wilhelm-Gymnasium eine Schule mit langer Tradition ist.<br>&nbsp;<br>Ich habe 1954 im altsprachlichen Zug Abitur gemacht, habe anschliessend Mathematik und Naturwissenschaften studiert und dann als Mathematiker in einem Versicherungsunternehmen angefangen. Im Laufe des Berufslebens habe ich verschiedene Funktionen gehabt, bin aber in der Versicherungsbranche<br>geblieben. &#8211; Kein ungew\u00f6hnlicher Lebenslauf also, es sei denn, man sieht es als ungew\u00f6hnlich an, dass ich als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums in der Versicherungswirtschaft gelandet bin, wo humanistische Bildung nicht gerade Voraussetzung f\u00fcr eine Karriere war. &#8211;&nbsp; Aber das ist eine besondere<br>Geschichte.<br>&nbsp;<br>In der Liste meines Abi-Jahrganges finden sich auch einige Professoren, und einer von ihnen w\u00e4re sicher ein besseres Beispiel daf\u00fcr, wie weit man es als Abiturient des Wilhelm-Gymnasiums bringen kann. Aber Dr. Schulz meinte, nicht jeder von Ihnen wollte unbedingt Professor werden, &#8211; und ein akademischer Vortrag w\u00fcrde heute nachmittag auch nicht unbedingt besondere Begeisterung ausl\u00f6sen. &#8211; So ist mir die Rolle zugefallen, zu Ihnen zu sprechen, und ich will mich darauf beschr\u00e4nken, Ihnen einen Eindruck zu geben, wie ich vor 50 Jahren die Schule erlebt habe.<br>&nbsp;<br>1954 also habe ich Abitur gemacht. &#8211; &#8222;Heute werden Sie ins Leben entlassen&#8220;, hiess es bei unserer Verabschiedung. &#8211; Sie, die Abiturienten von heute, w\u00fcrden \u00fcber einen solchen Satz wahrscheinlich l\u00e4cheln. Denn mancher von Ihnen hat vom Leben ausserhalb der Schule vermutlich schon mehr gesehen, als Ihre Eltern ahnen. Aber f\u00fcr uns war der Satz mehr als nur eine Floskel. Denn bis dahin beschr\u00e4nkte sich <em>unser <\/em>Erfahrungshorizont im wesentlichen auf die Schule. &#8211; Nun endlich konnten wir das Leben kennenlernen.<br>&#8211; Wir probierten das auch gleich aus und zogen am Abend des m\u00fcndlichen Abiturs gemeinsam einmal die Reeperbahn rauf und runter; &#8211; nein, von <em>innen<\/em> haben wir ein Stripteaselokal nicht gesehen, denn mit 19 waren wir damals noch nicht vollj\u00e4hrig.<br>&nbsp;<br>Die Schule, in den Jahren von 1948 bis 1954, in denen ich das WG besuchte, war gepr\u00e4gt durch die besondere Situation der Nachkriegszeit. Viele Lehrer waren als Soldaten im Krieg gewesen, aber kaum einer sprach \u00fcber diese Zeit. Die Lehrer verhielten sich in dieser Beziehung nicht anders als unsere V\u00e4ter, die &#8211; von Ausnahmen abgesehen &#8211; auch nicht \u00fcber ihre Kriegserlebnisse und schon gar nicht \u00fcber ihre politische Einstellung im Dritten Reich sprachen. &#8211; Und wir fragten auch nicht.<br>&nbsp;<br>Die Welt, mit der wir uns im Unterricht besch\u00e4ftigten, war nicht die Gegenwart und die j\u00fcngere Vergangenheit, sondern die Antike. Den Ablauf des Peloponnesischen Krieges kannten wir besser als die Geschichte des 20.Jahrhunderts. Kam ein neuer Geschichtslehrer, fing er wieder bei den Griechen und R\u00f6mern an. &#8211; Offenbar waren die Lehrer unsicher, wie sie die Nazizeit im Unterricht behandeln sollten.<br>&nbsp;<br>Auch wir Sch\u00fcler hatten das Dritte Reich und den Krieg ja noch bewusst erlebt. &#8211; Als ich 1941 in die erste Klasse der Grundschule kam, musste ich &#8211; schon als sechsj\u00e4hriger Knirps &#8211; zum Hitlergruss strammstehen, wenn der Lehrer die Klasse betrat, und im Unterricht sangen wir Marschlieder und &#8222;Bomben auf Engelland&#8220;, &#8211; auch, als schon die Bomben auf Hamburg fielen und wir die N\u00e4chte im Luftschutzkeller verbrachten. &#8211; Vier Jahre sp\u00e4ter war das vorbei, &#8211; aber im Zeugnis gab es weiterhin Noten f\u00fcr Betragen und f\u00fcr Fleiss. &#8211; Die Lehrer waren ja noch dieselben.<br>&nbsp;<br>Wahrscheinlich sind diese Kindheitserfahrungen die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass wir &#8211; nach meiner Erinnerung &#8211; ziemlich ernste Sch\u00fcler waren, &#8211; und: dass es uns nicht schwerfiel, uns anzupassen.&nbsp; &#8211; Ein Beispiel: Als unser Deutschlehrer eines Tages auf dem Weg zur Schule fast von einem Auto \u00fcberfahren worden w\u00e4re, liess er uns spontan einen Aufsatz schreiben, mit dem Thema: &#8222;Hat der Fussg\u00e4nger noch Daseinsberechtigung?&#8220; &#8211; Und was meinen Sie, zu welchem Ergebnis wir kamen, damals, 1951, als es noch kaum Autos<br>gab? &#8211; Dass es um die Zukunft des Fussg\u00e4ngers <em>tats\u00e4chlich schlecht bestellt sei.<\/em> &#8211; Wir wussten ja, was unser Lehrer lesen wollte.<br>&nbsp;<br>Denn eines wurde uns nicht beigebracht: eine eigene Meinung zu vertreten und uns mit den Meinungen anderer kritisch auseinanderzusetzen. Einem Lehrer &#8211; als Autorit\u00e4tsperson &#8211; zu widersprechen, war nicht nur un\u00fcblich, sondern f\u00fcr manchen Lehrer sogar ungeh\u00f6rig.<br>&nbsp;<br>\u00dc\u0086brigens machte ich dann auf der Universit\u00e4t und sp\u00e4ter im Berufsleben \u00e4hnliche Erfahrungen: Wenn man vorankommen wollte, musste man sich anpassen. Widerspruch schadete der Karriere. &#8211; Zum Gl\u00fcck hat sich diese Einstellung im Laufe der Jahre gewandelt.<br>&nbsp;<br>Neben Lehrern, die hohe Anforderungen stellten und deshalb nicht unbedingt geliebt wurden, gab es auch einige, bei denen uns der Unterricht Spass machte. Einer davon war unser Erdkundelehrer, Dr. Cierpinski, der seinen Unterricht durch kleine Geschichten aufzulockern pflegte. Wir kannten sie alle auswendig. Eine handelte von dem Aufstand der Hereros, 1904, in S\u00fcdwestafrika, der nach der Erz\u00e4hlung von Dr. Cierpinski dadurch ausgel\u00f6st worden war, dass die deutschen Kolonialtruppen Ochsen geschlachtet hatten, in denen nach den Vorstellungen der Hereros der Geist ihrer Grossm\u00fctter steckte. &#8211; Wir sprachen uns nun vor der Erdkundestunde ab, dass wir heute &#8211; beispielsweise &#8211; wieder einmal diese Geschichte h\u00f6ren wollten. Wurde also im Unterricht gerade Gr\u00f6nland behandelt, so kam es darauf an, Dr. Cierpinski durch geschickte Fragen gedanklich langsam von Gr\u00f6nland weg nach S\u00fcdafrika zu locken, bis er dann zum x-ten Mal die Geschichte vom Hereroaufstand erz\u00e4hlte. &#8211; Das mit m\u00f6glichst wenigen Fragen zu erreichen, war f\u00fcr uns immer wieder eine<br>Herausforderung.<br>&nbsp;<br>Heute wird als vorrangiges Bildungsziel die Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit angesehen. &#8211; Damals stand die Wissensvermittlung im Vordergrund. &#8211; Und ich habe im Wilhelm-Gymnasium wirklich viel gelernt. &#8211; Wenn ich mir gelegentlich auf RTL die Ratesendung mit G\u00fcnter Jauch ansehe, will meine Frau mich immer ermuntern, einmal mitzumachen: &#8222;Du k\u00f6nntest mit Leichtigkeit 125.000 Euro gewinnen&#8220;, sagt sie dann, &#8222;bei deinem Wissen&#8220;. &#8211; Das meiste davon ist Wissen aus der Schulzeit. &#8211; Ich werde mich trotzdem nicht melden. &#8211; Sp\u00e4testens<br>bei der Frage: &#8222;Wie heisst der Frontmann der Gruppe Smokie?&#8220; m\u00fcsste ich passen.<br>&nbsp;<br>Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich gern zur Schule gegangen bin. Offen gestanden: Ich weiss es nicht mehr. &#8211; Allerdings hatte ich, dank eines stengen Vaters (&#8222;Ohne Fleiss kein Preis!&#8220;), meist gute Noten und wenig Probleme mit der Schule. &#8211; Ob ich die Schule deshalb<em> gemocht<\/em> habe, kann ich nicht sagen. &#8211; Schlechte Erinnerungen habe ich jedenfalls nicht.<br>&nbsp;<br>Ich habe aber Grund, der Schule zu <em>danken<\/em>, &#8211; zu danken daf\u00fcr, dass sie mein Interesse geweckt hat f\u00fcr Literatur, f\u00fcr Geschichte und f\u00fcr fremde Sprachen. In der Besch\u00e4ftigung damit und in der Musik fand ich den notwendigen Ausgleich zum n\u00fcchternen Berufsalltag.<br>&nbsp;<br>Geblieben ist mein ganzes Leben lang die Begeisterung f\u00fcr die Antike. Einen Dialog von Platon zu lesen, heute auf Deutsch, bereitet mir noch immer Vergn\u00fcgen, und wenn ich ans Mittelmeer reise, gilt mein besonderes Interesse den antiken Bauwerken, sei es in Italien, Spanien, Griechenland oder in der T\u00fcrkei.<br>&nbsp;<br>Gern erinnere ich mich an ausserschulische Veranstaltungen, an die Klassenfahrten (die damals noch nicht ins Ausland gingen), an die zahlreichen Konzerte mit dem Schulchor, mit dem ich dreimal sogar auf dem Podium der Hamburger Musikhalle stand, und an die Auff\u00fchrung der Antigone in griechischer Sprache (bei der \u00fcbrigens die weiblichen Rollen ebenfalls von m\u00e4nnlichen Darstellern gesprochen wurden, nicht nur, weil dies der antiken Auff\u00fchrungspraxis entsprach, sondern auch, weil es M\u00e4dchen am Wilhelm-Gymnasium damals noch nicht gab). &#8211;<br>&nbsp;<br>Ich w\u00fcnsche Ihnen, den heutigen Abiturientinnen und Abiturienten, dass die guten Erinnerungen \u00fcberwiegen, wenn Sie in einigen Jahren an Ihre Zeit am WG zur\u00fcckdenken. Jetzt ist Ihr Blick erst einmal nach vorne gerichtet, auf die Vorbereitung auf den von Ihnen gew\u00e4hlten Beruf. &#8211; Als <em>wir<\/em> 1954 die Schule verliessen,<br>standen uns, im Zeichen des Wirtschaftswunders, <em>alle<\/em> M\u00f6glichkeiten offen. &#8211; Da sind die Startbedingungen f\u00fcr Sie heute schwieriger. &#8211; Aber mit Kreativit\u00e4t, Mut und Ausdauer werden Sie Ihren Weg schon gehen. &#8211; Daf\u00fcr w\u00fcnsche ich Ihnen viel Gl\u00fcck und Erfolg.<br><br><br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"Urkunde\"><br><br>Urkunde zur Grundsteinlegung unseres neuen Oberstufengeb\u00e4udes<\/h2>\n\n\n\n<p>Der folgende Text &#8211; eher ein kleiner Scherz &#8211; wurde f\u00fcr die kleine Feier zur Grundsteinlegung des neuen Oberstufenhauses gebastelt, wurde dort, am 23. Mai 2003, verlesen, auch ein wenig kommentiert, und zum Schluss &#8211; liebevoll gesetzt und gedruckt &#8211; in die Fundamente eingemauert.<br>&nbsp;<br>Anno p. Chr. n. MMIII a. d. X. Kal. Iun. (23. 5. 2003),<br>cum Ole von Beust<br>civitati liberae Hamburgensi praeerat,<br>anno centesimo vicesimo tertio<br>post quam haec schola,<br>cui postea ex Guilelmo primo<br>Imperatore nomen inditum WilhelmGymnasium,<br>sub auspiciis Gustavi Henrici<br>Kirchenpauer portas suas aperuit (25. 4. 1881),<br>&nbsp;anno quadragesimo tertio<br>post quam Henricus Landahl et Franciscus B\u00f6mer<br>his locis (Klosterstieg<br>17) primarium lapidem novis aedibus posuerunt<br>puerorum puellarum honeste<br>liberaliterque docendorum educandorum causa (3. 7. 1961),<br>&nbsp;hic, ubi quondam in arboribus<br>umbrosis cantus avium audiebatur,<br>iterum primarium hunc lapidem<br>novis aedibus posuimus,<br>quae superiorum classium<br>labori ac instructioni dedicentur ac destinentur, &#8211;<br>&nbsp;<br>gratias referentes maximas senatui populoque Hamburgensi,<br>&nbsp;<br>qui has aedes sumptibus publicis exstruendas curaverint.<br>&nbsp;Adfuerunt magistri discipuli<br>parentes, confisi triste ac difficile provisoriorum tempus<br>brevi finitum iri.<br>&nbsp;<br>Quod bonum faustum fortunatumque siet<br>&nbsp;<br>Der Text, absichtlich formuliert in der altert\u00fcmlich-umst\u00e4ndlichen Art lateinischer Urkunden,<br>besagt im einzelnen, dass<br>&nbsp;<br>am 23. Mai 2003, lateinisch gez\u00e4hlt: am zehnten Tag vor den Kalenden des Juni, <em>ante diem decimum<br>Kalendas Iunias<\/em> (wie es in falscher Grammatik heisst), &#8211; im Jahre 2003 nach Christi Geburt, <em>anno bis millesimo tertio post Christum natum<\/em>,- als Ole von Beust B\u00fcrgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg war, &#8211;<br>&nbsp;<br>im 123. Jahr, nachdem diese Schule (die nachtr\u00e4glich nach Kaiser Wilhelm I. den Namen Wilhelm-Gymnasium<br>erhielt) unter der Amtsf\u00fchrung des B\u00fcrgermeisters Gustav Heinrich Kirchenpauer ihre Pforten ge\u00f6ffnet hatte, &#8211;<br>&nbsp;<br>im 43. Jahr, nachdem Heinrich Landahl und Franz B\u00f6mer an dieser Stelle (Klosterstieg 17) den Grundstein<br>f\u00fcr unser neues Schulgeb\u00e4ude gelegt hatten, auf dass daselbst &#8222;Jungen und M\u00e4dchen in Freiheit und Achtung vor ihrer Person unterrichtet und erzogen werden sollten&#8220; (Zitat aus der damaligen Urkunde), &#8211;<br>&nbsp;<br>dass an diesem Tage also wir (gemeint: die Schulgemeinschaft des Wilhelm-Gymnasiums) &#8211; hier (gemeint:<br>an der Stelle, wo noch vor kurzem der Bunkerh\u00fcgel sich erstreckte und wo man &#8222;in schattigen B\u00e4umen den Gesang der V\u00f6gel h\u00f6ren konnte&#8220; &#8230;<br>&nbsp;<br>und in den Pausen nat\u00fcrlich das ausgelassene L\u00e4rmen unserer Sextaner) &#8211; wiederum diesen Grundstein f\u00fcr ein neues Geb\u00e4ude gelegt haben, welches f\u00fcr die Arbeit und den Unterricht der oberen Klassen bestimmt sein soll..<br>&nbsp;<br>Wir taten dies in Dankbarkeit gegen\u00fcber dem Senat und der B\u00fcrgerschaft von Hamburg, die dieses Haus auf<br>Staatskosten haben errichten lassen.<br>&nbsp;<br>Anwesend bei dem Festakt waren Lehrer, Sch\u00fcler und Eltern, &#8211; in der festen Zuversicht, dass die schwierige<br>Zeit st\u00e4ndiger Provisorien jetzt in K\u00fcrze beendet sein wird.<br>&nbsp;<br>Dies alles m\u00f6ge gut, gl\u00fccklich und von Segen geleitet seinen Lauf nehmen!<br>&nbsp;<br>Zur \u0086\u00dcbersetzung der Schlussformel QBFFS, oft mit dem Zusatz <em>felix<\/em>, also QBFFFS, vgl. die erste Seite<br>aus den allerersten Schulnachrichten von 1881\/1882 (Faksimile: Festschrift 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium, 1981, S.8).<br>Schulz<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"boemer\"><br><br>Nachruf auf Franz B\u00f6mer<\/h2>\n\n\n\n<p>Franz B\u00f6mer, den meisten, die ihn noch kennen, eher bekannt als &#8222;Prof. B\u00f6mer&#8220; &#8211; oder schlicht: &#8222;B\u00f6mer&#8220; -, ist am 27. Januar dieses Jahres in hohem Alter gestorben.<br>&nbsp;<br>Franz B\u00f6mer: Wie war er ans WG gekommen?&nbsp; Er, &#8222;ein Katholik aus Bonn&#8220;, wie es in einem Brief von damals, mit deutlicher Reserviertheit, noch heute zu lesen ist? &#8211;<br>&nbsp;<br>Es war der damalige Oberschulrat Hans Wegner, der ihn sozusagen &#8222;entdeckt&#8220; hatte, &#8211; zuerst am Rande einer Tagung in Walsrode in der L\u00fcneburger Heide, dann bei einem Altphilologentreffen in Paris. &#8211; Hans Wegner &#8211; vielen aus unz\u00e4hligen Abiturpr\u00fcfungen noch bekannt als ein rundlicher, gem\u00fctlicher, sichtbar gelassener, dabei durchaus souver\u00e4ner Mensch, mit einigen Schrullen -, Hans Wegner hatte offensichtlich das sichere Gesp\u00fcr, in B\u00f6mer jemanden gefunden zu haben, der das WG aus seiner tiefsten Krise retten k\u00f6nnte. Man kann sich nur ausmalen, was er B\u00f6mer damals erz\u00e4hlt hat, um ihn f\u00fcr diese Aufgabe zu gewinnen: Das Wilhelm-Gymnasium, f\u00fcr viele das renommierteste (oder doch immerhin: das zweitrenommierteste) Gymnasium in Hamburg: am Rande des Aussterbens, weil der Senat ihm, nach Krieg, Ausbombung und Verlust des eigenen Geb\u00e4udes, kein neues Geb\u00e4ude verschaffen wolle, weil die Schule, in wechselnder Untermiete, fern von ihrem eigentlichen Einzugsgebiet, nur noch dahinvegetiere, &#8211; und weil ihr die Sch\u00fcler wegblieben. &#8211; Auf den ersten Blick also: keine verlockende Aussicht f\u00fcr einen Menschen aus Bonn. &#8211; Aber dann hat Wegner es offenbar doch geschafft, ihn zu \u00fcberreden: Die Sache sei wichtig, und B\u00f6mer sei richtig &#8230;<br>&nbsp;<br>Es gab demnach, f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse kaum vorstellbar, keine Ausschreibung oder \u00e4hnliches, keine Bewerbung, sondern umgekehrt: die Beh\u00f6rde, vertreten durch Wegner, warb um ihn, den ausgesuchten Kandidaten, und versuchte, ihn zu gewinnen.<br>&nbsp;<br>B\u00f6mer kam dann also, aus Bonn, &#8211; aber nicht, ohne vorher, der Form halber, eine Probestunde seines Unterrichtens ablegen zu m\u00fcssen. &#8211; Mein pers\u00f6nlicher Anteil daran: Ausgerechnet meine Klasse, in der ich damals Sch\u00fcler war, die G 13, kurz vor dem Abitur stehend, wurde ausersehen, diese Probestunde<br>zu bestreiten. &#8211; Fach: Latein. &#8211; Unser Klassenlehrer und Lateinlehrer: Werner Rockel. &#8211; Er hatte, wie wir alle wussten, starke Ambitionen, selbst Schulleiter am WG zu werden (und hatte manches daf\u00fcr getan). Nun sollte<br>ausgerechnet seine Klasse zum Probeunterricht f\u00fcr den Fremden, den Mann aus Bonn, herhalten &#8230; &#8211; Was er uns am Tage davor eingesch\u00e4rft hatte f\u00fcr die Probestunde (besonders gut zu sein, &#8211; oder eher spr\u00f6de zu reagieren), weiss ich nicht mehr, ich weiss nur, dass mich pers\u00f6nlich die Sache so aufgeregt und so mitgenommen hat, dass ich am n\u00e4chsten Tag krank war (und zwar wirklich, nicht vorgesch\u00fctzt). &#8211; Ich fehlte also, habe die Probestunde nicht miterlebt, und weiss nur, dass Rockel hinterher meinte, es sei &#8222;eben eine \u00fcbliche Lekt\u00fcrestunde&#8220; gewesen, &#8222;nichts weiter&#8220;, &#8211; w\u00e4hrend andere sagten, hier habe jemand den Eindruck vermittelt, dass Unterrichten mehr sein k\u00f6nne als der \u00fcbliche Lekt\u00fcre- und Grammatikbetrieb, wie man ihn sonst gewohnt sei.<br>&nbsp;<br>B\u00f6mer kam also ans WG, Mitte 1955, gerufen von der Beh\u00f6rde, mit manchen Widerst\u00e4nden rechnend, und machte seine Sache von Anfang an offenbar recht gut. Ich selbst war zu der Zeit nicht mehr am WG, studierte in Freiburg i.Br., erhielt aber gelegentlich Post von ehemaligen Lehrern, denen ich geschrieben hatte. Darunter Herbert Drude (den Brief habe ich heute noch): &#8222;Der neue Schulleiter regiert mit Weisheit und Zur\u00fcckhaltung. Wir k\u00f6nnen nicht klagen.&#8220; &#8211; Kann es eine gr\u00f6ssere Anerkennung geben f\u00fcr jemanden, der in schwieriger Zeit<br>das schwierige und undankbare Amt eines Schulleiters auf sich nimmt?<br>&nbsp;<br>Mehr soll hier jetzt nicht gesagt werden. &#8211; Alle, die das WG kennen, wissen, dass wir ohne Franz B\u00f6mer heute nicht am Klosterstieg s\u00e4ssen, &#8211; und dass es vielleicht sogar die Schule nicht mehr g\u00e4be. &#8211; Daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm Dank, &#8211; wobei freilich gesagt werden muss, dass die meisten, die heute am Klosterstieg ihren Dienst tun, als Sch\u00fcler oder als Lehrer, von allen diesen Dingen nichts mehr wissen. &#8211; &#8222;B\u00f6mer? &#8211; Wer war denn das?&#8220; &#8211; So ist das in unserer schnellebigen Zeit.<br>&nbsp;<br>Unser Vorsatz: Wir wollen versuchen, an dieser Stelle einiges aus der damaligen Zeit in Erinnerung zu rufen. Wir w\u00fcrden gerne, wie fr\u00fcher \u00fcblich, ein gedrucktes Heft daraus machen, aber daf\u00fcr reicht das Geld nicht. &#8211; Dass es nicht darum geht, B\u00f6mer zu ehren, ist f\u00fcr alle klar, die ihn kannten. Aber es geht um das WG und um die Geschichte des WG. Und da spielt er nun einmal eine wichtige Rolle, auch als Person.<br>&nbsp;<br>Es soll deutlich werden, wie er taktieren konnte, &#8211; mit welcher Beharrlichkeit und welchem Geschick er die Beh\u00f6rde, den Elternrat, die Ehemaligen (bei denen allen er, trotz seiner Reserviertheit in menschlichen Beziehungen, gute und einflussreiche Freunde und Mitstreiter hatte), f\u00fcr das gewinnen konnte, was er f\u00fcr wichtig hielt,- mit welcher Anteilnahme er sich in die Schicksale und Lebensl\u00e4ufe einzelner Kollegen einf\u00fchlen konnte, sichtbar vor allem bei den vielen Abschieds- und Trauerreden, die er zu halten hatte, &#8211; und &#8211; dies leider auch, das gebietet die Ehrlichkeit &#8211; , wie hart und kalt er gelegentlich Eltern gegen\u00fcber auftreten konnte, die schwierigere Kinder hatten &#8211; und sich mit der Bitte um Hilfe an ihn wandten.<br>&nbsp;<br>Einiges von dem, was hier zu berichten ist, wurde bereits vor dreissig Jahren, 1974, aus Anlass seiner Pensionierung zusammengestellt (Heft 48\/49 unserer damals erscheinenden Mitteilungshefte; letzter Satz der Einleitung damals: &#8222;Auf jeden Fall d\u00fcrfte f\u00fcr jeden unbefangenen Leser deutlich werden, dass diese zwei Jahrzehnte (1955 &#8211; 1974) mit all ihren Problemen in vielen Hinsichten eine ungew\u00f6hnlich reiche, interessante und intensive Epoche waren, in der es sich lohnte, dabeizusein.&#8220;).<br>&nbsp;<br>Es gibt aber auch einiges, was bisher nirgends ver\u00f6ffentlicht ist. &#8211; Beides soll hier, in bescheidener Auswahl, vorgelegt werden. Und, wie \u00fcblich, unser Angebot: Wer die alten Texte (Heft 48\/49) jetzt nachtr\u00e4glich haben will, m\u00f6ge es uns mitteilen; wir schicken Ihnen dann ein Exemplar. &#8211;<br>&nbsp;<br>Wir beginnen diese Dokumentation mit einem Auszug aus B\u00f6mers Ansprache zum Dienstantritt.<br>&nbsp;<br>1) Aus der Ansprache zum Dienstantritt (16. April 1955; noch in Untermiete im Gymnasium Eimsb\u00fcttel, heute Kaifu): &#8211;<br>&nbsp;<br>&#8222;Da wir heute das Gl\u00fcck und die Ehre haben, einen Vertreter der Schulbeh\u00f6rde unter uns zu wissen, so m\u00f6chte ich gleich in meiner ersten Ansprache einen Wunsch \u00e4ussern, der &#8211; das verspreche ich &#8211; von nun an auch von meiner Seite nicht mehr verstummen wird, wie weiland das klassische <em>ceterum censeo <\/em>des alten Cato, &#8211; und hier bitte ich, eine Minute Nachsicht mit dem Schulmeister der alten Sprachen zu haben, &#8211; das<em> ceterum censeo <\/em>also, das bekanntlich lateinisch \u00fcberhaupt nicht, sondern nur griechisch \u00fcberliefert, einmal in neuerer Zeit falsch ins Lateinische r\u00fcck\u00fcbersetzt worden ist und richtig heissen muss: <em>ceterum censeo Karthaginem delendam, &#8211; <\/em>ohne das immer wieder eingef\u00fcgte <em>esse: censere <\/em>steht n\u00e4mlich im Normalfall mit dem doppelten Akkusativ, und wie wir den alten Cato kennen, hat er sich in seiner lapidaren Sprache das <em>esse <\/em>sicherlich geschenkt, &#8211; &#8211; und in diesem <em>ceterum censeo <\/em>bitte ich auch die Elternschaft um ihre Unterst\u00fctzung, ich meine, in dem Ruf nach besseren Schulr\u00e4umen, ja, nach einem anderen Geb\u00e4ude. &#8211; Ich muss gestehen, dass ich seit der W\u00e4hrungsreform ein Schulgeb\u00e4ude in so schlechtem, f\u00fcr die mir bekannten rheinischen Verh\u00e4ltnisse einfach unvorstellbarem Zustand noch nicht gesehen habe.&#8220;<br>&nbsp;<br>Jeder kann sich vorstellen, mit welchem Genuss, vielleicht verkl\u00e4rt l\u00e4chelnd, die Zuh\u00f6rer sich diese kleine, etwas verschrobene Lektion in lateinischer Syntax angeh\u00f6rt haben, &#8211; und wie, was die Sache angeht, sich so manch einer gesagt haben mag: Hier muss jetzt dringend etwas getan werden, hier, jetzt, sofort &#8230; &#8211;<br>&nbsp;<br>Beides war hinfort von B\u00f6mer zu erwarten, untrennbar: Beharrlichkeit im aktuellen Kampf um die Schule, st\u00e4ndige Suche nach kompetenten Mitstreitern, &#8211; dies alles aber gleichsam impr\u00e4gniert und immer wieder versetzt mit griechischen und vor allem lateinischen Zutaten, &#8211; die f\u00fcr jeden, der es h\u00f6ren mochte, das eigentliche Aroma ausmachten, &#8211; und die, dar\u00fcber hinaus, st\u00e4ndig daran erinnerten, worum es eigentlich ging. &#8211; Er verstand es, wie keiner vor ihm und keiner nach ihm, nicht nur auszusprechen, sondern zu vermitteln, sp\u00fcrbar zu machen, wo die geistige Heimat des Wilhelm-Gymnasiums angesiedelt sein sollte.<br>&nbsp;<br>(2) B\u00f6mer, Schob\u00fcll und die Sch\u00fcler. &#8211;<br>&nbsp;<br>Auf den ersten Blick eine absurde Zusammenstellung. &#8211; Nicht auf den zweiten. &#8211; Lesen Sie, als kleines Beispiel, die lustige Episode auf den Fluren von Eimsb\u00fcttel, die Annette Otterstedt, als Reaktion auf unsere letzten Texte, spontan f\u00fcr unser Schwarzes Brett aufgezeichnet hat: B\u00f6mer und ein Sextanerkind, beide angriffslustig, beide munter, beide auf Streit gefasst, geschliffen und schlagfertig miteinander redend, dann nat\u00fcrlich: in verschiedene Richtungen verschwindend, aber: beide gl\u00fccklich \u00fcber den gelungenen Schlagabtausch: So war das damals, kurz vor unserem Umzug zum Klosterstieg. &#8211; Eine andere Reminiszenz (brieflich): Die strenge Hausordnung, erst in Eimsb\u00fcttel, dann aber vor allem am Klosterstieg, verlangte, dass die Sch\u00fcler in den Pausen die Klassen verliessen und auf den Hof gingen. Keiner durfte in der Klasse bleiben! &#8211; Dies nat\u00fcrlich die willkommene Einladung und Herausforderung an die Sch\u00fcler, sich \u00fcberall in den Klassen und auf den Fluren zu verstecken und uferlose Gel\u00e4ndespiele mit den aufsichtf\u00fchrenden Lehrern zu beginnen. &#8211; Hier nun die Erinnerung in dem genannten Brief: &#8211; Was tat B\u00f6mer? &#8211; &#8222;Mit sichtbarem Vergn\u00fcgen, dabei aber durchaus streng und gebieterisch&#8220;, habe er die \u0086\u00dcbelt\u00e4ter hinter Vorh\u00e4ngen, T\u00fcren, auch aus Schr\u00e4nken hervorgezogen, &#8211; und zur Strafe &#8222;an den Koteletten gezwirbelt&#8220; (was &#8222;durchaus ein bisschen weh tun konnte&#8220;), &#8211; wohl wissend, dass sie sich am n\u00e4chsten Tag wieder verstecken w\u00fcrden.<br>&nbsp;<br>Er kannte sie \u00fcbrigens alle, nicht nur ihre Gesichter und ihre Namen. &#8211; Und das hing mit Schob\u00fcll zusammen, unserem Schullandheim, bei Husum, am Wattenmeer, auf dem Schob\u00fcller Berg, im Schob\u00fcller Wald. &#8211; Wenn es sich irgendwie einrichten liess, fuhr er Jahr f\u00fcr Jahr dorthin, mit den neuen f\u00fcnften Klassen und ihren Lehrern, manchmal zwei-, dreimal, &#8211; und hinterher <em>kannte<\/em> er sie dann, alle. &#8211; Wie oft er insgesamt dort gewesen ist, l\u00e4sst sich schwer ausrechnen, sicher weit \u00fcber 50 mal, und irgendwie ist es seine zweite oder dritte Heimat geworden (neben Rom, wohin es ihn immer wieder zog).<br>&nbsp;<br>Es gibt ein kleines Textdokument, in dem vieles aufgehoben und ausgesprochen ist, was ihn &#8211; und nicht nur ihn! &#8211; mit diesem Schullandheim in Schob\u00fcll verbunden hat: seine Ansprache bei der Beisetzung von Hans Paulsen (der, als Hausmeister, Heimleiter, oder wie man es nennen mag, zusammen mit seiner Frau, das Heim jahrzehntelang betreut hatte). &#8211; Datum: 9. Sept. 1966:<br>&nbsp;<br>&#8222;Weil er bei seiner Arbeit die Liebe zur Jugend dazugegeben hat, waren f\u00fcr uns und f\u00fcr viele tausend Hamburger Kinder das Heim und Paulsens f\u00fcnfzehn Jahre lang unzertrennlich, ein und dasselbe, das Dorf und die Nordsee, die Geest und das Watt, der Wind und der weite Himmel, der Regen und der Grog am Abend, das Geschrei einer lebensfrohen und ausgelassenen Jugend, f\u00fcr die er so viel Verst\u00e4ndnis hatte. &#8211; F\u00fcr die Sch\u00fcler bedeutete seine Arbeit das Zusammenleben mit Gleichaltrigen, ein St\u00fcck Nordfriesland und wohl auch oft ein St\u00fcck sextanerhafter R\u00e4uberromantik, &#8211; und sp\u00e4ter die ein wenig sentimentale Erinnerung an eine sch\u00f6ne Zeit, &#8211; die in vielen Jungen und M\u00e4dchen mit die dauerhaftesten Erinnerungen ihrer jungen Jahre gepr\u00e4gt hat, &#8211; und die f\u00fcr manche sogar zu den sch\u00f6nsten Tagen ihres Lebens geh\u00f6rt hat.&#8220;<br>&nbsp;<br>Es ist wie so oft bei solchen Texten: Man erf\u00e4hrt viel \u00fcber den, von dem die Rede ist, &#8211; zugleich aber genau so viel, oft viel mehr, \u00fcber den, der den Text geschrieben hat &#8230;<br>&nbsp;<br>(3) Ansprache zumTode von Dr. Walter Gerhard. &#8211;<br>&nbsp;<br>Es ist nicht geplant, es ist schlicht mit dem Fortgang der Texte in dieser Dokumentation verbunden: Die erste Ansprache, die B\u00f6mer, August 1955, nach dem Ende der Sommerferien, nur wenige Monate nach seinem offiziellen Dienstantritt, in der Aula der Schule Kaiser-Friedrich-Ufer, halten musste, &#8211; war die Ansprache zum Tode eines seiner Kollegen: Dr Walter Gerhard, der sich, gerade am ersten Tag der Sommerferien, das Leben genommen hatte. &#8211; Der Text dieser Ansprache erscheint jetzt hier (sorgf\u00e4ltig und gewissenhaft aus dem alten Redemanuskript abgeschrieben) am fr\u00fchen Morgen des 5. Februar 2004: genau an dem Tag, an dem B\u00f6mer selbst auf dem kleinen Friedhof an der Kirchenstrasse in Garstedt beigesetzt wird:<br>&nbsp;<br>&#8222;Wenn ich heute die Ehre und die Aufgabe habe, zum letzten Male vor Ihnen, verehrte Angeh\u00f6rige, und vor der Schulgemeinde \u00fcber unseren verstorbenen Kollegen Dr. Walter Gerhard zu sprechen, so m\u00f6chte ich und muss ich zu Beginn Ihre Gedanken um einige Monate zur\u00fcckrufen.<br>&nbsp;<br>Es war Sommer; wir hatten draussen in Ohlsdorf unseren auf so tragische Weise aus unserer Mitte gerissenen Kollegen Dr. Lenthe zu Grabe getragen, und nach der Gepflogenheit unserer Schule, die durch die zahlreichen Todesf\u00e4lle der letzten Jahre zu einer leider schon h\u00e4ufiger gewordenen Tradition geworden war, waren wir am 30. Juni dieses Jahres hier, in der Aula, versammelt, um die Gedenkfeier f\u00fcr ihn zu begehen. &#8211; Die Ansprache des Tages hielt damals der Mann, dem die heutige Feier gilt: Dr. Walter Gerhard.<br>&nbsp;<br>Acht Tage nach dieser Feier war er selbst nicht mehr unter den Lebenden: Da standen wir wieder draussen in Ohlsdorf, dieses Mal nur ein kleiner Kreis: seine Angeh\u00f6rigen, seine Freunde &#8211; und wir, einige vom WG: wenige, nicht viele, &#8211; denn es waren Sommerferien, nur wenige Kollegen, kaum einige Sch\u00fcler erreichbar; auch von seiner Klasse 9a waren fast alle verreist: nur ganz wenige hatten vom Tode ihres Klassenlehrers erfahren &#8230;<br>&nbsp;<br>Mir aber, der ich ihn noch nicht drei Monate gekannt hatte, wurde die Aufgabe zuteil, damals an seinem Sarge und heute vor der Schulgemeinde zu sprechen. &#8211; Und als ich mir in den 24 Stunden, die mir damals im Juli<br>blieben, zwischen dem Empfang der Nachricht und&nbsp; der Trauerfeier in Ohlsdorf, meine Gedanken f\u00fcr die Ansprache an seinem Sarge sammelte, &#8230; da kam mir immer wieder seine Ansprache auf unseren Kollegen Lenthe in den Sinn, die gerade erst vierzehn Tage alt war und die uns allen noch so lebendig vor Augen stand.<br>&nbsp;<br>Ihr alle wisst es noch, wie er hier, genau an dieser Stelle, stand, wie er das Bild seines Kollegen Lenthe noch einmal vor uns entstehen liess, &#8211; wie er \u00fcber das M\u00e4rchen vom Gevatter Tod sprach, \u00fcber den Gevatter, mit<br>dem man ja doch auf vertrautem Fuss steht oder stehen soll, &#8211; und der &#8211; h\u00e4tten wir ihn sehen k\u00f6nnen &#8211; damals schon hinter ihm stand und seine Hand ihm auf die Schulter gelegt hatte, &#8211; ohne dass einer von uns es wusste.<br>&nbsp;<br>Diese Ansprache war eine seiner ganz grossen Sch\u00f6pfungen, war zum letzten Mal vor der ganzen Schulgemeinde der ganze Dr. Gerhard, wie wir ihn auch noch von seiner Rede zum Todestage Schillers im Ged\u00e4chtnis hatten. Diese Rede war, wie so vieles, was er seinen Sch\u00fclern gab, ein Werk seiner durchwachten<br>N\u00e4chte, die Leistung eines Meisters der deutschen Sprache und die Sch\u00f6pfung eines, ich darf wohl sagen, begnadeten Geistes. &#8230;<br>&nbsp;<br>Sie, meine Kollegen, und ihr, liebe Sch\u00fcler, besonders ihr, die ihr seine Sch\u00fcler wart, habt ihn besser gekannt als ich, und wenn ich im folgenden ein Bild zeichne, das vielleicht nicht immer ganz dem entspricht, das vor<br>euch steht, so geschieht das zum einen Teil, weil ich die Stunden fast z\u00e4hlen k\u00f6nnte, die ich von Ostern bis zum Beginn der Ferien mit ihm gesprochen habe, &#8211; zum andern Teil aber auch, um vielleicht doch hier und da einen Zug hinzuzuf\u00fcgen und euch die Gestalt eines Mannes, der euer Lehrer war &#8211; und f\u00fcr den dieser Beruf als Lehrer so viel bedeutete -, umso tiefer einzupr\u00e4gen.<br>&nbsp;<br>\u0086\u00dcber seine Vorstellung von Unterricht schreibt er selbst einmal: &#8222;Ich habe h\u00e4ufig meine Methode ge\u00e4ndert. &#8230; Es war ein Weg fortschreitender Auflockerung, den ich in meinem Unterricht eingeschlagen habe &#8230;&#8220; &#8211; In der Tat: Sein Unterrricht war das Selbst\u00e4ndigste, aber auch Eigenwilligste, was mir in meiner T\u00e4tigkeit begegnet ist. &#8211; Das ist keine Kritik, noch weniger ein Tadel. Nur ein Lehrer ohne eigene Ideen unterrichtet nach einem festen<br>Schema. &#8211; Er, Gerhard, hat seine eigene Arbeit immer wieder \u00fcberpr\u00fcft, immer wieder korrigiert, oft in \u00fcbertriebener Gewissenhaftigkeit &#8230;<br>&nbsp;<br>So heisst es einmal von ihm: &#8222;Wenn einer, dann hob er sich aus der Zahl der vielen heraus: durch seinen Geist, durch seine Beweglichkeit, durch sein oft schroffes Urteil dem Unverm\u00f6genden gegen\u00fcber, bei dem es f\u00fcr ihn keinen Kompromiss gab, &#8211; auch wenn der Unverm\u00f6gende eine h\u00f6here Stellung einnahm.&#8220;<br>&nbsp;<br>So hat er nicht nur Freunde gehabt; er ist sicherlich oft auch nur schwer verstanden worden, und <em>wie<\/em> schwer er oft verstanden wurde, von denen, die ihm nicht folgen konnten, das zeigt die andere Seite, wenn wir n\u00e4mlich in diesen ersten Jahren h\u00f6ren oder lesen, dass er (der, wie ich weiss, in Hamburg als einer der t\u00fcchtigsten Germanisten galt) von seinen Vorgesetzten als &#8222;h\u00f6chstens brauchbarer Lehrer&#8220; bezeichnet wird. &#8211; Es lohnte sich beinahe, einem solchen Problem einmal genauer nachzusp\u00fcren.<br>&nbsp;<br>Nach anf\u00e4nglichen Schwierigkeiten (ich glaube, er hat immer seine Schwierigkeiten gehabt, das lag wie eine Tragik \u00fcber ihm, und deswegen hat er auch seinen Kollegen Lenthe in seiner jugendlichen, oft jungenhaften Unbek\u00fcmmertheit und Unmittelbarkeit so liebevoll gezeichnet, weil der in vielem, in beinahe allem, der Gegensatz zu ihm war, &#8211; er selbst dagegen: bis zum Empfindlichen empfindsam, gar nicht unmittelbar, sehr reflektiert, von starkem Selbstgef\u00fchl, das h\u00e4ufig einem Gef\u00fchl der Niedergeschlagenheit Platz machte) &#8211; nach anf\u00e4nglichen K\u00e4mpfen also ist er schon vor seiner Ernennung zum Studienrat, die 1940 erfolgte, einer der anerkannt f\u00e4higsten Germanisten &#8230;: &#8222;Er erteilt seinen Unterricht mit gr\u00f6sster Gewissenhaftigkeit, vorz\u00fcglicher p\u00e4dagogischer Begabung und grossem Erfolg. &#8230; Seine Ziele &#8230;: hochgesteckt, und das Niveau seines Unterrichts: von beachtlicher H\u00f6he&#8220; (so, 1939, Fritz Lundius, Schulleiter am WG).<br>&nbsp;<br>Mit dem Krieg, dessen sp\u00e4tes Opfer er schliesslich geworden ist, brach dann die Katastrophe \u00fcber ihn herein: &#8230; 1940 und 1941: in der Kinderlandverschickung verwendet; dann musste er, im Januar 1942, seine Familie verlassen (er hatte 1937 geheiratet und hatte zwei Kinder) und Soldat werden, an der Ostfront. &#8211; Was dies f\u00fcr den feinnervigen und sensiblen \u00c4stheten Gerhard bedeutete, werden, glaube ich, nur wenige ermessen k\u00f6nnen, wird vielleicht keiner sich vorstellen k\u00f6nnen, der nicht <em>den <\/em>Krieg kennt, der im Osten<br>mit aller nur erdenklichen Brutalit\u00e4t gef\u00fchrt wurde.<br>&nbsp;<br>Im Mai 1944 ist er bei Luminetz im Partisanengebiet des Mittelabschnitts der Ostfront durch eine Tellermine schwer verwundet worden: Er erblindete zun\u00e4chst v\u00f6llig, bis schliesslich die \u00e4rztliche Kunst die Sehkraft des rechten Auges, das aber noch zehn Jahre sp\u00e4ter in st\u00e4ndiger Gefahr schwebte, zur H\u00e4lfte wiederherstellen konnte.<br>&nbsp;<br>Nach 1945 entliess ihn die englische Besatzungsmacht aus seinem Amt, &#8222;weil er zwischen 1933 und 1945 Beamter geworden war&#8220;. &#8211; Die gleiche Besatzungsmacht steckte diesen schwer kranken und durch seine Verwundung seelisch oft nerv\u00f6s empfindlichen Menschen von August 1945 bis Februar 1946 in ein Internierungslager, &#8211; ohne dass er sich von seinen Angeh\u00f6rigen verabschieden konnte &#8211; und ohne dass er in den n\u00e4chsten acht Wochen die M\u00f6glichkeit hatte, sie zu benachrichtigen.<br>&nbsp;<br>Als er dann, im Jahre 1947 ans Wilhelm-Gymnasium kam, war er, das darf man wohl sagen, ein gebrochener Mann &#8230; Seine Kriegsverletzung, die schweren Erlebnisse der Nachkriegszeit, dazu noch ein &#8211; wie er glaubte &#8211; geradezu besch\u00e4mender Kampf um die Ber\u00fccksichtigung seiner Kriegsverletzung, &#8230; all das vernichtete die letzten physischen und psychischen Reserven dieses Mannes. &#8230; Er war sogar seelisch ein anderer geworden. Wenn er schon fr\u00fcher ein Individualist war, so wurde er jetzt ein Einzelg\u00e4nger: Die Erfahrungen, die er mit den Menschen gemacht hatte, liessen ihn sich immer mehr von ihnen zur\u00fcckziehen. Und es ist sicher kein Zufall: einen Gleichaltrigen, dem er sein Herz \u00f6ffnete, hat er nicht gehabt.<br>&nbsp;<br>Diese tragische Einsamkeit, in die er sich fl\u00fcchtete, konzentrierte alle seine Kraft auf seine Arbeit, auf seinen Beruf. So arbeitete er die N\u00e4chte durch, fand wochenlang kaum oder nur wenig Schlaf, arbeitete stundenlang an seinem Unterricht f\u00fcr den folgenden Tag oder f\u00fcr das kommende gr\u00f6ssere Gebiet, &#8211; was dann auch dazu f\u00fchrte, dass sein Unterricht eine H\u00f6henlage, eine Durchdringung des Stoffes &#8230; an den Tag legte, wie er nur in seltenen F\u00e4llen erreicht wird. Er korrigierte stunden- und n\u00e4chtelang an den Aufs\u00e4tzen seiner Sch\u00fcler, wobei er in oft \u00fcbergewissenhafter Weise auf Einzelheiten einging, die die Sch\u00fcler, aber auch die Eltern und Fachkollegen, immer wieder in Erstaunen versetzte. &#8211; Und schliesslich schrieb er in diesen Nachtstunden Gedichte, wenn er ganz mit sich allein war.<br>&nbsp;<br>Diese seine Physis &#8211; an der Grenze zwischen Genialit\u00e4t, Willen zur Leistung, Sensibilit\u00e4t, Feinnervigkeit &#8211; ist dem, was unser Jahrhundert von seinen Menschen zu verlangen pflegt, &#8211; nach allem, was er in den Jahren 1944 bis 1947 erlebt hatte, am Ende nicht mehr gewachsen gewesen.<br>&nbsp;<br>Und so liegt \u00fcber dem Zusammenbruch, der am 7.Juli \u00fcber ihn kam (genau an dem Tag, an dem die Jugend, mit der und f\u00fcr die er lebte, sorglos in die Ferien ging), eine schwere menschliche Tragik, der gegen\u00fcber wir nichts tun k\u00f6nnen, als uns in Ehrfurcht und Schmerz zu beugen, &#8211; dem gegen\u00fcber, der einen Menschen unter ein solches Schicksal stellt.<br>&nbsp;<br>Lassen Sie mich mit einem pers\u00f6nlichen Gedanken schliessen. Dieser hat unserem Kollegen Gerhard, soweit ich ihn kenne, vielleicht ferngelegen, mich aber hat er immer wieder ber\u00fchrt, wenn ich dieses tragische Schicksal \u00fcberdachte. &#8211; Ein antiker Schriftsteller hat es einmal als elementares menschliches Bed\u00fcrfnis bezeichnet, <em>memoriam sui quam maxumam efficere; <\/em>so oder \u00e4hnlich muss es bei Sallust stehen: Es ist eine Art Streben nach Unsterblichkeit, nach menschlichen Begriffen gemessen: das Bestreben, die Erinnerung an sich m\u00f6glichst lang zu gestalten.<br>&nbsp;<br>Was ist aber heute eine solche Erinnerung, \u00fcber Zeiten und R\u00e4ume hinweg? &#8211; Cicero glaubte, schon der Kaukasus begrenze <em>gloriam nominis Romani: <\/em>Wir leben in dieser Hinsicht heute in noch engeren Grenzen. &#8211; Aber k\u00f6nnen wir, seine Kollegen, und ihr, seine Sch\u00fcler, ihm dies nicht schenken, heute und \u00fcber dieses Jahr hinaus, vielleicht f\u00fcr die Schulzeit, vielleicht f\u00fcrs Leben: sein Bild in der Erinnerung wachzuhalten: das Bild dieses hochbegabten, oft mitreissenden, noch \u00f6fter einsamen und so tragisch ungl\u00fccklichen Menschen, der Dr. Walter Gerhard hiess &#8230;?&#8220;<br>&nbsp;<br>(4) In der neuen Umgebung: das WG am Klosterstieg. &#8211;<br>&nbsp;<br>Vor diesem Passus m\u00fcsste eigentlich eine Ansprache stehen, die B\u00f6mer, kurz zuvor, in der Aula des Gymnasiums Eimsb\u00fcttel (heute: Kaiser-Friedrich-Ufer, &#8222;Kaifu&#8220;), gehalten hatte: &#8222;Wir haben&#8217;s getragen zwanzig Jahr&#8220;, &#8211; gemeint: die Zeit des &#8222;Exils&#8220;, &#8211; Jahre der Untermiete: erst im Geb\u00e4ude der Albrecht-Thaer-Schule am Holstenwall, &#8211; danach: im Gymnasium Eimsb\u00fcttel. &#8211; Schlimme Jahre, wie er sagte. &#8211; Mein pers\u00f6nlicher Eindruck (ich war damals Sch\u00fcler am WG, erst am Holstenwall, dann in Eimsb\u00fcttel, wo ich dann auch Abitur gemacht<br>habe): So schlecht waren die Geb\u00e4ude denn doch nicht, so unertr\u00e4glich war auch das Leben dort nicht, zumindest nicht f\u00fcr uns Sch\u00fcler. &#8211; Bei allem, was mir noch in Erinnerung ist: Die Geb\u00e4ude, erst also die Schule am Holstenwall, dann das Gymnasium Eimsb\u00fcttel, habe ich in eher guter Erinnerung (obwohl ich zu meiner ersten Schule jeden Morgen fast eine Stunde zu Fuss laufen musste): Albrecht-Thaer-Schule: ein wundervoller Bau, mit einem Lichthof und einem Treppenhaus, das es sonst nur noch einmal in Hamburg gab (kein Wunder: beides, das uralte Geb\u00e4ude des Wilhelm-Gymnasiums an der Moorweidenstrasse und die Albrecht-Thaer-Schule sind Werk desselben Architekten, haben die gleiche Architektur, die gleichen Ausmessungen, den gleichen Lichthof, das gleiche Treppenhaus usw.), &#8211; und die Architektur des Gymnasiums Eimsb\u00fcttel (heute: &#8222;Kaifu&#8220;): auch nicht gerade schlecht.<br>&nbsp;<br>Also: Kein Einstimmen in das damals \u00fcbliche Lamento \u00fcber die grauen Jahre des Exils? &#8211; Von mir aus: tats\u00e4chlich nicht so, wie es \u00fcberall geschrieben wurde: Wir Sch\u00fcler konnten damit leben &#8230; &#8211; Sobald man aber auf das sieht, was danach kam, wovon <em>wir<\/em> uns nichts tr\u00e4umen liessen, weil wir keine Vorstellung davon hatten: das ganz neue Leben am Klosterstieg, vielleicht denn doch: Der Einzug in die endlich fertiggestellten Geb\u00e4ude am Klosterstieg bedeutete f\u00fcr alle, die damals dabei waren, einen Gl\u00fcckstaumel, der jetzt nur noch schwer nachempfunden werden kann. &#8211; Alles, das gesamte Schulleben, war pl\u00f6tzlich verwandelt, herrlich, wie ein Wunder. &#8211;<br>&nbsp;<br>Nebenbei, als Hintergrund, als besondere Botschaft, f\u00fcr manche kaum verst\u00e4ndlich: Der Hamburger Senat hatte sich bereitgefunden, genau dieses Grundst\u00fcck f\u00fcr unser WG zu erwerben. &#8211; Wer einen Hamburger Hausmakler kennt, weiss, was das bedeutete, damals wie heute: Etwa die teuerste und begehrteste Immobilie in Hamburg, das &#8222;Filetst\u00fcck&#8220; des Hamburger Grundst\u00fccksmarktes: direkt an der Alster, &#8211; noch dazu: schwierigste Auseinandersetzungen mit Vorbesitzern &#8230; usw. usw. &#8211; In der Tat waren viele Verhandlungen zu f\u00fchren: mit dem NDR, der dort seine Garagen hatte, mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, deren Kirche gerade auf diesem Gel\u00e4nde stand, mit dem Roten Kreuz, mit dem Standortkommando, mit mehreren Anwohnern, die ihre Rechte geltend machten usw. usw. &#8211; Warum es am Ende doch geklappt hat, ist nirgends dokumentiert<br>&#8211;&nbsp;<br>Aber eins ist sicher: Es hat von allen Seiten viel Energie und noch mehr guter Wille dazugeh\u00f6rt, dieses Ziel zu erreichen, &#8211; und beides war offensichtlich vorhanden, bei allen.<br>&nbsp;<br>Nun aber wieder Franz B\u00f6mer, der &#8211; aus manchen seiner Reden bekannt als energischer Kriegsgegner &#8211; sich eine kleine, sp\u00f6ttische, bissige, h\u00e4mische Nebenbemerkung denn doch nicht ganz versagen mochte, &#8211; bei aller Freude, Erleichterung und Begeisterung, die ihn erf\u00fcllte: &#8222;Kosten insgesamt: nicht ganz der Preis f\u00fcr einen D\u00fcsenj\u00e4ger &#8230;&#8220;.<br>&nbsp;<br>Heft 34, 1964: &#8222;Es gibt wenig Ereignisse aus dem Schulleben, die man nie vergisst. &#8230; Der 7. Mai 1964, Himmelfahrtstag, 775. Geburtstag des Hamburger Hafens, \u0086\u00dcberseetag in Hamburg, &#8211; war f\u00fcr uns ein Ereignis von solcher Bedeutung. &#8211; Am 6. Mai hatten wir das Packen am Kaiser-Friedrich-Ufer beendet, &#8211; am 8. Mai zogen wir an die Alster. &#8211; Der 7.Mai bedeutet Trennung und Wende.<br>&nbsp;<br>Was wir in diesen Tagen und seit diesen Tagen erlebt haben, soll hier f\u00fcr die Geschichte der Schule auf einigen Seiten festgehalten werden, &#8211; denen, die dabei waren, als Blatt der Erinnerung, den Ehemaligen, den Eltern und den Freunden der Schule als Zeichen der Dankbarkeit f\u00fcr ihre Hilfe, &#8211; und als Aufforderung zu umso festerem Zusammenhalt f\u00fcr die Zukunft.<br>&nbsp;<br>Der Einzug fand ohne jedes Zeremoniell statt, sozusagen <em>en famille &#8230; &#8211; <\/em>Wir haben uns schlicht auf den Schulhof gestellt, einige Lieder gesungen, ein wenig musiziert, und dann sind wir an die Arbeit gegangen. So brauchten wir uns nicht selbst zu feiern, selbst, wenn wir es gewollt h\u00e4tten &#8230;<br>&nbsp;<br>Wir wohnen auf einer Insel der Ruhe &#8230; Es gibt keinen Strassenl\u00e4rm &#8230; Die Fenster sind mit Doppelglas versehen, die Heizung scheint ausreichend zu sein &#8230; Je sechs Klassen haben ein eigenes Treppenhaus, dessen Front ganz aus Glas besteht, es ist ger\u00e4umig und wunderbar hell. &#8211; Die ber\u00fchmten kasernenartigen Schulflure gibt es nicht mehr. &#8211; Der Fachklassentrakt auf der anderen Seite des Schulhofes: von ungemeiner Grossz\u00fcgigkeit und Zweckm\u00e4ssigkeit usw. usw.<br>&nbsp;<br>Baudirektor Rudhard, der uns in den vergangenen Jahren immer wieder geholfen hat, besuchte uns kurz nach dem Umzug und entsann sich, nach einem Rundgang, eines Ausspruchs von Churchill: &#8218;Erst bilden wir die R\u00e4ume, und dann bilden die R\u00e4ume uns.&#8216; So oft ich G\u00e4ste und ehemalige Sch\u00fcler durch die neuen R\u00e4ume f\u00fchre, muss ich an diese Worte denken. &#8211; Nicht, dass in so sch\u00f6nen R\u00e4umen nun auch gleich so viel sch\u00f6ner gelernt oder auch nur gearbeitet w\u00fcrde. Das w\u00e4re ein Rezept, w\u00fcrdig zusammen mit dem N\u00fcrnberger Trichter<br>genannt zu werden. &#8211; Aber dies darf man doch sagen: Das Leben ist f\u00fcr mehr als 350 Menschen &#8211; und in Zukunft werden es noch mehr werden &#8211; heller, froher, weiter und sch\u00f6ner geworden. &#8211; Mehr l\u00e4sst sich, glaube ich, zum Lobe unserer neuen Umgebung nicht sagen.&#8220;<br>&nbsp;<br>(5) Nun auch dies: Ideen durchsetzen, neue Sch\u00fcler gewinnen, Verhandeln mit der Beh\u00f6rde, Wiedereinrichtung eines zweiten Zuges am WG: Einf\u00fchrung des Franz\u00f6sischen. &#8211;<br>&nbsp;<br>Es liest sich fast wie ein<em> cantus firmus:<\/em> Immer, wenn dem WG die Sch\u00fcler ausbleiben, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, wird ein neuer &#8222;Zug&#8220; geboren, der dann viele neue Sch\u00fcler an die Schule locken soll &#8211;<br>und es mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4ssigkeit auch tut&#8230; &#8211; So war es z.B. in den zwanziger Jahren, als der &#8222;Deutsche Zug&#8220; eingef\u00fchrt wurde. &#8211; So auch jetzt. &#8211; Schliesslich sollten die sch\u00f6nen neuen Geb\u00e4ude am Klosterstieg nach dem Einzug nicht halb leer bleiben. &#8211; B\u00f6mer, listig, wie er war, hatte durchaus Ideen, wollte neben dem Griechischen das Franz\u00f6sische als dritte Fremdsprache etablieren, &#8211; aber er wusste, dass bei der Beh\u00f6rde nur dann etwas zu erreichen war, wenn man die Eltern einschaltete (was er auch immer offen bekannte). &#8211; Jetzt<br>also: der Elternrat. &#8211; Vorsitzend und federf\u00fchrend: Dr. Oswald Heddaeus, selbst ehemaliger Sch\u00fcler des WG. &#8211; Erfolg \u00fcbrigens (dies schon jetzt): 80 Anmeldungen f\u00fcr die neue Sexta.<br>&nbsp;<br>Es gingen also, unter der Federf\u00fchrung von Oswald Heddaeus, schon im Jahre 1962, viele Briefe an die Beh\u00f6rde, immer wieder nachhakend, nicht locker lassend, &#8211; bis endlich die Antwort kam, Januar 1963. &#8211; Noch einmal, zum letzten Mal, Oberschulrat Wegner, mit der ersehnten Botschaft: &#8222;&#8230; kann ich Ihnen heute mitteilen usw.&#8220;. &#8211; Heddaeus: &#8222;Die Beh\u00f6rde entsprach genau unserem Antrag: Beide Z\u00fcge (der Franz\u00f6sisch-Zug und der Griechisch-Zug) laufen heute parallel, und die Franz\u00f6sisch-Klassen sind aus dem Bild des WG nicht mehr fortzudenken.&#8220;<br>&nbsp;<br>Das folgende zitiert aus einem Beitrag, den Heddaeus 1981, als Erinnerung, f\u00fcr unsere Festschrift verfasst hat (S. 237): &#8222;Wichtig f\u00fcr die Beurteilung unserer gesamten Arbeit scheint mir noch folgendes: Der Elternrat war eine Gemeinschaft von Lehrern und Eltern, die den Erfolg der Arbeit durch gemeinsames Zusammenwirken erst erm\u00f6glichte. Von der Lehrerschaft m\u00f6chte ich in erster Linie Prof. B\u00f6mer erw\u00e4hnen, der nicht nur hochqualifiziert war, sondern auch unendlich viel geben konnte, wenn man auf der gleichen Wellenl\u00e4nge mit ihm lag (was bei den Mitgliedern des Elternrates eigentlich immer der Fall war). &#8211; Er wurde im Elternrat vorz\u00fcglich erg\u00e4nzt durch Herrn Zinke, der mit praktischem Blick und sauberer \u0086berlegung das in in die<br>Tat umsetzte, was Prof. B\u00f6mer und wir Eltern in genialem Schwung erdacht hatten. &#8211; Der dritte der am Elternrat beteiligten Lehrer war Dr. Grobmann, der sich durch seine Formulierungskunst und sein Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen auszeichnete.&#8220;<br>&nbsp;<br>Postscriptum: Nur wenige werden es noch wissen: Ganz \u00e4hnlich, mit fast gleicher Zusammenarbeit, verliefen um 1972, also zehn Jahre sp\u00e4ter, die Aktionen, die dann zur Errichtung des Musiksaales und der Pausenhalle f\u00fchrten. Von Seiten der Schule: immer noch B\u00f6mer; im Elternrat jetzt nat\u00fcrlich neue Akteure, die, \u00e4hnlich geschickt agierend, \u00e4hnlich beharrlich wie ihre Vorg\u00e4nger, mehr f\u00fcr unsere Schule bewirkt haben, als vielen heute noch bewusst ist: Heino von Hassel und Horst Markus. &#8211; Im Jahre 1973 war beides fertig: der<br>Musiksaal und die Pausenhalle.<br>&nbsp;<br>(6) Nach drei Jahren am Klosterstieg: Ansprache an die Abiturienten 1967 (4. M\u00e4rz 1967):<br>&nbsp;<br>&#8220; &#8230; Wir sind sozusagen miteinander aufgewachsen: Ich habe vor neun Jahren angefangen, zusammen mit Ihnen Latein zu treiben, in Klasse 7 auch Geschichte. &#8211; Sp\u00e4ter sind wir uns, nach einer Unterbrechung von drei Jahren, in Klasse 11 wieder begegnet, im Griechischen, &#8211; und dann zog es mich doch wieder zum Lateinischen hin, weil mein Herz &#8230; schliesslich doch dem Lateinischen geh\u00f6rt, seiner Sprache, seiner Kultur und seiner Geschichte.<br>&nbsp;<br>Wenn sich nun nach dieser langen Zeit heute unsere Wege trennen, so ist nicht so sehr das Recht, sondern die Pflicht des Lehrers, der am l\u00e4ngsten in dieser Klasse unterrichtet hat, zu den Abiturienten auch die Worte des<br>Abschieds zu sprechen und ihnen so etwas wie einen Rechenschaftsbericht zu geben. &#8211; Lassen Sie mich einige, aber auch nur einige der Grundgedanken des Unterrichts, den wir Ihnen in diesen Jahren erteilt haben, darlegen, mehr nach stichwortartigen Regeln unserer Praxis als nach einem kompletten System dogmatischer Prinzipien:<br>&nbsp;<br>(1) Wir haben keinen Grund, Dinge deswegen f\u00fcr gut zu halten, weil sie neu sind, &#8211; und deswegen f\u00fcr schlecht, weil sie alt sind. &#8230;<br>&nbsp;<br>(2) Wir wollen der jungen Generation die Arbeit und die Anstrengung nicht ersparen. &#8211; Wir k\u00f6nnen uns das einfach nicht nicht leisten, &#8211; und selbst, wenn wir es uns leisten k\u00f6nnten, w\u00e4re es nicht nur ein <em>inhumanum, <\/em>sondern auch unmenschlich, menschliche Begabung brachliegen zu lassen.<br>&nbsp;<br>(3) Wir k\u00f6nnen und wollen der jungen Generation die Konfrontation mit der Geschichte nicht ersparen. &#8211; Darunter verstehen wir die Konfrontation des einzelnen mit seiner geistigen Vergangenheit, &#8230; im Sinne der Erkentnis schon eines Humanisten des 12. Jahrhunderts, nach dessen Auffassung wir zwar, w\u00f6rtlich aufgefasst, <em>&#8222;h\u00f6her&#8220;<\/em> stehen als die Vergangenheit, aber, w\u00f6rtlich: <em>&#8222;alteriore loco&#8220;, &#8211; <\/em>und deswegen, <em>&#8222;ex alteriore loco&#8220; <\/em>mehr sehen als die Vergangenheit, &#8211; aber eben nicht aufgrund unserer eigenen Gr\u00f6sse, sondern weil wir auf den Schultern eben dieser Vergangenheit stehen (Gymn. 74, 1967, 7).<br>&nbsp;<br>(4) Sie werden sich erinnern (aus unserer Lekt\u00fcre des letzten Jahres): Es gibt in 25 und mehr Jahrhunderten keinen Autor der europ\u00e4ischen Literatur, der die Ph\u00e4nomenologie des \u0086bergangs von einem freien Staat zur Diktatur, von der inneren Tr\u00e4gheit des einzelnen zur \u00e4usseren Knechtschaft und zur Angst gegen\u00fcber der Allmacht des Staates, &#8211; der die Ph\u00e4nomenologie der s\u00fcssen Verlockung durch Ruhe, Wohlstand und scheinbare Sicherheit &#8230; mit solcher Anteilnahme, mit solcher Pr\u00e4zision und mit solcher Verzweiflung dargestellt hat wie Tacitus. &#8211; Ich hoffe, Sie haben hier, ohne dass das Lateinische amtlich dazu deklariert wurde, staatsb\u00fcrgerliche Erziehung auf hoher Ebene erlebt.<br>&nbsp;<br>Sie werden sich weiter erinnern: Ich habe nicht ohne Absicht an den Schluss unserer Lekt\u00fcre das <em>Somnium Scipionis <\/em>gestellt. Es gibt, wenn Sie nicht das Alte Testament zur Hand nehmen, f\u00fcr meine Begriffe keine Schrift, die den Leser in solchem Masse an die <em>vanitas vanitatum <\/em>menschlicher Existenz erinnert wie Ciceros \u0086berlegungen \u00fcber den menschlichen Ruhm, der weder den <em>Caucasus <\/em>zu \u00fcbersteigen imstande ist, noch den zwanzigsten Teil eines <em>annus vere vertens <\/em>erreicht. &#8211; Diese Gedanken zwingen mich pers\u00f6nlich bei der Lekt\u00fcre gerade dieser Schrift jedesmal mehr zum inneren Eingest\u00e4ndnis menschlicher Unzul\u00e4nglichkeit, insbesondere, wenn man sich selbst gegen\u00fcber im Alter Rechenschaft abzulegen beginnt und nach dem fragt, was man mit des Lebens M\u00fche und Arbeit eigentlich geleistet und erreicht hat. &#8230;<br>&nbsp;<br>&#8230; Die Tatsache aber, dass es gelang, das ber\u00fchmte 111. Kapitel aus dem Petron als Abiturarbeit vorzulegen, &#8211; und dass in meiner Praxis noch nie eine Abiturklasse so fr\u00f6hlich bei der lateinischen Reifepr\u00fcfungsarbeit gesehen wurde, &#8211; war nicht nur eine sch\u00f6ne Genugtuung in einem geplagten Schulmeisterdasein, sondern auch die Rechtfertigung der \u0086\u00dcberzeugung, dass ein Schulmeister noch notwendiger als das moralische auch ein fr\u00f6hliches Herz haben m\u00fcsse.<br>&nbsp;<br>So haben wir wirklich &#8211; und das darf ich zum Schluss bekennen &#8211; mit diesem Abiturjahrgang &#8230; weit mehr Freude als Arbeit gehabt. &#8230; So war es, so und nicht anders. &#8211; Daf\u00fcr m\u00f6chte ich noch einmal allen Kollegen danken, die seit neun Jahren die ersten gymnasialen Schritte dieser Klasse betreut haben, vor allem den drei Ordinarii: Herrn Ilse auf der Unterstufe, Herrn Grobmann auf der Mittelstufe, und Herrn Plett auf der Oberstufe; &#8211; und Herr Ilse ist mein Zeuge daf\u00fcr, dass wir, die Lehrer, die in dieser Klasse unterrichteten, schon vor neun Jahren unser Herz an diese Klasse verschenkt haben.<br>&nbsp;<br>Und so m\u00f6chte ich Ihnen, in durchaus unschulmeisterlicher Umkehrung der \u00fcblichen Verh\u00e4ltnisse, heute keine Ermahnungen, sondern eben diesen Bericht der Rechenschaft mit auf den Weg geben, &#8211; Ihnen, im Namen der Schule, danken, f\u00fcr die Art und Weise, wie wir uns das Leben gegenseitig leicht gemacht haben, &#8211; &#8230; und als letztes: die Bitte aussprechen, dass Sie Ihr Wilhelm-Gymnasium in ebenso guter Erinnerung behalten wie wir die Abiturienten des Jahrgangs 1967.<br>&nbsp;<br>(7) Brief einer geplagten Mutter, zwei Jahre sp\u00e4ter, Sept. 1969. &#8211;<br>&nbsp;<br>B\u00f6mer konnte, so stand es weiter oben, &#8222;unendlich viel geben, wenn man auf der gleichen Wellenl\u00e4nge mit ihm lag&#8220; (Bericht von Dr. Oswald Heddaeus, Vorsitzendem des Elternrates). &#8211; Was aber, wenn die Wellenl\u00e4nge nicht ganz stimmte? &#8211; Dann wurde die Sache schwierig, f\u00fcr beide Seiten. &#8211; Der folgende Brief, hier ungek\u00fcrzt und unver\u00e4ndert wiedergegeben, ist bisher nirgends ver\u00f6ffentlicht worden. Es ist der Brief einer geplagten Mutter, die &#8211; aus ganz pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden &#8211; ihre Tochter nach der 7. Klasse vom WG abgemeldet hatte, dann aber merkte, dass ihr Kind an der neuen Schule nur noch ungl\u00fccklich war: &#8222;&#8230; Sie hat Heimweh nach ihrer alten Schule, ihrer alten Klasse &#8230;&#8220;. &#8211; Also: versuchen, dass das Kind wieder ans WG und wieder in ihre alte Klasse<br>kommt. &#8211; Wenn nicht gleich, dann wenigstens zum n\u00e4chsten Ostertermin.<br>&nbsp;<br>Das Problem: die Tochter, Micaela, war keineswegs eine Sch\u00fclerin, wie Prof. B\u00f6mer sich eine Sch\u00fclerin des WG vorstellte &#8230;, ein wenig frech, aufm\u00fcpfig, und auch sonst &#8230;(jeder, der m\u00f6chte, kann sie \u00fcbrigens sehen: sie ist &#8211; von mir w\u00e4hrend einer Unterrichtsstunde liebevoll fotografiert &#8211; in unserer Festschrift zu sehen: S. 249, unteres Bild, genau in der Mitte, struppige Haare, und tats\u00e4chlich etwas frecher, &#8211; und wohl auch kecker und auch ein wenig selbstbewusster als ihre Mitstreiter in der Schullaufbahn am WG, &#8211; alle \u00fcbrigens aus derselben Klasse, die ich sehr liebte, &#8230; es war meine erste).<br>&nbsp;<br>B\u00f6mer selbst hat \u00fcbrigens immer wieder bekannt, dass er, &#8222;als Kind seiner Zeit&#8220;, manche Grundeinstellungen nicht abstreifen konnte, &#8211; auch, wenn er es wollte; man m\u00f6ge ihm das nachsehen. &#8211; &#8222;&#8230; seiner Zeit&#8220; &#8211; das war<br>letzten Endes wohl doch noch die sp\u00e4te Wilhelminische Zeit (auch wenn er das nicht gerne h\u00f6rte) und die Zeit der Weimarer Republik, die Zeit der Gelehrten und der Gelehrtenbilbiotheken, die es heute nicht mehr gibt,<br>und die Zeit des &#8222;h\u00f6heren und gebildeten B\u00fcrgertums&#8220;, wie sie immer wieder beschrieben worden ist.<br>&nbsp;<br>Nach diesen Vorbemerkungen nun endlich der angek\u00fcndigte Brief, 2. September 1969:<br>&nbsp;<br>&#8222;Lieber Herr Doktor Schulz!<br>&nbsp;<br>Es ist also endg\u00fcltig. Micaela kommt nicht wieder aufs Wilhelm-Gymnasium. Und bei dem Gespr\u00e4ch &#8211; das so schief gelaufen ist, wie es nur ging &#8211; war auch von &#8222;Ostern&#8220; \u00fcberhaupt nicht die Rede.<br>&nbsp;<br>Dummerweise hatte mich die Schulsekret\u00e4rin am Sonnabend gleich mit Herrn Professor B\u00f6mer verbunden, obwohl ich sie nur telefonisch um einen Termin bitten wollte. Ja, und damit war die Sache gleich zum Scheitern verurteilt.<br>&nbsp;<br>Bitte ersparen Sie mir die Einzelheiten dieses Telefonats. Ich kann nur sagen, dass ich ein derartiges Gespr\u00e4ch in meinem ganzen Leben noch nicht habe f\u00fchren m\u00fcssen. Und ich w\u00fcnsche es mir auch f\u00fcr die Zukunft nicht.<br>Man kann &#8211; wollte man es schildern &#8211; nur in Superlativen sprechen: Das Unpers\u00f6nlichste, K\u00e4lteste, Schroffeste, Unfreundlichste, Arroganteste, Abrupteste &#8230; und, und, und.<br>&nbsp;<br>Aber Ihnen, lieber Herr Doktor Schulz, m\u00f6chte ich noch einmal ganz besonders f\u00fcr Ihr Verst\u00e4ndnis und Ihre Bereitschaft zu helfen danken. Und ich bitte Sie sehr, auch Herrn L\u00fcbke meinen Dank auszurichten.<br>&nbsp;<br>Diese Entwicklung ist sehr schade und auch traurig. Aber es gibt Schlimmeres. Und wir werden uns auch dieser Situation anpassen, anpassen m\u00fcssen. &#8211; Ihre &#8230; usw.&#8220;<br>&nbsp;<br>(8) Ansprache an die Abiturienten. 15. Februar 1969. &#8211;<br>Es war B\u00f6mers letzte Rede am WG, gehalten \u00fcbrigens in der Aula unserer Nachbarschule, der Fremdsprachenschule am Mittelweg, &#8211; und viele, die dabei waren, wissen, dass neben ihm, neben dem Rednerpult, sein kr\u00e4ftiger Sohn Heinrich stand, &#8211; bereit, ihn bei \u0086bergriffen, wie damals durchaus zu erwarten, tatkr\u00e4ftig zu sch\u00fctzen.<br>&nbsp;<br>Seine letzte Rede also: Manche, die ihn damals h\u00f6rten, die hinterher den Text gelesen haben, sagten: seine gr\u00f6sste: Niemals vorher, niemals danach habe jemand vor der Schule so ehrlich, so tief, so verzweifelt gesprochen wie er an diesem Tage. &#8211; Und, dies nur zur Erinnerung: Es ging im Grunde und nicht zuletzt um die Studentenbewegung von 1968 ff. &#8230;<br>&nbsp;<br>In gewissem Sinne also seine Abschiedsrede. &#8211; Sie ist in unserem Mitteilungsblatt abgedruckt (Heft 43, 1969), ausserdem, in Ausz\u00fcgen, in der Festschrift von 1981 (251ff.). &#8211; Hier nur die letzten Abs\u00e4tze:<br>&nbsp;<br>&#8222;&#8230; Bleiben Sie, meine Damen und Herren, ich m\u00f6chte Sie bitten, auf dem Boden der Realit\u00e4t &#8211; Sie k\u00f6nnen und d\u00fcrfen mehr als zwei Jahrtausende nicht ungeschehen machen -, auf dem Boden der Realit\u00e4t, und der Humanit\u00e4t. Beides l\u00e4sst sich nicht trennen. &#8230; Machen Sie es schlicht, ohne Illusion, vielleicht ohne Ideologie, besser als wir; ich meine es ernst, ohne Ideologie: Denken Sie daran, wieviel Blut die Ideologien gerade von der europ\u00e4ischen Menschheit gefordert haben, angefangen von den Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Aristokraten in der griechischen Geschichte und den Christenverfolgungen und den daran anschliessenden ebenso blutigen Heidenverfolgungen am Ende der r\u00f6mischen Zeit.<br>&nbsp;<br>Nehmen Sie dies als Bitte einer Generation, die es in vielem sicher schwerer gehabt hat als Sie: Die Aussichten dazu sind niemals so g\u00fcnstig gewesen wie jetzt. &#8211; Die Generation <em>vor<\/em> uns hatte die Chance verpasst, weil sie im vermeintlichen Jahre Null glaubte, mit kaiserzeitlich-b\u00fcrgerlichem Denken ihre zerbrochene Welt retten zu k\u00f6nnen. &#8211; <em>Unsere<\/em> Generation hat die Chance, im wirklichen Jahre Null einen neuen Staat und eine neue Gesellschaft aufzubauen, nicht wahrgenommen &#8211; und mit der Restauration eines sp\u00e4tkapitalistischen Systems und der ihm innewohnenden Korruptheit alle Voraussetzungen f\u00fcr seinen Untergang geschaffen.<br>&nbsp;<br>Nun aber h\u00fcten <em>Sie<\/em> sich &#8211; auch dies als Bitte -, h\u00fcten Sie sich vor der Selbstgef\u00e4lligkeit, zu glauben, dass es gen\u00fcge, jung zu sein und es besser zu wissen. &#8211; H\u00fcten Sie sich weiter, bitte, um Ihrer selbst willen, vor dem Misstrauen einer ganzen Welt gegen die Deutschen, wenn diese wieder einmal, zum dritten Mal in diesem Jahrhundert, in dieser aggressiven Weise die Welt verbessern wollen, &#8211; und schliesslich: Denken Sie daran, dass Sie noch, wenn auch nicht viel, Geschichte gelernt haben &#8230; &#8211; und dass die Geschichte sowohl lehrt, dass seit Jahrhunderten die Revolution\u00e4re nur in den seltensten F\u00e4llen die Freiheit errungen und nachher auch verteidigt haben, die sie auf ihre Fahnen schrieben, &#8211; als auch, dass die Nachwelt eben dies und manches andere aus der Geschichte nicht lernen will, &#8211; auch dies ein weites Feld, das wir hier, wenn Sie es nicht auf der Schule getan haben, nicht mehr durchmessen k\u00f6nnen.<br>&nbsp;<br>Meine sehr verehrten Damen und Herren Abiturienten! &#8211; Ich m\u00f6chte Ihnen zeigen, dass es mir sehr ernst ist mit diesen Gedanken und W\u00fcnschen, und mit einem Gedanken aus meiner privatesten Sph\u00e4re schliessen. Mein Vater, Jahrgang 1879, starb im Dezember 1945, nachdem im Fr\u00fchjahr desselben Jahres noch zwei meiner Br\u00fcder ums Leben gekommen waren; der eine fiel in Westfalen, der andere wurde im Rheinland von den Amerikanern ermordet. Das hat diesem Mann, der seinen Jahren und oft auch seiner Mentalit\u00e4t nach ins zweite Kaiserreich geh\u00f6rte, die Lebenskraft genommen. Er war in einer Welt grossgeworden, in der H\u00e4rte eine Art Selbstzweck war, und er war selbst ein harter Mann. Wir glauben heute noch, dass er oft nur schwer zu ertragen war. Was mich angeht, so habe ich es in vielen, ja oft in den entscheidenden Dingen, ganz anders gehalten als er. Ich bin aber, vor allem aus dem Abstand von<br>mehr als zwanzig Jahren gesehen, heute der \u0086berzeugung, dass er, um mich eines Ausdrucks seines Jahrhunderts zu bedienen, ein aufrechter Mann war &#8211; und dass er das getan hat, was er vor Gott und seinem Gewissen f\u00fcr Recht und richtig hielt.<br>&nbsp;<br>Meine Damen und Herren: Ob das richtig ist, was die Generation unserer V\u00e4ter tat, was wir tun, was Sie tun und tun werden, das k\u00f6nnen im Endeffekt weder wir noch Sie wirklich ermessen. Attestieren Sie bitte uns sp\u00e4ter einmal &#8211; nicht heute -, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen, wir als Kinder unserer Zeit und unserer Erziehung, gehandelt haben,und dass wir nicht unmenschlich waren, &#8211; und handeln Sie selbst, bitte, so, dass Sie diese Bitte, wohlverstanden als Bitte, nicht als Forderung, Ihrerseits vor der Generation, die Ihnen folgt, wenn vielleicht auch nicht immer mit bl\u00fctenweissem, so aber vielleicht doch mit einigermassen gutem Gewissen vertreten k\u00f6nnen. &#8211; Erziehen Sie, wenn Sie es wollen und k\u00f6nnen, die n\u00e4chste Generation zu besseren Demokraten.<br>&nbsp;<br>Nehmen Sie diese meine Bitten und unser aller W\u00fcnsche mit auf den Weg!<br>&nbsp;<br>(Franz B\u00f6mer, 15. Februar 1969).<br>&nbsp;<br>Damit endet diese kleine Dokumentation zu B\u00f6mers Jahren am WG. &#8211; Nach der letzten Abituransprache hat er sich \u00f6ffentlich am WG nicht mehr ge\u00e4ussert, allenfalls in kleinen &#8222;Lesefr\u00fcchten&#8220; in unserem Mitteilungsblatt. &#8211; Ein letztes Beispiel, zitiert aus der ZEIT: &#8222;Es gibt zwei Gruppen, die mit unsch\u00f6ner Regelm\u00e4ssigkeit auf der Seite der Ausgebeuteten stehen: Minorit\u00e4ten (Juden, Humanisten, Neger, Liberale, Homosexuelle) &#8211; und Frauen. &#8211; Im Heft 47 ebendieses Mitteilungsblattes dann Zinke, lakonisch: &#8222;Herr Prof. B\u00f6mer hat seine Amtsgesch\u00e4fte als Leiter des Wilhelm-Gymnasiums aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden seit August 1971 nicht mehr ausge\u00fcbt&#8220; (was ihn \u00fcbrigens verbindet mit einem, der in vielem ganz anders war als er: mit dem Kunsterzieher Bernd Hering, der bereits ein halbes Jahr fr\u00fcher, aus denselben Gr\u00fcnden, ausgeschieden war). &#8211; Bei alledem bisher \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt: B\u00f6mer als Wissenschaftler und Publizist: Verfasser umfangreicher Monographien und wissenschaftlicher Kommentare, ausserdem \u00fcber viele Jahrzehnte Herausgeber und Redakteur der altsprachlichen Zeitschrift &#8222;Gymnasium&#8220;. &#8211; Dar\u00fcber, vielleicht auch von anderer Seite, demn\u00e4chst.<br>&nbsp;<br>(Schulz, 10. Februar 2004)<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"rund2003\"><br><br>An die Mitglieder, Ehrenmitglieder und Freunde unserer Vereinigung, &#8211;<\/h2>\n\n\n\n<p>insbesondere &#8211; wie allj\u00e4hrlich &#8211; schon jetzt an alle, die im n\u00e4chsten Jahr von uns zum Abiturjubil\u00e4um eingeladen werden: die Abiturienten und Abiturientinnen von 1934, 1944, 1954, 1964, 1974, 1984, 1994 und 1999.<br>&nbsp;<br>(Rundbrief vom 8. Dezember 2003)<br>&nbsp;<br>Wie allj\u00e4hrlich: unser Rundschreiben zum Jahresende. Es gibt &#8211; neben den \u00fcblichen, immer wieder n\u00f6tigen Formalia &#8211; viel Gutes zu berichten, leider aber auch auch vieles, was bedenklich, alarmierend ist und wo wir, mit<br>unseren bescheidenen M\u00f6glichkeiten, gegensteuern sollten, soweit es geht.<br>&nbsp;<br>Im einzelnen:<br>&nbsp;<br>(1) <em>Postversand, E-Mail.<\/em> &#8211; Dies vorweg, um es loszuwerden: Dieser Brief geht an etwa 1.300 Anschriften, davon etwa 300 per E-Mail, &#8211; der weitaus gr\u00f6sste Teil aber,&nbsp; nach wie vor, mit normaler Post: ca. 1.000 Sendungen, die gedruckt, zusammengetragen, gefaltet, einget\u00fctet, sortiert und zur Post gebracht werden m\u00fcssen. Nur wer das einmal selbst gemacht hat, weiss, wieviel Arbeit das bedeutet (geht nur mit einer Schar mithelfender<br>Kinder, die einen ganzen Vormittag damit besch\u00e4ftigt sind) &#8211; und: welche Portokosten es verursacht. &#8211; Wir tun das ja gerne, aber was uns ein wenig wurmt: Wenn wir nur ein paar hundert mehr E-Mail-Adressen h\u00e4tten, k\u00f6nnten<br>wir die H\u00e4lfte der Arbeit und die H\u00e4lfte der Kosten sparen &#8211; und das Geld f\u00fcr andere Zwecke verwenden.<br>&nbsp;<br>Daher unsere Bitte: Nennen Sie uns, wenn irgend m\u00f6glich, Ihre E-Mail-Adresse: Sie ersparen dem Verein damit viel Geld, das dann insgesamt der Schule zugute kommt, und Sie erhalten ausserdem in unregelm\u00e4ssiger Folge kleinere Mitteilungen, etwa \u00fcber Veranstaltungen oder Neuigkeiten am WG, die wir mit normaler Post nicht verschicken k\u00f6nnen. &#8211; Wir wissen allerdings, dass vielen ein normaler Brief lieber ist als eine Nachricht auf dem Computer. Wir werden diese M\u00f6glichkeit auf jeden Fall immer offenhalten.<br>&nbsp;<br>(2) <em>Schulisches: Bausachen.<\/em> &#8211; Per Saldo: ein hocherfreuliches Thema. Das neue Oberstufenhaus, an der Stelle, wo fr\u00fcher der Bunkerh\u00fcgel war, ist fertig. &#8211; Insgesamt: voll gelungen, nicht pomp\u00f6s, aber solide und klar konzipiert. Im Erdgeschoss mehrere Kursr\u00e4ume, gr\u00f6ssere und kleinere, alle hell, freundlich, mit Blick ins Gr\u00fcne, &#8211; im Obergeschoss ein weiterer, kleiner Kursraum, auch sehr sch\u00f6n, &#8211; und dann: der riesige Bibliotheksraum, f\u00fcr viele das Herzst\u00fcck der gesamten Anlage. Mehr als 100 qm gross, hell, mit Aussicht nach mehreren Seiten. Nat\u00fcrlich wird jetzt an vielen Stellen \u00fcberlegt, wie dieser Raum zu gestalten und zu nutzen ist, denn er ist bisher g\u00e4nzlich leer. Sch\u00f6nste Vision aller Beteiligten (Sch\u00fcler, Eltern, Lehrer): ein Bibliotheks- und Arbeitsraum, in dem Sch\u00fcler und Lehrer nach Herzenslust lesen und arbeiten k\u00f6nnen, in dem sie fast alle n\u00f6tigen B\u00fccher zur Hand<br>haben, sich an grossen Arbeitstischen ausbreiten k\u00f6nnen, nat\u00fcrlich &#8211; wie heute \u00fcblich &#8211; mehrere Computer mit Internetanschluss zur Verf\u00fcgung haben und wohl auch ein gutes Kopierger\u00e4t. &#8211; Das Ganze ist nicht illusorisch,<br>sondern durchaus durchf\u00fchrbar, nur gab es auch Stimmen, die meinten, ein so wundervoller Raum, &#8222;nur als Bibliothek genutzt&#8220; &#8230;, &#8211; das sei doch wohl Verschwendung. &#8211;<br>&nbsp;<br>Die L\u00f6sung wird ein vern\u00fcnftiger Kompromiss sein: Grunds\u00e4tzlich Bibliothek, mit allem, was dazu geh\u00f6rt, aber so flexibel, dass man Tische und St\u00fchle auch einmal umstellen kann, um z.B. eine Versammlung des dritten Semesters oder eine Autorenlesung durchzuf\u00fchren. &#8211; Also: keine Schwierigkeit.<br>&nbsp;<br>Es fehlt aber noch die M\u00f6blierung: Regale, Tische, St\u00fchle. Soweit man sieht, wird daf\u00fcr die Beh\u00f6rde aufkommen. &#8211; Und: es fehlen die B\u00fccher. Das ist Sache der Schule. Was aber viele an unserer Schule nicht mehr wissen:<br>Es gibt ja eine ziemlich umfangreiche Handbibliothek: linkes Silentium, hinter dem Lehrerzimmer, die sog. Lehrerbibliothek: Fast alle B\u00fccher, die dort stehen, stammen aus den siebziger Jahren, aus der Pionierzeit der<br>reformierten Oberstufe, als die Beh\u00f6rde, mit erheblichen Mitteln, B\u00fccher f\u00fcr das selbst\u00e4ndige Arbeiten der Oberstufensch\u00fcler anschaffen liess: Ohne dies, so damals die \u0086\u00dcberzeugung, keine sinnvolle Oberstufenarbeit &#8230; &#8211;<br>Also: lauter B\u00fccher f\u00fcr die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen unserer Oberstufe. &#8211; Viele Ehemalige werden sich an diesen Arbeitsraum noch erinnern, auch daran, wie dort Sch\u00fcler und Lehrer friedlich und eintr\u00e4chtig nebeneinander<br>arbeiteten. &#8211; Das ging solange gut, bis einige aus dem damaligen Kollegium es schlicht nicht mehr ertragen konnten, dass st\u00e4ndig Sch\u00fcler durch das geheiligte Lehrerzimmer in den Bibliotheksraum gingen. Sie f\u00fchrten einen Konferenzbeschluss herbei, und den Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen war hinfort der Zutritt (zu ihrer Bibliothek) verwehrt.<br>&nbsp;<br>Heute scheint es wichtig, daran zu erinnern, dass fast alle diese B\u00fccher f\u00fcr unsere Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen angeschafft wurden, nicht f\u00fcr die Lehrer, und dass also die meisten in die neue Oberstufenbibliothek geh\u00f6ren,<br>auch wenn sich manche dagegen wehren m\u00f6gen.<br>&nbsp;<br>Dies ist dann aber nat\u00fcrlich nur der Grundstock. Vieles aus dem alten Bestand ist veraltetet. Die Schule braucht, wenn die Bibliothek sinnvoll funktionieren soll, eine grosse Menge neuer B\u00fccher, und die m\u00fcssen bezahlt werden. &#8211; Von wem? &#8211; Von der Beh\u00f6rde ist, nach allem, was man h\u00f6rt, kaum etwas zu erwarten. Bleiben wieder nur die Eltern und &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; wie immer: die Ehemaligen. Es scheint, dass hier wieder einmal eine erhebliche<br>finanzielle Aufgabe auf uns und unseren Verein zukommt, aber diese Aufgabe sollten wir, soweit es in unseren Kr\u00e4ften liegt, uns zu eigen machen. &#8211; Es gibt wohl keine bessere Investition in die Zukunft unserer Schule als diese.<br>&nbsp;<br>(3) <em>Schulisches: &#8222;Lehrerarbeitszeitmodell&#8220; und Verwandtes.<\/em><br>&nbsp;<br>Geht alle Lehrer und jede Schule an, also auch das WG. &#8211; Per Saldo: Hoch unerfreulich: Ein Komplex, der den Hamburgern ziemlich viel Verdruss bereitet hat und noch bereitet &#8211; und dar\u00fcber hinaus immer noch viel unverhohlenen Spott und viel Schadenfreude von ausserhalb. &#8211; Zur Sache (f\u00fcr alle, die nicht in Hamburg leben): Der jetzige Senat, bestehend aus CDU, Schill-Partei, F.D.P., hat sich &#8211; neben einigen anderen Dingen, f\u00fcr die er durchaus Lob geerntet hat, &#8211; auch der Schulpolitik angenommen, hier freilich nur mit ganz schlechten Noten. Heftige Kritik, zum Schluss auch aus den eigenen Reihen, speziell f\u00fcr den damals zust\u00e4ndigen Schulsenator, der vermutlich gar nicht allein daf\u00fcr verantwortlich war. Ihm hatte schon zu Beginn seiner Amtszeit die S\u00fcddeutsche Zeitung gen\u00fcsslich bescheinigt: &#8222;Ein Konteradmiral, der sich selber versenkt&#8220;.<br>&nbsp;<br>Worum es geht? (etwas ausf\u00fchrlicher, weil wir in manchen Briefen und Telefonaten von ausserhalb explizit danach<br>gefragt werden: &#8222;Was ist in Hamburg eigentlich los ??&#8220;). &#8211; Der Senat hatte, soweit man sieht, schulpolitisch mehrere Dinge angesteuert und auch durchgesetzt:<br>&nbsp;<br><em>Erstens:<\/em> Eine verschleierte, nirgends offen ausgesprochene Erh\u00f6hung des Unterrichtssolls f\u00fcr alle Hamburger Lehrer, im Durchschnitt etwa zwei Unterrichtsstunden pro Woche, allerdings unterschiedlich verteilt: f\u00fcr<br>manche erheblich mehr (bis zu f\u00fcnf, sechs, sieben Stunden), f\u00fcr manche weniger (dazu den folgenden Punkt).<br>&nbsp;<br><em>Zweitens:<\/em> Das oben genannte &#8222;Lehrerarbeitszeitmodell&#8220;, eine Art &#8222;Geb\u00fchrenordnung f\u00fcr Lehrer&#8220;, nach der unterschiedliche T\u00e4tigkeiten unterschiedlich honoriert werden (z.B.: Unterricht in Latein erheblich g\u00fcnstiger als Unterricht in Musik oder Sport), aber auch andere T\u00e4tigkeiten (Konferenzen, Elterngespr\u00e4che, Elternabende &#8230;) mit gewisser Minutenzahl in Anrechnung kommen. &#8211; Insgesamt &#8211; das darf man wohl als Aussenstehender mit aller Vorsicht sagen &#8211; eher ein Kuriosit\u00e4tenkabinett als ein ausgereifter Entwurf. &#8211; Prof. B\u00f6mer, vielen vermutlich noch bekannt in seiner lakonisch-catonischen Diktion, h\u00e4tte denn wohl auch schlicht gesagt: &#8222;<em>Unter Curiosa abheften &#8230;&#8220;.<\/em><br>&nbsp;<br>Aber auch er h\u00e4tte vermutlich nicht verhindern k\u00f6nnen, dass &#8211; nach all den Vorgaben und Schl\u00fcsselzahlen der Beh\u00f6rde &#8211; die Lehrer im Schnitt unversehens zwei Wochenstunden mehr unterrichten. &#8211; Selbst wenn er sich strikt geweigert h\u00e4tte, die &#8222;Vorgaben&#8220; der Beh\u00f6rde &#8222;umzusetzen&#8220; (zwei Vokabeln, die im Moment hoch im Kurse stehen), selbst wenn er sein Amt aus Protest zur\u00fcckgegeben h\u00e4tte: Bewirkt h\u00e4tte er nichts: Die Beh\u00f6rde h\u00e4tte schnell einen anderen gefunden &#8230;<br>&nbsp;<br><em>Drittens:<\/em> Eine starke Erh\u00f6hung der Mindestzahlen f\u00fcr Klassen und Kurse, insbesondere in der Oberstufe. Ergebnis: In wenig belegten Kursen (LK Physik, Chemie, Mathematik, Musik, Franz\u00f6sisch, Griechisch, Latein), in denen die Mindestzahlen an einer Schule nicht erreicht werden, wird nach M\u00f6glichkeit &#8222;zusammengelegt&#8220;, um die Kurse \u00fcberhaupt stattfinden zu lassen: Grundkurse mit Leistungskursen, Kurse verschiedener Semester, Kurse<br>verschiedener Schulen usw., bis im Ergebnis ein Kurs der erw\u00fcnschten Gr\u00f6sse entstanden ist. Das muss nicht immer nur schlecht sein, aber es bringt, f\u00fcr Sch\u00fcler wie f\u00fcr Lehrer, viele zus\u00e4tzliche Belastungen: Unsere Sch\u00fcler<br>wandern in Scharen in die Nachbarschulen und werden dort unterrichtet, und in anderen F\u00e4chern str\u00f6men andere in Scharen zu uns. &#8211; Ausserdem: Ein bunt zusammengew\u00fcrfelter Kurs von dreissig Sch\u00fclern ist f\u00fcr alle Beteiligten<br>nicht immer eine optimale Lerngruppe.<br>&nbsp;<br>Lustiges Postscriptum: Unser Oberstufenhaus ist bereits vor Jahren vom damaligen Senat (SPD und Gr\u00fcne) konzipiert worden, alle R\u00e4ume orientiert an den damals geltenden, kleineren Kursgr\u00f6ssen. Nach allem, was man h\u00f6rt, sind inzwischen, f\u00fcr die neu angesteuerten Kursgr\u00f6ssen, die R\u00e4ume insgesamt zu klein. &#8230; &#8211; Unser Gl\u00fcck: Die Pl\u00e4ne der Beh\u00f6rde lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen, so dass die allermeisten unserer Kurse nun doch in das neue Haus hineinpassen, &#8211; bis auf vier oder f\u00fcnf, die nun doch in anderen R\u00e4umen arbeiten m\u00fcssen. Unser Koordinator f\u00fcr die Oberstufe, Martin Richter, hat mit bew\u00e4hrtem Geschick einen Plan ausgearbeitet, nach dem im Moment alles funktioniert. F\u00fcr die Zukunft hofft er &#8211; wie viele bei uns &#8211; zuversichtlich auf eine Wende in der Schulpolitik &#8230; &#8211; Und weitere Konsequenz: Fast alle Schulen hatten pl\u00f6tzlich zu viele Lehrer. Die mussten dann ganz oder mit einem Teil ihrer Stundenzahl an andere Schulen gehen, an denen gerade besonders viele Lehrer pensioniert worden waren. Betroffen: auch das WG, zum nicht geringen \u00c4rger und zur nicht geringen Trauer der Betroffenen.<br>&nbsp;<br><em>Viertens (zum ersten Mal etwas Inhaltliches):<\/em> Eine Neuauflage der Hamburger Lehrpl\u00e4ne oder Richtlinien, diesmal mit starker Verbindlichkeit, Reglementierung, Vereinheitlichung, Kontrolle, \u0086berpr\u00fcfung, Evaluation &#8211; und wie die \u00fcblichen Termini alle heissen.<br>&nbsp;<br><em>F\u00fcnftens (damit verbunden):<\/em> Eine F\u00fclle von vorgeschriebenen Vergleichsarbeiten, Lernausgangstests, Lernerfolgstests usw., ausserdem f\u00fcr die Oberstufe: zunehmende Tendenz zum Zentralbitur.<br>&nbsp;<br>Dies alles dem neuen Senat anzulasten w\u00e4re indes nicht gerecht. Vieles davon geht bereits auf das Konto das vorigen Senates (SPD und Gr\u00fcne), insbesondere die beiden letzten Punkte. Es scheint, dass bereits dort &#8211; in einer gewissen Panikreaktion auf die Ergebnisse der sog. Pisa-Studie und auf die so viel besseren Daten f\u00fcr Bayern &#8211; das Heil vor allem in Vereinheitlichen, Vergleichen, Kontrollieren, Evaluieren gesucht wurde, &#8211; wobei jeder weiss, dass Panik nicht immer der beste Ratgeber ist und dass es ganz andere Konzepte geben<br>m\u00fcsste.<br>&nbsp;<br>Mein ganz pers\u00f6nlicher Eindruck: Wieweit durch alle diese Massnahmen, nicht nur bei uns, schlechter, \u00f6der, langweiliger, uninspirierter Unterricht besser geworden ist &#8211; und wieweit, auf der anderen Seite, guter, lebendiger, engagierter, fruchtbarer Unterricht, den es ja wirklich an vielen Stellen auch gibt, blockiert, eingeschr\u00e4nkt, geradezu: verhindert wird: &#8222;das kann man nicht untersuchen, ohne bitter zu werden&#8220; (Hermann Hesse). &#8211; Das Hoffnungsvolle: Trotz allem gibt es diesen Unterricht nach wie vor, auch bei uns am WG, und nicht einmal so selten. Er l\u00e4sst sich nicht verhindern, von keiner Beh\u00f6rde, auch nicht von der Hamburger Schulbeh\u00f6rde.<br>&#8211; Aber diejenigen, die nach wie vor mit Lust, Begeisterung, Phantasie und st\u00e4ndig neuen Ideen arbeiten wollen, haben es nicht immer leicht. &#8211; Und nun wieder die Ehemaligen: Wir sehen es als eine unserer ganz wichtigen<br>Aufgaben, hier, soweit wir es mit unseren Kr\u00e4ften k\u00f6nnen, helfend zur Stelle zu sein, damit unsere Schule das bleibt, was sie schon immer war: eine nicht allt\u00e4gliche Schule, die es in dieser Form sonst nirgends gibt und<br>die mehr ist, und anderes, als eine Veranstaltung der vorgesetzten und regulierenden Beh\u00f6rde.<br>&nbsp;<br>Vereinheitlichung? &#8211; Auch dies \u00fcbrigens eine Hinterlassenschaft des vorigen Senates. Sp\u00f6ttische Zungen formulieren es heute so: Die damalige Schulbeh\u00f6rde hatte ja allen Schulen, sozusagen als Hausaufgabe, aufgegeben, ihr &#8222;Schulprofil&#8220; und ihr &#8222;Schulprogramm&#8220; zu Papier zu bringen. Keiner weiss so recht, wer sich dieses Thema ausgedacht hatte. Aber: Wie nicht anders zu erwarten, war das Ergebnis eine Flut guter Hausarbeiten &#8211; und vor allem: eine Flut erhabener Vokabeln: keine Schule, die sich nicht in besonderer Weise der humanistischen Tradition verbunden wusste &#8230;, Mehrsprachigkeit und Vielsprachigkeit, f\u00e4cher\u00fcbergreifenden Unterricht und viele andere sch\u00f6ne Dinge zu ihren vornehmsten Zielen erkl\u00e4rte &#8230; &#8211; Was viele dabei nicht bemerkten: \u0086\u00dcber all diese fleissig (und oft sogar mit Hingabe) hergestellten Schulprofile und Schulprogramme verloren die Beteiligten nur zu leicht den Blick daf\u00fcr, dass das Ziel der Beh\u00f6rde letztlich eher das Gegenteil war: die Vereinheitlichung aller Schulen. &#8211; Auch hier sollten wir, die Ehemaligen, soweit wir k\u00f6nnen und soweit wir geh\u00f6rt werden, uns zu Worte melden.<br>&nbsp;<br>Bei alledem noch gar nicht bedacht: die Reaktion der Lehrer. Auch dies, soweit ich sehe, kein Ruhmesblatt, so wenig wie die Politik der Beh\u00f6rde. &#8211; Proteste, Protestversammlungen, Massnahmenkataloge allenthalben: uferlos,<br>fast ohne Ende. &#8211; Leider ging es dabei immer wieder nur um die Belastung, die Zumutungen, die Arbeitszeit, viel seltener um das Inhaltliche (die in dieser Form verfehlte Politik der Kontrollen und der Vereinheitlichung), was doch letztlich viel wichtiger oder doch wenigstens ebenso wichtig sein sollte. Davon nur ganz selten ein Wort. &#8211;&nbsp; Statt dessen: Kampfmassnahmen, &#8222;Dienst nach Vorschrift&#8220;, Verweigerung aller Klassenreisen, aller Sportveranstaltungen, aller Theaterprojekte, soweit sie zus\u00e4tzliche Belastung erfordern, &#8211; und, damit verbunden: Einschw\u00f6rung auf Solidarit\u00e4t: Einsch\u00fcchterung aller derer, die weiterhin tun wollen, was sie schon immer getan haben (schon immer weit \u00fcber jegliche Verpflichtung und jegliche Arbeitszeit hinaus, weil sie es wichtig und richtig fanden und vor allem: Lust dazu hatten). &#8211; Ein Votum aus unserem Kollegium zu dem gesamten Komplex: Matthias Glage (Abit. WG 1971, jetzt Lehrer am WG): auf unserer Homepage: ehemalige.wilhelm-gymnasium.de;<br>Rubrik: Varia Variorum (urspr\u00fcnglich in dem letzten Heft unserer neuen Schulzeitung &#8222;Was geht?&#8220;, die wir Ihnen auf Wunsch gerne noch zuschicken; dort auch Stimmen von Eltern).<br>&nbsp;<br>Und die Eltern unserer Kinder? Schwer zu sagen. Soweit man h\u00f6rt, haben sie ohnehin wenig oder kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr alles, was ihnen von seiten der Beh\u00f6rde an Pl\u00e4nen, Vorgaben, Anordnungen usw. zu Ohren kommt, &#8211; aber das tolerieren viele, weil sie es in dieser Form gewohnt sind und kaum mehr anders erwartet haben. &#8211; Wirklich entt\u00e4uscht sind viele von der Reaktion der Lehrer. Die h\u00e4tten sie sich anders gedacht. Vor allem: Viel souver\u00e4ner. Und: &#8222;bitte nicht auf dem R\u00fccken der Kinder&#8220; (so die stereotype, st\u00e4ndig wiederkehrende Formulierung, auch bei uns). &#8211; Man darf gespannt sein, wie die Sache weitergeht.<br>&nbsp;<br>(4) Jahresbeitrag 2004 (betrifft nur die &#8222;ordentlichen&#8220; Mitglieder: Mitgliedsnummer 12&#8230;). &#8211; Der Beitrag ist von der letzten Hauptversammlung neu festgesetzt worden. Er betr\u00e4gt jetzt f\u00fcr Mitglieder in Berufsausbildung EUR 5,&#8211; (bisher EUR 3,&#8211;), f\u00fcr alle anderen EUR 15,&#8211; (bisher EUR 12,&#8211;). &#8211; Wenn ich das richtig interpretiere, heisst das: Bei \u0086\u00dcberweisungen bis 31.12.2003 k\u00f6nnen Sie noch mit dem bisherigen Beitragssatz rechnen, auch f\u00fcr Vorauszahlungen, danach sollte der neue Beitrag gelten. &#8211; Und, um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden: Wenn Ihre Zahlung f\u00fcr mehrere Jahre gelten soll, nicht nur f\u00fcr 2004, vermerken Sie das bitte auf der \u0086\u00dcberweisung. &#8211; Die Mitteilung \u00fcber den Stand Ihrer Beitragszahlung: wie immer am Fuss der ersten Seite; dort auch die Konten des Vereins.<br>&nbsp;<br>(5)<em>Spendenbescheinigung.<\/em> Unser Verein ist nach wie vor als gemeinn\u00fctzig anerkannt, wobei Beitr\u00e4ge und Spenden in gleicher Weise abzugsf\u00e4hig sind. &#8211; Unseren Mitgliedern schicken wir f\u00fcr alle \u0086\u00dcberweisungen (also gelegentlichen Spenden von Freunden der Schule, ehemaligen Lehrern, Ehrenmitgliedern, FF, EL, EE) schicken wir in jedem Falle eine Spendenbescheinigung.<br>&nbsp;<br>In diesem Zusammenhang danken wir, im Namen des Vereins und im Namen der Schule, wie immer, allen, die uns Beitr\u00e4ge, erh\u00f6hte Beitr\u00e4ge und Spenden \u00fcberwiesen haben. Wie Sie wissen, w\u00e4re unsere Arbeit ohne dies alles nicht m\u00f6glich. &#8211; Und die \u00fcbliche Bitte: Sollte irgendetwas an unserer Buchf\u00fchrung nicht richtig sein, sollte eine Spendenbescheinigung nicht eingegangen sein, so bitten wir um Entschuldigung und um eine kurze Nachricht.<br>&nbsp;<br>(6)<em> Jubilare 2004.<\/em> Das Septembertreffen f\u00fcr unsere Abiturjubilare, jeweils am ersten Sonnabend im September: seit einigen Jahren eine feste Institution am WG. &#8211; Jedesmal vorher: viel Schreiben, viel Telefonieren, kreuz und quer, durch die halbe Welt, auch viel Beklemmung, ein wenig Lampenfieber, wie es wohl werden wird (das geh\u00f6rt wohl dazu),<br>&#8211; danach dann: die Erleichterung, das gute Gef\u00fchl: Es war gut, sogar sehr gut, es hat sich gelohnt, und es hat vieles, was l\u00e4ngst vergessen war, wieder aufleben lassen, auch viele Kontakte &#8230; So auch letztes Jahr.<br>&#8211; Diesmal also die Jubilare 2004. Welche Jahrg\u00e4nge wir dabei im Auge haben, sehen Sie am Anfang dieses Schreibens. Alle Beteiligten, zu denen wir im Moment Kontakt haben, finden Sie ausserdem auf unserer Homepage (ehemalige.wilhelm-gymnasium.de, ohne www!), dort allerdings nur die Namen, keine Anschriften. &#8211; Wir werden alle Jubilare zu Beginn des n\u00e4chsten Jahres direkt anschreiben, bitten allerdings schon jetzt: Wenn Sie in den Listen L\u00fccken entdecken und uns weiterhelfen k\u00f6nnen (mit Anschriften, die wir nicht kennen), geben Sie<br>uns bitte kurz Nachricht.<br>&nbsp;<br>(7)<em> Einladung zur Hauptversammlung.<\/em><br>&nbsp;<br>Die n\u00e4chste Hauptversammlung: Donnerstag, 29. April 2004, 20.00 Uhr, im WG.<br>&nbsp;<br><em>Tagesordnung:<\/em><br>&nbsp;<br>1. Bericht des Ersten Vorsitzenden, Dr.Hans N\u00f6lting<br>&nbsp;<br>2. Bericht des Schatzmeisters, Dr. Peter-Rudolf Schulz<br>&nbsp;<br>3. Bericht der Rechnungspr\u00fcfer<br>&nbsp;<br>4. Entlastung des Vorstandes<br>&nbsp;<br>5. Besprechung \u00fcber die weitere Arbeit der Vereinigung<br>&nbsp;<br>N\u00f6lting (Erster Vorsitzender)<br>&nbsp;<br>Wie immer: herzlich gr\u00fcssend,<br>mit Dank f\u00fcr Ihr Interesse: Schulz<br>&nbsp;<br>Bescheinigung (zur Vorlage beim Finanzamt):<br>Der Verein &#8222;Ehemalige Wilhelm-Gymnasiasten e.V.&#8220; ist nach dem letzten Freistellungsbescheid des Finanzamtes Hamburg-Mitte-Altstadt (StNr. 17\/422\/09128; vom 8.5.2003) nach \u00a7 5 Abs.1 Nr. 9 des K\u00f6rperschaftsteuergesetzes<br>von der K\u00f6rperschaftsteuer befreit. &#8211; Wir best\u00e4tigen, dass wir die Zuwendung nur zur F\u00f6rderung der Erziehung (im Sinne der Anlage 1 &#8211; zu \u00a7 jj Abs. 2 Einkommensteuer-Durchf\u00fchrungsverordnung &#8211; Abschn. A Nr. 4) verwenden werden.<br>&nbsp;<br>N\u00f6lting (Erster Vorsitzender) &#8211; Schulz (Schatzmeister).<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"glagesub\"><br><br>Matthias Glage: Subjektive Fragen eines subjektiven Subjektes<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Den folgenden Beitrag entnehmen wir unserer Schulzeitung &#8222;Was geht?&#8220; (Zweite Ausgabe; Herbst 2003). &#8211; Matthias Glage war Sch\u00fcler des WG (Abitur Ostern 1971) und ist jetzt bei uns seit l\u00e4ngerem Fachlehrer f\u00fcr Erdkunde, Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gemeinschaftskunde; vor kurzem wurde er von den Sch\u00fclern gew\u00e4hlt als Verbindungs- und Vertrauenslehrer.<\/em><br>&nbsp;<br>Wenn man eine Schule seit vierzig Jahren kennt, sie als Sch\u00fcler und als Lehrer erlebt hat, dann mag man sie und m\u00f6chte, dass sie in dieser oder \u00e4hnlicher Form erhalten bleibt. &#8211;<br>&nbsp;<br>Wenn man die Schulpolitik seit 25 Jahren beobachtet, dann fragt man sich, wie nach Jahren der Autonomie-Versprechen und positiver Erfahrungen das Pendel pl\u00f6tzlich so umschlagen kann, dass nun mehr und mehr kontrolliert, verglichen, evaluiert und ver\u00e4ngstigt wird.<br>&nbsp;<br>Wie kann Sch\u00fclern, Lehrern und Eltern die teilweise doch noch vorhandene Freude am Unterricht und an der Schule in nur so kurzer Zeit so gr\u00fcndlich verdorben werden? Glaubt man beh\u00f6rdlicherseits wirklich, mit so viel Druck, Mehrarbeit und uferlosen Vorschriften Lehrer und Sch\u00fcler zu h\u00f6heren Leistungen zu f\u00fchren? &#8211;<br>&nbsp;<br>Und meint man, von seiten der Lehrer, tats\u00e4chlich, durch &#8222;Dienst nach Vorschrift&#8220; und zeitliches Auflisten aller T\u00e4tigkeiten die \u00d6ffentlichkeit und damit auch die Politiker aufzur\u00fctteln, um dieses neue &#8222;Lehrer-Arbeitszeit-Modell&#8220;<br>zu kippen oder zu verbessern?<br>&nbsp;<br>Da ist viel von &#8222;Solidarit\u00e4t zwischen den verschiedenen Kollegien&#8220; und von &#8222;politischem Bewusstsein&#8220; die Rede. &#8211; Doch kann dies alles nicht auch zum Ende einer Schule f\u00fchren? &#8211; Was ist noch attraktiv an einem &#8222;humanistischen&#8220;<br>Gymnasium, das zur gleichgeschalteten Lernfabrik wird?<br>&nbsp;<br>Lernen und Lehren mit Freude und Enthusiasmus ist nun einmal wesentlich nachhaltiger als Pauken und Traktieren mit Druck und Krampf. &#8211; Das kann einem &#8211; neben der eigenen Erfahrung &#8211; jeder Hirn- und Lernforscher<br>best\u00e4tigen. Und wenn dann nahezu alles, was den Gang zur Schule zus\u00e4tzlich befl\u00fcgelt hat, gestrichen wird: Klassenreisen, Studienfahrten, Wandertage, Konzerte, Sport- und andere Wettbewerbe, Theaterprojekte, &#8230;, &#8211; wie soll man dann noch die Sch\u00fcler (und sich selbst) motivieren? &#8211; Wie will man dann noch neue Sch\u00fcler und ihre Eltern dazu bringen, in die Schule einzutreten?<br><br><br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"glagevor\"><br><br>Der vorige Text von Matthias Glage<\/h2>\n\n\n\n<p>(von ihm, nach eigenem Bekenntnis, mitten in der Nacht, spontan, in einem gewissen Zorn auf die heutige Schulwirklichkeit, zu Papier gebracht) hat, soweit wir h\u00f6ren, teils heftigen Protest, teils starke Zustimmung gefunden; &#8211; ein Echo, wie selten.<br>&nbsp;<br>Protest, sogar heftigen Protest: von einigen Lehrern, die heute am WG unterrichten. &#8211; Zustimmung, ebenso deutlich: von Eltern, Ehemaligen, jetzigen Sch\u00fclern, &#8211; und auch von einigen Lehrern.<br>&nbsp;<br>In einigen &#8211; nicht vielen &#8211; Reaktionen: die Anfrage, ob wir von dem Autor und Lehrer Matthias Glage noch weitere Texte zur Verf\u00fcgung haben, die wir Interessierten zug\u00e4nglich machen k\u00f6nnten. Er scheine ja ein interessanter<br>Mensch zu sein, und vor allem: sehr engagiert.<br>&nbsp;<br>Nat\u00fcrlich haben wir sie, und daher: jetzt, im folgenden, ein weiterer Text: eine Abituransprache, die er im Juni 1997 im Curiohaus gehalten hat, bei der Entlassung der damaligen Abiturienten.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"glageabi\"><br><br>Matthias Glage: Ansprache an die Abiturienten, Juni 1997, im Curiohaus<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Die folgende Ansprache rankt sich &#8211; wie manche gut gemachten Predigten &#8211; um ein Textwort; hier allerdings nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus der griechischen Antike. &#8211; Es geht um das delphische &#8222;Med\u008en \u0087gan&#8220;,<br>das hier, in lateinischer Umschrift, f\u00fcr manche wohl eher etwas fremd aussieht.<br>&nbsp;<br>F\u00fcr alle, die nicht so gut Griechisch k\u00f6nnen: &#8222;Med\u008en&#8220; (gesprochen mit langem, offenen &#8222;e&#8220; in der ersten Silbe, etwa wie in &#8222;M\u00e4dchen&#8220;; deutsch: &#8222;bloss nicht&#8220;); &#8211; &#8222;\u0087gan&#8220; (gesprochen wie geschrieben; deutsch: &#8222;zu sehr&#8220;), &#8211; insgesamt also: &#8222;bloss nicht zu sehr&#8220;, &#8211; &#8222;bloss nicht im \u0086\u00dcbermass!&#8220;.<br>&nbsp;<br>Betonung des Ganzen in der Originalversion: &#8222;Med\u008en \u0087gan&#8220;; &#8211; in der folgen Ansprache aber, so wie ich es damals geh\u00f6rt habe (und, wie auch sonst heutzutage \u00fcblich, wenn man es zitiert), mit leicht ver\u00e4nderter Betonung: &#8222;Med\u008en ag\u0087n&#8220;, fast wie ein einziges Wort. So klingt es auch viel wirkungsvoller.<\/em><br>&nbsp;<br>&#8222;Med\u008en ag\u0087n&#8220;,<br>so, liebe Abiturienten, stand es am Apollon-Tempel zu Delphi.<br>&nbsp;<br>&#8222;Ne quid nimis&#8220;, &#8211; so, verehrte Eltern, aber auch Grosseltern, Urgrosseltern, Onkel, Tanten und Geschwister, \u00fcbersetzte es Cicero, in seinen <em>Tusculanae disputationes.<\/em><br>&nbsp;<br>&#8222;Nothing too much&#8220;, &#8211; so, gesch\u00e4tzte Kollegen, sagen wir es wohl heute.<br>&nbsp;<br>Und damit sei gleich allen die Sorge genommen, die nun eine allzu lange Ansprache bef\u00fcrchten. &#8211; Lang kann diese Rede schon deshalb nicht werden, weil der Redner erst vor drei Tagen die Ehre und die Chance erfuhr, sich<br>hier redlich bem\u00fchen zu d\u00fcrfen.<br>&nbsp;<br>Schon einmal, 1971, h\u00e4tte hier (nein: damals noch im Lehrerzimmer) die Chance zu einer Rede bestanden, doch damals, als ich selbst Abiturient war, zogen meine Mitabiturienten einen schlichten Sekt-Empfang vor, ohne<br>jedes Zeremoniell und ohne jede Rede.<br>&nbsp;<br><em>Les temps changent et nous changent avec eux. &#8211; <\/em>Heute ist alles gr\u00f6sser und teurer geworden. Ihr Abiturienten feiert vorher, ganz unter euch, eine &#8222;geile Pardie&#8220;, an der Elbstrasse, &#8211; und wir alle, die Eltern, Freunde, aber auch Kollegen werden f\u00fcr heute zu einem pomp\u00f6sen, nicht ganz billigen Ball hier ins Curio-Haus geladen; die ganze Schule steht einen, nein: inzwischen zwei Tage lang Kopf, beim (diesmal nicht ganz so krassen) Abi-Scherz, wobei der letzte Jahrgang unbedingt \u00fcbertroffen werden muss; &#8211; und in einer dicken<br>Abi-Zeitung wird mit den Lehrern abgerechnet (diesmal relativ human), &#8211; w\u00e4hrend die Mitsch\u00fcler eigentlich ja doch (fast) alle ganz tolle Kumpel waren.<br>&nbsp;<br>Und heute abend besteht nun die Gelegenheit, in der neuesten Garderobe und, eingerahmt von Musik und Festreden, das in Empfang zu nehmen, was allgemein als &#8222;Zeugnis der Reife&#8220; bezeichnet wird &#8211; und, differenziert<br>nach Nachkommastellen, mehr oder weniger die T\u00fcr zu einer beruflichen Karriere \u00f6ffnet.<br>&nbsp;<br>Die Zeiten \u00e4ndern sich. &#8211; Oder \u00e4ndern wir uns? &#8211; Oder \u00e4ndern wir die Zeiten? &#8211; Oder werden wir ver\u00e4ndert? &#8211; <em>O tempora, o mores?<br>&nbsp;<br>&#8222;Med\u008en ag\u0087n&#8220;. &#8211; <\/em>Die Verpackung des Abiturs ist immer grossartiger und teurer geworden. &#8211;<br>&nbsp;<br>Und die Reifepr\u00fcfung selbst? &#8211; Hier scheiden sich die Geister: Die einen meinen, fr\u00fcher habe man viel mehr gelernt, &#8211; und das Abitur werde einem heute &#8222;nachgeschmissen&#8220;. &#8211; Andere sagen, die Allgemeinbildung bleibe auf<br>der Strecke, aber man bekomme spezielle Grundlagen f\u00fcr sein Studium. &#8211; Dritte glauben, in einem Zeitalter der Informationsverdoppelung alle zwei Jahre komme es vielmehr und alleine darauf an, das Lernen zu lernen &#8230;<br>&nbsp;<br>Aber das ist nicht alles, was ein humanistisches Gymnasium leisten soll. Zur Bildung und Reife geh\u00f6rt Erziehung. &#8211; Wird aus der kleinen &#8222;bestia&#8220;, die mit zehn Jahren in unsere Schule eintritt, beim Abitur der menschliche,<br>soziale &#8222;Bildungsb\u00fcrger&#8220;??<br>&nbsp;<br>Ich zitiere aus der Abiturrede meines Lateinlehrers Dr. Alsen, gehalten vor drei Jahren: &#8222;Ziel der humanistischen Bildung ist es, aus einem Raubtier, das sich r\u00fccksichtslos durchsetzt, das andere mit seinem Ellenbogen &#8211; oder<br>was ein solches Raubtier statt dessen haben mag &#8211; zur Seite dr\u00e4ngt, wenn es Hunger hat, wenn es um Geld, Karriere, Macht und Ansehen geht, aus einem solchen Raubtier einen denkenden Menschen zu machen, der andere Werte kennt, sich andere Wertmassst\u00e4be setzt.&#8220;<br>&nbsp;<br>Ist uns Lehrern das bei euch gelungen? &#8211; Oder haben Sie, habt ihr Eltern das erreicht? &#8211; Oder habt ihr Sch\u00fcler es selbst geschafft? &#8211; Oder haben wir alle miteinander das vollbracht?<br>&nbsp;<br>Ich hoffe: ja. &#8211; Ich f\u00fcrchte: nein. &#8211; Ich denke: nur zum Teil.<br>&nbsp;<br>Als ich, vor acht Jahren, August 1989, wieder an diese Schule kam, waren die meisten von euch schon ein Jahr hier. Als erstes durfte ich in der damaligen 6c (Musikklasse, Klassenlehrer: Jan Rainer Bruns) Geschichte<br>unterrichten. &#8211; Ihr wart damals eine lebhafte, witzige, begeisterungsf\u00e4hige, kreative Klasse. &#8211; Unvergessen bleibt eure delikate, selbst geschriebene und gemalte Rezepte-Sammlung (von jedem eines), die ihr mir, sicher unter<br>Anleitung von Herrn Bruns, zum Geburtstag gebastelt habt. &#8211; Tradiert wird auch &#8211; allerdings ohne Namensnennung, was damals eine von euch im Test schrieb, als sie nach den verschiedenen Staatsformen befragt wurde: &#8222;Ochlokratie ist die Herrschaft des Popels.&#8220;<br>&nbsp;<br>Ein Jahr danach, August 1990, hatte auch die damalige 7a (Klassenlehrerin: Sybille Rathmann) mit mir das Vergn\u00fcgen (?) des Geschichtsunterrichts. &#8211; Ihr wart damals eine leistungsstarke, ehrgeizige Klasse, in der die M\u00e4dchen die besseren Arbeiten schrieben, die Jungen aber den Ton angaben. Es wurde um jeden Punkt gefeilscht. &#8211; Und ich bekam Probleme mit Eltern, weil wir im Unterricht nicht ganz stubenreine Witze erz\u00e4hlt hatten.<br>&nbsp;<br>Eure damalige 9b \u00fcbernahm ich von Frau Haines: August 1992, als Klassenlehrer. Und ich kann mich noch genau erinnern, wie ich dies &#8211; zu meiner \u00dc\u0086berraschung &#8211; zuerst erfuhr: bei einer Hofaufsicht, vor f\u00fcnf Jahren: Unser<br>heutiger Primus hat es mir zugepiepst, fussballspielenderweise: &#8222;Sie sind unser neuer Klassenlehrer!&#8220;&#8230; &#8211; Die Klasse war zuerst etwas spiessig, hatte etliche Leistungsspitzen (siehe heute), aber f\u00fcr mein Gef\u00fchl zu wenig Sozialverhalten. Als ich das auf einem Elternabend zur Sprache brachte, wurde ich f\u00fcr einige Eltern prompt zum Sozialisten. Aber das Missverst\u00e4ndnis kl\u00e4rte sich sp\u00e4ter hoffentlich auf, als ich verdeutlichte, es gehe mir eigentlich nur darum, dass auch Sch\u00fcler dem bepackten Lehrer mal die T\u00fcr aufhalten, nicht ihren M\u00fcll dem ausl\u00e4ndischen Reinigungspersonal \u00fcberlassen, andere im Unterricht ausreden lassen, &#8211; und: dass nicht jedes Gr\u00fcssen gleich Schleimen bedeute.<br>&nbsp;<br>Klar, dass zur Verbesserung des Sozialverhaltens ein Segelt\u00f6rn auf dem Ijsselmeer geplant wurde. &#8211; Unsere Reisen wurden nur gelegentlich vom Schulunterricht unterbrochen. Aber auch Reisen bildet: In der neunten Klasse unternahmen wir &#8222;Wandertage&#8220; nach Berlin, in der zehnten reisten wir mit Frau Spilker zum Frankreichaustausch nach Dijon, einige auch mit Dr. Linn nach Griechenland. Und in Paris lernten wir uns noch besser kennen. &#8211; In der elften Klasse bedurfte es dann einiger M\u00fche, euch zu einer Abschluss-Klassenreise nach Wien, Budapest und an den Balaton zu bringen, wo auch ich M\u00fche hatte, nicht vom Pferd zu fallen.<br>&nbsp;<br>In der Vorstufe (ab August 1995) waren, wie \u00fcblich, viele von euch im Ausland, und es war erfreulich zu erleben, wie sie sich hierdurch selbst\u00e4ndig entwickelten und: sogar selbst\u00e4ndig arbeiten lernten. &#8211; Es lebe das Fax, mit dessen Hilfe wir manchmal Tag und Nacht, auch \u00fcber 10.000 km hin, in Verbindung blieben.<br>&nbsp;<br>Dann begann die Studienstufe, damit auch: das Punkte-Sammeln. &#8211; Und es war mir (meist) eine Freude, viele von euch, im Erdkundeunterricht, oder auch als Tutanden, wieder zu treffen und zu betreuen. &#8211; Hier zeigte sich<br>dann allerdings auch, dass ihr inzwischen eine Menge dazugelernt hattet, z.B. das Rauchen und das Saufen. &#8211; Nicht umsonst lief eine der Klassen bereits vorher unter dem Decknamen &#8222;Pardie-Klasse&#8220;, eine andere galt als<br>&#8222;Kiffer-Klasse&#8220;.<br>&nbsp;<br>Doch das hat eine lange Vorgeschichte. Der erste aus euren Klassen wurde schon bei einem Abi-Scherz vor sechs Jahren v\u00f6llig weggetreten auf dem Bunkergel\u00e4nde gefunden, ein anderer sp\u00e4ter mit einer ganzen Reihe von &#8222;Stoff&#8220; stoned von der Polizei aufgegriffen. Und wenngleich fast jeder mal bobelte, barzte, knarzte: die Lieblingsdroge blieb der Alk. Und wenn es dann, bei den (von unserem Nachbarn Hardy Kr\u00fcger besonders gesch\u00e4tzten) Schulparties und -discos morgens ans h\u00f6chst notwendige Saubermachen ging, dann waren<br>pl\u00f6tzlich nur noch die ganz harten &#8222;Kampftrinker&#8220; oder die wenigen Sozialen da, &#8211; oder diejenigen, die, eng aneinander gekuschelt, von der immer heisser werdenden Morgensonne geweckt wurden.<br>&nbsp;<br>Den kr\u00f6nenden Abschluss bildeten die Studienfahrten, bei denen auf Tage mit Tempeln, Vulkanen, Wanderungen, Museen und Mumien N\u00e4chte mit Zelten und &#8222;Kalter Muschi&#8220; (Rotwein und Coca-Cola) und Knochenbr\u00fcchen folgten. &#8211; Warum ich das alles erz\u00e4hle? &#8211; Auch das geh\u00f6rt zu euren Schulerinnerungen &#8211; und sicher nicht zu den schlechtesten. &#8211;<br>&nbsp;<br>Aber auch hier: <em>Med\u008en ag\u0087n!<\/em><br>&nbsp;<br>Einzelne blieben auf der Strecke. W\u00e4hrend viele, ich hoffe: die meisten von euch, inzwischen gelernt haben, Mass zu halten, versackten einzelne, was ganz besonders schmerzt, wenn man sich f\u00fcr sie mit Kollegen, Freunden,<br>Grosseltern, Tanten und Therapeuten manchmal Tag und Nacht eingesetzt hat. &#8211; Schicksal? &#8211; &#8222;Manche sterben eben fr\u00fcher&#8220;, sagte ein Abiturient des vorigen Jahrgangs zu mir.<br>&nbsp;<br>Sind wir \u00c4lteren denn anders? &#8211; &#8222;Was die Lehrer verdauen, das essen die Sch\u00fcler&#8220;, sagt Karl Kraus, &#8211; oder, frei nach der Bibel: &#8222;Die Fehler der Eltern r\u00e4chen sich an den Kindern.&#8220; &#8211; Drogenverbote bringen da nicht viel, sie machen eher neugierig oder erziehen sogar zur Unehrlichkeit (f\u00fcr alle, die es wissen: Stichwort Weimar). &#8211; Goethe sagt: &#8222;Wenn wir die Menschen behandeln, wie sie sind, so machen wir sie schlechter, wenn wir sie behandeln,<br>wie sie sein sollten, so machen wir sie zu dem, was sie werden k\u00f6nnen.&#8220;<br>&nbsp;<br>Das heisst doch auch: Wir Erzieher m\u00fcssen selbst Ideale haben und Vorbilder sein &#8211; und sollten nicht nur unsere eigenen Fehler in den Sch\u00fclern bek\u00e4mpfen. Der grosse deutsche P\u00e4dagoge Friedrich Wilhelm August Fr\u00f6bel sagte es im vorigen Jahrhundert so: <em>&#8222;Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts.&#8220;<\/em> &#8211; Und hier passt der Satz &#8222;<em>med\u008en ag\u0087n!&#8220; <\/em>ausnahmsweise einmal nicht.<br>&nbsp;<br>Doch Liebe, das kann ja auch bedeuten: jemanden, mit Massen, seine schlechten Erfahrungen selbst machen zu lassen. Mancher lernt erst, wenn er tief im Dreck steckt, &#8211; und wir verschlimmern seine Situation nur, wenn wir immer wieder versuchen, ihn ein St\u00fcck aus dem Sumpf zu ziehen, indem wir &#8211; unaufgefordert &#8211; gut gemeinte Ratschl\u00e4ge geben.<br>&nbsp;<br><em>Med\u008en ag\u0087n!<\/em><br>&nbsp;<br>Aber welche Werte k\u00f6nnen oder sollen wir denn heute noch vermitteln? &#8211; K\u00fcrzlich fragte ich im Geschichtsunterricht einer zehnten Klasse, welche Werte f\u00fcr die Sch\u00fcler denn noch eine Rolle spielten. Nach l\u00e4ngerer Pause meinte eine Sch\u00fclerin: &#8222;Ehrlichkeit&#8220;. &#8211; Aber ist der Ehrliche nicht immer der Dumme? Will die Welt nicht betrogen sein? F\u00fcr viele ist es doch heute schon ein Zeichen von Dummheit, <em>nicht <\/em>Steuern zu hinterziehen oder in der Ehe treu zu bleiben. Wir Eltern leben dies unseren Kindern nur zu oft vor. &#8211; D\u00fcrfen wir uns dann wundern, wenn f\u00fcr unsere Sch\u00fcler &#8211; in Betriebspraktika und bei der Berufsausbildung &#8211; Werbeagenturen und Banken immer mehr, &#8211; soziale Berufe immer weniger Bedeutung haben?<br>&nbsp;<br>Als ich vor zwei Jahren mit meinem ehemaligen Erdkundekurs nach dem Abitur noch einmal auf dem Balkon sass, meinten manche freundlich-g\u00f6nnerhaft zu mir: &#8222;In f\u00fcnf Jahren verdienen wir alle mehr als du, Matze &#8230;&#8220;<br>&nbsp;<br>Man k\u00f6nnte meinen, dass genau das Gegenteil von dem eingetreten ist, was einst Dr. Alsen verk\u00fcndete: Aus dem &#8222;kleinen Raubtier, das sich r\u00fccksichtslos durchsetzt, das andere mit seinem Ellenbogen zur Seite dr\u00e4ngt, wenn es<br>Hunger hat, wenn es um Geld, Karriere, Macht und Ansehen geht&#8220;, aus einem solchen Raubtier ist eben <em>nicht, <\/em>dank humanistischer Bildung, ein denkender Mensch geworden, der andere Werte kennt, sich andere Wertmassst\u00e4be setzt, &#8211; sondern genau umgekehrt: Aus dem kleinen, kreativen, begeisterungsf\u00e4higen Sextaner wurde nicht selten der arrogante, coole, egoistische Macho-Abiturient, f\u00fcr den nicht mehr Mitmenschlichkeit z\u00e4hlt, sondern Geld und Karriere.<br>&nbsp;<br>&#8222;Was n\u00fctzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?<br>&nbsp;<br><em>Med\u008en ag\u0087n! &#8211;<\/em><br>Im M\u00e4rchen vom Fischer und seiner Frau sitzen die beiden zum Schluss doch wieder in ihrem alten Pisspott. &#8211; Genug der Kritik und des Moralisierens!<br>&nbsp;<br>Es geht ja auch anders! &#8211; Was haben viele von euch doch auch, nicht nur f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr die Schule getan! &#8211; Da wurde Nachhilfeunterricht organisiert, die Schule wurde kurzfristig ges\u00e4ubert, Podiums-Diskussionen fanden statt (Wahlen, Tschernobyl, Dritte Welt), Weihnachtsbasare wurden f\u00fcr gute Zwecke veranstaltet, das Musical &#8222;Hair&#8220; wurde mit Hilfe von M\u00fcttern aufgef\u00fchrt, viele taten sich musikalisch hervor, klassisch oder in der Big Band, hier, in Bornholm, in Helsinki oder Prag. &#8211; Andere ruderten unsere Schule an die Welt-Spitze. &#8211; Die Theater-AG verliert etliche ihrer eifrigsten und begabtesten Akteure, die sicher an bis zu zehn St\u00fccken (vom Problem-St\u00fcck \u00fcber Kom\u00f6die bis zur Oper) mitwirkten. &#8211; Am Jahrbuch wurde gearbeitet. &#8211; Auch die teils gef\u00fcrchtete, teils bewunderte Sch\u00fclerzeitung &#8222;Wilhelm&#8220; war eure Kreation und hat im Laufe der Jahre sehr an Niveau gewonnen.<br>&nbsp;<br>Nat\u00fcrlich gab es &#8211; aus meiner Sicht &#8211; auch R\u00fcckschl\u00e4ge (Stichworte: Gl\u00fcckstadt, Staudamm, Verschiebung von Referaten &#8230;). &#8211; Doch habe ich diese auch teilweise mir selbst zuzuschreiben, wenn ich, zum Beispiel, gegen das wichtigste Gebot der P\u00e4dagogik verstossen habe: Konsequenz.<br>&nbsp;<br>So lernen wir, hoffentich, alle weiter. &#8211; Ich kann f\u00fcr meine Person nur um Verzeihung bitten f\u00fcr das, was ich euch angetan oder was ich unterlassen habe.<br>&nbsp;<br>Und ich bin \u00fcberzeugt, dass etliche Kontakte nicht abreissen werden, Verbindungen mit euch, die ihr jetzt Ehemalige seid, und z.T. auch mit euren Eltern. Nicht nur, dass manche Mutter weiter im Kapheneion wirken wird (was ja den sonst oft stockenden Informationsfluss an unserer Schule in Gang h\u00e4lt), nicht nur, dass manche Mutter weiterhin im Elternchor singt, nein, es werden auch Freundschaften bestehen bleiben mit M\u00fcttern und V\u00e4tern, die in Hamburg oder bei Reisen in Marokko, Israel oder Amerika entstanden sind, &#8211; und die weiterhin helfen werden, Menschen, in Marokko z.B., mit Kleidung gl\u00fccklich zu machen.<br>&nbsp;<br>Und ihr Abiturienten: Lasst euch erstmal den Wind anderer L\u00e4nder um die Nase wehen! Die Mulus-Zeit kann zu den sch\u00f6nsten und abwechslungsreichsten Phasen des Lebens geh\u00f6ren. &#8211; Und dann, nach sozialem Jahr oder Bund, seid ihr in Studium und Ausbildung zun\u00e4chst wieder die Kleinen, die Erstsemester.<br>&nbsp;<br>Ich w\u00fcnsche euch, dass ihr nicht <em>die, <\/em>sondern <em>das<\/em> rechte Mass findet. &#8211; Hippokrates hat es gesagt: <em>Alles ist in Massen eine Medizin, in Mengen jedoch Gift. &#8211;<\/em> Oder, mit meinen Worten: <em>Goldener Schnitt statt Goldener Schuss!<\/em><br>&nbsp;<br>Und habt andererseits den Mut zur richtig verstandenen Freiheit, fallt nicht auf Autorit\u00e4ten herein, die euch sagen wollen, wo es l\u00e4ngs gehen soll.<br>&nbsp;<br>Und &#8211; damit hoffe ich, f\u00fcr das ganze Kollegium sprechen zu k\u00f6nnen -: Wir w\u00fcnschen euch viel Erfolg, nicht nur in beruflicher, auch in pers\u00f6nlicher Entwicklung; ferner das, was bei vielen noch entwicklungsbed\u00fcrftig und im Berufsleben so notwendig ist: Ausdauer, Fleiss, Ordnung, P\u00fcnktlichkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, Team-Geist und Courage. &#8211; Und behaltet euren Humor!<br>&nbsp;<br>In ein paar Jahren, vielleicht, sehen wir uns wieder: als Ehemalige, als M\u00fctter und V\u00e4ter &#8211; oder gar Kollegen??<br>&nbsp;<br>But: <em>nota bene: &#8222;Med\u008en ag\u0087n!&#8220;<\/em><br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"officina\"><br><br>Varia Variorum Latina &#8211; ex officina WG (Gymnasii Guilelmii)<\/h2>\n\n\n\n<p>Lateinische Sentenzen jeglicher Art, &#8211; von Autoren jeglicher Art und jeglicher Zeit, ausgew\u00e4hlt, \u00fcbersetzt und kommentiert von Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen des WG<br>&nbsp;<br>Wir bringen in folgenden eine bunte und v\u00f6llig unsystematische Sammlung lateinischer Sentenzen (wie<br>man sie \u00e4hnlich und viel umfangreicher nat\u00fcrlich im Buchhandel und im Internet findet). &#8211; Mit <em>unserer<\/em> Sammlung hat es folgende Bewandtnis: Unter der \u0086\u00dcberschrift &#8222;Varia Variorum&#8220; sind bei uns am WG in mehreren Sch\u00fclerjahrg\u00e4ngen kleinere und gr\u00f6ssere Sentenzensammlungen entstanden, im normalen Lateinunterricht, oft auch in lockerer Form neben dem Lateinunterricht. &#8211; So konnte es nicht ausbleiben, dass einige Ehemalige, als sie hier die Rubrik &#8222;Varia Variorum&#8220; entdeckten, sogleich in erster Linie an unsere alten lateinischen Sentenzen dachten und uns signalisierten: &#8222;Wenn schon &#8222;Varia Variorum&#8220;, dann bitte auch, wie gewohnt, lateinische Zitate, hier, auf dieser Homepage&#8220;.<br>&nbsp;<br>Wir haben uns die Sache \u00fcberlegt und fanden die Idee verlockend. Vielleicht gibt es einige, die Spass daran haben, Altbekanntes und daneben auch ein wenig Neues zu finden.<br>&nbsp;<br>Im einzelnen: Wir bringen nur Sentenzen, die in den letzten Jahren von Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen des WG vorgeschlagen und ausgew\u00e4hlt wurden (ausgew\u00e4hlt vor allem deshalb, weil die Sch\u00fcler hier in geschliffener Sprache Erfahrungen ausgesprochen und formuliert fanden, die ihnen selbst vertraut oder wichtig waren; &#8211; wobei sich, nat\u00fcrlich, ziemlich bald zeigte, dass man zu fast jeder Aussage eine Parallele &#8211; und, vor allem, immer auch die Gegenaussage finden konnte).<br>&nbsp;<br>Die folgende Auswahl stammt im wesentlichen von Jasmin Haron, einer unserer ehemaligen Sch\u00fclerinnen,<br>zuletzt Klasse 9b. Sie hat sich die M\u00fche (und das Vergn\u00fcgen) gemacht, die bisherigen Sammlungen durchzulesen, und sie hat von sich aus manches dazugetan. Man erkennt leicht, dass ihr geliebter und bevorzugter Autor zun\u00e4chst Seneca ist, danach Ovid, die sie zwar beide im Unterricht noch nicht gehabt hat (sie geh\u00f6ren eher zur Oberstufenlekt\u00fcre), die sie aber in einigen B\u00fcchern entdeckt und geradezu verschlungen hat. &#8211; Wir haben<br>ein wenig gegengesteuert und darauf geachtet, dass auch anderes zu seinem Recht kommt.<br>&nbsp;<br>F\u00fcr die \u0086\u00dcbersetzungen soll gelten: &#8222;w\u00f6rtliche \u0086\u00dcbersetzung&#8220; (die ohnehin jeder selbst anfertigen kann, der ein wenig Latein gehabt hat) nur, wenn alles ganz klar und einfach ist; in den meisten F\u00e4llen: lieber umschreibende Paraphrase, die das Gemeinte und Verstandene deutlich macht.<br>&nbsp;<br>Die kurzen Anmerkungen zur Grammatik (gramm.) und zur formalen Struktur (formal) sollen daran erinnern, dass all diese dicta nebenbei ein wahres Kompendium zur lateinischen Syntax und Stilistik sind; sie sollen zeigen, welche Kapitel die Sch\u00fcler vor Augen haben (oder: vor Augen haben sollten), wenn sie diese kleinen Gebilde traktieren.<br>&nbsp;<br>(1)docendo discimus.<br>&nbsp;<br>Durch Lehren lernen wir: erst wenn ich die Sache selbst unterrichte, wird sie mir klar.<br>Autor: Seneca, epistulae<br>&nbsp;<br>gramm.: Gerundium im Ablativ: durch das Lernen (substantivierter Infinitiv)<br>&nbsp;<br>(2)duo cum faciunt idem, non est idem.<br>&nbsp;<br>Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht daselbe.<br>Autor: Terenz<br>&nbsp;<br>gramm.: idem.eadem, idem; cum mit ind.: wenn<br>&nbsp;<br>(3) ducunt volentem fata, nolentem trahunt.<br>&nbsp;<br>Den, der bereit ist, geleitet das Schicksal, den, der nicht bereit ist,<br>zerrt es fort.<br>Autor: Seneca, epistulae<br>&nbsp;<br>formal: 6 Iamben<br>gramm.: substantiviertes Partizip (den Wollenden)<br>&nbsp;<br>(4) amicus certus in re incerta cernitur.<br>&nbsp;<br>Ein verl\u00e4sslicher Freunde erweist sich erst im schwierigen Zeiten.<br>Autor: Ennius, zitiert von Cicero, de amicitia<br>&nbsp;<br>formal: 6 Iamben, re incerta zusammengezogen, f\u00fcr heutiges Lesen nicht sehr gl\u00fccklich.<br>&nbsp;<br>(5) magna pars est profectus velle proficere.<br>&nbsp;<br>Ein grosser Teil des Vorankommens ist: vorankommen wollen.<br>Autor: Seneca, epistulae.<br>&nbsp;<br>(6) dimidium facti, qui coepit, habet: (sapere aude).<br>&nbsp;<br>Wer anf\u00e4ngt, hat schon die H\u00e4lfte erreicht (also: wage es, klug zu sein, fang an!).<br>Autor: Horaz, epistulae<br>&nbsp;<br>formal: Hexameter (es gibt viel bessere! Manchen wohl noch bekannt: die Audi-Werbung: Si me bene audias, Audi vehi audeas).<br>&nbsp;<br>(7) ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.<br>&nbsp;<br>Wie sehr auch die die Kr\u00e4fte fehlen, der Wille ist dennoch zu loben.<br>Autor: Ovid, epistulae ex Ponto<br>&nbsp;<br>formal: Hexameter<br>gramm.: schlichtes Gerundivum als Pr\u00e4dikatsnomen im Hauptsatz.<br>&nbsp;<br>(8) ceterum censeo Karthaginem esse delendam.<br>&nbsp;<br>Im \u00fcbrigen meine ich, dass Karthago vernichtet werden muss.<br>Autor: Cato, urspr\u00fcnglich nur griechisch \u00fcberliefert bei Plutarch, Cato<br>&nbsp;<br>gramm.: schlichtes Gerundivum als Pr\u00e4dikatsnomen im aci.<br>&nbsp;<br>(9) non est in rebus vitium, sed in ipso animo.<br>&nbsp;<br>Der Fehler liegt nicht in den \u00e4usseren Umst\u00e4nden, sondern in dir selbst.<br>Autor: Seneca, epistulae.<br>&nbsp;<br>(10) virtutes discere vitia dediscere est.<br>&nbsp;<br>Tugenden lernen heisst Fehler verlernen.<br>Autor: Seneca, epistulae.<br>&nbsp;<br>(11) nunc est bibendum!<br>&nbsp;<br>Jetzt muss getrunken werden!<br>Autor: Horaz, vor Freude \u00fcber den Tod der verhassten Kleopatra<br>&nbsp;<br>gramm.: Gerundivum ohne Subjekt (&#8222;unpers\u00f6nlich&#8220;)<br>formal: alk\u00e4ische Strophe, erster Vers, erste H\u00e4lfte.<br>&nbsp;<br>(12) nunc est agendum!<br>&nbsp;<br>Jetzt muss gehandelt werden (jetzt wird in die H\u00e4nde gespuckt)!<br>gramm.: Gerundivum wie eben.<br>&nbsp;<br>(13) tamdiu discendum est, quemadmodum vivas, quamdiu vivas.<br>&nbsp;<br>Wie du leben sollst, musst du solange lernen, wie du lebst.<br>Autor: Seneca, epistulae<br>&nbsp;<br>gramm.: Gerundivum wie eben; abh\u00e4ngiger Fragesatz; tamdiu &#8230; quamdiu<br>&nbsp;<br>(14) quaeris, cur saliant pluviis? spes certa sereni est.<br>hac tu confisus pelle animi nebulas.<br>&nbsp;<br>Du fragst, warum sie im Regen tanzen? &#8211; Es ist sichere Hoffnung,<br>dass bald die Sonne wieder scheinen wird (Hoffnung auf heiteren Himmel).<br>&#8211;<br>Darauf traue, und verscheuche, was dich bedr\u00fcckt (die Wolken deines Gem\u00fctes).<br>&nbsp;<br>Autor: unbekannt, Barockzeit; &#8211; dazu: ein Holzschnitt: zwei junge B\u00e4ren tanzen im Regen.<br>gramm.: abh. Fragesatz; &#8211; gen.obiectivus (Hoffnung auf heiteres Wetter);<br>formal: Distichon (zweiter Vers wohl ein wenig klappernd &#8230;)<br>&nbsp;<br>(15) post nubila Phoebus.<br>&nbsp;<br>Auf Wolken folgt wieder die Sonne.<br>&nbsp;<br>(16) donec eris felix, multos numerabis amicos<br>tempora si fuerint nubila, solus eris.<br>&nbsp;<br>Solange du gl\u00fccklich bist, wirst du viele Freunde z\u00e4hlen;<br>wenn die Zeiten tr\u00fcbe (sein) werden, wirst du allein sein. &#8211;<br>&#8222;Freunde die z\u00e4hlst du in Mengen, solange das Gl\u00fcck dir noch hold ist;<br>doch sind die Zeiten umw\u00f6lkt, bist du verlassen, allein.&#8220;.<br>&nbsp;<br>Autor: Ovid, Tristien (dort original: sospes statt felix)<br>&nbsp;<br>formal: Distichon.<br>&nbsp;<br>(17) non vitae, sed scholae discimus.<br>&nbsp;<br>Nicht f\u00fcrs Leben, nicht f\u00fcr unser Leben, sondern nur f\u00fcr die Schule lernen wir.<br>Autor: Seneca, epistulae, voller Verzweiflung \u00fcber den Leerlauf im Schulbetrieb seiner Zeit.<br>&nbsp;<br>gramm.: dat. finalis: f\u00fcrs Leben, f\u00fcr die Schule.<br>&nbsp;<br>(18) non scholae, sed vitae discimus.<br>&nbsp;<br>Nicht f\u00fcr die Schule, sondern f\u00fcrs Leben lernen wir.<br>Autor: unbekannt, gut gemeinte Umformung des bitteren Satzes von Seneca.<br>&nbsp;<br>(19) gutta cavat lapidem<br>(non vi, sed saepe cadendo).<br>&nbsp;<br>Steter Tropfen h\u00f6hlt den Stein<br>(nicht durch Kraft, sondern dadurch, dass er immer wieder f\u00e4llt).<br>Autor: Ovid, epistulae ex Ponto; zweite H\u00e4lfte sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgt; Autor nicht bekannt.<br>gramm.: Gerundium im Ablativ, mit Adverb<br>formal: Hexameter.<br>&nbsp;<br>(20) sui cuique mores fingunt fortunam.<br>&nbsp;<br>Der eigene Charakter schmiedet einem jedem sein Gl\u00fcck.<br>Autor: Cornelius Nepos, Atticus<br>&nbsp;<br>gramm.: cuique, dat. zu quisque, wie immer an zweiter Stelle<br>formal: Doppelsperrung: sui mores &#8211; cuique fingunt fortunam; 6 Iamben.<br>&nbsp;<br>(21) suae quisque fortunae faber est.<br>&nbsp;<br>Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied.<br>Autor: Sallust, epistulae<br>&nbsp;<br>gramm.: quisque an zweiter Stelle, wie eben<br>formal: Doppelsperrung, wie eben.<br>&nbsp;<br>(22) subsilire in caelum etiam ex angulo licet.<br>&nbsp;<br>In den Himmel springen kann man auch aus einem bescheidenen Winkel.<br>Autor: Seneca, epistulae.<br>&nbsp;<br>(23) parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.<br>&nbsp;<br>Berge sind am Geb\u00e4ren. &#8211; Was kommt heraus? &#8211; &#8217;ne kleine Maus.<br>Autor: Horaz, ars poetica<br>&nbsp;<br>gramm.: fut. passiv (oder deponentisch)<br>formal: Hexameter, mit bewusst l\u00e4cherlichem Schlussreim<br>&nbsp;<br>(24) cui ergo ista didici?<br>&#8211; non est, quod timeas, ne operam perdideris: tibi ipsi didicisti.<br>&nbsp;<br>F\u00fcr wen also habe ich das alles gelernt (wenn mich doch keiner danach fragt)?<br>&#8211; Du brauchst keine Angst zu haben, dass du deine M\u00fche vergeudet hast :<br>F\u00fcr dich selbst hast du es gelernt!<br>Autor: Seneca, epistulae<br>&nbsp;<br>gramm.: dat. finalis: cui: f\u00fcr wen?; tibi ipsi: f\u00fcr dich selbst; &#8211; timeo, ne &#8230;mit coni.<br>&nbsp;<br>(25) istud, quod tu summum putas, gradus est.<br>&nbsp;<br>Das, was du f\u00fcr den Gipfel h\u00e4ltst, ist nur eine Stufe auf der Leiter.<br>Autor: Seneca, epistulae<br>&nbsp;<br>gramm.: putare mit dopp. acc.<br>&nbsp;<br>(26) carpe diem.<br>&nbsp;<br>Geniesse (pfl\u00fccke) den Tag!<br>Autor: Horaz, carmina<br>&nbsp;<br>(27) non est ad astra mollis e terris via.<br>&nbsp;<br>Der Weg von der Erde zu den Sternen ist nicht sanft (bequem).<br>Autor: Seneca, Der rasende Herakles<br>&nbsp;<br>formal: 6 Iamben. &#8211; Doppelsperrung: non est mollis &#8211; ad astra via (e terris).<br>&nbsp;<br>(28) homo bonus semper tiro est.<br>&nbsp;<br>Ein guter Mensch ist immer ein Anf\u00e4nger (ist nie fertig, nie vollkommen).<br>Autor: Martial.<br>&nbsp;<br>(29) incredibile est, mi Lucili, quam facile etiam magnos viros dulcedo orationis abducat a vero.<br>&nbsp;<br>Es ist unglaublich, mein Lucilius, wie leicht die liebliche Verlockung des Sch\u00f6nredens selbst grosse M\u00e4nner von der Wahrheit abbringt.<br>Autor: Seneca, epistulae<br>&nbsp;<br>gramm.: abh. Fragesatz nach &#8218;incredibile est&#8216;.<br>&nbsp;<br>(30) difficile est saturam non scribere.<br>&nbsp;<br>Es f\u00e4llt schwer, hier keine Satire zu schreiben.<br>Autor: Juvenal.<br>&nbsp;<br>(31) fiat lux.<br>&nbsp;<br>Es werde Licht!<br>Autor: Vulgata, lat. \u0086\u00dcbersetzung der hebr\u00e4ischen Bibel. 1. Mose, Genesis.<br>&nbsp;<br>gramm: coni. iussivus.<br>&nbsp;<br>(32) sit tibi terra levis.<br>&nbsp;<br>M\u00f6ge die Erde dir leicht sein!<br>Autor: unbekannt; weit verbreiteter Grabspruch<br>&nbsp;<br>gramm.: wie eben: coni.iussivus.<br>&nbsp;<br>(33) occicit miseros crambe repetita magistros.<br>&nbsp;<br>Der st\u00e4ndig wiedergekaute (aufgew\u00e4rmte) Kohl bringt die armen Lehrer um.<br>Autor: Juvenal<br>&nbsp;<br>gramm.: crambe: Weisskohl, langes e;<br>formal: grosse Sperrung: miseros magistros; dazwischen: crambe repetita.<br>&nbsp;<br>(34) non, quia difficilia sunt, non audemus, sed, quia non audemus, difficilia sunt.<br>&nbsp;<br>Nicht, weil die Dinge schwer sind, packen wir sie nicht an, sondern: weil wir sie nicht anpacken, sind sie schwer.<br>Autor: Seneca, epistulae.<br>&nbsp;<br>(35) nullum est iam dictum, quod non sit dictum prius.<br>&nbsp;<br>Noch nie ist etwas gesagt worden, was nicht fr\u00fcher schon einmal gesagt worden w\u00e4re.<br>Autor: Terenz<br>&nbsp;<br>gramm.: Konjunktiv bei Existenzaussagen: Es gibt Leute, die &#8230;; sunt, qui dicant.<br>&nbsp;<br>(36) expletur lacrimis egeriturque dolor.<br>&nbsp;<br>Zum \u00e4ussersten wird der Schmerz gebracht durch Tr\u00e4nen &#8211; und dadurch am Ende gestillt.<br>&#8222;&#8230; wird doch der Kummer gestillt, der sich in Tr\u00e4nen ergiesst&#8220;.<br>Autor: Ovid, Tristien 4, 3, 40.<br>&nbsp;<br>(37) nullum est malum maius quam non posse ferre malum.<br>&nbsp;<br>Kein \u0086\u00dcbel ist gr\u00f6sser als dieses: ein \u0086\u00dcbel nicht ertragen zu k\u00f6nnen.<br>Autor: incertus<br>&nbsp;<br>(38) mens est, quae diros sentiat ictus.<br>&nbsp;<br>(Es ist nicht der Leib): &#8211; Das Herz ist&#8217;s, welches die grausamen Stiche f\u00fchlt.<br>Autor: Ovid, Metamorphosen 4, 499<br>&nbsp;<br>(39) nil nimis.<br>&nbsp;<br>Nichts im \u0086\u00dcbermass! &#8211; Lateinische Version des delphischen <em>&#8222;Med\u008en agan&#8220;.-<\/em><br>Vgl. dazu die <a href=\"#glage\">Abiturrede von Matthias Glage<\/a>, in dieser Rubrik &#8222;Varia Variorum&#8220;.<br>Autor (\u0086\u00dcbersetzer): Cicero, <em>Tusculanae disputationes.<\/em><br>&nbsp;<br>(40) Tu ne cede malis, sed contra audentior ito!<br>&nbsp;<br>Weiche dem \u0086bel nie aus, doch tritt ihm mutig entgegen!<br>Autor: Vergil, Aeneis 6, 95<br>(41) Inveni portum. Spes et fortuna valete!<br>&nbsp;<br>Ich habe den Hafen gefunden, Hoffnung und Gl\u00fcck, lebt wohl &#8230;<br>Grabinschrift an der Nordwand der T\u00fcbinger Stiftskirche.<br>Dazu: Otto Weinreich, So nah ist die Antike, M\u00fcnchen (Piper) 1970, S. 97 &#8211; 180. Dort auch (S. 165): eine der vielen Fortsetzungen:<br>&nbsp;<br>(42) Inveni portum. Spes et fortuna valete!<br>Sat me lusistis. Ludite nunc alios.<br>&nbsp;<br>Ich habe den Hafen gefunden, Hoffnung und Gl\u00fcck, lebt wohl &#8230;<br>Mich habt genug ihr genarrt. &#8211; Narret die anderen jetzt!<br>&nbsp;<br>Hausinschrift an einer Villa an der italienischen Riviera &#8230;<br>&nbsp;<br>(43) Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.<br>&nbsp;<br>Wenn ich die G\u00f6tter im Himmel nicht bewegen kann, dann eben die G\u00f6tter der Unterwelt &#8230;<br>Wahlspruch von Chr. B.; Vergil, Aeneis, 7, 312.<br>&nbsp;<br>(wird fortgesetzt)<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"menso\"><br><br>Menso Heyl (Abit. WG 1969; heute Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt)<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Auf den folgenden Text sind wir &#8211; fast durch Zufall &#8211; erst jetzt gestossen. Wir fanden ihn gut, sogar sehr gut, und haben den Verfasser gebeten, ihn hier abdrucken zu d\u00fcrfen. &#8211; Zur Erl\u00e4uterung: Der unten genannte Lehrer, der damals Kunst am WG unterrichtete, war nat\u00fcrlich kein anderer als Bernd Hering (heute sehr zur\u00fcckgezogen und fern von aller Welt teils im mittleren Deutschland, teils im s\u00fcdlichen Frankreich lebend).<\/em><br>&nbsp;<br>An die Hamburger Abiturienten 2001<br>&nbsp;<br>&#8211; Hamburger Abendblatt &#8222;Extra&#8220; zum Abitur 2001 &#8211;<br>&nbsp;<br>So manches vergisst der Mensch nie. Zum Beispiel den Augenblick, in dem er h\u00f6rt: &#8222;Sie haben das Abitur geschafft!&#8220; &#8211; Da verschwindet auf einmal der Druck, Notensorgen l\u00f6sen sich in Luft auf, und am Ende von 13 langen langen Schuljahren angekommen, \u00f6ffnet sich der Vorhang in ein neues Leben: Abitur &#8211; ein Tor zur Welt. Sie kennen dies Gef\u00fchl. Sie alle &#8211; bis vor kurzem Sch\u00fcler von weit mehr als 100 Hamburger Schulen &#8211; finden Ihren Namen in diesem &#8222;Extra&#8220; des Hamburger Abendblatts. Denn Sie haben die Schule hinter sich. Sie sind der Abi-Jahrgang 2001. &#8211; Meinen Gl\u00fcckwunsch!<br>&nbsp;<br>Sie geh\u00f6ren zu den 4943 von 5199 Sch\u00fclern an staatlichen Hamburger Schulen, die sich der Reifepr\u00fcfung unterzogen und sie bestanden haben. Dazu kommen noch die Sch\u00fcler der privaten Schulen. Die Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs haben im Durchschnitt die Note 2,6 erreicht und liegen damit dicht bei der Durchschnittsnote des Vorjahres (2,5). Sie werden etwas daraus machen.<br>&nbsp;<br>Offenbar f\u00fchren in der Grossstadt mehr Wege in die h\u00f6here Schule als auf dem Land. Schliesslich erwirbt hier ein Drittel aller Sch\u00fcler die Berechtigung zum Studium. Hamburg hat die h\u00f6chste Abiturquote, Bayern die niedrigste.<br>Auch eine Art Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle. Jetzt, da der ganze Stress schon hinter Ihnen liegt, sp\u00fcren Sie den Sog der M\u00f6glichkeiten. Die Feinf\u00fchligen haben wohl auch gemerkt, dass dieses Gef\u00fchl schnell in einen Druck der Erwartungen umschlagen kann.<br>&nbsp;<br>Ich erinnere mich noch genau an S\u00e4tze, die uns ein Lehrer (am Wilhelm-Gymnasium) mit auf den Weg gab: &#8222;Auch der Schnellste kann immer nur einen Fuss vor den anderen setzen.&#8220; So lautete sein erster Ratschlag. Und damit meinte er: Es ist besser, wenn wir nicht alles auf einmal wollen. &#8211; Und der zweite hiess: &#8222;Ihr seid die Zukunft, ihr habt in der Hand, was wird. Was immer ihr tut, seid tolerant.&#8220; Mit dem Hinweis auf die Toleranz hatte er den einzig passenden Schl\u00fcssel zum Zusammenleben gemeint, im Privaten und im Gesellschaftlichen.<br>&nbsp;<br>Auch wegen dieser S\u00e4tze denke ich heute gelegentlich an diesen Lehrer, der Kunst unterrichtete. Er hatte Recht. Einfache Antworten sind meist falsch; aber die gef\u00e4hrlichsten Antworten sind die einseitigen, die mit dem Absolutheitsanspruch.<br>&nbsp;<br>Kaum geht es ums Abitur, f\u00e4llt man ins Grunds\u00e4tzliche&#8230; &#8211; Ihnen wird es sicherlich auch einmal so gehen. Je weiter die Schule zur\u00fcckliegt, desto rosaroter wird die Brille, durch die man auf sie blickt.<br>&nbsp;<br>Jetzt m\u00f6chte ich Ihnen nur noch Gl\u00fcck w\u00fcnschen &#8211; f\u00fcr das Leben nach der Schule.<br>&nbsp;<br>Alles Gute: Menso Heyl<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"heyl\"><br><br>Abiturrede Menso Heyl am Wilhelm-Gymnasium; 24. Juni 2003<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Der folgende Text ist die direkte Fortsetzung des vorigen Beitrages (&#8222;An die Hamburger Abiturienten 2001&#8220;; dort auch die Autorennotiz): Beim Telefonieren \u00fcber diesen Beitrag ergab sich zwanglos die Frage, ob Menso Heyl nicht auch Lust h\u00e4tte, beim n\u00e4chsten Abitur in \u00e4hnlicher Weise als Ehemaliger zu unseren WG-Abiturienten zu sprechen. &#8211; Er hatte Lust, und das Resultat ist der folgende Text. Das Zitat zu Beginn wird hier allerdings nicht noch<br>einmal wiederholt.<\/em><br>&nbsp;<br>Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Abiturienten, liebe Freunde des Wilhelm-Gymnasiums<br>&nbsp;<br>Mein Name ist Menso Heyl; ich bin Ehemaliger, Abitur-Jahrgang 1969. Ich darf heute vor Ihnen sprechen, weil Peter-Rudolf Schulz im Hamburger Abendblatt ein paar Zeilen von mir entdeckt und mich darauf angesprochen hat. Diese &#8218;Eintrittskarte&#8216; stelle ich Ihnen jetzt &#8211; gek\u00fcrzt nat\u00fcrlich &#8211; vor:<br>&nbsp;<br>&#8222;So manches vergisst der Mensch nie&#8220;, hatte ich in einem Leitartikel zu unserer Abitur-Beilage geschrieben, &#8222;zum Beispiel den Augenblick, in dem er h\u00f6rt: &#8218;Sie haben das Abitur geschafft!&#8216; &#8230;&#8220; usw. (s.o.).<br>&nbsp;<br>So weit der Auszug aus meiner Eintrittskarte f\u00fcr den heutigen Abend. Diese S\u00e4tze habe ich Ihnen vorgetragen, um zu zeigen, wie sehr Schule nachwirkt. Nicht nur \u00fcber die Vermittlung von F\u00e4higkeiten und Kenntnissen, sondern auch \u00fcber Grundhaltungen. Da m\u00f6gen 34 Jahre vergangen sein, da m\u00f6gen die Zeiten so verr\u00fcckt sein, wie sie damals waren und wie sie heute sind.<br>&nbsp;<br>Der erw\u00e4hnte Kunstlehrer hiess \u00fcbrigens Bernd Hering, &#8211; und er hatte seine S\u00e4tze zu einem Sch\u00fcler-Jahrgang gesagt, der offenbar bis heute am Wilhelm-Gymnasium einen omin\u00f6sen Ruf hat: Wir waren die ersten, die nach den Studentenunruhen von 1968 zur Matura anstanden. F\u00fcr die sogenannte 68er-Generation waren wir als Sch\u00fcler zwar einen Hauch zu jung, aber viele von uns, beileibe nicht alle, waren von dem damals aufkommenden Gedankengut infiziert.<br>&nbsp;<br>Auf dieser hoch gesch\u00e4tzten und im besten Sinne b\u00fcrgerlichen Schule und bei ihrem vom humanistischen Lehrauftrag durchdrungenen soliden Lehrk\u00f6rper muss das f\u00fcr mehr Aufregung gesorgt haben, als wir Sch\u00fcler es damals ahnten. Was sollte man auch von Oberstuflern halten, die pl\u00f6tzlich mit zerrissenen und beschrifteten Jeans herumliefen? &#8211; Die lange Haare trugen und sich Milchb\u00e4rte wachsen liessen? &#8211; Die am liebsten neumodische Musik h\u00f6rten und dazu vielleicht noch Dinge taten, \u00fcber die man lieber nicht spricht?<br>&nbsp;<br>Obendrein waren diese Sch\u00fcler noch solche Kindsk\u00f6pfe, dass sie im Papierkorb ein Tonbandger\u00e4t versteckten, von dem mitten im Geschichtsunterricht die v\u00f6llig ansteckende Lache eines Mitsch\u00fclers ert\u00f6nte (unseren armen und betroffenen Geschichtslehrer, Herrn Deter, bedaure ich bis heute). &#8211;<br>&nbsp;<br>Aber ich m\u00f6chte noch nicht auf die Ebene der inzwischen l\u00e4ngst rosig gef\u00e4rbten Erinnerungen abgleiten. Denn wir m\u00fcssen damals auf die Lehrerschaft wie das Ende ihrer p\u00e4dagogischen Hoffnungen, wie ein Menetekel, gewirkt haben. Das ist noch heute &#8211; 34 Jahre sp\u00e4ter &#8211; aus der Abitur-Ansprache des damaligen und gesch\u00e4tzten Schulleiters Prof. B\u00f6mer herauszulesen. Er sagte dem Jahrgang 1969: &#8222;Ihnen ist von fast allen Instanzen, die sich dazu befugt glaubten, und von vielen, die dazu nicht befugt waren, immer wieder eingebleut worden, dass alles, oder doch nahezu alles, was diese \u00e4ltere Generation, also wir, getan haben, Kurzsichtigkeit, Idiotie, Nazismus, Kriegsverbrechen, blinder Autorit\u00e4tsglaube gewesen sei. Und das ist Ihnen so oft gesagt worden, dass Ihre Kritik eigentlich nur die Folge dieser Erziehung gewesen ist, von der die etablierte Gesellschaft nat\u00fcrlich w\u00fcnschte, dass Sie sie zwar \u00fcbernehmen, aber nicht konsequenterweise auch auf diese Gesellschaft selbst anwenden m\u00f6chten.&#8220; (Festschrift 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium, 1981, S. 251f.).<br>&nbsp;<br>Der Abiturient Hans-Joachim Ganzer, mein Mitsch\u00fcler, setzte ihm mit aller Gewissheit, die 19- oder 20-j\u00e4hrige haben k\u00f6nnen, entgegen: &#8222;Aber gerade auf dem Gebiet der Erziehung hat die Schule kl\u00e4glichst versagt und wird<br>auch noch weiter versagen. Jedenfalls vom Standpunkt eines Demokraten aus. Die einzige echte Erziehungsaufgabe des demokratischen Staates n\u00e4mlich w\u00e4re, den im Elternhaus zwangsl\u00e4ufig patriarchalisch erzogenen Sch\u00fcler zum Demokraten umzufunktionieren. Das l\u00e4sst sich jedoch nicht nur damit machen, dass im Gemeinschaftskundeunterricht das Grundgesetz vorgelesen wird. Begreifen tut das n\u00e4mlich keiner. Die Demokratie muss dem Sch\u00fcler praktisch vorgef\u00fchrt werden.&#8220; (Mitteilungsblatt WG, 43, S.6ff.). &#8211; Klassenkamerad<br>Ganzer d\u00fcrfte sich sp\u00e4ter die Chance gegeben haben, seine Vorstellungen an der Wirklichkeit zu erproben. Er ist Lehrer geworden.<br>&nbsp;<br>Vier Jahre nach der ungew\u00f6hnlichen Verabschiedung des Jahrgangs 1969 hat das Wilhelm-Gymnasium erstmals wieder im Jahre 1973 eine Abiturfeier veranstaltet. Danach verarbeitete die Lehrerin Gabriele Kr\u00fcger die Kette der inzwischen eingetretenen Entwicklungen (Mitteilungsblatt WG, 48\/49, S. 24ff.: Die Abiturfeier am WG &#8211; Kritik eines Betroffenen): &#8222;Das Lob, das der &#8218;ordentliche&#8216; Sch\u00fcler dem Lehrer zollt, &#8218;der Autorit\u00e4t ausstrahlt&#8216; und dadurch Ruhe und Ordnung zur Arbeit herstellt, ist in Wahrheit ein Eingest\u00e4ndnis eigener Hilflosigkeit, die die Schule dem Sch\u00fcler zu \u00fcberwinden helfen muss. Denn was wird der &#8218;t\u00fcchtige&#8216; Sch\u00fcler nach dem Abitur machen, wenn ihm kein &#8217;strenger und gerechter&#8216; Lehrer mehr die Aufgaben stellt? Welchen Herrn wird er sich suchen, wenn er zur Selbstbestimmung nicht f\u00e4hig ist? &#8230;&#8220; &#8211;<br>&nbsp;<br>Meine Damen und Herren, &#8211; bisher hatten Sie an dieser Stelle als Redner aus dem Kreis der Ehemaligen einen Mediziner und einen Theologen. Jetzt steht vor Ihnen ein Journalist, also der Vertreter eines Berufsstandes,<br>der in der Wertsch\u00e4tzung der \u00d6ffentlichkeit gleich nach den Politikern kommt. Und wenn ich mich heute an meine neun Jahre auf dem Wilhelm-Gymnasium erinnere, dann steht das scheinbar Politische, das ich vorhin so betont<br>habe, gar nicht so sehr im Vordergrund. Es wirkt auf mich jetzt wie eine aufgesetzte Problematik. Und die fr\u00fchesten Erinnerungen &#8211; die nun sind tats\u00e4chlich rosig &#8211; stammen von unserem Deutschlehrer L\u00fcssenhop, aus der Zeit, als wir alle noch Untermieter am Kaiser-Friedrich-Ufer waren.<br>&nbsp;<br>F\u00fcr den besten Aufsatz gab es bei ihm &#8211; L\u00fcssenhop war passionierter J\u00e4ger &#8211; als Anerkennung ein Geschenk: das Schw\u00e4nzchen eines Hasen. Und obwohl ich diese Pr\u00e4mie selbst nie erhielt, habe ich bis heute nicht vergessen,<br>dass das Hasenschw\u00e4nzchen in der J\u00e4gersprache &#8218;Blume&#8216; heisst.<br>&nbsp;<br>Von Prof. B\u00f6mer, der Latein unterrichtete, erinnere ich, dass er die Angewohnheit hatte, unaufmerksame Sch\u00fcler &#8211; durchaus sp\u00fcrbar &#8211; an den Koteletten zu zwirbeln.<br>&nbsp;<br>Und ich erinnere mich an den geraden und offenen Charakter meines Mathematiklehrers Fritz Hauschild, der lange mein Klassenlehrer gewesen ist, der gerade 75 wurde und heute auch unter uns weilt. Er hat nicht nur meine stets fehlerhaften Leistungen zu verbessern gesucht, sondern wohl auch des \u00f6fteren seine Hand sch\u00fctzend \u00fcber mich gehalten.<br>&nbsp;<br>Apropos Revolution\u00e4r: Mit unserem Jahrgang verbindet sich eine wirklich umst\u00fcrzlerische Entwicklung. Wir waren die erste Klasse, deren Sch\u00fclern es erm\u00f6glicht wurde, auf den Franz\u00f6sisch-Zug zu wechseln. Das muss etwa 1963 gewesen sein. &#8211; Welch eine Aufregung! Durfte ein klassisches Gymnasium etwas so Modernistisches, etwas so Popul\u00e4res einf\u00fchren? Mussten davon nicht die humanistischen Fundamente des ganzen Schulgeb\u00e4udes erzittern?<br>&nbsp;<br>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich kam das wie gerufen: Ich hatte im Zeugnis gerade eine 5 in Griechisch kassiert. Mit dem Wechsel in die &#8218;c&#8216;, also die Franz\u00f6sisch-Klasse, entfiel die Wertung dieses &#8218;mangelhaft&#8216;. Manchmal \u00f6ffnet das Leben eben T\u00fcren, die fest verschlossen schienen. &#8211; Wir begannen mit etwa 11 Sch\u00fclern; irgendwie war nach ein oder zwei Jahren nur noch ein einziger \u00fcbrig geblieben &#8211; ich. Die Schulleitung sagte meinem Vater: &#8222;Sie m\u00fcssen verstehen, einem Sch\u00fcler Einzelunterricht zu geben, das ist Verschwendung von Lehrkraft. Ihr Sohn muss die Schule wechseln.&#8220; &#8211; Mein Vater sagte: &#8222;Das wird er nicht tun. Sie haben meinen Sohn aufgenommen, lassen Sie ihn also hier auch seinen Weg zum Abitur gehen.&#8220;<br>&nbsp;<br>Mein Vater hat sich durchgesetzt und der junge Menso bekam Einzelunterricht, in einem kleinen Raum im ersten Stock, schr\u00e4g \u00fcber dem Hausmeister-B\u00fcro, dem jetzigen Krankenzimmer, wie ich h\u00f6re. &#8211; Eine lange Zeit unterrichtete mich Frau Mohr, damals hiess sie noch Niekerken, die es als Vertreterin des franz\u00f6sischen Zweigs, also der Moderne, auch nicht gerade leicht hatte. Danach hat mich dann der unvergessene Dr. Hinrichs unterwiesen. Die beiden haben saubere Arbeit geleistet: Noch Ende der 80er Jahre konnte ich mit Philippe, dem Sohn von Charles de Gaulle, ein Interview in seiner Muttersprache f\u00fchren, so sehr hatten sich Grammatik und Vokabeln eingebrannt. Bis auf ein Wort: Die \u0086\u00dcbersetzung f\u00fcr Kirchturm (Belfroit) fiel mir partout nicht ein, aber die Vokabel war wohl im Unterricht nicht vorgekommen.<br>&nbsp;<br>Diese Schule, das Wilhelm-Gymnasium, ist bis heute f\u00fcr mich die entscheidende Schule geblieben. Ich brauche nur das grosse Schild &#8222;Klosterstieg&#8220; zu sehen &#8211; und schon dreht sich die Spule der Erinnerung. Die Schule stellt die<br>eigene Kursnadel auf ganz bestimmte Felder ein. Es kommt eben nicht von ungef\u00e4hr, dass ein Abiturient sp\u00e4ter z.B. Geschichte studiert und sich f\u00fcr das \u00f6ffentliche Leben interessiert.<br>&nbsp;<br>Die Einstellung der Kursnadel? F\u00fcr Mustersch\u00fcler mag dies auf verh\u00e4ltnism\u00e4ssig direktem Wege wirken. Sch\u00fcler aber, die die Schule als gelegentliche Katharsis erleben, k\u00f6nnen auf einem Umweg grosse St\u00e4rken gewinnen: M\u00f6glicherweise entwickeln sie einen Sinn f\u00fcrs Durchkommen, entdecken eine lebenslang wirkende Kraftquelle zum Durchhalten. Widerstehen, k\u00e4mpfen, und die Hoffnung aufs Gewinnen nicht zu verlieren, geh\u00f6rt das auch zum humanistischen Lehrauftrag? Vielleicht doch.<br>&nbsp;<br>Schule, diese Schule, das Wilhelm-Gymnasium, wirkt nach. &#8211; P\u00e4dagogen m\u00f6gen zu einem Berufsstand geh\u00f6ren, dessen Vertreter nicht gerade die h\u00f6chste Lebenserwartung haben. Und doch leben Lehrer am l\u00e4ngsten: Sie leben so lange wie der letzte Sch\u00fcler lebt, der sich ihrer erinnert.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"rueckblick\"><br><br>R\u00fcckblick auf das Jubil\u00e4umstreffen am 7.September 2002, mit einem Nachtrag von Philip Marx (Abit. 1997)<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Der folgende Brief wurde am 29. September per e-mail an die Ehemaligen verschickt.<\/em><br>&nbsp;<br>Heute, genau drei Wochen nach dem Jubil\u00e4umstreffen am 7. September, wieder ein kurzes Schreiben von den Ehemaligen.<br>&nbsp;<br>Zuerst, wie \u00fcblich, eine herzliche Begr\u00fcssung an alle, die sich an diesem Tag neu in unsere Verteilerliste eingetragen haben; wir versprechen, dass wir Sie auf diesem Wege \u00fcbers WG auf dem laufenden halten werden, &#8211; nicht zu selten und nicht zu oft.<br>&nbsp;<br>Nach allem, was wir erlebt haben und was wir jetzt nachtr\u00e4glich h\u00f6ren, war es diesmal wieder ein guter und f\u00fcr viele auch bewegender Tag, der &#8211; nicht zuletzt wegen des herrlichen Sommerwetters &#8211; f\u00fcr manche bis in den sp\u00e4ten Abend und in die fr\u00fche Nacht ging (vermutlich die letzte Sommernacht dieses Jahres auf dem Schulhof).<br>&nbsp;<br>Wenn man dann am folgenden Montag in der grossen Pause wieder die Sextaner und alle anderen durch die Pausenhalle und \u00fcber die Kellertreppe ins Kapheneion laufen sieht, fragt man sich, welches denn nun eigentlich das WG sei: das bunte Treffen am Sonnabend oder die l\u00e4rmenden Stimmen am Montagmorgen. &#8211; Die Antwort ist klar: keins kann ohne das andere sein.<br>&nbsp;<br>Wie Sie wissen, geht ein solches Treffen nicht ohne eine kleine Schar von mithelfenden Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen. Hier hatten wir diesmal offensichtlich besonderes Gl\u00fcck. &#8211; Dazu aus dem Brief eines unserer \u00e4ltesten Abiturienten, die diesmal dabei waren (Abit. 1935 (!) &#8211; er war \u00fcbrigens eigens f\u00fcr dieses Treffen aus den USA nach Hamburg angereist und schickte uns nachtr\u00e4glich einen Scheck \u00fcber eine erhebliche Summe, die &#8222;vielen Zwecken&#8220; dienen sollte):<br>&nbsp;<br>&#8222;&#8230; last und nicht least in Dankbarkeit f\u00fcr die grossartigen jungen Leute zwischen 13 und 30 Jahren, mit denen zu sprechen ein grosses Vergn\u00fcgen war: f\u00fcr alles, was auch immer sie taten, hatten sie grossen Enthusiasmus.&#8220; &#8211;<br>&nbsp;<br>Fast parallel dazu die Spende und fast wortgleich die \u00c4usserung eines Ehemaligen aus S\u00fcddeutschland (Abit. 1937; er hatte sich zwar nicht aus Chicago aufgemacht, aber immerhin aus M\u00fcnchen, hatte morgens kurz vor 5.00 Uhr den ICE bestiegen, um dann p\u00fcnktlich um 11.00 Uhr im WG zu sein, &#8211; und dort zu bleiben, bis der letzte Zug zur\u00fcck nach M\u00fcnchen ging). Auch er neugierig auf das heutige WG und vor allem auf die anwesenden Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen; auch er gl\u00fccklich und begeistert: er wolle so bald wie m\u00f6glich wiederkommen, nicht erst in f\u00fcnf Jahren.<br>&nbsp;<br>Wir haben dabei eins gelernt: Gespr\u00e4che zwischen den &#8222;Alten&#8220; und den &#8222;Jungen&#8220; ergeben sich, wenn \u00fcberhaupt, nur zwanglos, nebenbei, \u00fcber den Tisch hinweg, w\u00e4hrend man ein Glas Wein bezahlt oder sich in eine Liste eintr\u00e4gt. &#8211; Wir haben fr\u00fcher einmal versucht, so etwas zu organisieren, als &#8222;Podiumsdiskussion&#8220;, mit ausgesuchten Teilnehmern: das Ergebnis war so krampfhaft und so \u00f6de, dass wir es nie wieder gemacht haben. &#8211; Kleiner Haken bei dem Ganzen: Das heutige WG lernt man auf diesem Wege nat\u00fcrlich nicht kennen, nur einige wundervolle Kinder, die zur Zeit dort Sch\u00fcler oder Sch\u00fclerinnen sind und sich freiwillig f\u00fcr diesen Tag zum Helfen gemeldet haben. Wenn man aber Gl\u00fcck hat, k\u00f6nnen einem diese Kinder viel farbiger und viel offener \u00fcber das heutige WG berichten als alle Lehrer und alle offiziellen Vertreter der Schule.<br>&nbsp;<br>Die Schule r\u00fcstet sich im Moment auf die Herbstferien (3. bis 20. Oktober). &#8211; Die 10. Klassen und die gesamte Oberstufe sind ohnehin seit zwei Wochen auf Austauschreisen und Projektfahrten unterwegs: Italien, Spanien, Griechenland, T\u00fcrkei und &#8211; zum ersten Mal &#8211; \u00c4gypten. Einige Fahrten gehen, wie \u00fcblich, noch in die Herbstferien hinein. &#8211; F\u00fcr die Zur\u00fcckgebliebenen gab es in der letzten Woche eine &#8222;Projektwoche&#8220;: Es wurden Flugzeuge, Ballons und Schiffe gebastelt, auch modische Kleidungsst\u00fccke hergestellt, Auff\u00fchrungen verschiedenster Art vorbereitet usw. &#8211; Eine Sch\u00fclergruppe hat w\u00e4hrend der Woche eine &#8222;Projektzeitung&#8220; hergestellt, die in lockerer Form \u00fcber den Verlauf und die Ergebnisse aller Projekte berichtet. Sie ist ganz witzig und pfiffig geworden, so dass wir f\u00fcr Interessenten einen kleinen Vorrat reserviert haben.<br>&nbsp;<br>Wie immer: herzlich gr\u00fcssend und mit Dank f\u00fcr Ihr Interesse: Schulz<br>&nbsp;<br>28. Sept.2002<br>&nbsp;<br>nachtr\u00e4glich (aus einem Brief, der uns kurz nach diesem Schreiben erreichte, von Philip Marx, Abit. 1997):<br>&nbsp;<br>Besonders fasziniert hat mich in der Tat Henry Nord, aus Chicago, der sich extra zum Treffen der Ehemaligen nach Hamburg aufgemacht hatte. &#8211; Jedoch war ich weniger wegen der langen Reise fasziniert, als wegen seiner Verbundenheit mit dem WG, obwohl er vor fast 70 Jahren dort sein Abitur gemacht hatte und dann aufgrund seiner Herkunft (er war Jude) aus Deutschland fl\u00fcchten musste, um zu \u00fcberleben.<br>&nbsp;<br>Bei ihm war noch ein Herr seines Jahrgangs, der eben das erlebt hat, was M\u00e4nnern seines Jahrgangs damals in Deutschland bl\u00fchte: das Dritte Reich, Krieg und russische Gefangenschaft (gemeint sicher Prof. Dr. Hanns-Theodor Flemming).<br>&nbsp;<br>Diese beiden Herren, mit ihren ganz unterschiedlichen vitae, gerade in ihren Lebensjahren nach ihrem Abitur (also in meinem Alter) zu treffen oder besser: zu erleben, &#8211; und dennoch die gemeinsame Verbundenheit mit dem WG zu sehen, \u00fcber Jahre und Schicksal hinweg, war f\u00fcr mich sehr eindrucksvoll.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"urbach\"><br><br>Helga Urbach zum 78. Geburtstag am 1. August 2002. Von Peter-Rudolf Schulz<\/h2>\n\n\n\n<p>Helga Urbach, Dr. phil. (Latein und Griechisch), lange Jahre Lehrerin am WG, seit etwa zw\u00f6lf Jahren offiziell im Ruhestand, Generationen von WG-Sch\u00fclern und WG-Sch\u00fclerinnen bekannt, vor allem als rastlose und unerm\u00fcdliche Protektorin unseres Sch\u00fclerrudervereins, jetzt also 78 Jahre alt, trotzdem nach wie vor beinahe t\u00e4glich in der Schule pr\u00e4sent und t\u00e4tig, &#8211; hat vor kurzem vom Senat der Freien und Hansestadt eine Ehrenmedaille \u00fcberreicht bekommen, als Dank und Anerkennung f\u00fcr ihre besonderen Verdienste und ihren ungew\u00f6hnlichen Einsatz.<br>&nbsp;<br>Auf Wunsch und Bitte der Beh\u00f6rde hat zu diesem Anlass Peter-Rudolf Schulz (1951 einer ihrer ersten Sch\u00fcler und jetzt derjenige aus dem Kreise des Kollegiums, der sie sicher am l\u00e4ngsten kannte) auf einigen Bl\u00e4ttern kurz zu skizzieren versucht, wie er sie all die Jahre hindurch gesehen und erlebt hat, &#8211; eine Skizze also aus ganz pers\u00f6nlicher Sicht. Daraus hier noch einmal einige Ausz\u00fcge, z.T. gek\u00fcrzt und leicht ver\u00e4ndert:<br>&nbsp;<br>&#8222;&#8230; Nach Studium, Doktorpr\u00fcfung, Staatsexamen und Beginn des Referendariats an der Klosterschule erschien sie 1951 bei uns am Wilhelm-Gymnasium: als Referendarin im 3. Semester, \u00fcbrigens einzige Frau unter lauter m\u00e4nnlichen Lehrern. &#8211; Ich (damals selbst Sch\u00fcler am WG), habe sie dort pers\u00f6nlich im Unterricht erlebt: Latein, Klasse G 10, bei Werner Rockel, und ich erinnere mich noch genau, dass sie auf uns 29 Jungen vom ersten Tag an ungew\u00f6hnlich couragiert und energisch wirkte, nicht zuletzt auch im Gegensatz zu einigen ihrer m\u00e4nnlichen Mitbewerber ums H\u00f6here Lehramt, die damals als Referendare bei uns auftauchten.<br>&nbsp;<br>Danach, nach dem zweiten Staatsexamen, zun\u00e4chst Fachlehrerin an der Klosterschule, bis Ende 1958 (auch noch nach der Geburt der ersten beiden Kinder). &#8211; Nach der Geburt des dritten Kindes Unterbrechung der Berufst\u00e4tigkeit. &#8211; Insgesamt f\u00fcnf Kinder (\u00fcbrigens allesamt Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen an unserer Schule).<br>&nbsp;<br>Seit November 1970 war sie wieder am Wilhelm-Gymnasium t\u00e4tig, zun\u00e4chst vorwiegend im Lateinunterricht, den sie energisch und mit originellen Ideen durchf\u00fchrte: Geradezu legend\u00e4r ihr Leistungskurs Latein mit dem Semesterthema &#8222;Lateinische M\u00fcnzen und Inschriften&#8220; und der abschliessenden Abiturarbeit \u00fcber den Begriff des &#8222;pater patriae&#8220; &#8211; und seine Verwendung in der r\u00f6mischen Tagespolitik, nat\u00fcrlich mit einer F\u00fclle verschiedenster Quellen, die zu \u00fcbersetzen und zu interpretieren waren. Unvergessen auch ihr Arbeiten mit dem wundervollen, heute leider verschwundenen Lehrbuch &#8222;De vita et moribus familiae cuiusdam Romanae&#8220;, bei dem es u.a. nicht ohne ein eigens daf\u00fcr hergestelltes Lexikon &#8211; &#8222;Nokixel&#8220; &#8211; abging). &#8211; Daneben setzte schon sehr bald ihre Mitarbeit im Schwimmunterricht der Unterstufe ein.<br>&nbsp;<br>Anfang der 70er Jahre begann dann ihre Liebe zum Rudersport und ihr unerm\u00fcdlicher Einsatz f\u00fcr unseren Sch\u00fclerruderverein. Der Anstoss dazu kam meines Wissens von aussen, durch die begeisternde Erfahrung, die eine ihrer T\u00f6chter von einem kurzen Ruderlehrgang mitgebracht hatte. Frau Urbach muss sich damals in den Kopf gesetzt haben, dass sie diese begeisternde Erfahrung auch den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern unserer Schule vermitteln wollte und dass sie zu diesem Zweck den (von vielen schon fast totgesagten) GRV&#8220;H&#8220; aus seiner Tr\u00e4gheit befreien und zu neuer Bl\u00fcte und neuem Leben f\u00fchren wollte.<br>&nbsp;<br>Genau dies hat sie in kurzer Zeit erreicht. Sie hat es nicht nur geschafft, die Sch\u00fcler und (zeitweise mehr noch) die Sch\u00fclerinnen zu begeistern, sondern mit der ihr eigenen Beharrlichkeit hat sie unerm\u00fcdlich auch bei Beh\u00f6rdenstellen, Vereinen, Trainern, Eltern und Lehrern f\u00fcr die Sache, die inzwischen auch ihre Sache war, geworben. Nach einer groben Sch\u00e4tzung muss sie in diesen Jahren weit \u00fcber tausend Briefe in unsere alte Schulschreibmaschine geh\u00e4mmert und in alle Richtungen verschickt haben, dabei stets am Ball bleibend und<br>unbeirrt nachhakend, wenn der erste Anlauf nicht den gew\u00fcnschten Erfolg hatte.<br>&nbsp;<br>Als Kollege geh\u00f6rte ich dabei oft zu den &#8222;Betroffenen&#8220;, denn da sich aus meinen damaligen Klassen stets besonders viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dem Rudern verschrieben hatten, verging kaum ein Projekt, kaum eine Klassenfahrt, ohne dass einige zwischendurch zum Training oder zu Regatten mussten. Selbst eine Fahrradtour \u00fcber die d\u00e4nischen Inseln oder eine Studienfahrt nach Griechenland war f\u00fcr Frau Urbach kein Hinderungsgrund, und sie hat immer gewonnen: Rudern ging vor, und schliesslich w\u00e4re ein ganzer Vierer oder ein ganzer Achter auseinandergebrochen, wenn nicht usw. &#8230; &#8211; Ich muss zugeben, dass ich in solchen Situationen nicht immer nur gut auf sie zu sprechen war, aber schon damals, wenn ich sie mit den Jungen und M\u00e4dchen am Steg und auf dem Wasser erlebte, \u00fcberwog die Bewunderung f\u00fcr ihren Einsatz.<br>&nbsp;<br>Ich glaube, ich habe auch erkannt, was der eigentliche Motor ihrer T\u00e4tigkeit war. Als sie begann, wurden in der Schulbeh\u00f6rde in der Hamburger Strasse gerade die ber\u00fchmten &#8222;Allgemeinen Lernziele&#8220; formuliert. Ich bin sicher,<br>dass Frau Urbach diese Texte nie gelesen hat, aber sie hat erfahren, dass genau die Dinge, die dort als Ziele formuliert waren (Verantwortung, Verl\u00e4sslichkeit, R\u00fccksichtnahme usw.), im t\u00e4glichen Umgang mit den Jungen und M\u00e4dchen Wirklichkeit wurden, sowohl im allt\u00e4glichen Rudertraining wie im gemeinsamen Hinarbeiten auf Regatten und sportliche Erfolge, und diese Wirklichkeit war und ist ihr wichtig. So wichtig, dass sie auch in Zukunft damit nicht aufh\u00f6ren wird.&#8220;<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"abiull\"><br><br>Abiturrede Gudrun Ullrich am Wilhelm-Gymnasium; 20. Juni 2002<\/h2>\n\n\n\n<p>Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!<br>&nbsp;<br>Als ich gefragt wurde, ob ich an eurem Entlassungstag ein paar Worte an euch richten k\u00f6nne, antwortete ich mit einem entschiedenen Nein und einem kleinen und unentschlossenem Ja, auf dem ich jetzt sitzen geblieben bin.<br>&#8211; Einerseits weiss ich nicht, ob ich euch \u00fcberhaupt etwas zu sagen habe, was eure Aufmerksamkeit findet, andererseits ist es mir durchaus ein Anliegen und Bed\u00fcrfnis, euch, die ihr jetzt nach neun Jahren das WG verlasst und in die grosse, weite Welt hinauszieht, ein paar Abschiedsworte zuzurufen.<br>&nbsp;<br>Viele, aber nicht alle von euch habe ich im Unterricht kennengelernt, dennoch glaube ich &#8211; im Bewusstsein meiner Standortgebundenheit, Parteilichkeit und reinen Subjektivit\u00e4t &#8211; sagen zu d\u00fcrfen, dass ihr ein bemerkenswerter<br>Jahrgang gewesen seid, &#8211; und nat\u00fcrlich noch seid: da seht ihr mal, wie schnell man zur Geschichte wird!<br>&nbsp;<br>Wie habe ich euch wahrgenommen? Eigensinnig (im positiven Wortsinn Hermann Hesses), selbstbewusst, skeptisch und kritisch, aber auch ein wenig unorganisiert, chaotisch und verspielt, dennoch offen, neugierig, kreativ &#8211; und, wenn es sein musste, von grosser Ernsthaftigkeit und mitreissendem Elan. Ihr wart der Jahrgang, auf den ich schon immer gewartet habe, der mich auf hohem Niveau reizte und herausforderte, mit dem ich gerne stritt und diskutierte, dem ich gespannt zuh\u00f6rte, von dem ich lernen konnte, \u00fcber den ich mich manchmal \u00e4rgerte und auf den ich mich immer wieder freute.<br>&nbsp;<br>So liegen zwei Jahre der lebendigen und produktiven Zusammenarbeit hinter uns, in der wahrlich nicht die &#8222;Brotgelehrten&#8220;, sondern tendenziell eher die &#8222;philosophischen K\u00f6pfe&#8220; regierten &#8211; eine Kategorisierung, wie sie Friedrich Schiller 1789 in seiner ber\u00fchmten Antrittsvorlesung &#8222;Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?&#8220; in Jena erfand. &#8211; Der &#8222;philosophische Kopf&#8220;, so Schiller zu seinen Studenten, &#8222;schreitet voran zu immer neuen Erkenntnissen und findet in seinem Gegenstand selbst Reiz und Belohnung, nicht was er treibt, sondern wie er das, was er treibt, behandelt, unterscheidet ihn vom Brotgelehrten&#8220;. &#8211; Tendenziell und, soweit es der Schulalltag \u00fcberhaupt zul\u00e4sst, waren wir manchmal nah dran &#8211; am &#8222;philosophischen Kopf&#8220;!<br>&nbsp;<br>Als ich in Schillers vor \u00fcber 200 Jahren geschriebenen Vorlesung herumst\u00f6berte, tat ich dies nat\u00fcrlich nicht, um etwas \u00fcber &#8222;Brotgelehrte&#8220; und andere K\u00f6pfe in Erfahrung zu bringen, sondern weil ich, die ich einen Teil von euch<br>zwei Jahre in Geschichte und ein Jahr in Gemeinschaftskunde unterrichtet hatte, der Frage nach der Aneignung, dem Umgang und der Bedeutung von Geschichte im Wechsel der Zeiten bis heute nachgehen wollte, &#8211; einer Frage, die mir, wie ihr wisst, besonders am Herzen liegt.<br>&nbsp;<br>1789 bewegte sich Schiller noch voller Optimismus im historischen Diskurs der Aufkl\u00e4rung: &#8222;Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte, in ihrem Kreise liegt die ganze moralische Welt.&#8220; &#8211; Schiller ging von einer<br>sich stufenweise vollziehenden Sinngebung der Geschichte durch die Vernunft aus. Sein Jahrhundert, das 18., hielt er f\u00fcr ein &#8222;menschliches Jahrhundert&#8220;, auf das die anderen Jahrhunderte, ohne es zu wissen, nach dem Gesetz der Vernunft zugearbeitet h\u00e4tten (Hegels Weltgeist und seine List der Vernunft lassen schon gr\u00fcssen!). In der Anwendung der historischen Erfahrungen auf die Gegenwart und Zukunft sah Schiller letztlich den tiefsten Sinn der Geschichte; der Geschichtsschreibung wies er eine auf die Gegenwart orientierte Erkenntnisfunktion zu. Geschichte solle gerade in der Gegenwart wirksam werden und nicht zu einer Flucht in die Vergangenheit f\u00fchren. &#8222;Die Geschichte heilt uns von der \u00fcbertriebenen Bewunderung des Altertums und von der kindischen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, und indem sie uns auf unsere eigenen Besitzungen aufmerksam macht, l\u00e4sst sie uns die gepriesenen goldenen Zeiten Alexanders und Augustus&#8216; nicht zur\u00fcckw\u00fcnschen.&#8220; &#8211; So weit der politische, der aufgekl\u00e4rte Schiller; &#8211; wohl dem, der wie er im Jahrhundert der Vernunft zu Hause war!<br>&nbsp;<br>Aber auch die Geschichtsschreibung mit ihren Versuchen, Geschichte zu deuten und ihr &#8211; nachtr\u00e4glich &#8211; einen Sinn zuzuschreiben, unterliegt dem historischen Wandel, wird selbst zur Geschichte. &#8211; Ganz anders als Schiller formulierte etwa im 19. Jahrhundert der Historiker Leopold von Ranke sein Objektivit\u00e4tspostulat: Es sei Aufgabe der Geschichtsschreibung, &#8222;bloss zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist&#8220;. &#8211; Der Glaube der Historiker, sie k\u00f6nnten ihre historischen Darstellungen auf objektive Fakten gr\u00fcnden und zur historischen Wahrheit f\u00fchren, basierte im realistischen 19. Jahrhundert auf der Gewissheit, dass die Wirklichkeit objektiv wahrnehmbar sei.<br>&nbsp;<br>Heute ist die Wirklichkeit zu einem erkenntnistheoretischen Problem geworden, und so provozieren gerade die Fakten mit ihrem Anspruch auf Wahrheit Zweifel: Wie zuverl\u00e4ssig sind Fakten? Wer w\u00e4hlt sie aus? Wie gelangen sie in das kollektive Ged\u00e4chtnis? Ist dem Erkenntnis-Subjekt \u00fcberhaupt zuzutrauen, das erkenntnisunabh\u00e4ngige Objekt abzubilden? Oder entspricht dies nur noch der Vorstellung eines naiven Realismus?<br>&nbsp;<br>Schon Walter Benjamin, Kulturhistoriker, Kritiker und Schriftsteller, der 1933 Deutschland verlassen musste, schrieb 1940 in seiner Schrift &#8222;\u0086\u00dcber den Begriff der Geschichte&#8220;: &#8222;Vergangenes historisch artikulieren heisst<br>nicht, es erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heisst, sich einer Erinnerung bem\u00e4chtigen.&#8220; &#8211; Selbst Vertretern der reflektierten Realismusposition, die sich Rechenschaft \u00fcber die Schwierigkeit ablegen, eine ad\u00e4quate Reproduktion vergangenen Geschehens darzustellen, und davon \u00fcberzeugt sind, dass die Standortgebundenheit und subjektive Einf\u00e4rbung des Erkennenden das historische Objekt durchsetzen und im Grunde schon ver\u00e4ndern, bevor es erkannt wird, wird heute von Vertretern des &#8222;linguistic turn&#8220; oder der Foucaultschen Diskursanalyse &#8222;verstockter Positivismus&#8220; vorgeworfen. &#8211; Geschichte kann sich ihres Gegenstandes nicht mehr sicher sein. Schon wird von der &#8222;unsicheren Geschichte&#8220; gesprochen. &#8211; Geschichte sei<br>&nbsp;<br>verschieden, verschieden, verschieden!<br>&nbsp;<br>Und freilich entwickelt die Geschichte eine Dynamik, die durch Zweifel entsteht, die das jeweils behauptete Faktum und die jeweilige Deutung erwecken. Geschichte wird so zum endlosen Dialog auf der unendlichen Suche &#8211; vielleicht doch nach Wahrheit&#8230;.?<br>&nbsp;<br>Jetzt stellt sich die Frage neu: Wozu und zu welchem Ende noch Geschichte? &#8211; Gelten die ber\u00fchmten Worte des uns wohlbekannten grossen Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt nun nicht mehr? &#8222;Der Geist muss die Erinnerung an sein Durchleben der verschiedenen Erdenzeiten in seinen Besitz verwandeln. Was einst Jubel und Jammer war, muss nun Erkenntnis werden [&#8230;]. Damit erh\u00e4lt auch der Satz &#8218;Historia vitae magistra&#8216; einen h\u00f6heren und zugleich bescheideneren Sinn. Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (f\u00fcr ein andermal), als vielmehr weise (f\u00fcr immer) werden.&#8220;<br>&nbsp;<br>Freilich greift Burckhardt hier zu den Sternen der Erkenntnis, aber ernstzunehmen bleiben seine Worte dennoch, wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Allerdings d\u00fcrfen wir es uns im Umgang mit der Geschichte und der Geschichtsschreibung nicht mehr so leicht und einfach machen, m\u00fcssen wir lernen, uns als aktive, pr\u00fcfende, hinterfragende, kritische Teilnehmer in den historischen Diskurs einzuschalten, m\u00fcssen wir lernen, uns in These und Antithese zu orientieren und Schl\u00fcsse zu ziehen, denen ein gewisser Vorbehalt eigen ist. Nichts hat sich sonst an der Einsicht von Marc Bloch, einem grossen franz\u00f6sischen Historiker, Mitglied der R\u008esistance, 1944 von den Nationalsozialisten ermordet, ge\u00e4ndert, dass n\u00e4mlich das &#8222;Unverst\u00e4ndnis der Gegenwart gegen\u00fcber zwangsl\u00e4ufig<br>aus der Unkenntnis der Vergangenheit entstehe&#8220;.<br>&nbsp;<br>Schon Thukydides nahm f\u00fcr seine Darstellung des &#8222;Peloponnesischen Krieges&#8220; im 5. Jahrhundert v. Chr. in Anspruch, das Buch nicht zur einmaligen Unterhaltung, sondern als Besitz f\u00fcr immer geschrieben zu haben. In der letzten Literaturbeilage der ZEIT &#8211; verzeiht, aber einmal musste dieses Blatt heute genannt werden! &#8211; r\u00e4t Jens Jessen, &#8222;Keine Angst vor Thukydides&#8220; zu haben, sondern bei ihm, am Beispiel Athens und des sogenannten Melierdialogs (zwischen den Gesandten Athens und dem Rat der Insel Melos, der sich auf das Recht der Vertr\u00e4ge<br>beruft, die die Grossmacht Athen allerdings nicht einzuhalten gewillt ist), zu studieren, wie die politische Dynamik der Macht und ihr t\u00f6dliches Wesen sich entfalten &#8211; und wie es zu einem Imperialismus aus Notwehr zwecks vorsorglicher Verteidigung der eigenen Lebensform kommt. &#8211; Analogien zur Gegenwart sind erw\u00fcnscht: auch das heisst: aus der Geschichte lernen.<br>&nbsp;<br>Wie wollte man heute den Nahost-Konflikt verstehen, w\u00fcsste man nichts von seinen Wurzeln, seinem Ursprung, seiner Geschichte? &#8211; Wie liesse sich eine vom Mediengeschrei unabh\u00e4ngige und sensible Meinung \u00fcber den sogenannten Antisemitismusstreit bilden, h\u00e4tte man keine Kenntnisse \u00fcber die Geschichte der Judenfeindlichkeit und des sogenannten modernen Antisemitismus vom Mittelalter \u00fcber das deutsche Kaiserreich bis zu den m\u00f6rderischen Exzessen der nationalsozialistischen Diktatur? &#8211; Nur \u00fcber das reflektierte, problembewusste,<br>kritische Studium der Geschichte gewinnen wir Einsichten, Urteilsverm\u00f6gen, innere Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit im Denken und eigene Identit\u00e4t, die das Verstehen der Gegenwart erm\u00f6glichen und vielleicht sogar das aktive Eingreifen in das Geschehen der Gegenwart als Notwendigkeit erscheinen lassen. Nietzsche hat es 1874 so gesagt &#8211; gestattet mir ein letztes Zitat : &#8222;Wir brauchen die Historie zum Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat oder gar zur Besch\u00f6nigung des selbsts\u00fcchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat.&#8220;<br>&nbsp;<br>Wie das geht, habt ihr schon versuchsweise vorgemacht: Ihr &#8222;philosophischen K\u00f6pfe&#8220; habt, um der historischen und politischen Erkenntnisse willen, geackert und gearbeitet (z.B. mit dem Archivmaterial des WG, als ihr versuchtet, die Geschichte der NS-Zeit an unserer Schule zu erforschen), habt dabei unbequemen Entdeckungen standgehalten, Widerspr\u00fcche ausgehalten, Einsichten gewonnen, die Selbst\u00e4ndigkeit im Urteil verrieten und zum Handeln aufforderten.<br>&nbsp;<br>Bleibt euch in diesem Sinne treu, &#8211; dann ist f\u00fcr eure, aber auch f\u00fcr unsere Zukunft schon viel gewonnen &#8211; Und: Vergesst die Tr\u00e4ume und das Tr\u00e4umen nicht!!!<br>&nbsp;<br>Wir w\u00fcnschen euch von Herzen alles Gute!<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"beutler\"><br><br>Abiturrede Prof. Johannes Beutler SJ (Rom; Abit. WG 1952) am Wilhelm-Gymnasium, 20. Juni 2002<\/h2>\n\n\n\n<p>Liebe Abiturientinnen und Abiturienten 2002 des Wilhelm-Gymnasiums, liebe Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, liebe G\u00e4ste,<br>&nbsp;<br>ich danke meiner alten Schule ganz herzlich, dass ich heute als Vertreter des Abiturjahrgangs 1952 hier zu Ihnen sprechen darf. Es war nicht ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass man zu diesem Anlass auf einen Jesuiten aus Rom<br>verf\u00e4llt. Umso dankbarer bin ich, dass es m\u00f6glich wurde.<br>&nbsp;<br>Vermutlich interessiert Sie vor allem, was ich von meiner Schulzeit am WG 1946 &#8211; 1952 mitnehmen konnte. Lassen Sie mich damit beginnen, was ich weitgehend nicht mitgenommen habe: Es sind die vielgestaltigen Lerninhalte,<br>die wir in diesen Jahren in uns hineingestopft haben oder die auch in uns hineingestopft wurden. Nach einer ber\u00fchmten franz\u00f6sischen Definition gilt: &#8222;\u00c9\u0083ducation c&#8217;est ce qui reste, quand on a tout appris et tout oubli\u008e&#8220; &#8211;<br>&#8222;Bildung ist das, was \u00fcbrig bleibt, wenn man alles gelernt und alles wieder vergessen hat.&#8220; &#8211; In diesem Sinne hat uns das WG hervorragend gebildet: Von der damals gelehrten und gelernten Mathematik ist bei mir als Philologen<br>und Theologen fast nichts \u00fcbrig geblieben ausser den vier Grundrechenarten, und auch die am liebsten mit dem Taschenrechner praktiziert. Mehr weiss ich noch aus den Bereichen von Physik, Chemie und Biologie, vermutlich,<br>weil sie anschaulicher waren. Hier sind durchaus Erinnerungsreste verblieben, manchmal verbunden mit Hobbyinteressen wie der Astronomie (der Zunft meines Patenonkels an der Hamburger Sternwarte), manchmal im Zusammenhang mit meinen sp\u00e4teren Studien der Philosophie, n\u00e4herhin der Naturphilosophie in Frankfurt und M\u00fcnchen. &#8211; Heute werden Grundkenntnisse auch bei moralphilosophischen und -theologischen Problemen verlangt wie bei der zur Zeit laufenden Debatte um Genforschung.<br>&nbsp;<br>St\u00e4rker gepr\u00e4gt haben mich die Sprachen, weil hier das im weiteren Sinne humanistische&nbsp; Anliegen der Schule leichter zu vermitteln war. Es war nicht nur der Unterricht in den alten Sprachen, der uns und mich pers\u00f6nlich st\u00e4rker ansprach, sondern auch derjenige der neuen wie Deutsch oder Englisch. Ob es &#8222;Vanity Fair&#8220; war oder Erz\u00e4hlungen von Hermann Hesse: hier wurde menschliche Erfahrung vermittelt. &#8211; In bleibender Erinnerung sind mir vor allem platonische Dialoge geblieben: Eine Abneigung gegen formalen Sophismus hat sich wohl uns allen aus solchen Stunden der Lekt\u00fcre bleibend mitgeteilt.<br>&nbsp;<br>Aber damit bin ich auch schon bei den Lehrerpers\u00f6nlichkeiten. Sicher haben sie uns st\u00e4rker gepr\u00e4gt als die von ihnen vorgetragenen Inhalte. Diejenige Gestalt, die in den letzten Schuljahren wohl den bleibendsten Eindruck<br>auf uns von der G13b gemacht hat, war unser Klassenlehrer Dr. Herbert Drude. Dabei stehen noch einmal die normalen Unterrichtsstunden hinter dem Aussergew\u00f6hnlichen zur\u00fcck. Dazu kann man schon z\u00e4hlen, dass Dr. Drude uns an heissen Sommertagen mit aufs Dach nahm, um den Unterricht mit einem Sonnenbad zu verbinden.<br>&#8211; Etwa ein Jahr vor dem Abitur begleitete er uns auf einer Klassenreise per Fahrrad die Lahn hinunter von Kassel bis zum Rhein. Immer wieder, wenn wir vor einer Sehensw\u00fcrdigkeit standen, f\u00fcr die wir Banausen nicht den rechten Respekt aufbrachten, sagte er zu uns, in seinem rauhen M\u00e4nnerton: &#8222;Bewundern!&#8220; &#8211; Der eher zur\u00fcckhaltende Mecklenburger hatte Tr\u00e4nen in den Augen, als er uns vor Weihnachten eine Erz\u00e4hlung von Dostojewski vorlas (den er Russisch zu lesen verstand).<br>&nbsp;<br>Ich sah ihn viele Jahre sp\u00e4ter noch einmal mit Tr\u00e4nen in seinen Augen, als ich 1963 in Bergedorf meine erste Heilige Messe feierte. Dr. Drude war damals aufgrund eines Schlaganfalls teilweise gel\u00e4hmt und an den Rollstuhl<br>gefesselt. In diesem erschien er aber von Langenhorn aus mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, von seiner Lebensgef\u00e4hrtin begleitet, um an meinem Gottesdienst teilzunehmen. Als ich sagte: &#8222;Aber Herr Dr. Drude, dass Sie so weit hierher gekommen sind &#8230;!&#8220;, sagte er nur: &#8222;Aber das ist doch selbstverst\u00e4ndlich!&#8220;.<br>&nbsp;<br>Zu den f\u00fcr mein sp\u00e4teres Leben wichtigen Gestalten geh\u00f6rten nat\u00fcrlich auch, und dies in hohem Masse, unsere katholischen Religionslehrer aus dem Jesuitenorden. Der Unterricht musste damals in Fr\u00fch- oder Sp\u00e4tstunden gehalten werden. Zu den Fr\u00fchstunden musste man sich von Bergedorf aus schon vor sechs Uhr auf den Weg machen. Ich habe es nie bereut. &#8211; Die gleichen Patres, die den Unterricht gaben, waren auch unsere geistlichen Gruppenleiter in der Katholischen Studierenden Jugend (Bund Neudeutschland). So lernten wir sie auch als Menschen und Seelsorger kennen, konnten bei ihnen Exerzitien machen und entscheidende Impulse f\u00fcr unser sp\u00e4teres Leben gewinnen.<br>&nbsp;<br>Lassen Sie mich auch ein Wort sagen zu den Rahmenbedingungen dieser Hamburger Schulzeit von 1946 bis 1952. Ich kam Ostern 1946 aufs Wilhelm-Gymnasium, da der gymnasiale Zweig an unserer wiederer\u00f6ffneten Bergedorfer Hansaschule erst vom kommenden Jahr an wieder eingerichtet werden sollte. So wurde ich f\u00fcr sechs Jahre Fahrsch\u00fcler, zusammen mit einer Reihe von Klassenkameraden aus Bergedorf oder dem Sachsenwald, mit denen ich z.T. noch heute &#8211; nach unendlich vielen Skatrunden in der Bahn auf der R\u00fcckfahrt (auf der Hinfahrt<br>pr\u00e4parierten wir noch unsere Texte) &#8211; Verbindung halte. &#8211; Ein Bild hat sich mir unausl\u00f6schlich eingepr\u00e4gt: dasjenige von vielen Kilometern Tr\u00fcmmern, durch die ich t\u00e4glich zweimal fahren musste. Von Tiefstack \u00fcber Rothenburgsort und Hammerbrook bis nach St. Georg zwischen Berliner Tor und Hauptbahnhof stand kaum noch ein Haus.<br>&nbsp;<br>Wir dachten als Sch\u00fcler noch nicht zu intensiv dar\u00fcber nach, worauf diese Zerst\u00f6rung zur\u00fcckzuf\u00fchren war, wenigstens nicht in den ersten Jahren der Unter- und Mittelstufe. Sp\u00e4ter schon. Dass nie wieder Krieg sein m\u00f6ge, war ein Wunsch, der sich fest in mir verankert hat. Er hat sp\u00e4ter meine Theologie und auch meine wissenschaftliche Interpretation der Bibel gepr\u00e4gt und tut dies bis heute. Ich habe in den siebziger und achtziger Jahren an Veranstaltungen, Gebeten und Demonstrationen der Friedensbewegung teilgenommen. Unvergesslich<br>die \u00f6kumenischen Gebete vor dem Stationierungsgel\u00e4nde von NATO-Mittelstreckenraketen in Hasselbach im Hunsr\u00fcck, etwa in der Weihnacht oder der Osternacht, wo wir Kerzen in die Tore dieser Anlagen des Todes steckten. Wir sollten noch erleben, dass diese Waffe tats\u00e4chlich abgezogen und beseitigt wurde. Ich trat 1987 auch formell der Katholischen Friedensbewegung Pax Christi bei und bin, auch aufgrund meiner zahlreichen Israelbesuche wie meiner Bibelstudien, korrespondierendes Mitglied der Arbeitsgruppe Nahost von Pax Christi Deutschland. Irgendwie hat das alles mit dem Erlebnis des Krieges und der Nachkriegszeit, aber auch mit dem Erschrecken dar\u00fcber zu tun, was mit den Juden bis 1945 geschehen war.<br>&nbsp;<br>Fachlich habe ich besonders auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen Altem und Neuem Testament gearbeitet, zuletzt im Rahmen der P\u00e4pstlichen Bibelkommission, in der wir vor kurzem einen Text \u00fcber &#8222;Israel und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel&#8220; ver\u00f6ffentlicht haben.<br>&nbsp;<br>Was unsere Schulzeit gleichzeitig pr\u00e4gte, war der Hunger. In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es einfach nicht gen\u00fcgend zu essen, vor allem f\u00fcr kinderreiche Beamtenfamilien. Manchmal durften wir einfach dem Unterricht fernbleiben, weil wir auf den Feldern der G\u00fcter \u00f6stlich von Bergedorf Erbsen pfl\u00fcckten, \u00c4hren nachlasen oder Kartoffeln nachhackten. Ich habe auch noch den Geruch der Schulspeisung in der Nase, die uns die Alliierten f\u00fcr unsere Schulpausen erm\u00f6glichten: s\u00fcsslich und manchmal auch ekelerregend. Trotzdem: beim Klingelzeichen st\u00fcrmten wir die Treppe hinunter, zwei bis drei Stufen auf einmal, damit wir in der Reihe so weit vorne anstanden, dass wir gute Aussicht auf einen Nachschlag hatten. &#8211; Ich kann bis heute kein St\u00fcck Brot wegwerfen; auch das geh\u00f6rt zu dem, was ich aus der Schulzeit mitgenommen habe.<br>&nbsp;<br>Insgesamt mussten wir damals mit Wenigem zufrieden sein, &#8211; auf allen Gebieten. Unser Schulgeb\u00e4ude war dasjenige der Albrecht-Thaer-Oberrealschule am Holstenglacis. &#8211; Schon mein Grossvater hatte dieses Haus noch im 19. Jahrhundert &#8222;das graue Haus&#8220; genannt. Es war durch durch Krieg und Bombenzeit weiter heruntergekommen. In der ersten Zeit waren die herausgefallenen Fenster z.T. noch mit Pappe und Glaspapier verklebt. Die W\u00e4nde und Treppenh\u00e4user waren schmutzig, die sanit\u00e4ren Anlagen im Keller unbeschreiblich. &#8211; Aber wir lernten, &#8211; und lernten dabei auch, auf das Wesentliche zu achten. &#8211; Was z\u00e4hlte, waren menschliche Beziehungen, sowohl von Lehrern zu Sch\u00fclern, wie auch bei den Sch\u00fclern untereinander. &#8211; Die Beziehungen gestalteten sich vielleicht auch deshalb direkter, weil die Welt der Medien damals noch keinen Einzug in die Schulen gefunden hatte. Es gab selbstverst\u00e4ndlich noch keine Computer. Projektoren f\u00fcr Dias und Bildvorlagen waren eine Seltenheit. Es galt das gesprochene Wort, &#8211; in jeder Hinsicht.<br>&nbsp;<br>Aus der Sicht meines heutigen Arbeitszimmers am P\u00e4pstlichen Bibelinstitut in Rom wirkt das wir eine archaische Welt. Der Computer speichert heute nicht nur alle meine Arbeitsergebnisse, sondern enth\u00e4lt auch eine F\u00fclle<br>von Hilfsmitteln, von den CDs, die die gesamten Texte der Antike bereit halten, bis zur e-mail, die t\u00e4glich auf mich einflutet, mir aber auch fachliche Kontakte in alle Welt hinein erm\u00f6glicht. Dennoch sehne ich mich manchmal<br>nach diesem &#8222;einfachen Leben&#8220; meiner Sch\u00fclertage. Ich sehne mich danach, mit der G13 b noch einmal in Ruhe einen Platontext zu lesen, zu analysieren und zu diskutieren. &#8211; Die Arbeit ist schnellebiger geworden, vielleicht<br>auch ein St\u00fcck oberfl\u00e4chlicher. Es w\u00e4re gut, sich ein St\u00fcck von der Unmittelbarkeit zu den Texten und Stoffen zu erhalten, die wir einmal vor dem Umstieg auf den Computer besessen haben, auch und gerade in unserer damaligen Schulzeit.<br>&nbsp;<br>Was w\u00fcnsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten 2002 des WG? &#8211; Ich w\u00fcnsche Ihnen eine dreifache Form der Bildung.<br>&nbsp;<br>Zun\u00e4chst w\u00fcnsche ich Ihnen Bildung des Kopfes. Die meisten von Ihnen werden ein Hochschulstudium beginnen. Bleiben Sie geduldig, behalten Sie die \u0086\u00dcbersicht, wenn Sie sich weitere Wissensinhalte in den Kopf stopfen m\u00fcssen &#8211; oder man sie in Ihre K\u00f6pfe hineinstopft. &#8211; Wie anders sollten Sie sonst zu der eingangs geschilderten Form von Bildung im Sinne des franz\u00f6sischen Sprichworts gelangen?<br>&nbsp;<br>Mehr noch, und auch ernster, w\u00fcnsche ich Ihnen die Bildung Ihres Verstandes, Ihrer Urteilsf\u00e4higkeit. Sie wird nicht nur f\u00fcr Sie selber wichtig sein, sondern auch f\u00fcr die Welt, in der wir leben und in der Sie und Ihre Kinder einmal leben werden. Lassen Sie sich daf\u00fcr auch Zeit und Raum, suchen Sie Gespr\u00e4chspartner, nutzen Sie Sommerakademien, die Ihren Horizont erweitern, auch \u00fcber Ihr engstes Fachgebiet hinaus. &#8211; Zu den sch\u00f6nsten Erinnerungen der letzten Jahre geh\u00f6ren f\u00fcr mich solche Akademien der Studienstiftung in S\u00fcdtirol, wo wir &#8211; zwei Theologen &#8211; grundlegende Fragen des Glaubens und des Ethos mit Studierenden aller Fachrichtungen besprechen konnten. &#8211; Mit einigen von ihnen verbindet uns noch heute pers\u00f6nliche Freundschaft.<br>&nbsp;<br>Damit komme ich zu meinem letzten Wunsch: Suchen Sie die Bildung des Herzens. &#8211; &#8222;Herzensbildung&#8220; hat zugegebenermassen einen schlechten Ruf. Man sagt sie Menschen nach, die es zu anderen Formen der Bildung nicht gebracht haben. Und doch ist diese Form der Bildung die entscheidende. &#8211; Der &#8222;Betende Knabe&#8220;, der unsere Schule von der Moorweide \u00fcber das Holstenglacis und das Kaiser-Friedrich-Ufer bis hier an die Alster begleitet hat, steht f\u00fcr eine Bildung, die mehr als nur Wissen vermitteln will. Sie meint den Menschen, der sich bewusst dem Absoluten verdankt.<br>&nbsp;<br>Zur Bildung des Herzens geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch &#8211; und nicht zuletzt &#8211; die F\u00e4higkeit, Freundschaft und Partnerschaft zu leben. &#8211; So klingt denn dieser Abend mit Recht aus in den Ball im Logenhaus. &#8211; Ich w\u00fcnsche Ihnen und uns<br>dabei viel Freude: &#8222;Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus &#8230;&#8220;, wie ich mit Horaz (carm. 1, 37) enden darf.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"harms\"><br><br>Nachruf auf Hannsj\u00fcrgen Harms<\/h2>\n\n\n\n<p>Hannsj\u00fcrgen Harms. &#8211; Sch\u00fcler des WG bis zum Abitur 1939, danach zun\u00e4chst Kriegsdienst, nach 1945 Studium (vorwiegend Klassische Philologie), anschliessend lange Jahre als Lehrer am WG t\u00e4tig, Protektor des GRV&#8220;H&#8220;, zuletzt im Ruhestand lebend, im Dezember 2001 gestorben. &#8211; Der folgende Text: 22.12.2001<br>&nbsp;<br>Alle Eingeweihten wissen es: Es gibt Lehrer, wenn die sterben, ist die Schule nicht mehr das, was sie vorher war. &#8211; Zu ihnen geh\u00f6rte Hannsj\u00fcrgen Harms. Er ist vor einigen Tagen in seinem Haus in Rissen nach langer und<br>schwerer Krankheit gestorben und vorgestern, am letzten Donnerstag, auf dem S\u00fclldorfer Friedhof beigesetzt worden.<br>&nbsp;<br>Er war, in seiner eckigen und kantigen Art, sicher nicht immer jedermanns Sache, vertrat auch gelegentlich Ansichten, die nicht alle teilen mochten, aber er geh\u00f6rte zum WG wie kaum ein anderer. Er war &#8211; auch in den letzten Jahren noch &#8211; stets zur Stelle, wenn er gebraucht wurde, z.B. bei den j\u00e4hrlichen Septembertreffen der Abiturjubilare (selbst dann noch, wenn er es k\u00f6rperlich eigentlich nicht verantworten konnte), hatte dann stets sofort und m\u00fchelos Kontakt zu Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen der verschiedensten Jahrg\u00e4nge, die er alle kannte, und &#8211; dies vor allem -: er k\u00e4mpfte engagiert und temperamentvoll, wenn es darum ging, das WG seiner Sch\u00fclerjahre, also das WG der NS-Zeit, zu verteidigen und vor Verd\u00e4chtigungen jeglicher Art zu sch\u00fctzen. Immer wieder hat er sich zu diesem Thema auch schriftlich ge\u00e4ussert, mutig und eindeutig, und als die Frage war, wer 1981, bei der Feier unseres 100-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums, die Festrede zur Geschichte der Schule halten sollte, war er es, der reden sollte und reden wollte. Sein Hauptthema: &#8222;Die Menschlichkeit und Liberalit\u00e4t an unserer Schule unter der Herrschaft der Nationalsozialisten&#8220;.<br>&nbsp;<br>Sein liebster und wichtigster Wunsch der letzten Jahre ist ihm nicht erf\u00fcllt worden: Er hat mit Hingabe die Daten aller Gefallenen des letzten Krieges erforscht und zusammengestellt (f\u00fcr ihn nicht nur Namen, denn er kannte sie fast alle): Er w\u00fcnschte sich eine Inschriftenwand, eine Gedenktafel, auf der sie alle zu lesen w\u00e4ren, vielleicht auch nur ein Buch auf einem Lesepult, dachte dabei zuletzt nat\u00fcrlich auch an die neue Aula, aber es ist nichts daraus geworden. Die Widerst\u00e4nde &#8211; von verschiedenen Seiten, aus verschiedenen Motiven &#8211; waren zu gross. Alle, die ihn kennen, wissen, dass er unter dieser &#8211; f\u00fcr ihn&nbsp; unverst\u00e4ndlichen &#8211; Position bis zu seinem Ende gelitten hat und dass er dadurch (und durch die Auseinandersetzungen, die damit zusammenhingen) langsam auch in eine innerliche Distanz zum heutigen WG geriet, die ihm viel von seiner Lebenskraft geraubt und ihn zunehmend verbittert hat. &#8211; Dennoch: Bei unz\u00e4hligen Sch\u00fclern und Lehrern ist er unvergessen, und ganz gewiss ist ihm dies auch bis zum Schluss bewusst gewesen.<br>&nbsp;<br>Schulz, 22.12.2001<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"gevatter\"><br><br>Walter Gerhard: Zum Tode von Dr. Hagen Lenthe. Ansprache in der Aula Kaiser-Friedrich-Ufer, 30. Juni 1955<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Mit der folgenden Ansprache hat es eine besondere Bewandtnis. Sie ist damals, 1955, nirgends publiziert worden, denn keiner hatte den Text, aber: sie war ber\u00fchmt, es wurde viel von ihr gesprochen und: immer wieder danach gefragt, auch jetzt noch, nach fast f\u00fcnfzig Jahren. &#8211; Dr. Lenthe also, geliebt und gesch\u00e4tzt, einer der j\u00fcngeren Lehrer am WG, Fachlehrer f\u00fcr Deutsch und Geschichte, war w\u00e4hrend einer Klassenfahrt mit seiner damaligen O 12 pl\u00f6tzlich zusammengebrochen und kurz darauf gestorben. &#8211; Die Ansprache in der Aula, nur wenige Tage danach, sollte (und wollte!) Dr. Gerhard halten, Walter Gerhard also, auch er Lehrer f\u00fcr Deutsch und Geschichte. &#8211; Alle, die ihn noch kennen, wissen es: er war ein Lehrer, der sich f\u00fcr sein Fach und seinen Unterricht verzehrte, wie kaum einer, und der von sich und seinen Sch\u00fclern stets nur das \u00c4usserste erwartete und verlangte &#8211; und verzweifelte, wenn die Sch\u00fcler ihn entt\u00e4uschten. &#8211; Was damals, als er die Rede hielt, keiner wusste und wohl kaum einer wirklich ahnte: nur acht Tage danach war auch Dr. Gerhard tot, hatte sich das Leben genommen.<br>&#8211; Nachtr\u00e4glich erschien seine letzte Ansprache dann nat\u00fcrlich in einem ganz besonderen Licht, und es ist verst\u00e4ndlich, dass fast alle, die sie in der Aula geh\u00f6rt hatten, zumindest die \u00c4lteren, den einen Wunsch hatten: sie nun noch einmal zu h\u00f6ren oder wenigstens: zu lesen, &#8211; jetzt mit ganz anderen Augen &#8230;<\/em><br>&nbsp;<br><em>Hier ist sie also, abgeschrieben aus einem z.T. nur m\u00fchsam lesbaren Text, der zuf\u00e4llig, zwischen ganz anderen Dingen, in unserem Archiv aufgetaucht ist: das M\u00e4rchen vom Gevatter Tod &#8230;<\/em><br>&nbsp;<br>Sehr verehrte Angeh\u00f6rige, liebe Kollegen, liebe Sch\u00fcler!<br>&nbsp;<br>Eines der k\u00fcrzesten und doch tiefsten M\u00e4rchen der deutschen Literatur ist jenes vom Gevatter Tod. Wir kennen es alle: Ein Vater geht aus, f\u00fcr seinen Sohn einen Paten zu suchen, aber einen, der nichts ist als gerecht. In diesem Vorsatz zeigt er sich anspruchsvoll und unerbittlich. Selbst dem Herrgott, der ihm begegnet, gibt er eine Absage: von ihm k\u00f6nne man wirklich nicht behaupten, meint er, dass er gerecht sei, da er den einen mit Gl\u00fccksg\u00fctern<br>segne, den anderen im Elend verkommen lasse. &#8211; Auch der Teufel, der Herr der Unterwelt, sagt ihm nicht zu als Gevatter seines Jungen. Der stellt ja seine Sache auf Lug und Trug und lockt mit falschen Versprechungen die<br>Leichtgl\u00e4ubigen, die sich ihm verschreiben, ins Verderben. &#8211; Aber dem Tode entgegnet er, als der ihm als dritter die Patenschaft anbietet: &#8222;Ja, du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.&#8220;<br>&nbsp;<br>Der Tod antwortet: &#8222;Ich will dein Kind reich und ber\u00fchmt machen, denn wer mich zum Freunde hat, dem kann&#8217;s nicht fehlen.&#8220; &#8211; Bei der Taufe stellt sich denn der Tod auch wirklich ein, und steht, wie es im M\u00e4rchen heisst, &#8222;ganz ordentlich Gevatter&#8220;.<br>&nbsp;<br>Wir wissen alle, worin das Patengeschenk dieses gerechten Gevatters bestand: Er versprach, wenn der Junge gross und ein Arzt geworden sei, ihm anzuzeigen, wie es um seine Kranken bestellt sei: Stehe er, der Gevatter Tod, zu H\u00e4upten des Bettes, so solle er, der Arzt, sagen, er werde ihn gesund machen; stehe er aber zu dessen F\u00fcssen, so solle er sagen, alle Hilfe sei umsonst, gegen diese Krankheit sei kein Kraut gewachsen. &#8211; Bei solchen Worten vergass er nicht, ihm, dem Patenkind, das wunderbare Kraut zu geben, das gegen die Krankheit gewachsen sei.<br>&nbsp;<br>Der Arzt wurde, wie nicht anders zu erwarten, ber\u00fchmt. Wie sollte er nicht ber\u00fchmt werden, da seine Diagnose unfehlbar und seine Kunst von unbedingter Heilkraft zu sein schien.<br>&nbsp;<br>Aber sein Verderben war es, als er, der so vom Tode selbst, dem grossen Herrn, beruflich auf jede Art beg\u00fcnstigte und gef\u00f6rderte Arzt, der Versuchung erlag, mit menschlichen Mitteln seinen m\u00e4chtigen Gevatter zu t\u00e4uschen:<br>Nachdem er zweimal den Tod hinters Licht gef\u00fchrt hatte, indem er das Bett des Kranken umkehrte, f\u00fchrte ihn der Unerbittliche mit seiner eiskalten Hand in eine H\u00f6hle, in der tausend und tausend Lichter in un\u00fcbersehbaren<br>Reihen brannten, einige gross, einige halbgross, einige klein. &#8211; &#8222;Zeig mir mein Lebenslicht&#8220;, bat der Arzt, und meinte, es w\u00e4re noch recht gross. Der Tod aber deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: &#8222;Siehst du, da ist es.&#8220; &#8211; &#8222;Ach, lieber Pate&#8220;, sagte der erschrockene Arzt, &#8222;z\u00fcnde mir ein neues an, tu&#8217;s mir zuliebe, damit ich meines Lebens geniessen kann.&#8220; &#8211; &#8222;Ich kann nicht&#8220;, antwortete der Tod, &#8222;erst muss eins verl\u00f6schen, eh&#8216; ein neues Lebenslicht anbrennt.&#8220;<br>&nbsp;<br>Wie stand es nun mit dem Tode? Hatte er sich gegen\u00fcber dem kleinen Menschen, der ihn hinter das Licht, hinter das Lebenslicht zu f\u00fchren versucht hatte, gerecht betragen? &#8211; &#8222;Ich kann nicht&#8220;, hatte der Tod geantwortet: ein wunderbares, ein r\u00e4tselhaftes Wort. Warum kann er nicht helfen? Weil sich neues Leben nur am Tode entz\u00fcndet, weil er selbst, letzten Endes, indem er der Gesetzm\u00e4ssigkeit der Kerzenschicksale zusieht, nicht nur ihr Vollstrecker ist, sondern auch Diener lebendigen, leuchtenden Neubeginns. &#8211;<br>&nbsp;<br>Als Kind habe ich dieses M\u00e4rchen immer und immer wieder gelesen, &#8211; vielleicht, <em>weil<\/em> ich es nicht im letzten zu verstehen vermochte, vielleicht aber auch, weil ich schon mehrmals als kleiner Junge, an der Hand meines Vaters, von Station zu Station, den Holbeinschen Totentanzfries in der L\u00fcbecker Marienkirche abgeschritten war. &#8211;<br>&nbsp;<br>Das war f\u00fcr mich, der ich die Braunschweiger Totenuhr bereits kannte &#8211; und h\u00e4ufig zugesehen hatte, wie der Knochenmann um zw\u00f6lf Uhr mittags mit seinem kn\u00f6chernen Schlegel zum Apostelzug auf die Lebensglocke schlug, &#8211; ein grosses Erlebnis. Wie st\u00f6rrisch und stolz auf dem Kirchengem\u00e4lde der K\u00f6nig an der Hand des Todes dahinschritt, wie gespreizt-verblendet der Edelmann, wie gewichtig-\u00fcberheblich der B\u00fcrger, wie tolpatschig-ergeben der Bauer, wie unwissend-\u00fcberrascht die Jungfrau, wie stolpernd-dumm und unwissend: das Kind.<br>&nbsp;<br>Man muss wohl, denke ich, in den Bereich eines Lebensalters geraten sein, das irgendwie der Gesetzm\u00e4ssigkeit oder der Zuf\u00e4lligkeit des Todes im Lebensgef\u00fchl Raum geben muss, um die Hintergr\u00fcndigkeit allen Lebens sp\u00fcren zu k\u00f6nnen. Man sieht sich eines Tages um und erkennt, dass dem Leben des Menschen der Stachel des Todes stets an die H\u00fcfte gesetzt ist. Nicht eigentlich der Krieg ist es, der nun einmal den Tod in sein gr\u00e4ssliches Programm einbezogen hat, uns gleichsam den improvisierten Tod gleichsam<em> ad oculos <\/em>demonstriert, nein: der zivile, der pl\u00f6tzliche Strohtod ist es vielmehr, der uns immer wieder abrupt zur Besinnung zwingt, jener Tod n\u00e4mlich, der ausserhalb der Berechnung liegt, der unwahrscheinliche, furchtbar pl\u00f6tzliche, blitzartig zuschlagende, &#8211; mit einem Wort: der Tod, welcher uns grauenhaft, ungerecht, sinnlos erscheint. &#8211;<br>&nbsp;<br>Es liegt im Sinn jugendlicher Unbek\u00fcmmertheit, dass auch die Worte der Barmherzigen Br\u00fcder aus Schillers &#8222;WilhelmTell&#8220;, in der Unterrichtsstunde geh\u00f6rt und durchgenommen, nur gerade an die Oberfl\u00e4che des Bewusstseins dringen. Die meisten von euch, liebe Jungen, haben diese Worte gelesen. &#8211; Wer, wer, frage ich, konnte sie begreifen? &#8211; Wem sind sie mehr gewesen als der mehr oder minder erhebliche Teil einer Unterrichtsstunde: Wilhelm Tell, Vierter Aufzug, Schluss, wo Gesslers Tod vom Chor der Barmherzigen Br\u00fcder mit einer Binsenweisheit glossiert wurde? &#8211; Da liest denn ein Sch\u00fcler, stockend, stolpernd, penn\u00e4lerhaft-unzul\u00e4nglich die Worte:<br>&nbsp;<br>Rasch tritt der Tod den Menschen an,<br>&nbsp;<br>Es ist ihm keine Frist gegeben,<br>&nbsp;<br>Es st\u00fcrzt ihn mitten in der Bahn,<br>&nbsp;<br>Es reisst ihn fort vom vollen Leben,<br>&nbsp;<br>Bereitet oder nicht, zu gehen,<br>&nbsp;<br>Muss er vor seinem Richter stehen.<br>&nbsp;<br>Da h\u00f6rt der Durchschnittssch\u00fcler die glatten Verse und denkt: &#8222;Wie theaterwirksam, wie opernhaft, diesen pl\u00f6tzlichen Gesslertod so apostrophieren zu lassen.&#8220; &#8211; Aber eines Tages, pl\u00f6tzlich, gewinnen diese gleichen Verse Gehalt und Gestalt: Da sieht der Sch\u00fcler m\u00f6glicherweise ein Kind, gr\u00e4sslich vom Auto verst\u00fcmmelt und entstellt, auf der Strasse liegen, oder: Er geht selbst hinter einem Sarge her, in welchem er einen Menschen liegen weiss, starr und stumm, mit dem er gestern noch gescherzt, der ihm gestern noch seine Liebe bezeugt und in dessen Hand er sich gestern noch geborgen wusste. &#8211;<br>&nbsp;<br>So, genau so, erging es einer Klasse unserer Schule, die gestern noch mit ihrem Lehrer hinausfuhr zu grosser Fahrt, &#8211; frohgemut, ledig aller l\u00e4stigen Schulpflichten, \u00fcberm\u00fctig &#8211; und einer Zeit jugendlichen Zusammenlebens und fr\u00f6hlicher Wanderlust, in unbekannter, sch\u00f6ner Landschaft gew\u00e4rtig.<br>&nbsp;<br>Sie lachten, sie l\u00e4rmten, schon auf der Eisenbahnfahrt, sie geb\u00e4rdeten sich, wie Jungen, die sich losgelassen f\u00fchlen, eben geb\u00e4rden: sehr laut, sehr wild, ihre jungen Stimmen in der ausgelassenen Fahrten- und Ferienstimmung auslassend. &#8211; Und er &#8230; sass dabei, der verehrte Lehrer, von dem sie wussten, dass er in Erinnerung an seine eigene Jugend mit liebevollem Verst\u00e4ndnis zu ihrem ausgelassenen Tun schmunzeln w\u00fcrde, er, dem der jugendliche \u0086berschwang seiner eigenen Schulzeit noch in den Ohren klang:<br>&nbsp;<br>Die Jugend braust,<br>&nbsp;<br>Das Leben sch\u00e4umt &#8230; &#8212;<br>&nbsp;<br>Ich bin \u00fcberzeugt, keiner der jungen Springinsfelde kannte jene Verse, die der junge Rilke, der Hellh\u00f6rige, krankhaft Feinf\u00fchlige, d\u00e4mmerig Leidende, einsam Absonderliche geschrieben hatte. &#8211; Gott, wie sollten sie auch? &#8211;<br>Und wenn sie sie einmal geh\u00f6rt hatten, so waren diese Worte gewiss \u00fcberdeckt worden von all dem Lauten in und um uns, von dem unser Herz zugedeckt wird wie von einem Aschenregen. &#8211; Die Verse heissen so (Schlussst\u00fcck aus dem &#8222;Buch der Bilder&#8220;, 1906):<br>&nbsp;<br>Der Tod ist gross.<br>&nbsp;<br>Wir sind die Seinen<br>&nbsp;<br>lachenden Munds.<br>&nbsp;<br>Wenn wir uns mitten im Leben meinen,<br>&nbsp;<br>wagt er zu weinen<br>&nbsp;<br>mitten in uns.<br>&nbsp;<br>Und dann geschah es eben, wie es mitunter zu geschehen pflegt: Man erreichte das Ziel, die Jugendherberge, die Sch\u00fcler mit ihrem Lehrer, man warf sich dem Erleben der ungebundenen Ferientage entgegen, man durchst\u00fcrmte die Landschaft, man genoss die Ungebundenheit der Situation, fern vom Schulalltag mit seiner strengen Pflicht und Gesetzlichkeit, man dachte sie auszukosten in jeder Richtung. &#8211; Wer von den jungen Menschen dachte daran, es k\u00f6nnte ein Lebenslicht in ihrer Mitte gef\u00e4hrlich niedergebrannt und schutzbed\u00fcrftig sein? Wer dachte, dass da ein unversehens hereinbrechender Luftzug gen\u00fcgen k\u00f6nnte, es zum Flackern zu bringen?<br>&nbsp;<br>Junge Menschen denken an sich: &#8222;Die Jugend braust, das Leben sch\u00e4umt &#8230;&#8220;.<br>&nbsp;<br>H\u00e4tten sie gewusst, dass ein Lebenslicht in Gefahr war, &#8211; sie h\u00e4tten gewiss den Gevatter Tod angebettelt, wie der Arzt in der H\u00f6hle: &#8222;Ach, lieber Tod, z\u00fcnde ihm ein neues Lebenslicht an, tu es uns zuliebe &#8230;&#8220;. &#8211; &#8222;Setz doch&#8220;, h\u00e4tten sie mit dem Mann im M\u00e4rchen gesagt, &#8222;auf das alte Lebenslicht ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zuende ist &#8230;&#8220;.<br>&nbsp;<br>Aber der Tod <em>stellte sich<\/em>, so heisst es in dem M\u00e4rchen, <em>als ob<\/em> er diesen Wunsch erf\u00fcllen wolle, langte ein frisches, grosses Licht herbei, aber er versah es beim Umstecken absichtlich, so dass, ehe er das neue Licht<br>entz\u00fcndet, das St\u00fcmpfchen umfiel und verlosch. &#8211; Das ist die Antwort auf die vielen bitteren, verzweifelten &#8222;H\u00e4tten wir doch &#8230;&#8220; und &#8222;H\u00e4tten wir doch nicht &#8230;&#8220;, welche so vielen hinterher durch den Kopf gingen.<br>&nbsp;<br>Der Mensch, der Kollege, von dem Abschied zu nehmen wir uns in dieser Stunde vereinigt haben, heisst Hagen Lenthe. Es ist kein m\u00fcssiges Unterfangen, den Wurzeln eines Mensch nachzusp\u00fcren. In seiner sich selbst ironisierenden Art pflegte Hagen Lenthe zu sagen, seine Vorfahren v\u00e4terlicherseits h\u00e4tten der niederen Geistlichkeit im Braunschweigischen, die m\u00fctterlicherseits dem Hannoverschen Kaufmannsstande angeh\u00f6rt. Diese Blutsmischung von kontemplativ-transzendentalem und spekulativ-realem Denken mag in der Tat das Fundament seiner Pers\u00f6nlichkeit bedeutet haben &#8230;<br>&nbsp;<br><em>(die n\u00e4chsten vier Seiten: evtl. demn\u00e4chst).<\/em><br>&nbsp;<br>Im Jahre 1952 wurde Dr.Lenthe ans WG versetzt, seit 1952 war er der unsrige. Wir waren schon vom Sieveking-Platz ans Kaiser-Friedrich-Ufer umgesiedelt, als er zu uns stiess: schmalschultrig, lang und mager, leger in der Haltung, immer die Rechte in der Hosentasche, an heissen Tagen ohne Krawatte und Rock, mit ge\u00f6ffnetem Kragen. Nie werde ich vergessen, welchen Eindruck der Einzug dieses jungen Germanisten-Kollegen bei uns machte: &#8230; Pl\u00f6tzlich, in einer Pause, klingt ein Lachen auf, ein v\u00f6llig unprogramm\u00e4ssiges, gleichsam unkonventionelles Lachen, &#8211; man horcht auf und h\u00f6rt eine Bemerkung, die nun in der Tat unter waschechten Beamten v\u00f6llig unprogramm\u00e4ssig, v\u00f6llig antikonventionell klingt, &#8211; eine Fanfare der Unb\u00fcrgerlichkeit, quasi die<br>Urfreude am ungezogenen Einfall.<br>&nbsp;<br>Muss ich es euch, liebe Sch\u00fcler, Ihnen, liebe Kollegen, ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckrufen, was Dr. Lenthe in unserer Gemeinschaft war? Das Lachen zog mit ihm ein, das Lachen jeder Art: das kindlich-harmlose, das sonorisch-laute, das bitter-trotzige, das zynisch-schmerzliche, irgendwie jedoch: das immer befreiende und erl\u00f6sende Lachen, das der Situation ihre Spannung nahm, das dem Gespr\u00e4ch die rosarote Pointe aufsetzte, das dem leeren Wortgepl\u00e4tscher pl\u00f6tzlich die scharfe W\u00fcrze verlieh, das dem z\u00f6gernden Vorw\u00e4rtsschleichen in den Konferenzen den aggressiven Hornruf der Attacke einblies.<br>&nbsp;<br>Ich sehe ihn so deutlich vor mir, da ich sein Bild zu beschw\u00f6ren suche: F\u00fcnf oder zehn Minuten nach acht kam er hereingeprescht, bereits leicht aufgel\u00f6st vom Wettlauf mit der Zeit, die unansehnliche, aus allen N\u00e4hten klaffende Ledermappe auf den Tisch knallend, &#8211; und doch alles andere als ein angstgejagter Kommis, der Schiss hat vor der Begegnung mit seinem Chef, immer noch seines Wertes und seiner Sonderstellung bewusst: &#8222;Es ist immer noch fr\u00fch genug, wenn ich komme, lasst euch das sagen, ihr Terminakrobaten!&#8220; &#8211; Ich sehe ihn noch vor mir, wenn er, schr\u00e4g und langbeinig den Korridor kreuzend, eine T\u00fcr aufriss, &#8211; mit einem Schrei, &#8211; war es Gruss, war es Drohung,<br>war es Urlaut der Freude?? &#8211; Drinnen war er, schnellte er die Mappe seitw\u00e4rts auf den Lehrertisch und umkreiste hochbeinig wie ein Tiger die Klasse. Nicht viel verstanden die Sch\u00fcler von seinem Anfangsgemurmel, doch bald<br>entnahmen sie den hingeworfenen Lauten: Er wollte sie sehr um Entschuldigung bitten; nur das Auto sei Schuld an der Versp\u00e4tung gewesen; mindestens zehn Minuten sei er in einem fremden Gem\u00fcsegarten herumgegurkt &#8230; usw. &#8211; Und dann konnte er, als wollte er Vers\u00e4umtes nachholen, wie ein Falke auf die niedergeduckte Taube, mit langen Armen und vorschnellendem Kopf herabstossen und schmettern: &#8222;933 &#8211; Was bedeutet das?&#8220;<br>&nbsp;<br>Nein, das waren gewiss keine trockenen Stunden, die er gab, &#8211; und wenn Sch\u00fcler so vieles <em>nicht <\/em>erkennen: <em>eines<\/em> haben sie sehr bald spitz: den Humor, &#8211; den Humor, der dem Schulmeister das Zaubermittel an die Hand gibt, den <em>Pauker<\/em> (samt seiner Notizbuchmacht, seiner Gespreiztheit, seiner Trockenheit) in die Flucht zu schlagen. &#8211; Humor: er soll lateinisch das gleiche bedeuten wie Lebenssaft, und wenn dem so ist, so macht der<br>Lehrerhumor die Stunden vollsaftig &#8211; und damit geniessbar.<br>&nbsp;<br>Gewiss: Es ist eine seltene und seltsame Sache um den Humor. Man sagt, er speise sich aus einem tiefernsten, vielleicht sogar pessimistischen Lebensgef\u00fchl, wie denn Wilhelm Busch ein \u00fcberraschend begriffssicherer Anh\u00e4nger Schopenhauerscher Philosophie gewesen ist. &#8211; Eines jedenfalls scheint mir Vorbedingung zu sein f\u00fcr die humorvolle Lebenshaltung des Lehrers: dass er sich selbst nicht so furchtbar ernst nehme, dass er \u00fcber sich selbst lachen k\u00f6nne. &#8211; &#8222;Ja&#8220;, pflegte er zu sagen, wenn er am Sonnabend eine sechste Stunde zu geben hatte, &#8222;Seien Sie still, liebe Kollegen, die Beh\u00f6rde weiss wohl darum, dass ich immer die letzten Stunden gebe. Seien Sie still: Wir Sechstst\u00fcndler sind das Holz, aus dem man Oberschulr\u00e4te schnitzt&#8220;. &#8211; Wie er dann schmunzeln und lachen konnte, im Bewusstsein, gleichsam aus Versehen in das Reglement des Beamtentums verfallen zu sein. &#8230; &#8211; Aber pl\u00f6tzlich, mitten im Gespr\u00e4ch, legte es sich wie ein unheimlich-heimlicher Ernst \u00fcber seine Z\u00fcge, und dann vermochte er eine Charakteristik von einem Sch\u00fcler oder einem Kollegen zu geben, die nur zu Schweigen und Nachdenken aufrief.<br>&nbsp;<br>Dr. Lenthe war verliebt in die witzige Pointe, aber er gab sie dahin, wenn Wichtiges auf dem Spiel stand: das Schicksal eines Sch\u00fclers oder die Person eines Kollegen. Er konnte spotten, wie ich nie jemanden spotten geh\u00f6rt:<br>aber er konnte ernst werden, j\u00e4h wie ein Uhrenschlag, und er konnte den Schmerz \u00fcber die Entt\u00e4uschung, die ihm ein Sch\u00fcler bereitet, zeigen, wie ich es kaum von einem Lehrer und Kollegen erfahren habe. &#8211;&nbsp; Dr. Lenthes<br>Gedanken kreisten unabl\u00e4ssig um seine Sch\u00fcler. Wie leidenschaftlich sein Herz sich mit ihnen besch\u00e4ftigte, leidenschaftlich bis zum k\u00f6rperlichen Schmerz: das haben die Jungen erfahren, die in der Fremde die Kraft und<br>die Geduld eines Lehrerherzens allzu gedankenlos auf die Probe stellten. &#8211; Hinterher, nachdem dies geschehen, jammerten sie, wie die \u00c4rzte: &#8222;H\u00e4tten wir doch &#8230;!&#8220; &#8211; &#8222;H\u00e4tten wir doch nicht &#8230;!&#8220; &#8211;<br>&nbsp;<br>Genug der Worte: Das Unbegreifliche des Todes bleibt. Es ist wohl so: Der Tod spricht: &#8222;Ich kann nicht &#8230;&#8220;, weil Gesetze obwalten, die \u00fcber unserem menschlichen Denken, jenseits unserer Massst\u00e4be liegen.<br>&nbsp;<br>Mir scheint noch immer jene \u00fcber alle Massen herrliche Schlussszene aus Gerhart Hauptmanns naturalistischem Drama &#8222;Michael Kramer&#8220; Trost zu bieten. Und daher m\u00f6chte ich sie ans Ende dieser, im Angesicht eines unbegreiflichen Todes, so bescheidenen, unzul\u00e4nglichen Worte setzen: die Worte eines grossen Dichters. &#8211; Sie verstehen sich aus folgender Situation: Dem alten Professor Kramer, Lehrer an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste, hat man seinen Sohn tot ins Haus getragen. Nun liegt er, ein junger, hoffnungsvoller Mensch, in seinem Maleratelier aufgebahrt, und der Vater hat die Lichter angez\u00fcndet um seinen Sarg. &#8211; Er steht davor und spricht vor sich hin, w\u00e4hrend sein fr\u00fcherer Sch\u00fcler Lachmann ihm stumm und ergriffen zuh\u00f6rt: &#8222;Lachmann, wir wollen die Lichte aufstecken.&#8220;<br>&nbsp;<br>&#8222;Das ist es nicht.&#8220;<br>&nbsp;<br>&#8222;Und jen&#8217;s ist es nicht.&#8220;<br>&nbsp;<br>&#8230; &#8222;Aber was &#8230; was wird es wohl<br>sein am Ende?&#8220;<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"kramer\"><br><br>Gerhart Hauptmann, Michael Kramer (Vierter Akt, Schlussszene)<\/h2>\n\n\n\n<p>Dies als Nachtrag zu dem vorigen Text. Der Text der Ansprache von Walter Gerhard hat bei vielen mehr aufger\u00fchrt, als wir erwartet hatten. &#8211; Es ist wieder einmal deutlich geworden, dass es offenbar Lehrer gibt, die bei ihren<br>Sch\u00fclern, auch nach einem halben Jahrhundert, auch wenn sie selbst l\u00e4ngst tot sind, immer noch lebendig sind.<br>&nbsp;<br>Nur: die letzten Zeilen, das Zitat aus &#8222;Michael Kramer&#8220;, seien in dieser Verk\u00fcrzung kaum verst\u00e4ndlich. &#8211; Das stimmt. &#8211; Vielleicht war es ja auch nur eine Einladung an alle, die den &#8222;Michael Kramer&#8220; nicht kennen, nun einmal den vollst\u00e4ndigen Text zu lesen. Und, um allen, die den Text nicht zur Hand haben, die Sache zu erleichtern, haben wir ihn hier abgeschrieben, allerdings wieder nur in Auswahl, auch ohne alle Regieanweisungen; sonst w\u00e4re es zu lang geworden. &#8211; Der vollst\u00e4ndige Text ist f\u00fcr wenig Geld in jeder Buchhandlung zu haben: f\u00fcr EUR 2,10 bei Reclam. &#8211; Unsere Abschrift beginnt genau an der Stelle, mit der auch Walter Gerhard begann.<br>&nbsp;<br>Zur Orthograpie: &#8222;Sehn Se&#8220;, aber: &#8222;H\u00f6r&#8217;n Se&#8220;, und auch: &#8222;Machen Sie &#8230;&#8220;, wie in der Reclam-Ausgabe.<br>&nbsp;<br>Bei immer wiederholtem Lesen: Walter Gerhard war ja, neben allem anderen, ein gescheiter, witziger und listiger Mensch: Vieles spricht daf\u00fcr, dass er den folgenden Text, mehr noch als seine damalige Ansprache in der Aula,<br>als seinen eigentlichen Abschied und sein eigentliches Verm\u00e4chtnis gemeint hat, und dass er sich gedacht hat, wer&#8217;s wissen will, der wird&#8217;s schon finden.<br>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kramer: Lachmann, wir wollen die Lichte aufstecken. Machen Sie mal die Pakete auf! &#8230; Leid, Leid, Leid, Leid! &#8211; Schmecken Sie, was in dem Worte liegt? &#8211; Sehn Se, das ist mit den Worten so: Sie werden auch nur zuzeiten lebendig, im Alltagsleben bleiben sie tot. &#8230; Wenn erst das Grosse ins Leben tritt, h\u00f6r&#8217;n Se, dann ist alles Kleine wie weggefegt. Das Kleine trennt, das Grosse, das eint, sehn Se. &#8230; Der Tod ist immer das Grosse, h\u00f6r&#8217;n Se: der Tod und die Liebe, sehn Se mal an. &#8230; &#8211; Wissen Sie, was ich heute morgen gemacht habe? &#8211; Lieblingsw\u00fcnsche zu Grabe gebracht. &#8211; Still, stille f\u00fcr mich.- Ganz stille f\u00fcr mich, sehn Se. &#8211; H\u00f6r&#8217;n Se, das war ein langer Zug. Kleine und grosse, dick und d\u00fcnn. Jetzt liegt alles da wie hingem\u00e4ht, Lachmann.<br>&nbsp;<br>Lachmann: Ich habe auch schon einen Freund verloren. Ich meine, durch einen freiwilligen Tod.<br>&nbsp;<br>Kramer: Freiwillig, h\u00f6r&#8217;n Se! &#8211; Wer weiss, wo das zutrifft? &#8211; Sehn Se sich diese Skizzen mal an. &#8230; Da sind seine Peiniger alle versammelt. Sehn Se, da sind sie, so wie er sie sah. Und h\u00f6r&#8217;n Se, Augen hat er gehabt &#8230; &#8211; Ich bin vielleicht nicht so zerst\u00f6rt, wie Sie denken, und nicht so trostlos, wie mancher meint. &#8211; Der Tod, sehn Se, weist ins Erhabne hinaus. &#8211; Sehn Se, da wird man niedergebeugt. Doch was sich herbeil\u00e4sst, uns niederzubeugen, ist herrlich und ungeheuer zugleich. Das f\u00fchlen wir dann, das sehen wir fast, und h\u00f6r&#8217;n Se, da wir man aus Leiden gross. &#8211; Was ist mir nicht alles gestorben im Leben! &#8211; Manch einer, Lachmann, der heute noch lebt. &#8211; Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich? &#8211; Das kommt, Lachmann, weil sie lieben m\u00fcssen. Das dr\u00e4ngt sich<br>zur Einheit \u00fcberall, &#8211; und \u00fcber uns liegt doch der Fluch der Zerstreuung. &#8211; Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, &#8211; und alles entgleitet uns doch, wie es kommt.<br>&nbsp;<br>Lachmann: Ich hab das ja auch schon erfahren bereits.<br>&nbsp;<br>Kramer: Als Michaline mich weckte die Nacht, da hab ich mich wohl recht erb\u00e4rmlich gezeigt. Aber sehn Se, ich hab es da gleich gewusst. Und wie er dann musste so liegenbleiben, das waren die bittersten Stunden f\u00fcr mich. In dieser Stunde, wahrhaftigen Gott, Lachmann, &#8211; war das nun L\u00e4uterung oder nicht? -, da hab ich mich selber nicht wiedererkannt. &#8211; H\u00f6r&#8217;n Se, da hab ich so bitter gehadert: ich habe das selber von mir nicht gedacht. Ich habe geh\u00f6hnt und gew\u00fctet zu Gott. H\u00f6r&#8217;n Se, wir kennen uns selber nicht.<br>&nbsp;<br>Michaline: &#8230;<br>&nbsp;<br>Kramer: Ich weiss nichts von Hass. Ich weiss nichts von Rache. Das erscheint mir jetzt alles klein und gering. &#8230; Sehn Se, es hat mich ja angepackt. Das ist auch kein Wunder, h\u00f6r&#8217;n Se mal an. Da lebt man so hin: das muss alles so sein. Man schl\u00e4gt sich mit kleinen Sachen herum, und h\u00f6r&#8217;n Se, man nimmt sie wer weiss wie wichtig, man macht sich Sorgen, man \u00e4chzt, und man klagt, und h\u00f6r&#8217;n Se, dann kommt das mit einemmal, wie&#8217;n Adler, der in die Spatzen f\u00e4hrt. H\u00f6r&#8217;n Se, da heisst es: Posto gefasst! &#8211; Aber sehn Se, nun bin ich daf\u00fcr auch entlassen, und was nun etwa noch vor mir liegt, da kann mich nichts freuen, da kann mich nichts schrecken, da gibt&#8217;s keine Drohung mehr<br>f\u00fcr mich.<br>&nbsp;<br>Lachmann: Soll ich vielleicht eine Flamme aufstecken?<br>&nbsp;<br>Kramer: Sehn Se, da liegt einer Mutter Sohn. &#8230; Grausame Bestien sind doch die Menschen. &#8230; Lachmann, kommen Sie, st\u00e4rken Sie sich! Hier ist etwas Wein, da kann man sich st\u00e4rken. Trinken wir, Lachmann, opfern wir! Stossen wir ruhig miteinander an! Und der dort liegt, &#8211; das bin ich! &#8211; das sind Sie! &#8211; das ist eine grosse Majest\u00e4t! &#8211; Was kann da der Pastor noch hinzusetzen? &#8230; &#8211; Was haben die Gecken von dem da gewusst: diese St\u00f6cke und Kl\u00f6tze in Mannsgestalt? Von dem und von mir und von unsren Schmerzen? &#8230; &#8211; H\u00f6r&#8217;n Se, Lachmann, das ist nun vorbei! &#8230;- &#8217;s ist gut, wie er daliegt! &#8217;s ist gut! &#8217;s ist gut! &#8211; Ich habe den Tag \u00fcber hier gesessen, ich habe gezeichnet, ich habe gemalt, ich habe auch seine Maske gegossen. Dort liegt sie, dort, in dem seidenenTuch. &#8230; Und will man das festhalten, wird man zum Narren. Was jetzt auf seinem Gesicht liegt, das alles, Lachmann, hat in ihm gelegen. Das f\u00fchlt&#8216; ich, das kannt&#8216; ich in ihm, &#8211; und konnte ihn doch nicht heben, den Schatz. &#8211; Sehn Se, nun hat ihn der Tod gehoben. Nun ist alles voll Klarheit um ihn her. &#8230; H\u00f6r&#8217;n Se, man wird \u00fcberhaupt so klein: Das ganze Leben war ich sein Schulmeister. Ich habe den Jungen maltr\u00e4tiert, und nun ist er mir so ins Erhabne gewachsen. &#8211; &#8230;<br>&nbsp;<br>Liese B\u00e4nsch: &#8230;<br>&nbsp;<br>Kramer: Wo sitzt das nun, was so t\u00f6dlich ist? Und doch, wer das einmal erf\u00e4hrt und lebt, der beh\u00e4lt einen Stachel davon im Handteller, und was er auch anfasst, so sticht er sich. Aber gehn Sie nur getrost nach Haus! Zwischen dem da und uns ist Friede geworden. &#8211; &#8211; Die Lichter! Die Lichter! Wie seltsam das ist! Ich habe schon manches Licht verbrannt! Schon manches Lichtes Flamme gesehn, Lachmann. &#8211; Aber h\u00f6rn Se: das ist ein anderes Licht!! &#8211;<br>Mach ich Sie etwa \u00e4ngstlich, Lachmann?<br>&nbsp;<br>Lachmann: Nein, wovor sollt ich denn \u00e4ngstlich sein?<br>&nbsp;<br>Kramer: Es gibt ja Leute, die \u00e4ngstlich sind. Ich bin aber der Meinung, Lachmann, man soll sich nicht \u00e4ngsten in der Welt. Die Liebe, sagt man, ist stark wie der Tod. &#8211; Aber kehren Sie getrost den Satz mal um: Der Tod ist auch<br>mild wie die Liebe, Lachmann. &#8211; H\u00f6r&#8217;n Se, der Tod ist verleumdet worden, das ist der \u00e4rgste Betrug in der Welt!! &#8211; Der Tod ist die mildeste Form des Lebens: der ewigen Liebe Meisterst\u00fcck. <em>(Er \u00f6ffnet das grosse Atelierfenster,<br>leise Abendglocken &#8230;).<\/em><br>&nbsp;<br>Das grosse Leben sind Fieberschauer, bald kalt, bald heiss. &#8211; Bald heiss, bald kalt. &#8211; Ihr tatet dasselbe dem<br>Gottessohn! Ihr tut es ihm heut wie dazumal! So wie damals, wird er auch heut nicht sterben! &#8211;<br>&nbsp;<br>Die Glocken sprechen, h\u00f6ren Sie nicht? Sie erz\u00e4hlen&#8217;s hinunter in die Strassen: die Geschichte von mir und meinem Sohn. &#8211; Und dass keiner von uns ein Verlorner ist! &#8211; Ganz deutlich versteht man&#8217;s, Wort f\u00fcr Wort. &#8211; Heut ist es geschehen, heut ist der Tag! Die Glocke ist mehr als die Kirche, Lachmann! &#8211; Der Ruf zu Tische ist mehr als das Brot! &#8211; Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin? Warum jauchzen wir manchmal ins Ungewisse? Wir Kleinen, im Ungeheuren verlassen? Als wenn wir w\u00fcssten, wohin es geht. &#8211; So hast du gejauchzt! Und was hast du gewusst? &#8211;<br>&nbsp;<br>Von irdischen Festen ist es nichts! &#8211; Der Himmel der Pfaffen ist es nicht! &#8211; Das ist es nicht, und jen&#8217;s ist es nicht, &#8211; aber was &#8230; <em>(mit gen Himmel erhobenen H\u00e4nden) &#8230; <\/em>was wird es wohl sein am Ende?<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"waller\"><br><br>Nachruf auf Susanne Waller (gestorben am 11. Dez. 2003)<\/h2>\n\n\n\n<p>Sch\u00fcler und Lehrer des Wilhelm-Gymnasiums haben einen grossen Verlust erlitten: Am 11. Dezember dieses Jahres starb Susanne Waller, unsere Kollegin. Sie wurde nur 43 Jahre alt. Schon seit zwei Jahren hatte die schwere und t\u00f6dliche Krankheit sie gezwungen, ihre Arbeit ruhen zu lassen.<br>&nbsp;<br>Diese Arbeit hatte sie im Jahre 1997 fr\u00f6hlich und schwungvoll begonnen, frisch aus der Referendarausbildung kommend. Jede Herausforderung, die das Lehrerdasein ihr pr\u00e4sentierte &#8211; und diese pflegen zahlreich zu sein -, nahm sie experimentierfreudig und tapfer an.<br>&nbsp;<br>Meist dringen aus dem Klassenzimmer nur Ger\u00fcchte dar\u00fcber, wie ein Lehrer denn so sei und was er mache. Sie zeigte, was in ihr steckte, indem sie zeigte, was sie aus den Sch\u00fclern herausholen konnte: in einer grossen Ausstellung des Leistungskurses Kunst mit zahlreichen Objekten zum Thema &#8222;Kitsch&#8220;. Dies w\u00e4re an sich schon eindrucksvoll genug gewesen, aber sie kam zus\u00e4tzlich noch auf eine erstaunliche Idee: Sie hatte geh\u00f6rt, dass unser Bunker auf dem Schulhof (nicht der gr\u00fcne Bunkerh\u00fcgel, sondern das Gewirr von Kellern, G\u00e4ngen und Gew\u00f6lben darunter) vor einiger Zeit von unserem Hausmeister und einer Gruppe begeisterter Sch\u00fcler wieder begehbar gemacht, auch mit Beleuchtung versehen worden war. Also kam sie auf die Idee, dieses neugeschaffene<br>Labyrinth zum Ausstellungsraum zu machen. Im G\u00e4nsemarsch wanden sich die Besucher durch die G\u00e4nge, von \u0086\u00dcberraschung zu \u0086\u00dcberraschung.<br>&nbsp;<br>Sie war aber auch nicht nur ideenreich, sondern auch k\u00e4mpferisch: Das bewies sie u.a. als Mitglied des Personalrats. Trotz aller Energie verlor sie nie, was sie vor allem auszeichnete: Liebensw\u00fcrdigkeit, Heiterkeit, Anmut.<br>&nbsp;<br>Den Kampf gegen ihre Krankheit nahm sie an allen Fronten und mit allen Mitteln auf. Nach den ersten Therapien schien Anlass zur Hoffnung zu bestehen, bis im Fr\u00fchjahr neue Tumore ihr, der K\u00fcnstlerin, ausgerechnet die Sehkraft sch\u00e4digten. So rasch auch die Krankheit nun voranschritt, Susanne Waller nutzte bis zum letzten Augenblick alle M\u00f6glichkeiten, ihr immer enger werdendes Aktionsfeld auszuf\u00fcllen.<br>&nbsp;<br>Wer mit ihr zusammenarbeitete, weiss, dass sie, soviel sie auch schon getan hatte, noch grosse M\u00f6glichkeiten in sich trug. Ihr fr\u00fcher Tod hat eine Entwicklung abgebrochen, die f\u00fcr viele fruchtbar zu werden versprach. So k\u00f6nnen wir unseren Verlust eigentlich gar nicht ermessen. Umso gr\u00f6sser ist unsere Trauer.<br>&nbsp;<br>Gabriele Kr\u00fcger, 23.12.2003<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"fuhrmannleben\"><br><br>Wie es im Leben so geht: Manfred Fuhrmann<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Anlass der folgenden beiden Texte ist der Tod von Manfred Fuhrmann.<br>&nbsp;<br>Fuhrmann war lange Zeit Professor f\u00fcr Literaturwissenschaft und Latinistik an der neugegr\u00fcndeten Universit\u00e4t<br>Konstanz. In der Nacht zum 12. Januar 2005 ist er in seinem Haus in \u0086\u00dcberlingen am Bodensee gestorben, im Alter von 79 Jahren. &#8211; Wir hatten die genannten Texte zun\u00e4chst unter der Rubrik &#8222;F\u00e4cher&#8220; beim Fach Latein eingetragen,<br>weil Fuhrmanns T\u00e4tigkeit garade auch f\u00fcr den Lateinunterricht an unserer Schule von grosser Bedeutung war. &#8211; Nun h\u00f6ren wir aber von verschiedenen Seiten, dass die Logik und das Gleichgewicht unserer Homepage eine andere Einordnung verlangt.<br>&nbsp;<br>Daher jetzt hier (unver\u00e4ndert):<br>&nbsp;<br>Den Text \u00fcber das Fach Latein habe ich (Schulz) vor etwa zwei Wochen geschrieben. Dabei kam ich, wie man sieht, um einen Namen nicht herum: Manfred Fuhrmann.<br>&nbsp;<br>Es ging darum, dass all unsere Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen jetzt in der Mittelstufe die sog. &#8222;Fuhrmann-Texte&#8220;<br>lesen und traktieren: die lateinische Bibel (Vulgata), die Geschichten von Joseph und seinen Br\u00fcdern, Erasmus von Rotterdam, Colloquia familiaria, Carmina Burana usw., &#8211; aber keinen Caesar &#8230; &#8211; F\u00fcr diese Texte hatte Fuhrmann gek\u00e4mpft, energisch, temperamentvoll &#8211; und mit Erfolg.<br>&nbsp;<br>Einige Tage danach bekam ich Lust, Fuhrmann direkt am Telefon zu fragen: &#8222;Macht es Ihnen eigentlich Freude, dass jetzt, zumindest in Hamburg, lauter kleine Fuhrm\u00e4nner herumlaufen? &#8211; So hatte ich mir die Frage ausgedacht. &#8211; Ich war, nat\u00fcrlich, auf seine Antwort gespannt, aber ich konnte ihn nicht erreichen. &#8211; Und nun, heute vor zwei Tagen, die Nachricht, dass er in seinem Haus in \u0086\u00dcberlingen am Bodensee gestorben ist, im Alter von fast achtzig Jahren.<br>&nbsp;<br>Alle, die ihn in der letzten Zeit noch erlebt haben, auf Vortr\u00e4gen, Diskussionsveranstaltungen usw.: argumentierend, diskutierend, pr\u00e4zise formulierend, dabei stets munter, listig, oft belustigt, aber auch nachdr\u00fccklich und unerm\u00fcdlich werbend f\u00fcr die Sache, die ihm am Herzen lag, haben sich vermutlich nie vorgestellt, dass die Krankheit schon in ihm sass und ihm zunehmend zusetzte. &#8211; Und keiner konnte sich vorstellen, dass er fast achtzig Jahre alt war &#8230;<br>&nbsp;<br>Nun ist er also tot. &#8211; Ich habe seine Frau, als ich die Nachricht &#8211; auf Umwegen &#8211; erhalten hatte, spontan angerufen, und ich glaube, sie hat mir angemerkt, dass ich nur schwer damit zurechtkommen konnte. &#8211;<br>&nbsp;<br>Meine pers\u00f6nliche Verbindung zu Manfred Fuhrmann begann vor gut einem Vierteljahrhundert: Prof. B\u00f6mer,<br>damals Schulleiter am WG, zugleich Herausgeber und Redaktor der Zeitschrift &#8222;Gymnasium&#8220;, gab mir ein schmales B\u00e4ndchen in die Hand, mit der Aufforderung, es f\u00fcr seine Zeitschrift zu rezensieren: &#8222;Manfred Fuhrmann. Die Antike<br>und ihre Vermittler. Konstanz 1969&#8243;. &#8211; Fuhrmann war damals gerade als Latinist an die neugegr\u00fcndete Universit\u00e4t Konstanz berufen worden; es handelte sich um seine Konstanzer Antrittsvorlesung und um eine temperamentvolle und ziemlich heftige Abrechnung mit der Art, wie das Fach Latein an den deutschen Universit\u00e4ten damals traktiert und wie es in der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen wurde.<br>&nbsp;<br>Und ich, der ich selbst einst unter diesem Universit\u00e4tsbetrieb gelitten hatte, war begeistert, habe ihn dann auch &#8211; auf seine Einladung hin &#8211; in seinem Haus in \u0086\u00dcberlingen besucht, konnte &#8211; durch seine Vermittlung &#8211; mehrere neugegr\u00fcndete Universit\u00e4ten besuchen (denn es ging ja um den Versuch einer Neuorientierung f\u00fcr das Fach Latein) und habe \u00fcber meine Erfahrungen und Eindr\u00fccke in einem l\u00e4ngeren Traktat in der Zeitschrift &#8222;Gymnasium&#8220; berichtet. F\u00fcr mich war dies eine ganz wichtige Zeit, f\u00fcr die ich Fuhrmann immer danken werde.<br>&nbsp;<br>Fuhrmann selbst hat dann irgendwann &#8222;die Lehrer entdeckt&#8220;; vermutlich nicht nur die Lehrer, sondern auch den Schulbetrieb im tiefsten S\u00fcden Deutschlands: in Bayern und in Baden-W\u00fcrttemberg. Er hatte vier Kinder, und er erlebte vierfach, wie es ihnen dort erging. Sein Fazit, vor allem f\u00fcr das Fach Latein: Er war entsetzt &#8230;<br>&nbsp;<br>Er begann also zu handeln: in unz\u00e4hligen Vortr\u00e4gen, in Veranstaltungen des Deutschen Altphilologenverbandes,<br>der Mommsen-Gesellschaft, in Schreiben an Beh\u00f6rden, Kultusministerien, in Kontakten mit Lehrplanaussch\u00fcssen usw. &#8211; Es ging ihm dabei vorwiegend darum, verkrustete und etablierte Strukturen aufzubrechen: Warum in der<br>Mittelstufe immer nur Caesar, jahrelang? Warum immer nur Historiker, mit der obsoleten Schilderung von Schlachten und Schlachtfeldern? Warum lauter \u00dcbungsb\u00fccher, die auf Caesar und nichts als Caesar hinarbeiteten &#8230;? &#8211; Statt dessen w\u00fcnschte er sich (und dies eins seiner Hauptanliegen) freies Umgehen mit der immensen Hinterlassenschaft alles dessen, was in lateinischer Sprache aufgeschrieben ist, bis hinein in die Humanistenzeit. &#8211; Ber\u00fchmt seine Streitschrift &#8222;Caesar oder Erasmus &#8211; \u0086\u00dcberlegungen zur lateinischen Anfangslekt\u00fcre&#8220;. &#8211; Und, um das Ergebnis zusammenzufassen: Er hatte auf der ganzen Linie Erfolg, uneingeschr\u00e4nkt: Alles, was er damals forderte und propagierte, ist heute &#8211; f\u00fcr das Fach Latein &#8211; unbestrittene Grundlage aller Arbeit an Schulen und Universit\u00e4ten.<br>&nbsp;<br>Diese seine T\u00e4tigkeit ist in den Feuilletons von heute (14.1.05: S\u00fcddeutsche, FAZ) ausf\u00fchrlich und einf\u00fchlsam gew\u00fcrdigt worden. &#8211; Wobei allerdings die lustige und geistreiche \u00dcberschrift der FAZ: &#8222;Das Land der R\u00f6mer f\u00fcr die Schule suchend&#8220; die Intention Fuhrmanns in mehreren Punkten verfehlt. &#8211; &#8222;f\u00fcr die Schule&#8220; ist zwar durchaus<br>richtig, aber es stimmt nur halb: Fuhrmann ging es bestimmt in gleichem Masse um den Universit\u00e4tsbetrieb, denn auch dort (s.o.) fand er vieles, was anders werden sollte und m\u00fcsste. &#8211; Ausserdem &#8211; das hat er immer wieder betont &#8211; ging es ihm gerade nicht um Rom und um das &#8222;Land der R\u00f6mer&#8220;, sondern um die lateinische Sprache und die Art, wie diese Sprache \u00fcber ein Jahrtausend lang ganz Europa, nicht nur Rom, gepr\u00e4gt hat. &#8211; Eins bleibt allerdings<br>richtig: sein Anspruch, auch die antike Literatur Roms als eigene Literatur wahrzunehmen, nicht nur als Ableger der griechischen.<br>&nbsp;<br>Merkw\u00fcrdig bei alledem: Fuhrmann hat, wo auch immer er sich zu Worte meldete, temperamentvoll und energisch<br>gegen herrschende Tendenzen und Str\u00f6mungen argumentiert, hat sich also, so sollte man denken, \u00fcberall unbeliebt gemacht (denn wer h\u00f6rt schon gerne, dass er letzlich alles falsch macht?), &#8211; aber: das Ergebnis war ganz unerwartet: Er wurde geliebt, umworben, mit Beifall \u00fcbersch\u00fcttet &#8230; und vielfach nachgeahmt.<br>&nbsp;<br>Ob er damit am Ende gl\u00fccklich war, mag ich nicht entscheiden. Es mag sein, dass gerade der Erfolg ihn verwirrt hat (s. den Text \u00fcber das Fach Latein). &#8211; Sein Ziel und seine Idee war ja gerade das Aufbrechen des starren Kanons, die Vorstellung, dass der Unterricht v\u00f6llig frei mit dem immensen Erbe der lateinischen Literatur umgeht, ohne einen wie auch immer gearteten Lehrplan, der ja nur wie ein Korsett wirken k\u00f6nne. &#8211; Was ist dann aber daraus geworden, zumindest in Hamburg? &#8211; Ein Lehrplan, der zwar \u00e4usserlich alles aufnimmt, was Fuhrmann vorgeschlagen hat (und zwar bis in die Einzelheiten), der daraus aber ein so \u00f6des Gerippe von Vorschriften macht (mit der zus\u00e4tzlichen Drohung, am Ende werde dar\u00fcber eine &#8222;Vergleichsarbeit&#8220; geschrieben), dass nur ein wahrhaft begnadetet Lehrer daraus noch etwas Originelles und Selbst\u00e4ndiges entwickeln kann. &#8211; So kann eine Beh\u00f6rde &#8211; sicher keineswegs b\u00f6swillig, sondern mit den besten Absichten &#8211; viel Gutes im Keim ersticken. Und jeder weiss es: Die &#8222;besten Absichten&#8220; f\u00fchren nicht immer zum besten Ergebnis.<br>&nbsp;<br>Was Manfred Fuhrmann dar\u00fcber denkt? Wir k\u00f6nnen ihn nicht mehr fragen, aber seine Frau hat mir &#8211; am Abend<br>nach seinem Tode &#8211; genau dies best\u00e4tigt: wie sehr er gerade darunter gelitten hat, unter der Art, wie gute, fruchtbare, originelle, lebendige Ideen im Beh\u00f6rdenalltag und im Lehrplangesch\u00e4ft zu t\u00f6tenden Langweilern gemacht werden k\u00f6nnen.<br>&nbsp;<br>Und ich erinnere mich an einen Abend, etwa vor dreissig Jahren: Ich war f\u00fcr gut eine Woche zu Gast bei Fuhrmann und an der Konstanzer Universit\u00e4t. F\u00fcr einen sommerlichen Abend hatte der Professor Newiger, Graezist in Konstanz, alle, die dort irgendwie mit Latein und Griechisch zu tun hatten, in sein wunderbares Haus auf dem Lande eingeladen. Und ich, junger, lerneifriger Lehrer, beeindruckt von dem ganzen Treiben, ein wenig befangen wegen der vielen anwesenden Professoren, verwirrt auch durch die lockere Art, wie Fuhrmann und seine<br>Kollegen \u00fcber das &#8222;idiotische Geschehen&#8220; an ihrer Uni sprachen (die ja immerhin in Deutschland als eine der besten galt), &#8211; ich sprach ihn, Fuhrmann, auf die Lehr- und Studienpl\u00e4ne an, die ich gerade an dem Tag studiert hatte; da sei doch immerhin vieles &#8222;klug und umsichtig und sehr perfekt geregelt &#8230;&#8220;. &#8211; Er (gut gelaunt, vielleicht ein wenig beschwipst, denn es war eine bunte Gesellschaft, reichlich Wein, viele Frauen &#8230;) antwortete nicht, sondern fing sp\u00f6ttisch an zu singen: &#8222;Ein Plan, ein Plan, ein Plan &#8230;&#8220;, &#8211; und alle nickten Beifall. &#8211; Offenbar war man sich in diesem Kreis von Gelehrten einig: Durch Pl\u00e4ne wird kaum etwas bewirkt, &#8211; und vieles verhindert. Wer wirklich etwas bewirken will und kann (und nur von denen ist die Rede), der macht es ohne alle Pl\u00e4ne und, wenn es sein muss: gegen alle Pl\u00e4ne. &#8211; Ich, damals noch ganz brav und obrigkeitsgl\u00e4ubig, stand etwas dumm da, hatte aber trotzdem den Eindruck, von allen freundlich, wohlwollend und ein wenig mitleidig akzeptiert zu sein.<br>&nbsp;<br>Fuhrmann muss letzten Endes, je ber\u00fchmter er wurde und je gr\u00f6sser sein Einfluss wurde, zunehmend den Argwohn gehabt haben, dass er in dem, was er wirklich wollte, von vielen nicht richtig verstanden wurde. &#8211; Vielleicht h\u00e4ngt es mit dem zusammen, was der Hamburger Theologe Heinz Zahrnt (einer, der ihm in vielem \u00e4hnlich war) in einem seiner Traktate die &#8222;Melancholie der Erf\u00fcllung&#8220; nannte: Befriedigung, Gl\u00fcck, Trauer<br>&#8211; und ein wenig Entt\u00e4uschung, weil das Erreichte am Ende dann eben doch anders aussieht als der Traum, den man getr\u00e4umt hatte.<br>&nbsp;<br>Ich einem allerdings &#8211; so denke ich &#8211; war Fuhrmann uneingeschr\u00e4nkt gl\u00fccklich: Die vielen B\u00fccher, Aufs\u00e4tze, Lexikonartikel, die er vor langer Zeit und auch noch in den letzten Jahren mit unglaublichem Fleiss und einer wahren Besessenheit geschrieben hat, nicht nur \u00fcber lateinische Literatur, sondern \u00fcber fast alles, was mit europ\u00e4ischer \u0086berlieferung zusammenh\u00e4ngt, geh\u00f6ren mit grossem Abstand zum Besten, was es auf diesem Gebiet gibt: Sie haben allesamt ihren unverwechselbaren Stil, ihre unverwechselbare Sprache und sind in ihrer Art einzigartig. &#8211; Das wusste er, und das wurde ihm, von allen Seiten, immer wieder best\u00e4tigt.<br>&nbsp;<br>Schulz, 14.1.2005<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"fuhrmannnochmal\"><br><br>Noch einmal \u00fcber Manfred Fuhrmann<\/h2>\n\n\n\n<p>Wir freuen uns &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; \u00fcber alle, die unsere Texte lesen und ggf. weiterspinnen. &#8211; Einer aus dem Kreise unserer Eltern, Vater von zwei Kindern am WG, hat uns als Erg\u00e4nzung zu dem vorigen Text und zu den beiden genannten Nachrufen (S\u00fcddeutsche und FAZ) die Kopie eines Textes geschickt, der einen Tag sp\u00e4ter in der<br>WELT erschienen ist. &#8211; Autor: Konrad Adam. &#8211; Wir bedanken uns sehr daf\u00fcr und geben den Text gerne weiter, zumal uns scheint, dass dieser Text &#8211; bei aller K\u00fcrze &#8211; die wesentlichen Anliegen Fuhrmanns &#8211; aber auch seine<br>Ecken und Kanten &#8211; besonders klar erkennt und formuliert; offensichtlich schreibt der Verfasser aus enger Vertrautheit mit Fuhrmann.<br>&nbsp;<br>Die Altphilologie, das Studium der griechischen und lateinischen Sprache, gilt vielen als eine verlorene Sache. Wenn sie den Anspruch erhebt, dem Humanismus zu dienen, weckt sie die Vorbehalte selbstbewusster Modernisierer.<br>&nbsp;<br>Gl\u00fccklicherweise gilt das auch in umgekehrter Richtung: Auch der Entschluss, an einer Sache festzuhalten, die dem Zeitgeist zuwider ist, macht selbstbewusst: &#8222;Die siegreiche Sache gefiel den G\u00f6ttern, die unterlegene aber dem Cato&#8220;, sagt der Dichter Lucan \u00fcber den j\u00fcngeren Cato, der im B\u00fcrgerkrieg gegen C\u00e4sar die Republik vertreten<br>&#8211; und verloren hatte (victrix causa deis placuit, sed victa Catoni; ein b\u00f6ses Wort \u00fcber die G\u00f6tter, von einem, der es wissen musste).<br>&nbsp;<br>Ich habe dieses Zitat aus dem Munde von Manfred Fuhrmann nie geh\u00f6rt; aber es passt zu ihm. Er besass ein heftiges, schwieriges Temperament, das er gern gegen alle Welt ausspielte, auch gegen Freunde und Bekannte. Folgen hatte das aber nie, denn unerbittlich war Fuhrmann nur in der Sache, und das machte die Vers\u00f6hnung immer wieder leicht. Auch diejenigen, die aus vielen, mehr oder weniger ehrenhaften Gr\u00fcnden zu ihm auf Distanz hielten, gaben unumwunden zu, dass er im Laufe seines langen Lebens zum Haupt der deutschen Altphilologie geworden war. Er beherrschte sie in allen ihren Facetten.<br>&nbsp;<br>Als Mitbegr\u00fcnder der Konstanzer Schule und Mitglied jener Arbeitsgruppe, die sich &#8222;Poetik und Hermeneutik&#8220;<br>nannte und die die&nbsp; Rezeptions\u00e4sthetik in Deutschland heimisch machte, kam es ihm auf Vermittlung an. &#8222;Die Antike und ihre Vermittler&#8220; hiess denn auch eine seiner Gelegenheitsschriften, mit der er weit \u00fcber das Fach hinaus Echo und Widerspruch ausgel\u00f6st hat.<br>&nbsp;<br>Er war ein Gelehrter alten Typs, belesen wie wenige und von stupendem Fleiss. Am Mittwoch ist er in \u00dcberlingen im Alter von 79 Jahren gestorben. Buchst\u00e4blich \u00fcber seinen B\u00fcchern, wie Freunde berichten.<br>&nbsp;<br>Urspr\u00fcnglich hatte es ihn, den begabten Pianisten, zur Musik gezogen. Dann fand er, mehr oder weniger zuf\u00e4llig, \u00fcber den Rechtshistoriker Franz Wieacker zur Antike. Mit einer Untersuchung \u00fcber das systematische Lehrbuch hatte er sich in G\u00f6ttingen habilitiert; dabei war er auf die unter dem Namen des Aristoteles \u00fcberlieferte Rhetorik des Anaximenes von Lampsakos gestossen. Da es von ihr keine brauchbare Ausgabe gab, machte er sich als n\u00e4chstes, typisch f\u00fcr sein unruhiges, ebenso neugieriges wie gr\u00fcndliches Wesen, an die Neuedition dieser Schrift. Er wollte weniger der Fachwelt als sich selbst beweisen, dass er auch dieses Metier beherrschte. Und das gelang ihm gl\u00e4nzend.<br>&nbsp;<br>Die Fachwelt war ihm allerdings zu eng. Er wollte wirken und werben und hat das mit seinen B\u00fcchern \u00fcber Cicero und eine Doppelbiographie \u00fcber Seneca und Kaiser Nero auch getan. Fast nebenbei fiel dabei eine Neu\u00fcbersetzung s\u00e4mtlicher Cicero-Reden ab, eine Arbeit, die andere vielleicht als Lebenswerk betrachtet h\u00e4tten.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"fuhrmann\"><br><br>Manfred Fuhrmann: Wer nicht von dreitausend Jahren &#8230;<\/h2>\n\n\n\n<p>Interpretation eines Gedichtes aus dem &#8222;West-\u00f6stlichen Divan&#8220; von Goethe, erschienen in der FAZ vom 15.01.2005: &#8222;Alle Wohnungen des europ\u00e4ischen Hauses ruhen auf demselben Sockel&#8220;<br>&nbsp;<br>Die letzte Strophe kennt jeder, den ganzen Text (&#8222;Und wer franzet oder britet &#8230;&#8220;) &#8211; nur wenige. &#8211; Manfred Fuhrmann hat seine kurze Interpretation dieses Gedichtes f\u00fcr die &#8222;Frankfurter Anthologie&#8220; zu Papier gebracht, und, vermutlich nicht ganz zuf\u00e4llig, ist sie jetzt, einige Tage nach seinem Tode, im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen zu lesen. &#8211; Wir bringen seinen Text unver\u00e4ndert, er ist, sozusagen, eine Art Verm\u00e4chtnis, eine Zusammenfassung alles dessen, was ihm in seinem Leben wichtig war:<br>&nbsp;<br>Das Gedicht stammt aus dem &#8222;Buch des Unmuths&#8220; im &#8222;West-\u00f6stlichen Divan&#8220;. Vier Strophen enthalten ebenso viele S\u00e4tze, und jeder Satz besteht aus zwei exakt gleich grossen H\u00e4lften: Diese durchaus nicht anmutige Blockhaftigkeit klingt, als habe Goethe seinen R\u00fcgen auch durch eine sperrige Form Nachdruck verleihen wollen.<br>&nbsp;<br>Die erste Strophe<br>&nbsp;<br>Und wer franzet oder britet,<br>&nbsp;<br>Italienert oder teutschet,<br>&nbsp;<br>Einer will nur wie der andre<br>&nbsp;<br>Was die Eigenliebe heischet. &#8230;:<br>&nbsp;<br>Goethe missbilligt sie allesamt: Franzosen und Briten, Italiener und Deutsche: Sie alle sind voreingenommen, f\u00fcr die je eigene Nation.<br>&nbsp;<br>Die Negationen der zweiten Strophe<br>&nbsp;<br>Denn es ist kein Anerkennen,<br>&nbsp;<br>Weder vieler, noch des einen,<br>&nbsp;<br>Wenn es nicht zu Tage f\u00f6rdert,<br>&nbsp;<br>Wo man selbst was m\u00f6chte scheinen &#8230;<br>&nbsp;<br>laufen auf ein &#8222;nur&#8220; heraus: Anerkannt wird nur, was dem &#8222;heute&#8220; f\u00f6rderlich ist, was dem Anerkennenden Reputation einbringt. Goethe spitzt die These des Anfangs zu: Der Horizont der Eigenliebe ist nicht nur durch das Nationale, sondern \u00fcberdies noch durch das je Modische begrenzt.<br>&nbsp;<br>Die dritte Strophe k\u00f6nnte als Rollenrede in Anf\u00fchrungszeichen eingeschlossen werden: Sie erl\u00e4utert die zweite aus der Sicht des &#8222;man&#8220;. Der Sprecher ist Zyniker: Er kennt das Rechte und bevorzugt gleichwohl, um der &#8222;Gunst&#8220; willen, das Schlechte, oder, was hier als dasselbe gilt, er geht, unbek\u00fcmmert um&nbsp; das &#8222;morgen&#8220;, ganz im Betrieb des &#8222;heute&#8220; auf.<br>&nbsp;<br>Die letzte Strophe<br>&nbsp;<br>Wer nicht von dreitausend Jahren<br>&nbsp;<br>Sich weiss Rechenschaft zu geben,<br>&nbsp;<br>Bleib im Dunkeln unerfahren,<br>&nbsp;<br>Mag von Tag zu Tage leben &#8230;<br>&nbsp;<br>verk\u00fcndet mit \u00fcberraschendem Pathos und in gar nicht sperriger Form, was der an den &#8222;Tag&#8220; Angepflockte verfehlt: das Licht der Erfahrung, die \u0086bersicht \u00fcber den Weltlauf. &#8211; Beides kommt nur dem zugute, der auf Kenntnis von drei Jahrtausenden Geschichte zur\u00fcckgreifen kann.<br>&nbsp;<br>Zu Anfang des Gedichte dominiert &#8211; mit den Nationen der beiden ersten Verse &#8211; der Raum; dann, von der Mitte an, gliedern zeitliche Kategorien die Gedanken. Raum und Zeit haben offenbar eine gemeinsame Bezugsgr\u00f6sse, die ungenannt bleibt: Europa. &#8211; Hierauf deuten sowohl die Nationen als auch die Jahre: Die Nationen repr\u00e4sentieren die Sprachen, die der gebildete Europ\u00e4er des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts zu beherrschen pflegte; die Jahre verweisen auf das Alter der europ\u00e4ischen Kultur, von dem die damalige Schule ihren Z\u00f6glingen durch<br>Homer und das Alte Testament einigen Begriff verschaffte.<br>&nbsp;<br>Goethe begn\u00fcgte sich nicht damit, Europa nach Raum und Zeit auszuloten. Beides ist ja durch Ichbezogenheit<br>und Geltungssucht eingeengt: auf die einzelne Nation, auf die Gegenwart. Die beiden Aspekte sind geradezu identisch.<br>&nbsp;<br>Von den dreitausend Jahren f\u00e4llt die H\u00e4lfte auf das Atertum, auf die Fundamente, die gemeinsamer Besitz aller V\u00f6lker Europas sind. Daher lassen sich die beiden Verk\u00fcmmerungen, die r\u00e4umliche wie die zeitliche, durch ein und dieselbe Abhilfe beheben: durch die F\u00e4higkeit, sich von der ganzen Geschichte Europas Rechenschaft zu geben: Wer die Antike kennt &#8211; von Troja bis Byzanz, von der Ilias bis zum Corpus Iuris -, der weiss, dass alle Wohnungen des europ\u00e4ischen Hauses auf demselben Sockel aufruhen, dem liegt es fern, sich engstirnigem, nationalem D\u00fcnkel hinzugeben. &#8230;<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br><a href=\"#top\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Varia Variorum &nbsp; Vermischte Texte jeglicher Art von verschiedenen Autoren&nbsp;&nbsp; &#8211; Abiturrede Dieter Wohlenberg. 24. Juni 2005 &#8211; Abiturrede Vanja Kovacev und Rupprecht zu Dohna. 24. Juni 2005 &#8211; Rundschreiben an die Ehemaligen. April 2005 &#8211; Abiturrede Wulf Rodewald, 21. Juni 2004 &#8211; Urkunde zur Grundsteinlegung des neuen Oberstufenhauses: 23. Mai 2003 &#8211; Nachruf auf &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/lesenwertes\/varia-variorum\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVaria Variorum\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":12,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-960","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=960"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/960\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":977,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/960\/revisions\/977"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}