{"id":63,"date":"2012-03-21T09:32:13","date_gmt":"2012-03-21T09:32:13","guid":{"rendered":"http:\/\/exwg.de\/?page_id=63"},"modified":"2024-01-10T18:05:55","modified_gmt":"2024-01-10T16:05:55","slug":"125-jahre-wg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ehemalige-wg.de\/index.php\/jubilaen\/125-jahre-wg","title":{"rendered":"100 Jahre WG"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil1.pdf\">Festschrift-100 Jahre-WG-Teil1<\/a><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil1.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil2.pdf\">Festschrift-100 Jahre-WG-Teil2<\/a><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil2.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil3.pdf\">Festschrift-100 Jahre-WG-Teil3<\/a><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil3.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil4.pdf\">Festschrift-100 Jahre-WG-Teil4<\/a><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil4.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil5-1.pdf\">Festschrift-100Jahre-WG-Teil5<\/a><a href=\"https:\/\/ehemalige-wg.de\/wp-content\/uploads\/Festschrift-125Jahre-WG-Teil5-1.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">125 Jahre Wilhelm-Gymnasium in Hamburg<\/h1>\n\n\n\n<p>Veranstaltungen im Rahmen des Jubil\u00e4ums&nbsp;sowie der&nbsp;Festwoche<br>vom <strong>24.04.2006 bis 28.04.2006<\/strong><br><br>Zwei Reden, welche von Ehemaligen am letzten Tag der Festwoche gehalten wurden. Herr <a href=\"#beutler\">Johannes Beutler<\/a> sprach w\u00e4hrend des Senatsempfanges im Rathaus, w\u00e4hrend Herr <a href=\"#pette\">Dirk Pette<\/a> beim festlichen Ausklang im Hotel Grand Elysee gesprochen hat.<br>&nbsp;<br>Besuchen Sie auch die <a href=\"..\/galerie#empfang-2006\">Bildergalerien<\/a> der Ereignisse der Festwoche.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"beutler\">Ansprache Johannes Beutler<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Wilhelm-Gymnasium als Schule des Humanismus<br>&nbsp;<br><em>Festansprache von Prof. Dr. Johannes Beutler SJ, Rom,<br>zur 125-Jahr-Feier der Schule im Hamburger Rathaus<br>am 28. April 2006<\/em><br>&nbsp;<br>Herr B\u00fcrgermeister, verehrte Festversammlung,<br>&nbsp;<br>gern und dankbar bin ich der Einladung meiner alten Schule gefolgt, heute an diesem Ort zu Ihnen zu sprechen. Ich denke gern und dankbar an die Jahre zwischen 1946 und 1952 zur\u00fcck, in denen ich mir an dieser Schule die notwendigen Grundlagen aneignen konnte, die es mir erlaubten, mein Studium der Theologie aufzunehmen. Gestern durfte ich in dem wunderbaren Konzert im Rolf-Liebermann-Studio NDR die heutige Schulgemeinschaft erleben. Mich hat dabei auch besonders ber\u00fchrt, dass es im Geb\u00e4ude der ehemaligen Synagoge in der Oberstra\u00dfe stattfand. Vielleicht h\u00e4ngt das auch damit zusammen, dass ich mich als Theologe und Bibelwissenschaftler dem Judentum besonders verbunden f\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich an das Wilhelm-Gymnasium zur\u00fcckdenke, dann steht vor meinem geistigen Auge weniger der Bau der Albrecht-Thaer-Oberrealschule, in der wir nach 1945 bis 1952, dem Jahr meines Abiturs, zu Gast waren, als das alte Stammgeb\u00e4ude an der Moorweide, Sitz des Gymnasiums von 1885 bis 1945. Es hat die Geschichte der Schule in der ersten Halbzeit ihres Bestehens erlebt und gepr\u00e4gt. Kein Hamburgbesuch, bei dem ich nicht an diesem Geb\u00e4ude vorbeifahre. Mein \u00e4lterer Bruder erhielt dort noch zwischen 1942 und 1943 Unterricht. Ich selbst kenne das Geb\u00e4ude fast nur noch von au\u00dfen. In den letzten Jahren hat mich zunehmend die Frage besch\u00e4ftigt, seit wann und in welcher Weise die besondere Lage dieses Geb\u00e4udes ins Bewusstsein auch der Schulangeh\u00f6rigen getreten ist. Der eindrucksvolle Bau liegt ja nicht nur unmittelbar neben dem Hauptgeb\u00e4ude der Hamburger Universit\u00e4t, sondern auch neben dem Sitz der \u201eProvinzialloge von Niedersachsen\u201c, dem Hauptsitz der Hamburger Freimaurer. Von hier aus wurden vom Oktober 1941 an die ersten Deportationen von Hamburger Juden nach Polen durchgef\u00fchrt. Frau Ullrich vom Lehrerkollegium hat mir den Bericht eines ehemaligen Sch\u00fclers zugesandt, der an eben dem 25. Oktober 1941 Augenzeuge war, an dem sich zum ersten Mal die Juden aus dem Grindelviertel vor dem Gestapogeb\u00e4ude versammelten, hineingef\u00fchrt und dann abgef\u00fchrt wurden zum Abtransport. Er schildert, wie er in die Schule st\u00fcrmte und seiner alten Klasse von dem Erlebten berichtete. Der Klassenlehrer, Dr. C. Schmidt, h\u00f6rte sich den Bericht aufmerksam an und versprach, bei Gauleiter Kaufmann vorstellig zu werden, was er dann auch tat. Es verwundert nicht, dass er nichts erreichte. Aber sein Andenken sei geehrt. Heute erinnert eine Gedenkstele an der Moorweide vor unserem alten Schulgeb\u00e4ude an die von hier ausgegangenen Deportationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alte Schulgeb\u00e4ude trug von Anfang an die Last der Geschichte. Der Name \u201eWilhelm-Gymnasium\u201c selbst war bereits kontrovers und das Ergebnis einer l\u00e4ngeren, am Schluss erm\u00fcdenden Diskussion. Als Alternative stand die Bezeichnung \u201eLessing-Gymnasium\u201c zur Debatte. Sie h\u00e4tte einen deutlichen Bezug auf die Aufkl\u00e4rung als Bildungsziel bedeutet und wurde deshalb von den einen bef\u00fcrwortet, von den anderen aus dem gleichen Grunde abgelehnt. In dem Namen \u201eWilhelm-Gymnasium\u201c steckte seinerseits Sprengstoff. In der Bezeichnung \u201eGymnasium\u201c erhielt er einen Verweis auf das humanistische Erbe und Erziehungsziel. Mit dem Namen \u201eWilhelm\u201c bezog er sich auf das preu\u00dfisch-deutsche Herrscherhaus, aber auch auf die konkrete Form der konstitutionellen Monarchie, die demokratisch verfasst war. Zwischen diesen Polen sollten sich denn auch in den ersten Jahrzehnten des Bestehens unserer Schule das politische Leben und das staatsb\u00fcrgerliche Bewusstsein abspielen. Noch durch die NS-Zeit hindurch und bis in die erste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dachte ein Gro\u00dfteil der Lehrer national-konservativ, wie vielfache Zeitzeugnisse best\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Anfang an geh\u00f6rten Juden als Sch\u00fcler und vereinzelt Lehrer zum WG. Aufgrund der N\u00e4he zum Grindelviertel soll es in den ersten Jahren der Schule bis zu 25 Prozent j\u00fcdische Sch\u00fcler am WG gegeben haben, so dass es auch den Spitznamen einer \u201eJudenschule\u201c erhielt. Noch nach 1933 verblieben j\u00fcdische Sch\u00fcler auf dem Gymnasium, auch wenn ihre Zahl nun von Regierungsseite aus begrenzt wurde. Sie wurden, wie die Zeitzeugnisse best\u00e4tigen, durchweg fair behandelt. Zwei von ihnen \u2013 Rudolf Heymann und Herbert John Spiro \u2013 haben dies in der Festschrift unserer Schule 1981 ausdr\u00fccklich best\u00e4tigt und dabei auch den Direktor dieser Jahre, Dr. Lundius, ausdr\u00fccklich in Schutz genommen. 1938 mussten die letzten j\u00fcdischen Sch\u00fcler das Gymnasium verlassen. Wessen Familie es vermochte, der wurde durch Emigration in Sicherheit gebracht. Von vielen anderen fehlt die Spur. Sie haben vermutlich den Holokaust nicht \u00fcberlebt. Versuche \u2013 u. a. von Frau Ullrich und ihren Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern \u2013 sie noch namentlich festhalten zu k\u00f6nnen, schlugen leider fehl. Dennoch w\u00e4re es erw\u00e4genswert, ihnen in der heutigen Schule vielleicht eine Gedenktafel zu widmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst trat Ostern 1946 in die Quarta des Wilhelm-Gymnasiums ein. Unser Schulgeb\u00e4ude, die Albrecht-Thaer-Oberrealschule, lag vor dem Holstentor. Somit war ein r\u00e4umlicher Abstand zu dem alten Sitz des Gymnasiums gegeben. Er allein d\u00fcrfte aber kaum gen\u00fcgen, ein Ph\u00e4nomen zu erkl\u00e4ren, an dem ich heute r\u00e4tsele. In den ganzen Jahren von 1946 bis 1952, dem Jahr unseres Abiturs, kam die NS-Zeit nie ausdr\u00fccklich zur Sprache. Als Neutestamentler bin ich mit der Schwierigkeit vertraut, aus einem Zeitabstand von 50 Jahren ein verl\u00e4ssliches Bild von einer ein halbes Jahrhundert zur\u00fcckliegenden Zeitepoche zu gewinnen, selbst wenn man Zeitzeuge war. So helfen schriftliche Quellen, zu denen in herausragenden Ma\u00dfe die beiden Festschriften von 1956 und 1981 beitragen \u2013 die erste von Direktor Prof. Dr. Franz B\u00f6mer, die letztere von Dr. Peter-Rudolf Schulz herausgegeben. Hinzu kommen Hefte der Mitteilungen des WG aus den Jahren nach 1981, ihrerseits herausgegeben von Dr. Schulz, der \u201eSeele\u201c unseres Ehemaligen-Vereins.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach meiner Erinnerung wie auch nach den schriftlichen Zeitzeugnissen herrschte am WG nach 1945 Schweigen \u00fcber die gerade zur\u00fcckliegende NS-Zeit. Ich kann mich nicht an eine einzige Unterrichtsstunde erinnern, in der etwa das Thema der Ausgrenzung von Juden aus unserer Schule angesprochen worden w\u00e4re. Eine Ausnahme bildet vielleicht die Ansprache von Prof. Wilhelm Ax bei der Neuer\u00f6ffnung der Schule am 3. Oktober 1945 im neuen Geb\u00e4ude am Holstentor, dokumentiert in der Festschrift von 1981. In ihr brandmarkt Dr. Ax die F\u00fchrergeneration vor 1945: \u201eSie tragen die Schuld, wenn die Jugend zu Rassend\u00fcnkel und V\u00f6lkerhass erzogen wurde, wenn der Grundsatz ausgesprochen und mit Grausamkeit ausgef\u00fchrt wurde, dass Rassenfremde ausgerottet werden m\u00fcssten.\u201c (S. 204) Es fehlt ein direkter Bezug zur neueren Schulgeschichte, aber hier wird ein erster Versuch sichtbar, das vor 1945 Geschehene auch zu benennen und so zu bannen. Ich war bei dieser Ansprache noch nicht zugegen, habe aber ihren Geist sp\u00e4ter noch sp\u00fcren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht selbst war die \u00c4ra vor 1945 eher tabu. Geschichtsunterricht wurde vor 1948 nicht erteilt. Im Schuljahr 1948-49 begann die britische Besatzungsmacht, einen solchen Unterricht wieder zu erm\u00f6glichen. Ein R\u00fcckblick auf die Zeit der Frankfurter Paulskirche und der ersten deutschen Demokratie sollte zugleich unser Wissen erweitern und unser staatsb\u00fcrgerliches Bewusstsein schulen. Ich kann mich an diesen Unterricht noch sehr gut erinnern. Er wurde von Dr. Hermann L\u00fcssenhop erteilt. Er schilderte uns \u00fcber Monate hinweg den Weg zur Paulskirchenversammlung, ihre Er\u00f6ffnung, die dort erfolgten Debatten und vorgestellten politischen Modelle. Den kr\u00f6nenden H\u00f6hepunkt bildete freilich der Einmarsch der preu\u00dfischen Truppen 1849, der allen Diskussionen ein j\u00e4hes Ende bereitete. Ich hatte damals und habe immer noch den Eindruck, dass dieses Ende mit einer gewissen Schadenfreude berichtet wurde. Das hatte wohl verschiedene Gr\u00fcnde. Zun\u00e4chst und vor allem: von Besatzungsm\u00e4chten befohlener Demokratieunterricht ist stets ein heikles Unterfangen, wie auch Beispiele aus der j\u00fcngsten Vergangenheit lehren. Zum anderen: Dr. L\u00fcssenhop war, wie die meisten unserer Lehrer, national-konservativ eingestellt. Sie f\u00fchlten sich, wie Zeitzeugnisse best\u00e4tigen, eher der wilhelminischen Epoche als der Weimarer Republik verpflichtet. Auch aus diesem Grunde erschien unserem Lehrer denn auch das Paulskirchenexperiment eher diskutabel. Ich hatte damals und habe immer noch Respekt vor unserem Geschichtslehrer, der sein M\u00e4ntelchen nicht nach dem Wind hing und aus seiner Gesinnung keinen Hehl machte. Mit solchen Lehrern war uns letztlich mehr gedient als mit Wendeh\u00e4lsen. An der Distanz von Dr. L\u00fcssenhop zum Nationalsozialismus lassen die Zeitzeugnisse keinen Zweifel aufkommen. Wir sp\u00fcrten sie auch bei unseren \u00fcbrigen Lehrern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel, wie man es noch mehr als ein Jahrzehnt nach 1945 vermied, Ereignisse der NS-Zeit direkt anzusprechen, findet sich in der Festschrift des WG von 1956 auf S. 41. Studienrat Friedrich Wilhelm Zinke \u2013 einmal unser Mathemathik- und Physiklehrer \u2013 spricht von seinem ehemaligen Lehrer an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen und Altsch\u00fcler des WG, dem Nobelpreistr\u00e4ger James Franck, der im gleichen Band auch anerkennende Worte \u00fcber seine alte Schule findet. Herr Zinke beschreibt kurz Frankck`s Lebenslauf. Dort hei\u00dft es dann zum Jahr 1934: \u201eDas Schicksal f\u00fchrte ihn nach den USA.\u201c Die Formulierung ist charakteristisch f\u00fcr die damalige Zeit. Es erschien noch nicht opportun, die Emigration von James Franck in die USA als Flucht aufgrund der einsetzenden Judenverfolgung darzustellen. Gl\u00fccklicherweise hat sich hier das Bewusstsein gewandelt, und Herr Markus E. Wegner hat zu unserem diesj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um eine gut dokumentierte Ausstellung vorbereitet, die \u00fcber alle Einzelheiten des Lebensweges von James Franck und deren Hintergr\u00fcnde Auskunft gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Best\u00e4tigung des Schweigens nach 1945 \u00fcber die davor liegende Periode erhielt ich auch von Frau Dr. Beate Meyer, Mitarbeiterin des Instituts f\u00fcr die Geschichte der Deutschen Juden an der Rothenbaumchaussee in Hamburg. Wir verdanken ihr ein Buch \u00fcber \u201eJ\u00fcdische Mischlinge\u201c. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945. In diesem Band beschreibt sie auch die Wiedereingliederung solcher \u201eHalbjuden\u201c nach 1945 in das deutsche Schulwesen. Sie h\u00e4lt dort die Beobachtung fest: \u201eAuf der Tagesordnung stand nicht der Blick zur\u00fcck, sondern das gemeinsame Vorw\u00e4rtsgehen in eine andere Zukunft.\u201c (S. 368) Erst gegen Ende der sechziger Jahre wurde der Ruf zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit un\u00fcberh\u00f6rbar. Sie erfolgte auch am WG, wie die Festschrift von 1981 bezeugt. Besonders lesenswert ist dabei eine Gespr\u00e4chsrunde aus dem Jahr 1981, die Dr. Volker Ullrich \u2013 damals noch Geschichtslehrer unserer Schule vor seinem Wechsel zur Wochenzeitschrift DIE ZEIT \u2013 mit Angeh\u00f6rigen der Schule der Periode vor 1945 veranstaltet hatte. Ihr folgten noch Kontroversen im Mitteilungsblatt der Ehemaligen in den neunziger Jahren, gut f\u00fcnfzig Jahre nach Kriegsende und dem Ende der Nazizeit.<\/p>\n\n\n\n<p>War bisher vom Schweigen nach 1945 die Rede, so muss jetzt doch das Reden zur Sprache kommen. Ich bin \u00fcberzeugt, dass das Wilhelm-Gymnasium seinen Sch\u00fclern nach 1945 zwar nicht direkt half, die NS-Zeit zu \u00fcberwinden, aber dass es ihnen Werte und Leitgestalten vor Augen f\u00fchrte, die ihnen halfen, verantwortliche Staatsb\u00fcrger zu werden. In diesem Sinne war das WG ein humanistisches Gymnasium nicht nur dem Namen nach. Nach so langer Zeit f\u00e4llt es nat\u00fcrlich schwer, sich an einzelne Autoren und Texte zu erinnern. Meine Klassenkameraden haben mir geholfen, hier mein Ged\u00e4chtnis etwas aufzufrischen. An manche Schulstunden erinnere ich mich auch selber noch, nicht zuletzt aufgrund der Pers\u00f6nlichkeit unserer damaligen Lehrer. An erster Stelle ist hier unser unvergessener Klassenlehrer Dr. Herbert Drude zu nennen. Wir lasen bei ihm u. a. die Antigone von Sophokles \u2013 ein St\u00fcck, das sp\u00e4ter in der Inszenierung von Herrn Rockel auf Griechisch zur Auff\u00fchrung kam, nach einer Inszenierung der Antigone von Anouilh unmittelbar nach dem Kriege. Unmittelbar nach einer Diktatur hinterl\u00e4sst die Lekt\u00fcre der Antigone von Sophokles einen unvergesslichen Eindruck. Ich erinnere mich an das Wort von den agraphoi nomoi, den \u201eungeschriebenen Gesetzen\u201c (454), auf die sich Antigone gegen\u00fcber Kreon zugunsten der Bestattung ihres Bruders gegen ausdr\u00fcckliches k\u00f6nigliches Gebot beruft. Andere Edelsteine: \u201eMitlieben, nicht mithassen ist mein Teil.\u201c (523) Oder das Worte des Haimon: \u201eDas ist kein Staat, der einem nur geh\u00f6rt\u201c (737). Auswendig lernten wir den ber\u00fchmten Chor \u201ePolla ta deina\u201c \u201eUngeheuer ist viel, und nichts ist ungeheurer als der Mensch\u201c (332ff), in dem die Ambivalenz des Menschen zur Sprache kam, auch sein \u201eTrieb zum Staat\u201c (335). Solche Texte begleiten einen durchs Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Lekt\u00fcre Platons ist mir u. a. die Apologie des Sokrates in Erinnerung geblieben. Eingepr\u00e4gt hat sich vor allem die Gestalt des Sokrates, der unerschrocken vor seinen Richtern steht. So liest man dann mit Gewinn diesen Dialog auch im Einzelnen nach. Ein Wort mag hier f\u00fcr viele stehen. Sokrates sieht sich angefragt, ob er nicht leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzt, wenn er um seiner Grunds\u00e4tze willen die Todesstrafe f\u00fcrchten muss. Die Antwort lautet: \u201eDu irrst, mein Freund, wenn du meinst, dass ein Mann von Wert das Risiko von Leben und Tod gegeneinander abw\u00e4gt, statt allein darauf zu schauen, ob das, was er tut, Recht oder Unrecht ist, und seine Taten die eines guten oder eines b\u00f6sen Menschen sind.\u201c (28b) Mir kommt hier ein Wort unseres norddeutschen Dichters Theodor Storm in den Sinn, von dem ich nicht wei\u00df, ob ich es im Deutschunterricht oder durch pers\u00f6nliche Lekt\u00fcre kennen gelernt habe: \u201eDer eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lateinunterricht blieb f\u00fcr viele von uns Cicero eine eindrucksvolle Gestalt, mehr vielleicht als C\u00e4sar und manche Dichter. An den Catilinarischen Reden beeindruckte uns und mich nicht nur die Kraft und Eleganz der Sprache, sondern auch das Ethos (durchaus im Sinne der antiken Rhetorik). Hier spricht einer der letzten Vertreter der r\u00f6mischen republikanischen Verfassung kurz vor dem Untergang der Republik und unbek\u00fcmmert um pers\u00f6nliche Konsequenzen. Bei Catilina kam die Gefahr von links, bei Caesar von rechts. Beiden gegen\u00fcber bewahrte Cicero seinen Abstand. Am Schluss wurde er nach C\u00e4sars Tod Opfer der Proskriptionen des 2. Triumvirats von Antonius, Octavian und Lepidus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier melden sich Erinnerungen aus dem Englischunterricht von Dr. Edens. Erneut ist ein Text im Ged\u00e4chtnis haften geblieben, auch nach Jahrzehnten \u2013 der Beginn der Grabrede des Antonius nach der Ermordung C\u00e4sars durch Cassius und Brutus: \u201eFriends, Romans, Countrymen, lend me your ears.\u201c Im R\u00fcckblick f\u00e4llt es schwer, Partei zu ergreifen: Brutus hatte mit guten Gr\u00fcnden die Ermordung des Tyrannen gerechtfertigt. Antonius bestreitet mit gleichfalls guten Gr\u00fcnden den Ehrgeiz des C\u00e4sar, Alleinherrscher sein zu wollen. An solchen Texten konnten wir auch lernen, G\u00fcter abzuw\u00e4gen und zu politisch reifem Handeln heranzuwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Vorschlag eines Mitsch\u00fclers lasen wir im Deutschunterricht der Mittelsstufe Schillers \u201eWilhelm Tell\u201c. Erneut steht hier ein Einzelner gegen Diktatur und Fremdherrschaft auf. Als Heranwachsende konnten wir sicher noch nicht Sinn und Tragweite der Aufkl\u00e4rung erfassen, die hinter dem Schillerdrama stand. Dennoch faszinierte uns die Gestalt des Schweizer Freiheitshelden. Bei der Lekt\u00fcre der Festschrift von 1981 stie\u00df ich dabei auf einen Bericht von einer der letzten Weimarfahrten des WG, noch im Jahr 1939. Die Schulklasse, die dorthin aufgebrochen war, erlebte \u2013 wie der Chronist berichtet \u2013 wohl eine der letzten Auff\u00fchrungen des Tell in Deutschland, bevor das St\u00fcck endg\u00fcltig verboten wurde. Ich zitiere: \u201eAls im 2. Akt am Schluss der 2. Szene die versammelten Schweizer B\u00fcrger die Worte des R\u00fctli-Schwures sprachen: \u201aWir wollen frei sein, wie die V\u00e4ter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben\u2019, brach ein minutenlanger Beifallsturm los.\u201c (S. 182) F\u00fcr uns Jungen der Nachkriegsgeneration hatte der Text nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht mehr diese Aktualit\u00e4t, aber ich denke, er geh\u00f6rt doch zum geistigen R\u00fcstzeug, den uns unsere Schule f\u00fcrs Leben mitgegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte hier einwenden, dass alle der hier genannten Texte \u2013 vielleicht mit Ausnahme des Wilhelm Tell \u2013 auch in der nationalsozialistischen \u00c4ra gelesen wurden. Dies ist nat\u00fcrlich richtig, aber vielleicht waren unsere Sinne nach der von uns als Kindern und Heranwachsenden erlebten Diktatur doch gesch\u00e4rft, so dass wir den \u201eRuf der Freiheit\u201c \u2013 der \u00e4u\u00dferen und der inneren \u2013 in solchen Texten deutlicher vernahmen. Auf jeden Fall kristallisieren sich im R\u00fcckblick auf die Schulzeit Kern- und Schl\u00fcsseltexte heraus, die einem erlauben, frei und verantwortlich zu leben und \u2013 wenn es sein muss \u2013 zu sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich darf hier schlie\u00dfen. Wir haben die Geschichte unserer Schule von ihrer Mitte her betrachtet. Man ist versucht, den Neubeginn 1945 als die \u201eStunde Null\u201c zu bezeichnen. Dagegen hat sich freilich schon 1964 Direktor Franz B\u00f6mer beim Abschied vom Kaiser-Friedrich-Ufer und im R\u00fcckblick auf die \u00c4ra 1945-1964 ausgesprochen. Die Schule konnte beim Wiederaufbau an ihre gute Tradition ankn\u00fcpfen, auch an ihr geistiges Erbe, und das wog schwerer als die \u00e4u\u00dferen Rahmenbedingungen bei Behelfsquartieren und Mangel an Lehrmitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, wir sind nachtr\u00e4glich erstaunt \u00fcber das Ausblenden der nationalsozialistischen \u00c4ra aus dem Unterricht der Nachkriegsjahre, k\u00f6nnen dies Schweigen aber wenigstens zum Teil verstehen aus der N\u00e4he der zur\u00fcckliegenden Ereignisse und der Befangenheit vieler Betroffener, eigene Erfahrungen und Gewissensentscheidungen mit anderen zu teilen. Was die Schule seitdem vermittelt hat, sollte auch in der Gegenwart und f\u00fcr die Zukunft grundlegend bleiben: eine Hinf\u00fchrung zum geistigen Erbe der Antike und zur gro\u00dfen europ\u00e4ischen \u2013 nicht nur deutschen \u2013 Literatur. Zu den guten Traditionen dieser Schule geh\u00f6rt dabei auch die Hinf\u00fchrung zur Kunst, nicht zuletzt zur Musik. Humanismus kommt dann an sein Ziel, wenn der ganze Mensch mit allen seinen Sinnen geformt und gebildet wird und so bef\u00e4higt, verantwortungsvolles Mitglied der Menschheitsfamilie zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"pette\">Ansprache Dirk Pette<\/h2>\n\n\n\n<p>Dirk Pette, Prof. em., Universit\u00e4t Konstanz, Dr. med., Dr. h.c. sci., Abit. WG 1951<br>&nbsp;<br>R\u00fcck- und Seitenblicke eines Ehemaligen<br>&nbsp;<br><em>Festansprache zum 125j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Wilhelm-Gymnasiums,<br>28. April 2006, Hotel Elysee, Hamburg, Gro\u00dfer Festsaal<br>&nbsp;<br>Dirk Pette, Prof. em. in Konstanz, wohnhaft auf der Insel Reichenau am Bodensee (augia dives), ist nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht so unt\u00e4tig, wie das Etikett \u201eemeritus\u201c vermuten l\u00e4\u00dft. &#8211; Daf\u00fcr, da\u00df er sich trotz seiner vielen Verpflichtungen, die ihn auch heute noch binden, spontan bereit erkl\u00e4rt hat, nach Hamburg zu kommen und im Festsaal des Elysee zu uns zu sprechen, ist ihm doppelt zu danken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Seine vorletzte Ansprache, Juni 2001, an die Abiturienten des WG, ist bei allen Beteiligten noch in lebendiger und bester Erinnerung. Leider konnten wir sie damals nicht ver\u00f6ffentlichen, denn: beim Anblick des versammelten Auditoriums hat er seinen vorbereiteten Text schlicht liegen lassen und \u2013 zur sichtbaren Freude des versammelten Publikums, sozusagen aus dem Stegreif &#8211; ganz anderes gesagt, &#8211; und das war und wurde dann leider nirgends aufgezeichnet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Einladung, anl\u00e4\u00dflich des125j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Wilhelm-Gymnasiums einige Erinnerungen und Gedanken in Worte zu fassen, bin ich gerne gefolgt. Ich verdanke dieser Schule viel und bin stolz darauf, ihr Sch\u00fcler gewesen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Vorbereitung meines Textes hatte ich in der von Peter-Rudolf Schulz herausgegebenen Festschrift zum hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um unserer Schule (1981) einen wertvollen Wegweiser. Vorweg m\u00f6chte ich ihm darum danken, da\u00df er sich seit vielen Jahren mit so viel Idealismus, Herz und Einsatz der Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums angenommen hat. Damit hat er einen unsch\u00e4tzbaren Beitrag zum Ansehen dieser Schule geleistet. Und das in einer Zeit, die mit dem Begriff und der Bedeutung von Tradition nicht so recht umzugehen wei\u00df. Die Festschrift erwies sich als eine wahre Fundgrube zur Auffrischung eigener Erinnerungen und war mir ein Quell des Gedenkens an bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten, die in dieser Schule wirkten oder aus ihr hervorgegangen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der bekannteste Sch\u00fcler des Wilhelm-Gymnasiums ist ohne Zweifel James Franck, der 1925 zusammen mit Gustav Hertz den Nobelpreis f\u00fcr Physik erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm m\u00f6chte ich heute einen nicht minder bedeutenden Wissenschaftler zur Seite stellen, den Biochemiker Gustav Embden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav Embden wurde am 10. November 1874 als zweiter Sohn von George Embden geboren. Dessen Mutter Charlotte war eine Schwester Heinrich Heines. Sie hatte Markus Embden, den Spro\u00df einer bekannten Emden\/Altonaer Rabbinerfamilie geheiratet. George, ihr Sohn, heiratete in die Hamburger Kaufmannsfamilie Dehn ein und war in Hamburg als renommierter Rechtsanwalt t\u00e4tig. Seine beiden S\u00f6hne, Heinrich und der vier Jahre j\u00fcngeren Gustav besuchten das Wilhelm-Gymnasium, wo sie 1889 bzw.1893 das Abitur bestanden. Beide studierten in Freiburg Medizin. Heinrich kehrte nach Hamburg zur\u00fcck, war Assistent bei dem bekannten Neurologen Max Nonne und wirkte danach in seiner Vaterstadt als angesehener Neurologe.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Lebenserinnerungen \u201eAnfang und Ziel meines Lebens\u201c beschrieb Nonne seinen Assistenten mit folgenden Worten: \u201eDr. Embden war ungew\u00f6hnlich intelligent, las viel und behielt alles, konnte \u00fcber alles gl\u00e4nzend reden und hatte eine ungew\u00f6hnliche Gabe, Dinge darzustellen\u2026 &#8211; Er wurde sp\u00e4ter Chefarzt der Nervenabteilung des Allgemeinen Krankenhauses Barmbek\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav wandte sich nach seinem medizinischen Staatsexamen in Stra\u00dfburg der Grundlagenforschung zu. Nach Lehrjahren in verschiedenen Laboratorien in Stra\u00dfburg, Z\u00fcrich und Frankfurt wurde er 1904 in Frankfurt mit der Leitung des Laboratoriums im St\u00e4dtischen Krankenhaus betraut. 1907 habilitierte er sich an der Universit\u00e4t Bonn f\u00fcr das Fach \u201eExperimentelle Pathologie\u201c und wurde 1909 Direktor des chemisch-physiologischen Instituts in Frankfurt. Nach Gr\u00fcndung der dortigen Universit\u00e4t erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor f\u00fcr Physiologie und Leiter des Instituts f\u00fcr vegetative Physiologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeiten war die Erforschung des Kohlenhydratstoffwechsels in Leber und Muskel. Ihm verdanken wir die Aufkl\u00e4rung wichtiger Teilreaktionen des zellul\u00e4ren Glucoseabbaus, vor allem aber das erste schl\u00fcssige Reaktionsschema des anaeroben Glucosestoffwechsels, der sog. Glykolyse. In seiner faszinierenden Monographie \u201eGerman Jewish Pioneers in Science 1900 \u2013 1933\u201c schreibt David Nachmansohn, ebenfalls ein bedeutender Biochemiker, sinngem\u00e4\u00df: \u201eDie Kr\u00f6nung von Embdens Lebenswerk war das Schema der Glykolyse, das er zusammen mit seinen Mitarbeitern erstellt hat, eine Leistung, die eindrucksvoll von seiner genialen Intuition und der Kraft seines Vorstellungsverm\u00f6gens zeugt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav Embden konnte sein Werk nicht vollenden. Er starb am 25 Juli 1933 an einer Lungenembolie. Obwohl er im Sinne der nationalsozialistischen Rassengesetze \u201enur\u201c Halbjude war, ist ihm mit seinem fr\u00fchen Tod Schlimmes erspart geblieben. Embdens nur \u201edreiviertelarischer\u201c Sohn mu\u00dfte dann f\u00fcr Hitler sterben. Aber da waren die Eltern und der Onkel schon tot, und die Gro\u00dftanten hatten sich vor der \u201eUmsiedlung\u201c das Leben genommen (L. Jaenicke).<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav Embdens wissenschaftliche Bedeutung und seine menschliche Gr\u00f6\u00dfe wurden in mehreren Nachrufen gew\u00fcrdigt. In einem von seinem Sch\u00fcler E. Lehnhartz verfa\u00dften Nachruf hei\u00dft es: \u201eGustav Embden war &#8211; das erkennen wir Zur\u00fcckgebliebenen von Stunde zu Stunde mehr &#8211; ein Einmaliger, ein \u00dcberragender. Seine Art, Forschung zu betreiben, Physiologie zu erleben und zu lehren, die strenge Kritik an sich selbst, die Zuverl\u00e4ssigkeit der Arbeit und die Hingabe an das Werk als eine innere Verpflichtung, all das hat er uns, seinen Sch\u00fclern und seinen Freunden, als ein Verm\u00e4chtnis hinterlassen, das f\u00fcr ihn Zeugnis ablegen soll, als ein St\u00fcck im besten Sinne deutscher wissenschaftlicher Tradition.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist Gustav Embdens Name mit dem eines anderen gro\u00dfen Biochemikers, Otto Meyerhof, in dem Begriff \u201eEmbden-Meyerhof-Weg der Glykolyse\u201c verewigt. Nach ihm ist auch das \u201eGustav Embden-Zentrum f\u00fcr Biologische Chemie\u201c der Johann-Wolfgang-Goethe-Universit\u00e4t in Frankfurt benannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch meine Arbeiten auf dem Gebiet der Glykolyse und des Muskelstoffwechsels war mir Gustav Embden seit jeher als einer der Gro\u00dfen meines Fachs bekannt. Als ich jedoch vor Jahren seinen Namen in der Festschrift zum 100j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um in der Liste der Abiturienten des Jahres 1893 entdeckte, war ich erstaunt, darin kein Wort \u00fcber den ber\u00fchmten Wissenschaftler zu lesen. Seine Bedeutung war dem Wilhelm-Gymnasium offensichtlich entgangen. Aus diesem Grunde habe ich mit einer Hommage an Gustav Embden begonnen. Unterst\u00fctzung fand ich dabei durch Manfred Kr\u00f6ger, Abiturient von 1966 und inzwischen Professor f\u00fcr Mikrobiologie in Gie\u00dfen. Auch ihm war aufgefallen, da\u00df Gustav Embdens Name auf der Ehrentafel des Wilhelm-Gymnasiums bisher nicht verzeichnet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich mein Publikum nun nicht mit einer Vorlesung \u00fcber Gustav Embdens wissenschaftliches Werk langweilen m\u00f6chte, habe ich eine Reihe von Dokumenten zur Bedeutung dieses gro\u00dfen Biochemikers zusammengestellt. Die Sammlung umfa\u00dft Nachrufe, das Werkverzeichnis und mehrere Artikel bedeutender Zeitgenossen von Gustav Embden. Ein besonders wertvolles Dokument ist eine 1992 von Ulrich Flaig am Senkenbergschen Institut f\u00fcr Geschichte der Medizin in Frankfurt verfa\u00dfte Dissertation, eine umfangreiche, bestens recherchierte und wissenschaftsgeschichtlich \u00fcberaus interessante Arbeit. Ich konnte den Verfasser ausfindig machen und erhielt von ihm eines der letzten Exemplare seiner Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es befindet sich zusammen mit den anderen Dokumenten in einer von meiner Frau kunstvoll angefertigten Kassette. Zudem habe ich alle Texte der Sammlung digitalisiert und als PDF-Dateien auf einer CD gespeichert. Interessierte Kollegen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen sich davon Kopien anfertigen. Meine Dokumentation \u00fcber Gustav Embden, ein bisher unbekanntes Erbe, \u00fcberreiche ich dem Archiv des Wilhelm-Gymnasiums bzw. dem Verein der Ehemaligen mit einem verk\u00fcrzten Zitat aus Goethes Faust: \u201eErwirb es, um es zu besitzen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4ren noch etliche andere Absolventen unserer Schule zu nennen, die als Wissenschaftler, \u00c4rzte, Juristen, Journalisten, K\u00fcnstler etc. dem Wilhelm-Gymnasium in ihrem Berufsleben Ehre gemacht haben. Ich beschr\u00e4nke mich auf meine Generation und nenne nur drei Namen: Thomas Brandis, den gro\u00dfen Geiger, Werner Burkhardt, den Nestor der deutschen Jazzkritik, und Joachim Kaiser, von dem Marcel Reich-Ranicki gesagt hat, er sei der einzige deutschsprachige Kritiker von Rang und Format, der gleicherma\u00dfen unterhaltsam und belehrend, geistreich und urteilssicher \u00fcber Musik, Literatur und Theater zu schreiben vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Festband zum 100j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um unserer Schule habe ich noch mehr herausgelesen: Namen und was sich mit ihnen verbindet: Schicksale und Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wilhelm-Gymnasium war nach seiner Gr\u00fcndung nicht nur eine dringend erforderliche neue St\u00e4tte der humanistischen Bildung, in welche ehrw\u00fcrdige Hamburger Familien ihre S\u00f6hne &#8211; und sp\u00e4ter auch T\u00f6chter &#8211; schickten, sondern sie war auch eine Schule des j\u00fcdischen B\u00fcrgertums. Der hohe Anteil von Sch\u00fclern mit f\u00fcr mich erkennbar j\u00fcdischen Namen offenbart sich in der Totenliste des Ersten Weltkriegs und ebenso in den Namenslisten der Abiturienten bis hin in die drei\u00dfiger Jahre. Als ich all diese Namen las, die Stolpersteinen gleichen, \u00fcberkamen mich Trauer und Scham. Peter-Rudolf Schulz hat ihnen mit seiner Festschrift ein Denkmal gesetzt, dessen man sich gewahr werden sollte. Ich m\u00f6chte der Hoffnung Ausdruck geben, da\u00df diese Namenslisten auch Sch\u00fclern von heute und morgen immer wieder Anla\u00df zum Nachdenken geben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum das Schicksal (bzw. Peter-Rudolf Schulz) mich auserkoren haben, am heutigen Abend das Wort an diese Festversammlung zu richten, ist mir noch immer nicht klar. Dem Verein der Ehemaligen bin ich erst vor einigen Jahren beigetreten; dort habe ich mich bisher auch nicht sonderlich engagiert, noch bin ich durch gro\u00dfz\u00fcgige Spenden aufgefallen. Meine schulischen Leistungen boten sicherlich kaum Anla\u00df daf\u00fcr, mich einzuladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lassen Sie mich hierzu ein Bekenntnis ablegen, und zwar ohne Ironie und Selbstgef\u00e4lligkeit, vor allem auch, ohne die Werteskalen meiner Lehrer in Frage stellen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>So findet sich im Versetzungszeugnis des Winterhalbjahres 1949\/50 folgende Einsch\u00e4tzung: \u201eDirk neigt noch h\u00e4ufig zu Albernheiten und st\u00f6rt dadurch den Unterricht. In seiner Pflichtauffassung ist Dirk der am wenigsten reife Sch\u00fcler der Klasse. Er leistet au\u00dferdem nicht das, was man von ihm auf Grund seiner Veranlagung erwarten mu\u00df. Auf ein solches Zeugnis hin ist eine Immatrikulation an der Universit\u00e4t von der Schule aus nicht zu bef\u00fcrworten.\u201c &#8211; Im Abiturzeugnis liest es sich dann doch etwas besser: \u201eSeine Liebe geh\u00f6rt der Biologie und der Musik\u201c, &#8211; was immer noch zutrifft, jetzt allerdings in umgekehrter Reihenfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner Entschuldigung sei bemerkt, da\u00df ich, als ich 1947 als Untersekundaner in die \u201eO9\u201c des Wilhelm-Gymnasiums eintrat, M\u00fche hatte, mich an den strengen Geist der \u201eNeuen Gelehrtenschule\u201c anzupassen. Ich hatte zuvor die Oberrealschule f\u00fcr Knaben im oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen besucht. Dort hatte ein anderer Geist geherrscht, dem eines Kom\u00f6dienstadels nicht un\u00e4hnlich; &#8211; verst\u00e4ndlich, da\u00df mir der Wechsel an die Gelehrtenschule nicht leichtfiel. Mein Klassenlehrer, Dr. Karl Pape, hatte von Anfang an ein achtsames Auge auf mich, \u2013 mit Recht, denn meine Lausb\u00fcbereien boten ihm hinreichend Anla\u00df, mich argw\u00f6hnisch im Visier zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich mich nun weitgehend \u201egeistig\u201c entkleidet habe, m\u00f6chte ich meinem Gest\u00e4ndnis die sp\u00e4te Einsicht anf\u00fcgen, da\u00df meine Lehrer mir mit ihrer Einsch\u00e4tzung kein Unrecht getan haben. Vielleicht haben sie mein Alter nicht ber\u00fccksichtigt: Ich war der J\u00fcngste meiner Klasse. Mein Abiturzeugnis tr\u00e4gt als Datum den 13. Februar 1951, das hei\u00dft: die Reife wurde mir einen Tag vor meinem 18. Geburtstag attestiert, \u2013 m\u00f6glicherweise wider besseres Wissen!<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem sind 55 Jahre vergangen, und meine Zukunft, zumindest meine berufliche, ein Leben in Forschung und Lehre, liegt hinter mir. Sie begann mit dem Studium der Medizin und einem Teilstudium der Chemie an den Universit\u00e4ten in Hamburg und Genf. Nach Genf schickten mich meine Eltern, weil sie der Meinung waren, Europa sei unsere Zukunft und man m\u00fcsse nicht nur englisch, sondern auch franz\u00f6sisch sprechen. Mit Europa hatten sie recht, mit dem Franz\u00f6sischen leider nicht. Dr. Edens, unser Franz\u00f6sischlehrer, h\u00e4tte heute wahrscheinlich seine Freude an mir. Ihn, den liebensw\u00fcrdigen Kavalier der Alten Schule, habe ich einmal aufs h\u00f6chste irritiert, als ich ihn auf ein mit &#8222;mangelhaft&#8220; benotetes Diktat ansprach und h\u00f6flich bat, er m\u00f6ge doch nicht nur die fehlerhaft, sondern auch die weit in der \u00dcberzahl korrekt geschriebenen W\u00f6rter in seine Bewertung einbeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahre, die ich von 1947 bis 1951 am Wilhelm-Gymnasium verbrachte, z\u00e4hlen numerisch, doch nicht im landl\u00e4ufigen Sinne, zum \u201eMittelalter\u201c der Neuen Gelehrtenschule. Die Klasse, in die ich 1947 eintrat, schrumpfte bis zum Abitur auf eine Gr\u00f6\u00dfe von nur 8 Sch\u00fclern. 71 Sch\u00fcler hatten sie von der Sexta an durchlaufen, &#8211; mit anderen Worten: die Anforderungen waren hoch, die Auswahl streng und ein vorzeitiger Abgang keine Schande. Die mittlere Reife war ein qualifizierender Startpunkt f\u00fcr viele Wege ins Berufsleben, die heute nur mit dem Abitur begehbar sind. Man sprach damals nicht von \u201eExzellenzinitiativen\u201c und \u201eBildungseliten\u201c, doch man f\u00f6rderte sie durch ein hohes Anspruchsniveau.<\/p>\n\n\n\n<p>1947 war Nachkriegszeit, und in Anbetracht der weltpolitischen Verh\u00e4ltnisse fragten wir uns, ob und wann sie wieder zur Vorkriegszeit w\u00fcrde. Beseelt waren wir von dem Gedanken \u201enie wieder Krieg\u201c. Unser Schulweg war von Ruinen ges\u00e4umt. Er f\u00fchrte zum Holsten-Glacis, wo das Wilhelm-Gymnasium nach 1945 in das Geb\u00e4ude der Albrecht-Thaer-Schule einquartiert worden war. Infolge der beengten r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse wanderten wir oftmals stundenweise von Klassenzimmer zu Klassenzimmer. Auch ein Teil unserer Lehrer befand sich offensichtlich auf Wanderschaft. Sie kamen und gingen, was zu h\u00e4ufigem Lehrerwechsel f\u00fchrte, &#8211; f\u00fcr uns Sch\u00fcler manchmal schmerzlich, manchmal erfreulich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dankbar erinnere ich mich an die vom fr\u00fcheren amerikanischen Pr\u00e4sidenten Herbert Hoover ins Leben gerufene Schulspeisung mit Milch-, Erbsen- und Schokoladensuppen. Beim Klingeln zur gro\u00dfen Pause jagten wir, wie bei einem Feueralarm, die Treppen hinunter, um uns mit unserem E\u00dfgeschirr als erste in der Schlange vor den Suppenk\u00fcbeln aufzustellen. Zum Nachschlag reihten wir uns gleich hinten wieder ein. Unsere nicht minder hungrigen Lehrer hielten sich vornehm im Hintergrund und warteten, bis alle Sch\u00fcler ges\u00e4ttigt waren. Einige von ihnen trugen noch Wehrmachtsjacken, umgen\u00e4ht, ohne Hoheitszeichen und mit nichtmilit\u00e4rischen Kn\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der W\u00e4hrungsreform 1948 \u00e4nderten sich die Verh\u00e4ltnisse rasch. Mit jedem Tag wurde alles besser und sch\u00f6ner. Wir freuten uns an den vollen Schaufenstern, auch wenn uns das Geld fehlte, neue, nie gekannte Waren zu kaufen. Vielleicht waren wir zufriedener als die Generation unsere Kinder oder Enkel in einer Welt des \u00dcberangebots und \u00dcberflusses. Wenn mich der Heimweg, vorbei an \u201ePlanten un Blomen&#8220; und dem damals immer noch entglasten Dammtorbahnhof zur Rothenbaumchaussee f\u00fchrte, kehrte ich mit Freunden gelegentlich in einer W\u00fcrstchenbude ein, auch \u201eSchnell-Imbi\u00df\u201c (neuerdings &#8222;Fast Food&#8220;) genannt. Diese befand sich genau dort, wo heute das Grand Elys\u00e9e steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur einige hundert Meter weiter, im Curio-Haus, wo das Wilhelm-Gymnasium fr\u00fcher seine Fr\u00fchlingsfeste gefeiert hatte, fanden nun, vor britischen und franz\u00f6sischen Milit\u00e4rgerichten, die sog. Curiohaus-Prozesse statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Geschichtsunterricht wurden Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg nicht behandelt. Wissenschaftlich fundierte B\u00fccher zu diesen Themen erschienen erst in den f\u00fcnfziger Jahren. Die Folgen des Krieges hatten wir jedoch t\u00e4glich vor Augen: Ruinen, Nissenh\u00fctten, aus Gefangenschaft heimkehrende, halb verhungerte Soldaten, M\u00e4nner mit Kr\u00fccken, mit nur einem Arm oder nur einem Bein, zuweilen auch M\u00e4nner, die beide Beine verloren hatten. Sie sa\u00dfen auf kleinen Holzw\u00e4gelchen, die sie durch Absto\u00dfen mit kurzen Holzst\u00f6cken m\u00fchsam voranbewegten. In unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Schule, auf dem jetzigen Gel\u00e4nde der Hamburg-Messe, befand sich ein Barackenlager mit ehemaligen KZ-H\u00e4ftlingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeitungen erschienen 1947 noch nicht t\u00e4glich. Sie waren d\u00fcnn, und Altpapier war damit der Umwelt keine Last. Dennoch wurde es eifrig gesammelt, denn f\u00fcr einige Kilogramm erhielt man einen Gutschein zum Erwerb eines Schulhefts. Dessen Papier war grau, &#8211; aus anderen als ideologischen Gr\u00fcnden. Der Bl\u00e4tterwald war noch licht, Rudolf Augsteins Spiegel war gerade erst aus der Taufe gehoben und hatte noch keine Macht \u00fcber unsere Seelen erlangt. Was wir mit Begeisterung lasen, fanden wir im britischen Kulturzentrum \u201eDie Br\u00fccke\u201c oder im Amerika-Haus. Die dort ausliegenden Zeitungen und Magazine f\u00fchrten uns eine Welt vor Augen, die uns die unsrige vergessen lie\u00df. Allen voran war es The Saturday Evening Post mit den unverwechselbaren Titelbildern von Norman Rockwell, den Cartoons von Saul Steinberg und anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Amerikanische Kurzgeschichten waren weitaus interessanter als \u201eThree Men in a Boat\u201c von Jerome K. Jerome oder Shakespeares \u201eMacbeth\u201c, die wir stundenweise m\u00fchsam, Satz f\u00fcr Satz, im Englischunterricht herunterbuchstabierten. Im Englischunterricht wurde deutsch gesprochen, auch wenn unser Englischlehrer gelegentlich Anstalten machte, englisch zu sprechen. Dann hob er lautstark mit einem \u201ewell\u201c an, um dann leise anzuf\u00fcgen: \u201eIch sag\u2018s mal lieber auf deutsch, denn sonst verstehen Sie mich nicht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Buchstabe t\u00f6tet, aber der Geist macht lebendig, so hei\u00dft es im 2. Korintherbrief (3,6), \u2013 ein Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an Werner Rockel, unseren Deutschlehrer, denke. Er war ein Lehrer, der uns kraft seiner Pers\u00f6nlichkeit und durch seinen Unterricht begeisterte. Er hatte Autorit\u00e4t, ohne autorit\u00e4r zu sein, doch wu\u00dfte er, Unbotm\u00e4\u00dfige in ihre Schranken zu weisen. Sein hoher Anspruch an Gedankenf\u00fchrung und Pr\u00e4zision des Ausdrucks hat mich gelehrt, meine manchmal noch wirren Gedanken zu ordnen. Unter seiner Anleitung besch\u00e4ftigten wir uns mit den Klassikern und moderner europ\u00e4ischer und amerikanischer Literatur &#8211; und nicht, wie meine Kinder sp\u00e4ter in den siebziger Jahren, mit Soziolinguistik, Appellsprache, Stra\u00dfenverkehrsordnung und \u00e4hnlichem.<\/p>\n\n\n\n<p>Werner Rockel vermittelte uns ein Gef\u00fchl f\u00fcr Sprache, f\u00fcr ihre Sch\u00f6nheit und ihren Klang. Unvergessen ist die Stunde, in der wir Matthias Claudius\u2018 Vierzeiler \u201eAch es ist so dunkel in des Todes Kammer\u201c besprachen &#8211; und dadurch seiner ganzen Wirkung beraubten, da\u00df wir W\u00f6rter mit dunklen Vokalen durch solche mit hellen ersetzten, also \u201eEi, es ist so finster in des Todes Zimmer\u201c, usw. Ich w\u00fcnschte, jene Schriftgelehrten, die sich in vergangenen Jahren mit Neu\u00fcbersetzungen an der Bibel zu schaffen machten, h\u00e4tten solchen Deutschunterricht genossen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der W\u00e4hrungsreform gab es endlich wieder B\u00fccher zu kaufen, obwohl auch davor schon einiges an moderner Literatur in Form von Rowohlts Rotations-Romanen erschienen war. Das waren im Zeitungsformat auf Zeitungspapier gedruckte, ungebundene Romane zum Preis von 50 Pfennig. Nicht immer gelang es, die f\u00fcr den Unterricht ben\u00f6tigten B\u00e4nde aufzutreiben. Als ich in einem kleinen, der Schule benachbarten Zeitungs- und Buchladen nach T. S. Elliots \u201eMord im Dom\u201c forschte, lie\u00df mich die Dame am Tresen wissen: \u201eDas f\u00fchren wir nicht, aber wir haben was \u00c4hnliches. Nehmen Sie doch den \u201eSchu\u00df von der Kanzel\u201c. Ob sie damit C.F. Meyers Novelle oder ein Groschenheft meinte, blieb mir verborgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unvergessen ist die 1948 unter Rockels Regie gemeinsam mit Sch\u00fclerinnen der Klosterschule gestaltete Auff\u00fchrung von Hugo von Hofmannsthals \u201eJedermann\u201c. Claus Biederstaedt spielte die Hauptrolle, Olrik Breckoff den Tod, und \u201eGott der Herr\u201c t\u00f6nte mit Werner Rockels gewaltiger Stimme aus dem Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso lebendig wie der \u201eJedermann\u201c ist in meiner Erinnerung die Auff\u00fchrung von H\u00e4ndels Messias mit den Hamburger Philharmonikern und Solisten der Staatsoper unter Leitung unseres Musiklehrers Dr. Gustav Fock (Dezember 1948). Was f\u00fcr ein Erlebnis, mit 15 Jahren als Chorist auf dem Podium der gro\u00dfen Musikhalle zu stehen! Und dann, zwei Jahre sp\u00e4ter, wieder mit den Philharmonikern, die Auff\u00fchrung der Carmina Burana von Carl Orff, diesmal gemeinsam mit dem Chor der Klosterschule. Viele verstohlene Blicke wechselten da zwischen Choristinnen und Choristen, wenn wir das \u201eOh, oh, oh, totus floreo\u201c sangen!<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Fock war ein Musikgelehrter, aber das wu\u00dften wir damals nicht. Erst sp\u00e4ter, als ich ihm als Autor zahlreicher Beitr\u00e4ge im gro\u00dfen Musiklexikon \u201eMusik in Geschichte und Gegenwart\u201c wiederbegegnete, wurde mir klar, wer er war. Etliche der von uns im Chor gesungenen Werke norddeutscher Barockmeister waren von ihm vor dem Krieg in der Staatsbibliothek von Hand kopiert worden. So blieben sie nach deren Zerst\u00f6rung der Nachwelt erhalten. Focks Schwerpunkt war die Barockmusik. Er war Spezialist auf dem Gebiet des norddeutschen Orgelbaues, und sein Herz geh\u00f6rte den Orgeln Arp Schnitgers.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Neuenfelde verbindet man heute in Hamburg den Airbus, wir verbanden damit eine prachtvolle Kirche und die Schnitger-Orgel. Die &#8222;drei gro\u00dfen S&#8220; des 17. Jahrhunderts &#8211; Schein, Scheidt, Sch\u00fctz -, aber auch Nicolaus Bruhns, Vincent L\u00fcbeck, Dietrich Buxtehude, Johann Steffens, Johann Adam Reincken, Georg B\u00f6hm waren uns ebenso vertraut wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich H\u00e4ndel und Georg Philipp Telemann. Nat\u00fcrlich wu\u00dften wir alles \u00fcber J. S. Bach als Chorsch\u00fcler an St. Michaelis zu L\u00fcneburg, seine Beziehung zu Georg B\u00f6hm an St. Johannis und seine Ausfl\u00fcge nach Hamburg und Celle.<\/p>\n\n\n\n<p>Kirchentonarten, Kanon und Fuge, authentische und plagale Kadenzen, Durchgangsdissonanz und \u00e4hnliches wurden eingehend im Musikunterricht behandelt. Im Auswahlchor sangen wir Falala-Lieder und englische Madrigale, konzertierten in der englischen Offiziersmesse und in Kirchen entlang der Niederelbe. &#8211; Gen\u00e4chtigt wurde bei diesen Konzertreisen auf Strohlagern.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider war Dr. Fock in seiner Musikbegeisterung als P\u00e4dagoge ungeschickt und zuweilen unbeherrscht. Im Unterricht k\u00fcmmerte er sich kaum um die musikalisch weniger Interessierten oder Minderbegabten. Man konnte ihn leicht aus der Fassung bringen, was mir mit allerlei Schabernack des \u00f6fteren gelang. Geblieben ist die Erinnerung an einen eben doch liebenswerten, von der Musik durchdrungenen Lehrer, dem ich f\u00fcr das, was er in mir geweckt hat, dankbar bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei soviel Worten \u00fcber die Musik nun auch ein Wort zur bildenden Kunst. Richard Thoms unterrichtete uns in Kunstgeschichte und Zeichnen. Zeichnen habe ich bei ihm nicht gelernt. Thoms verhalf mir aber, dem g\u00e4nzlich Unbegabten, zu einer akzeptablen Note im Abiturzeugnis: Als Pr\u00fcfungsarbeit war eine Ansicht der St. Pauli Landungsbr\u00fccken anzufertigen. An einem sonnigen Sommertag postierte sich unsere Klasse zusammen mit Herrn Thoms auf dem Hang unterhalb des Tropeninstituts, um mit Zeichenstift und Tuschekasten das Panorama auf dem Zeichenblock zu bannen. \u201eMalen Sie mal abstrakt, Pette\u201c, &#8211; ermunterte er mich &#8211; \u201edann bekommen Sie noch gen\u00fcgend\u201c. Ich habe seinen Rat befolgt und bekam gen\u00fcgend! Da\u00df ich seitdem keine Probleme mit der Deutung abstrakter Malerei habe, ist verst\u00e4ndlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lehrer mit hohem p\u00e4dagogischen Eros, der uns durch seinen lebendigen Unterricht, seine Herzensw\u00e4rme und sein verschmitzt humoriges Wesen ganz f\u00fcr sich einnahm, war Dr. Herbert Drude, unser Lateinlehrer. Wie viele neue Sprachen er neben den alten beherrschte, wei\u00df ich nicht, aber es waren etliche. Bei ihm lernte ich auch ein Jahr lang Russisch. Die Berlin-Blockade im Juni 1948 und die nur 40 km entfernte russische Besatzungszone lie\u00dfen es mir und einigen Klassenkameraden als sinnvoll erscheinen, uns zumindest Grundbegriffe des Russischen anzueignen. Im Abitur verhalf mir Dr. Drude zu einer guten oder besseren Note, weil er mich in der m\u00fcndlichen Pr\u00fcfung nicht nur die Horaz-Ode \u201eInteger vitae scelerisque purus non eget Mauris iaculis neque arcu\u2026\u201c aufsagen und \u00fcbersetzen lie\u00df, sondern dazu auch Christian Morgensterns \u00dcbersetzung: \u201eWer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist, braucht nicht Degenst\u00f6cke noch Ochsenziemer, noch amerikanische Schlagringwaffen, noch auch Revolver\u2026\u201c Das am\u00fcsierte den Oberschulrat so sehr, da\u00df er meine Lateinnote gro\u00dfz\u00fcgig aufbesserte.<\/p>\n\n\n\n<p>Unn\u00f6tig zu sagen, da\u00df mich mit meiner Schulzeit mehr verbindet als nur Lausb\u00fcbereien und Anekdoten. Das Profil einer Schule wird in erster Linie durch die Pers\u00f6nlichkeiten der Lehrer gepr\u00e4gt. Das im 1948 im Lichthof der Albrecht-Thaer-Schule aufgenommene Foto des Kollegiums (Festschrift 1981, S. 199) l\u00e4\u00dft, zumindest \u00e4u\u00dferlich, etliche Charakterk\u00f6pfe und damit viel von diesem Profil erkennen. So bin ich in meiner Schul- und Studienzeit Lehrern begegnet, die mich nicht nur durch Kompetenz, sondern mehr noch durch ihre Pers\u00f6nlichkeit beeindruckt haben. In ihnen habe ich meine Lehrmeister erkannt, oft freilich erst im nachhinein. Als G\u00e4rtner wei\u00df ich aber, da\u00df in die Erde gelegte Samenk\u00f6rner nicht alle zur gleichen Zeit keimen. Manches Samenkorn, das meine Lehrer in mich legten, hat wohl l\u00e4ngere Zeit geschlummert, bevor es aufging.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hinter mir liegenden 55 Jahre, die Spanne zweier Generationen, sind eine lange Zeit, in der sich die Welt gr\u00fcndlich ver\u00e4ndert hat. Im Vergleich mit damals hat sich fast alles zum besseren ver\u00e4ndert, jedenfalls im materiellen Bereich. Ein einziger R\u00fcckblick an Ort und Stelle gen\u00fcgt, um den Wandel zu erkennen: vom Schnellimbi\u00df zum Grand Elysee! Vieles, was es heute gibt, gab es damals nicht, aber wir wu\u00dften nicht, was wir nicht hatten, &#8211; und an dem, was wir hatten, erfreuten wir uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bewunderten die ersten Volkswagen mit Chromleisten und 30 PS-Motor, die ersten Radios mit UKW-Empfang, den ersten Sportwagen von Porsche, etc. Heute reisen wir zum Mond, schwirren im Internet umher, orten uns und andere mit GPS, etc. Ob wir in dieser neuen Welt von \u201efun\u201c und \u201ewellness\u201c einander damit n\u00e4herkommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch damals konnte es geschehen, da\u00df Menschen aneinander vorbeilebten, was freilich Gr\u00fcnde hatte, die es heute hoffentlich nicht mehr gibt: Ein Sch\u00fcler einer Klasse unter uns nahm mit seiner schwangeren Freundin Gift. &#8211; Sie \u00fcberlebte, er starb. Unsere Lehrer haben mit uns dar\u00fcber nicht gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sehr sich die Welt, die \u00e4u\u00dfere und die innere, seitdem ver\u00e4ndert hat, wird im heutigen Sprachgebaren und Sprachgebrauch besonders deutlich. Nicht nur die Verflachung der Sprache, sondern viele aus der Mode gekommene W\u00f6rter und Wortneusch\u00f6pfungen (Lebenszeit und \u201eLebensabschnittpartner\u201c, Job, etc.) zeugen von verschobenen Werteskalen und vom Wandel der Lebensformen. \u00c4rgernis bereiten die d\u00fcmmlichen Anglizismen aus dem Spracharsenal von Werbetextern und Journalisten. Man spricht denglisch, nicht deutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re gut, sich auf den reichhaltigen Wortschatz unserer Sprache zu besinnen: \u201eDie deutsche Sprache ist auf einen so hohen Grad der Ausbildung gelangt, da\u00df einem jeden in die Hand gegeben ist, sowohl in Prosa als in Rhythmen und Reimen, sich dem Gegenstande wie der Empfindung gem\u00e4\u00df nach seinem Verm\u00f6gen gl\u00fccklich auszudr\u00fccken\u201c, \u2013 schrieb Goethe 1832 in einem Brief an den Dichter Melchior Meyr!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein meines Erachtens viel wichtigeres Sprachproblem zeigt sich in der Entwicklung neuer Fachsprachen. Diese haben ihren Ursprung im rasanten Fortschritt von Wissenschaft und Technik. Mangelndes Verst\u00e4ndnis von Worten und Begriffen aus diesen Bereichen erschwert die Verst\u00e4ndigung zwischen Laien und Spezialisten und behindert eine fundierte Auseinandersetzung mit Themen von gesellschaftlicher Relevanz. Das gilt besonders f\u00fcr Probleme, die von der Wissenschaft allein nicht gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Ich denke an Chancen und Risiken der Stammzellforschung, genetische Manipulation von pflanzlichen und tierischen Zellen, Fragen der Bioethik im Hinblick auf Gesundheit, Krankheit und Tod, etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zu solchen Themen oftmals sachlich unzureichend gef\u00fchrten Diskussionen in Politik und Gesellschaft weisen auf schwerwiegende Bildungsl\u00fccken hin. Diese betreffen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem der modernen Biologie, die heute s\u00e4mtliche naturwissenschaftlichen Disziplinen umfa\u00dft. Unkenntnis und Unverst\u00e4ndnis in diesem Bereich f\u00fchren unweigerlich zu irrationalen Erkl\u00e4rungen, Irrlehren und \u00c4ngsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, dazu einige Beispiele: Kreationismus oder Evolutionstheorie, Hom\u00f6opathie oder sog. Schulmedizin, \u201eBio\u201c oder Chemie. Bei allem, z.T. auch berechtigten Skeptizismus gegen\u00fcber der Allmacht der Wissenschaft, ist Wissen doch wohl in allen F\u00e4llen dem Unwissen \u00fcberlegen. Mir scheint, da\u00df wir Deutschen f\u00fcr Irrationales und Mystifizierungen besonders anf\u00e4llig sind und oft mit Angst reagieren, wo wir uns um Verstehen bem\u00fchen sollten. Es ist darum nicht verwunderlich, da\u00df \u201eAngst\u201c im Englischen ein Fremdwort ist: \u201ethe German Angst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufkl\u00e4rung ist auch heute noch nicht abgeschlossen! Eine zur Zeit in Paris, in der Biblioth\u00e8que Nationale de France, laufende Ausstellung hat den Titel \u201eLumi\u00e8res\u201c. \u00dcber die historische R\u00fcckschau hinaus versucht diese Ausstellung, das Erbe der Aufkl\u00e4rung als Aufgabe f\u00fcr unsere Zeit neu zu sichten. Ist das nicht auch, was humanistische Bildung in unserer Zeit anstreben mu\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wilhelm-Gymnasium kann diesem Ziel 125 Jahre nach seiner Gr\u00fcndung auch dadurch entsprechen, da\u00df es naturwissenschaftliche Bildung dem humanistischen Bildungskanon gleichwertig zur Seite stellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bildung ist mehr als die mnestische Anh\u00e4ufung von Fakten und Wissen, ist die F\u00e4higkeit, erworbenes Wissen in Verst\u00e4ndnis umzusetzen und so f\u00fcr Neues aufgeschlossen zu sein. \u201eAlles Gro\u00dfe bildet, sobald wir es gewahr werden\u201c, bemerkt Goethe in einem Gespr\u00e4ch mit Eckermann (J. P. Eckermann, Gespr\u00e4che mit Goethe, 16. Dezember 1828). Auf das Gewahrwerden kommt es an, und das stellt sich nicht von alleine ein, denn \u201eman erblickt nur, was man schon wei\u00df und versteht\u201c (Goethe 1819 in einem Brief an den Kanzler F. v. M\u00fcller).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann es nicht Aufgabe der Schule sein, ihre Sch\u00fcler in allen Teilbereichen des Wissens zu kleinen Professoren auszubilden. Doch die Fundamente f\u00fcr den Wissenstempel m\u00fcssen gelegt und Neugierde und Lust, den Tempel zu betreten, m\u00fcssen gesch\u00fcrt werden. Das Instrument mu\u00df gestimmt werden, um darauf spielen zu k\u00f6nnen. Darum h\u00f6rt Bildung mit dem Abitur nicht auf, sondern ist ein Proze\u00df, der zuvor in Gang gesetzt werden mu\u00df, um uns ein Leben lang in Anspruch zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df es so ist, wurde \u00fcbrigens schon vor 200 Jahren klar ausgesprochen: \u201eEs ist schlimm genug, da\u00df man jetzt nichts mehr f\u00fcr sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber m\u00fcssen jetzt alle f\u00fcnf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen&#8220; (Goethe, Wahlverwandtschaften, Teil 1, 4. Kapitel).<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht aus der Mode kommen und jung bleiben, m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen. In diesem Sinne m\u00f6chte ich meine R\u00fcck- und Seitenblicke mit einem Zitat des Mannes schlie\u00dfen, der mir und meiner Generation ein gro\u00dfes Vorbild war: Albert Schweitzer:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJugend ist nicht ein Lebensabschnitt, sie ist ein Geisteszustand. Sie ist Schwung des Willens, Regsamkeit der Phantasie, St\u00e4rke der Gef\u00fchle, Sieg des Mutes \u00fcber die Feigheit, Triumph der Abenteuerlust \u00fcber die Tr\u00e4gheit. Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat, man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt\u2026. Ob siebzig oder siebzehn, im Herzen eines jeden Menschen wohnt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren, das erhebende Staunen beim Anblick der ewigen Sterne und der ewigen Gedanken und Dinge, das furchtlose Wagnis, die uners\u00e4ttliche kindliche Spannung, was der n\u00e4chste Tag bringen m\u00f6ge, die ausgelassene Freude und Lebenslust. Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel, so jung wie deine Hoffnung, so alt wie deine Verzagtheit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>125 Jahre Wilhelm-Gymnasium in Hamburg Veranstaltungen im Rahmen des Jubil\u00e4ums&nbsp;sowie der&nbsp;Festwochevom 24.04.2006 bis 28.04.2006 Zwei Reden, welche von Ehemaligen am letzten Tag der Festwoche gehalten wurden. 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